Was Sie schon immer über Cunnilingus wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

Die moderne junge Frau von heute geht auf ihrem Weg nach oben über Leichen, wenn es sein muß. „Ethik ist Geld, Moral ist Sex“, wie es in Julie Burchills erstem Roman heißt. WOLFGANG RÜGER hat deswegen zwei schlaflose Nächte verbracht.

Wie die Moden, so ändern sich, scheint’s, auch die Werte. Und da sich das Karrussell immer schneller dreht, kommt man(n) kaum noch mit, was eigentlich augenblicklich angesagt ist. Nehmen wir die Sexualität als Beispiel. Die muffigen sechziger Jahre waren mit ihrer Prüderie und Frauenfeindlichkeit klar konturiert und deshalb angreifbar. „Aber seit den siebziger Jahren hatte die Lage sich radikal geändert. So lange Susan zurückdenken konnte, hatten die Männer, kaum daß sie einem die Hand geschüttelt hatten, nichts Eiligeres zu tun, als einem wie Marschflugkörper zwischen die Beine zu sausen und sich dort festzusaugen, als hätte eine Art kollektiver Gehirnwäsche sie allesamt davon überzeugt, daß der bloße Leckeifer sie schon in Teufelskerle verwandeln und ihre Opfer in zuckende Ekstase versetzen würde.“

Der Mann hatte in den Siebzigern also dazugelernt, aber für die progressive Frau der Neunziger ist dieser Fortschritt schon wieder zum Rückschritt geworden. Die Frau von heute will auf der Erfolgsleiter gleichberechtigt neben dem Mann stehen. Wer Karriere machen will, für den ist Zeit gleich Geld. Mit Geplänkel wie zum Beispiel dem Cunnilingus, der „nichts weiter als der Warteraum vor dem eigentlichen Sex“ ist, kann sich nicht aufhalten, wer wirklich an der Spitze mitmischen will. Meint Susan Street, das knallharte Karriereweib in Julie Burchills erstem Roman. Wirklich guter Sex ist selten, ein Leben ohne Sex allerdings auch nicht das Gelbe vom Ei, deshalb sehnt sich Susan nach dem Vergangenen. „Sogenannte schlechte Liebhaber waren wenigstens leicht zu verkraften: zwei Minuten schauspielen, fünf Minuten Beschwichtigungstaktik, wonach man sich aufatmend angenehmeren Dingen zuwenden konnte.“

Susan Street ist noch keine dreißig, aber schon stellvertretende Chefredakteurin des Londoner Boulevardblattes Sunday Best. Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende ehemalige Landpomeranze kennt nur ein Ziel: sie will den Chefsessel. Um das zu erreichen, sind ihr alle Mittel recht. „Dank einer sexuellen Einsatzbereitschaft von so hochgradiger Virtuosität, daß sein Herz vor der Anstrengung kapitulierte“, schafft sie den Chefredakteur aus dem Weg. Ihre Vermutung und Hoffnung, dadurch automatisch ans Ziel gekommen zu sein, wird allerdings enttäuscht. Die Sunday Best wird an den Medienmogul Tobias Pope, „eine Art Kreuzung zwischen Rupert Murdoch und dem Marquis de Sade“, verkauft. Pope, ein Zyniker härtester Prägung, nach dessen Rassentheorie „die Herrschaftsbefugnis aller Völker der Welt sich nur danach richtete, wie brauchbar ihre Frauen im Bett waren“, schmeißt Susan erst mal raus, bietet ihr allerdings ein paar Stunden später den Chefsessel an unter der Bedingung, daß sie ihm „sechs Mal zur Verfügung“ steht und genau das macht, „was er will“.

Susan geht auf den Deal ein, weil es ihre einzige Chance ist, an ihr Ziel zu kommen, und weil sie die Herausforderung reizt, dem übermächtigen und stinkreichen Pope sein perfides Spiel zu versauen. „Starke, harte Karrierefrauen zu bezwingen – das wäre mal ein neuer Ansporn. Darum habe ich’s auf Sie abgesehen, Susan. Sie in die Knie zu zwingen, das würde mir richtig Spaß machen.“

Popes erste Aufgabe ist jedoch gleich ein chauvinistisches Meisterstück. Im heimischen King’s Cross läßt er ihr „ein anständiges Wort, in dem sich all das Schöne, Wahre und Gute der freien Marktwirtschaft widerspiegelt“ auf die Stirn tätowieren: VERKAUFT. Die weiteren fünf Prüfungen, die allesamt mit außergewöhnlichen sexuellen Praktiken zu tun haben und an exotischen Schauplätzen stattfinden, bewältigt Susan dagegen vergleichsweise meisterhaft, weil es ihr gelingt, die als Demütigung und Vergewaltigung gedachten Abnormitäten mit eiskalter Amoralität und knallhartem Kalkül in optimierten Lustgewinn umzuwandeln.

