Writing is my business
Über den Journalisten Jörg Fauser
Zum Jahresanfang 1981 zieht Jörg Fauser von München nach Berlin. Voller Tatendrang und Begeisterung stürzt er sich ins Redakteursdasein beim Berliner Stadtmagazin „tip“. In einem Brief an seine Eltern vom 24. Januar schreibt er: „Jedenfalls macht mir der Journalismus an solchem Blatt und unter solchen (gerade unter solchen) Umständen wirklich Spaß, u ich bin sicher, daß es sich auch auszahlt. Jedenfalls, was für ein Romanstoff! Allein das ganze Äußere mit den beengten Räumlichkeiten, den Typen, der Umgebung mit der heruntergekommenen Potsdamer Straße Nähe Landwehrkanal mit den Sex-Dielen u Türken-Lokalen u Bums-Lokalen und alten Druckereien u abgewirtschafteten Kramläden ist schon so gut, sowas kann man nicht erfinden.“
Die Karriere des Schriftstellers Jörg Fauser ist ohne seine journalistischen Arbeiten nicht denkbar. Vom neunzehnten Lebensjahr bis zu seinem Tod hat Fauser immer wieder für Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Er hat es gemacht, um Geld zu verdienen, um Inhalte zu transportieren, und weil er genau wußte, „daß der Journalismus natürlich immer noch eine gute Schule“ fürs (Romane)Schreiben ist. Professioneller Journalismus ist in erster Linie Handwerk und Recherche. Für Fausers literarischen Anspruch – zumindest den späten – zwei unabdingbare Komponenten: „Meine Art von Literatur lebt ja schließlich von solchen Dingen.“
Als sich für Fauser mit „Der Schneemann“ endlich der Erfolg einstellte, wuchs die Zahl der neidischen „Verräter“-Rufer schnell. Die subkulturelle Literaturszene wollte nicht wahrhaben, daß einer ihrer Heroen jetzt in Krawatte und Anzug zu Lesungen erschien. Fauser war für viele seiner ehemaligen Weggefährten ins gegnerische Lager gewechselt. Mag sein, daß Fauser sein Outfit geändert hatte, im Kopf und im Herzen aber war er der „totale Außenseiter“ geblieben. Auch seine journalistischen Arbeiten aus den achtziger Jahren weisen ihn als leidenschaftlichen Kämpfer für die Underdogs der Literatur aus. Seinen Autorennamen in die Waagschale werfend, den gewonnenen Einfluß in den etablierten Medien nützend, hat er bis zum Schluß unermüdlich für Kollegen getrommelt, die zu Unrecht vergessen oder noch nicht bekannt genug waren. Schriftsteller wie Fallada, Joseph Roth, Algren, Fante, Loest, Hufnagel, Kettenbach, Herbst, Plymell, Himes. Autoren, die sich für ihn durch folgendes auszeichneten: „unliterarische Pose, Kraft, Schweiß, Bodensatz, Nähe zum Wahnsinn, Nähe zum Kampf auch“.
Fausers festes Engagement für ein bestimmtes Printmedium war meist nur von begrenzter Dauer. Fakt ist dagegen, daß seine Liebe zu den Gazetten schon in jungen Jahren begann und bis zum Schluß hielt. Schon als Vierzehnjähriger gab er eine Familienzeitung heraus, „La famille“. Später folgte ein Mitteilungsorgan für das ganze Haus. Als Gymnasiast schrieb er Erlebnisberichte für die Frankfurter Neue Presse. 1963, noch vor dem Abitur, begann dann seine Rezensentenlaufbahn bei den Frankfurter Heften. Im Mai 1971 wird er verantwortlicher Redakteur der Frankfurter Underground-Zeitung „Zoom“, ein paar Monate später gibt er mit Udo Breger, Jürgen Ploog und Carl Weissner die Avantgarde-Zeitschrift „UFO“ heraus. Im April 1973 gründet er mit Ploog und Weissner die Literaturzeitschrift „Gasolin 23“. Die Basler National-Zeitung engagiert ihn 1974 als freien Kritiker und Essayisten. 1977 arbeitet er für „Rogner’s Magazin“. Ab 1980 ist er unter dem Pseudonym Taliban regelmäßiger Kolumnist beim „tip“. 1985 wird er Redakteur bei „TransAtlantik“.
