Unbestechlich & Unversöhnt
„Das Leben, sagt sich Tristano, tritt von Anfang an als Verfälschung der Vorlage auf.“ Dieser Satz aus Jörg Fausers Erzählung „Alles wird gut“ beinhaltet die gesamte Lebensaufgabe dieses viel zu früh verstorbenen Autors. In diesem Satz steckt die Auflehnung gegen ein Leben als Abziehbild, gegen den Konformismus, und in diesem Satz steckt auch sein poetologisches Programm, nämlich das Anschreiben gegen das Leben aus zweiter Hand, gegen das l’art pour I’art. Jörg Fauser war ein unbequemer Solitär, „ein im besten Sinne altmodischer Schriftsteller und Journalist: absolut professionell, korrekt, zuverlässig“, wie es Werner Mathes formulierte.
Die Wirklichkeit war sein Reichtum, aus dem er schöpfte. Das, über was er schrieb, kannte er ganz genau. Mit Ausnahme der drei Kriminalromane „Der Schneemann“, „Das Schlangenmaul“ und „Kant“, die auf mündlichen Recherchen basieren, sind alle seine anderen Publikationen stark autobiografisch gefärbt. Fauser war ein schonungsloser, radikal ehrlicher „Kartograph“ seines eigenen Lebens. „Dieser Text ist eine Kartographie“, heißt es gleich auf der ersten Seite seines 1971 veröffentlichten Erstlings, des Sucht-Reports „Aqualunge“, der in der vorliegenden Edition aus drucktechnischen Gründen leider nicht enthalten ist.
Am Anfang von Fausers „Karriere“ stand die Drogensucht. „Ich wurde zum ersten Mal süchtig im Winter 1966/67″, schreibt Fauser in dem autobiografischen Fragment „Junk City I“, „und mit süchtig meine ich nicht die Opiumpfeife dann und wann, die zehn/zwanzig Preludin oder den gelegentlichen Speed-Hit, mit süchtig meine ich die fünfzig Milligramm pro Tag, und Tag für Tag.“ Wie er diese Hölle bestanden und was er dort erlebt hat und wie es dann weitergegangen ist, schildert er in seinem Roman „Rohstoff“, der für das Deutschland der siebziger Jahre das sein dürfte, was Kerouacs „On the road“ für das Amerika der fünfziger Jahre war: die exemplarische Quintessenz einer Jugendrevolte.
Fausers zweite Veröffentlichung hieß „Tophane“, benannt nach einem Elendsviertel Istanbuls, dessen Bewohner zum größten Teil Rauschgiftsüchtige sind. „Tophane ist damit für Istanbul, was Harlem für New York ist: Nicht nur ein Slum wie viele andere, sondern die denkbar extremste Kehrseite des herrschenden Way of Life.“ Fauser versuchte mit diesem Buch, wie er selbst sagte, „Suchtnotizen auf dem Hintergrund anonymer Geisterstädte des Westens und eines Orients, der weit entfernt von jeder Reiseromantik ist“, vorzulegen. Um der „Stoffwechselkrankheit Sucht“ literarisch gerecht werden zu können, mußte Fauser eine neue Sprache finden. „Der traditionelle Roman war für das, was ich beschreiben wollte“, heißt es in Rohstoff, „einfach untauglich. Sucht zerstört Individualität, also über Bord mit individuellen Figuren, und die lineare Story gleich hinterher. Und da wir schon dabei sind: der klassische Satzaufbau, Subjekt, Prädikat, Objekt, damit läßt sich nicht beschreiben, was passiert, wenn das Opiat die grauen Zellen sprengt“. Fauser erinnert sich an die Lektüre von Burroughs‘ „Soft Machine“ und erkennt, daß Cut-up „die Sprache und die Ästhetik einer neuen Literatur sein konnte“. „Vielleicht hatten Lou Schneider (d.i. Carl Weissner, W.R. ) und Anatol Stern (d.i. Jürgen Ploog, W.R. ) doch recht, und Cut-up war die einzig zeitgemäße Antwort, die Individualisten geben konnten.“
Im August 1972 erscheint „Tophane“ im Maro Verlag und geht wie „Cola Hinterland“, der drei Jahre zuvor bei Melzer erschienene, wegweisende Cut-up-Roman von Jürgen Ploog, total unter. Die „Bücher waren wohl einige Jahre zu früh dran“, kommentiert Maro-Verleger Benno Käsmayr Jahre später kurz und bündig die damals 300 verkauften Exemplare. Erfolg ist dagegen im selben Jahr auf einer anderen Ebene zu vermelden: Fauser überwindet seine Abhängigkeit von harten Drogen. Nach einem Besuch bei Burroughs in London therapierte er sich mit der von Burroughs empfohlenen Apomorphin-Methode selbst.