Julie Burchill, Jahrgang 1960, seit Jahren eine der führenden britischen Pop-Journalistinnen und die wahrscheinlich scharfzüngigste Kolumnistin auf der Insel, liefert mit ihrem ersten Roman eine Lektion in progressivem, zeitgemäßem Pessimismus und ein Pamphlet jugendlicher Lebensphilosophie. Dem trostlosen deutschen „Sack-und-Asche-Feminismus“ um Lichtjahre voraus, propagiert sie im Namen ihrer Protagonistin einen luxusorientierten, sophisticated „Ellbogenfeminismus“, der weder eine Moral, noch irgendwelche Tabus kennt. „Der Grund dafür, daß der Feminismus sich in den achtziger Jahren seinen Platz auf dem freien Markt erobert hat, ist die Tatsache, daß man sich als Frau heutzutage am besten behauptet, indem man so rücksichtslos, individualistisch und ehrgeizig wie möglich ist.“ Der „Hauruck-Pessimismus“ der Neunziger macht Schluß mit den politischen Idealen der Siebziger. „Die können mir gestohlen bleiben, seitdem mir klargeworden ist, daß der Sozialismus den Männern nur noch dazu dient, die weiblichen Energien vom Feminismus abzulenken.“

Das „vollkommen amoralische Flittchen“ Susan Street geht auf seinem Weg nach oben buchstäblich über Leichen. Skrupellos opfert sie ehemalige Freunde, wechselt politische Ansichten wie die Unterwäsche, spinnt hinterfotzige Intrigen, zieht perfide Erpressungen durch und lebt die unglaublichsten Sexphantasien aus. Dann, als das ersehnte Ziel in greifbare Nähe rückt, alle möglichen Torturen und Abenteuer erfolgreich gemeistert sind, wird Susan mit einem Gegner konfrontiert, dem selbst eine so hartgesottene Karrierefrau nicht gewachsen ist:  die wahre, reine Liebe kreuzt ihren Weg.

Nachdem uns Julie Burchill über 200 Seiten lang durch alle Szenen, die derzeit in der Welt en vogue sind, geführt, uns ein fulminantes Namedroping gängiger und exquisiter Modemacher und Kosmetikhersteller aufgetischt, uns eindrucksvoll demonstriert hat, wie man auch in der Literatur Product Placement optimal betreiben kann („An der Fifth Avenue ließ sie Gucci aus Prinzip links liegen, aber bei Bergdorf’s und Sak’s nahm sie noch einige schwarze Teile mit, unter anderem ein Rifat-Ozbek-Abendkleid … Bei Prada entschied sie sich für eine Dreitausend-Dollar-Handtasche, aber bei La Marca brauchte sie nur zwei Minuten, um zu begreifen, warum Cher hier am liebsten einkaufte, und verließ den Laden mit einer höflichen Entschuldigung.“), uns – dramaturgisch gut plaziert – zwischendurch aber immer wieder mal hat wissen lassen, daß selbst für einen Karrieremenschen das Singledasein nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann („Wer heutzutage mit Ende zwanzig noch allein lebte, mußte doch zwangsläufig den Eindruck sexueller Unzulänglichkeit erwecken.“), mußte und konnte das Buch gar nicht anders enden als mit den alten Klischees „weißes Brautkleid, Hochzeitsglocken, Happy-End“.

Irgendwie finde ich es beruhigend, bei aller Sympathie für den rabiaten Selbstverwirklichungsdrang der Susan Street, daß die Philosophie der Neunziger („Schneller Konsum, schneller Sex, schnelles Geld.“) gegen die gute, alte Zweierkiste immer noch den Kürzeren zieht. Bei allem Ehrgeiz und maßlosem Egoismus, die sie eigentlich bis zum Schluß beibehält, ist sich Susan doch immer darüber im Klaren, daß Sex ohne Liebe nicht das Optimum all ihrer Träume sein kann. Zur Gewißheit, „daß Sex das Bedrohlichste ist, was es überhaupt gibt“, wird diese Einsicht dann, als sie ihrem Traummann begegnet und sich in ihn verliebt. Hatte sie vorher scham- und verantwortungslos auf Kosten anderer ihrer Lust gefrönt, begreift auch sie jetzt: „Sex ist nicht bloß ein harmloses Vergnügen.“

Julie Burchill: Die Waffen der Susan Street, Goldmann, 284 Seiten, 9.80 Mark

Mai 1990