Sein Reichtum war die Wirklichkeit
Eine Erinnerung an den Krimiautor und Essayisten Jörg Fauser
Letzte Woche noch saß ich mit dem Filmregisseur und Krimischriftsteller Ulf Miehe zusammen. Wir haben auch über Fauser gesprochen. Ulf Miehe hat mir von seinen Plänen erzählt, nach einem Drehbuch von Fauser einen Thriller drehen zu wollen, der in Frankfurt spielen sollte. Ich war begeistert. Welche Stadt in der Bundesrepublik bietet sich als Kulisse für einen Thriller besser an als Frankfurt, und welcher Drehbuchautor wäre dafür prädestinierter als Jörg Fauser?
Jörg Fauser wurde 1944 in der Nähe von Frankfurt geboren. Nach Abitur, Ersatzdienst und abgebrochenem Studium lebte er seit 1974 als freier Schriftsteller in Berlin und zuletzt in München. In den Morgenstunden nach seinem 43. Geburtstag wurde er auf dem Münchner Autobahnring von einem Lkw zu Tode gefahren.
In den letzten Jahren hat in Deutschland kein Autor so kritisch, vehement und polemisch gegen den Hochmut gefochten, der E- und U-Kultur trennt und Autoren wie Chase, Ambler oder Spillane ignoriert wie Fauser. Nur wenige deutsche Krimiautoren können an die Qualitäten eines Chandler oder Hammett anknüpfen. Fauser gehörte dazu. Er hatte den Rhythmus und das Tempo, die Integrität und Lebenserfahrung, den Humor und die Lakonie, die die großen amerikanischen Vorbilder auszeichnet.
Fauser lernte sein Handwerk in der härtesten und besten aller Schulen – im Leben. Als er heroinabhängig in Istanbul saß, schrieb er in sein Tagebuch: „… was konnte einem Schriftsteller Besseres passieren, als in diesem Dreck zu sitzen und das Überleben zu trainieren? Es waren Orte wie dieser, wo Schriftsteller hingehörten. Es waren Orte wie dieser, wo Mythen entstanden, sich fortsetzten und triumphierten. Ich dachte an Gorki, an Algren, an Fallada. Jetzt zahlte sich die Zeit mit ihren Büchern aus. Andere hatten Muskeln oder Moneten oder hübsche Ärsche, um in der Hölle zurechtzukommen. Schriftsteller hatten ihre Mythen.“
Wenn man ganz unten ist, wird der Blick für die Realität schärfer. Fauser hat früh für sich die richtigen Vorbilder gefunden, das Elend am eigenen Leib gespürt und die richtigen Konsequenzen daraus gezogen. Er wollte Geschichten schreiben, die das Leben zusammenhalten. „Manchmal, wenn du den großen Horror hast, ist eine gute Geschichte das einzige, was noch hilft.“ Er wollte mit seinen Geschichten dazu beitragen, „daß wir wieder eine Kultur bekommen, eine Scham, eine Moral“. Wichtigste Voraussetzung dafür war, was der von ihm verehrte William S. Burroughs so formulierte: „Viele Leute, die sich Schreiber nennen und deren Namen auf Büchern erscheinen, sind keine Schreiber, und sie schreiben auch nicht, der Unterschied liegt genau da, wo sich ein Stierkämpfer, der einen Stier vor sich hat, von einem Scheißkerl unterscheidet, der nur so tut, als sei ein Stier da. Ein wirklicher Schreiber muß dort gewesen sein, sonst könnte er nicht darüber schreiben.“
Fausers frühe, längst vergriffene Bücher „Aqualunge“ (1971) und „Tophane (1972) waren noch wüste und wilde Cut-up-Experimente, stark infiziert von den Ideen und dem Lebensgefühl der amerikanischen Beat-Generation. „Unser Lebensgefühl war von Amerika geprägt, ohne daß wir je dort gewesen wären oder hin wollten. Aber wir lebten in einer amerikanischen Provinz.“
Seine wichtigsten Lehrjahre als Schriftsteller hat Fauser in Frankfurt verbracht, der Stadt, der er Mitte der siebziger Jahre den Rücken gekehrt hatte und seither in einer Art tiefen Haßliebe verbunden blieb. „Man konnte sagen, was man wollte, in Frankfurt ging man zur Sache, und wenn schon alles zum Kotzen war, hier zeigte man wenigstens offen, welche Kotze zählte.“
In den Gedichtsammlungen „Die Harry Gelb Story“ (1973, neu aufgelegt 1985), und „Trotzki, Goethe und das Glück“ (1979) und den Erzählsammlungen „Requiem für einen Goldfisch“ (1979) und „Mann und Maus“ (1982) kann man seine Erlebnisse nachlesen, die sich zwischen Liebeskummer, Aushilfsjobs und am Stehtisch seiner Lieblingskneipe, dem „Schmalen Handtuch“ in Bornheim, abspielten. Fausers Texte kamen direkt und ungeschönt von unten, spiegelten die Wirklichkeit eines Underdogs wider. Literatur, wie sie das Leben schreibt, blutvoll, schweißtreibend, biergetränkt.
Fausers Autobiografie (gewissermaßen) ist der Roman „Rohstoff“ (1984), der beispielhaft Zeugnis gibt von der subkulturellen Bewegung in den sechziger und siebziger Jahren. Schonungslos erzählt Fauser über seine Zeit als Drogensüchtiger, über seine Selbstheilungsversuche, über die Studentenbewegung und Häuserkampfszene in Frankfurt, über seine Aushilfstätigkeiten als Nachtwächter und Flughafenarbeiter, über seine ersten journalistischen und literarischen Versuche. Man begegnet seinen damaligen Freunden und literarischen Gesinnungsgenossen Jürgen Ploog, Carl Weissner, Josef Wintjes und Udo Breger, erlebt die Gründung der ersten deutschen Underground-Little mags „UFO“ und „Gasolin 23“ mit.

Ein Satz von Somerset Maugham war für Fauser in den letzten Jahren immer wichtiger geworden: „Kein Lesen lohnt, wenn es nicht unterhält.“ Fauser fügte dem noch hinzu: „… und wenn dazu auch was abfiele an Dramatik und Spannung, an Erfahrung und Durchleuchtung, an Welt, das wäre ja dann schon Literatur.“ Mit seinen beiden erfolgreichen Kriminalromanen „Der Schneemann“ (1981, mit Marius Müller-Westernhagen verfilmt) und „Das Schlangenmaul“ (1985) und dem dünneren „Szene-Thriller“ „Kant“ (1987) hat er versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden. In Fausers journalistischen Arbeiten („Blues für Blondinen“ und „Strand der Städte“) erfährt man am genauesten, welche Vorbilder, Leidenschaften und politische Ansichten er hatte. Die Porträts über Orwell, Fallada, Ambler, Chandler, Himes, Kerouac, Joseph Roth gehören zum Besten, was man in der deutschsprachigen Literatur über diese Autoren lesen kann. Fauser hat sich zeitlebens leidenschaftlich engagiert, aber nie vor einen Parteikarren spannen lassen. Wie Orwell wollte er als „Partisan am Rande der regulären Armeen“ stehen. Er wollte als Schriftsteller/Reporter Geschichtsschreibung betreiben und war davon überzeugt, „daß, wer Geschichte beschreiben will, an ihr teilnehmen muß“. Über sich selbst hat er geurteilt: „… ich bin kein netter Mensch, sondern Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungsschutz der Welt angestellt sind, beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel.“
Erstdruck in Frankfurter Rundschau, Nr. 167, 23.7.1987