Bis zu seinem Durchbruch als Schriftsteller dauert es zwar immer noch gut 10 Jahre, aber von jetzt an geht es publikationsmäßig doch ganz gut für Fauser voran. Zusammen mit Ploog und Weissner gründet er die Avantgarde-Literaturzeitschrift „Gasolin 23“, veröffentlicht die Gedichtbände „Die Harry Gelb Story“ und „Trotzki, Goethe und das Glück“, wird freier Mitarbeiter der Basler National-Zeitung (ab 1977: Basler Zeitung), schreibt Hörspiele und Drehbücher, übersetzt eine James-Dean-Biografie und die Autobiografie von Joan Baez, interviewt für den Playboy Charles Bukowski, schreibt Songtexte für Achim Reichel und eine Biografie über Marlon Brando („Der versilberte Rebell“). 1981 wird er Redakteur beim Berliner tip-Magazin, und sein Roman „Der Schneemann“ erscheint. 1984 wird dieser Krimi mit Marius Müller- Westernhagen in der Hauptrolle von Peter F. Bringmann verfilmt. Spätestens nach dem Erfolg dieses Films an den Kinokassen ist der Name Jörg Fauser auch über Insiderkreise hinaus ein Begriff.
Drei Jahre nach seinem Tod liegen in einer achtbändigen Edition jetzt erstmalig alle wichtigen Publikationen von Fauser gesammelt vor. Die Nachlaßverwalterin, Frau Gabriele Fauser-Oßwald, hat schnell auf eine Werkausgabe gedrängt und mit Carl Weissner den dafür kompetentesten und zuverlässigsten Mann als Nachlaßsichter und Herausgeber dieser Edition gewählt. Man muß das vorbildliche und verantwortungsbewußte Umgehen von Frau Fauser-Oßwald mit dem Nachlaß ihres Mannes besonders hervorheben, weil das heute nicht selbstverständlich ist. Nimmt man zum Beispiel die Nachlaßpolitik der Witwe von Rolf Dieter Brinkmann als Regel, die die Herausgabe des Nachlaßes bewußt über Jahrzehnte verschleppt und alle literaturwissenschaftlichen Bemühungen (böswillig?) behindert und damit dem Ansehen und der Popularisierung des Autors dauerhaften Schaden zufügt, so ist die Ausnahme Fauser geradezu ein Glücksfall. Die vorliegende, sehr schön ausgestattete und vorbildlich edierte Werkausgabe (Weissner hat allen Kapiteln kurze, erläuternde Einführungen vorangestellt) wird die Zahl der Fauserfans vergrößern und bietet der Literaturwissenschaft erst mal genügend Material zur Forschung.
Wie das Beispiel Fauser zeigt, müssen Erfolg und Korrumpierbarkeit nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen. Seine Frankfurter Hungerjahre, eindrucksvoll belegt in der Storysammlung „Mann und Maus“, haben ihn geprägt; diese Vergangenheit hat er auch nicht verleugnet, vergessen oder verraten, wie ihm das vor allem aus dem Alternativlager vorgeworfen wurde, als er in den etablierten Medien zum gefragten Schreiber wurde. Noch in seinen späten Essays, Kolumnen und Reportagen zeigt er sich als unbestechlicher, unversöhnter und streitbarer Zeitgenosse, der gegen die bornierten Krustköpfe in den „Beletagen des Feinsinns“, gegen die „Schmeißfliegen des literarischen Gewerbes – die Feuilletonisten“ wettert, der sich einsetzt für Outsider, Randständige(s), Vergessene(s) und Unterdrückte(s). Fauser war einer der ganz wenigen im etablierten Feuilleton, der sich den Moden und Trends verweigert hat, mutig auf unvermessenem Terrain auf Entdeckungstour gegangen ist und Töne angeschlagen hat, die man vorher und nachher so in den heiligen Hallen der verordneten Feuilletongleichschaltung nicht vernommen hatte und hat. Lange bevor das salonfähig war, hat er sich für den als Trivialschmäh verschrienen Kriminalroman eingesetzt. Unermüdlich hat er Autoren und deren Botschaften, die unpopulär waren, lanciert: George Orwell („Gute Romane werden von Leuten geschrieben, die keine Angst haben.“), Somerset Maugham („Kein Lesen lohnt, wenn es nicht unterhält.“), Hans Fallada („Das Leben hat alles, was gebraucht wird.“), Joseph Roth („Wo ich schreibe, wird es radikal, ob im Abort oder im Parlament.“), Eric Ambler („Der Kriminalroman ist die letzte und heute einzig mögliche Form, in der die Frage von Gut und Böse noch abgehandelt werden kann. Alle Kriminalautoren sind Moralisten.”).
Ich bin sicher, wäre er eine Generation früher zur Welt gekommen, Fauser hätte sich wie der von ihm bewunderte Hemingway auf Seiten der Anarchisten „als Reporter und Filmautor und als Organisator und Finanzier von Ambulanzfahrzeugen“ im Spanischen Bürgerkrieg engagiert. Schreiben und Leben waren für ihn ein und dieselbe Sache, in der es vor allem auf Integrität und Moral ankam oder um es anders zu sagen, ihm war es immer wichtig, auf der richtigen Seite zu stehen. Begriffe wie Gerechtigkeit, Mitleid, Menschlichkeit, Freiheit, Widerstand waren für Fauser keine leeren Worthülsen. Ihren Wert hatte er sich praktisch schon mit der Muttermilch einverleibt. „Ich kam aus einer antinazistischen Familie, … ich gehörte also zu einer Minderheit, … das war schon fast eine Aufgabe.“
„Beim Schreiben gibt es kein links oder rechts. Es gibt nur gutes und schlechtes Schreiben“, urteilte Hemingway. „Ein Schriftsteller … schuldet keiner Regierung Gehorsam. Wenn er ein guter Schriftsteller ist, wird ihm die Regierung, unter der er lebt, nie gefallen.“ Fauser hielt sich an diese Maxime zeitlebens. „Ich bin kein netter Mensch“, sagte er über sich selbst, „sondern Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungsschutz der Welt angestellt sind, beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel.“ Wie sein großes Vorbild Raymond Chandler wollte er den realistischen, literarisch anspruchsvollen Kriminalroman schreiben, der aus den drei Komponenten Bild, Action, Dialog besteht. „Wenn bei Chandler alles hinhaut, sind seine Szenen von einer knisternden Prägnanz, die ihresgleichen sucht; Bilder, die wie von allein im Hirn abrollen; Kopf-Kino, aus Sprache gezaubert, pur et simple.“
Den dumpf vor sich hindümpelnden deutschen Krimiautoren hat er die Hölle heiß gemacht. Außer Hans Werner Kettenbach, Detlef Blettenberg, Klaus Bädekerl, Ulf Miehe und Hans Herbst, deren Arbeit er schätzte, hat kaum einer verstanden, was er meinte, wenn er forderte, man müsse die „Grautöne“ im „Nebelland“ Deutschland ausleuchten. Die Tatort-Kriminologen, die „unter Verzicht auf fast alle bedeutenden Errungenschaften großstädtischer (d.h. krimineller) Zivilisation“ Kunsthandwerk produzieren, dessen gesellschaftliche Bedeutung „irgendwo zwischen der Theosophie und den Allgemeinen Rahmenrichtlinien für die Referendarausbildung liegt“, haben ihn zu Lebzeiten für seine Nestbeschmutzung denn auch leidenschaftlich gehaßt.
Obwohl seine drei Krimis zum Besten gehören, was Deutschland in diesem Genre zu bieten hat, konnte Fauser noch nicht an die Qualitäten eines Chandler, Hammett, le Carré oder Graham Greene anschließen. Die moralische und künstlerische Integrität und Unbestechlichkeit des Urteils war zweifelsfrei bei ihm vorhanden, die Tragik seines frühen Todes, den er in den frühen Morgenstunden des 17. Juli 1987 auf der A 94 fand, besteht vor allem aber auch darin, daß er ihm die Gelegenheit genommen hat, seinen Anspruch zu vervollkommnen.
Jörg Fauser Edition, 8 Bände, Rogner & Bernhard über Zweitausendeins, 2668 Seiten, 100 Mark. Außer Band 2 und 6 kann man die Bände auch einzeln beziehen, sie kosten dann zwischen 20 und 37 Mark.
Mai 1990