Immer war der Beginn mit großen Hoffnungen und einer beinahe kindlichen Freude verbunden. „Wenn ich mal wieder etwas Geld habe, werde ich doch mal nach Basel fahren und mir das alles anschauen, ich bekomme geradezu schon Tränen in die Augen, wenn ich daran denke – „meine” Zeitung! In der Schweiz!“, schreibt er am 10. Januar 1977 in einem Brief an seine Eltern. Dem Anfangseuphorismus folgt dann oft schnell die Ernüchterung. Bereits vier Monate später teilt er den Eltern mit: „Die Basler Zeitung ist übrigens – zumindest die Beilage – ein trauriges Beispiel dafür, wie eine linksliberale und immerhin sehr offene Zeitung durch den Zuzug von rosa Spießern und Knödelhirnen (oder was immer die in Basel fressen) zu einer politisch immer noch linksliberalen, aber kulturell verwässerten Zeitung wird. Ein seichtes Mischmasch in Vierfarbdruck.“
Konsequent und kompromißlos hat er zeitlebens gegen den „Funktionärsstaat von beamteten Redakteuren“ polemisiert. Seine Arbeitsphilosophie komprimiert ein Satz des verehrten Joseph Roth: „Wo ich schreibe, wird es radikal, ob im Abort oder im Parlament.“ Seinen Anspruch teilte er mit Somerset Maugham: „Kein Lesen lohnt, wenn es nicht unterhält.“ Seine Motivation deckte sich mit der von Eric Ambler: „Ich versuche den Leuten zu erklären, wie es zugeht in der Welt.“ Wenn ihm einer der „aufgeblasenen Seichtlinge“ in die Parade fuhr, seine Texte durch Streichungen verhunzte oder ihn auf „rosa Stimmungslage“ trimmen wollte, hat er ihm kurzerhand den Bettel vor die Füße geschmissen und bei der Konkurrenz angeheuert. „Wenn schon solche Scheißblätter dann doch gleich mit Stil, und die anderen haben mehr Stil“, kommentierte er 1979 lapidar seinen Wechsel vom „Plavboy“ zu „Lui“.
Seine Möglichkeiten im Zeitungsgewerbe hat er immer versucht voll auszuschöpfen, aber gleichzeitig deren Grenzen realistisch eingeschätzt: „Erst will ich hier mal wissen, woran ich bin und ob dieser Scheißladen mir nicht die Gelegenheit gibt, das zu sagen, was ich sagen will. Und es so zu sagen, wie ich es will. Ich muß allerdings einräumen, ich sehe auf lange Sicht hier den Zusammenbruch jeder individuellen Chance, jedes auch noch so mild formulierten Außenseitertums. Man wird es sagen dürfen, aber sie werden einen dafür verhungern lassen. Nein, sie werden einen natürlich immer noch dies und das schreiben lassen, schließlich müssen sie ja ihre Programme füllen, aber wenn mir ein Hörspielredakteur schreibt, aus einem ‚kaputten‘ Bewußtsein (es geht um das Ibizahörspiel) ließen sich doch wohl keine ‚Funken‘ schlagen, dann weiß man ja, was gemeint ist.“
Gerade die Briefe an seine Eltern sind ein beredtes Zeugnis seiner permanenten Auflehnung gegen die herrschenden Zustände in den Medien und dokumentieren sein unbeirrtes und alle Konsequenzen tragendes Eintreten für die eigenen Überzeugungen: „Und wenn – wie heute geschehen – der Aurel Schmidt von der Hoffmann La Roche Zeitung in Basel meine Besprechung des Vietnam-Buchs (ich lege sie bei, bitte zurück) wegen Kriegsverherrlichung u. ‚CSU-Ideologie‘ u. Sozialismus-Kritik zurückweist, dann schwant mir für die kommenden Zeiten Arges, nämlich völlige Isolierung, denn die Rechten würden mich am liebsten wahrscheinlich aus Deutschland rausschmeißen genau wie die Linken.“
Das Dilemma jedes Schreibers ist, daß man eigentlich immer erst im Nachhinein feststellen kann, ob er mit seiner Meinung recht behalten hat oder nicht. Fauser, das kann man heute mit Bestimmtheit sagen, bewies mit vielen seiner Einschätzungen geradezu prophetische Weitsicht. Im Allgemeinen prognostizierte er „die Erosion der Sitten, den Verfall jeglicher Moral, die Verwilderung der Gesellschaft“ (1984). Für die Medien sagte er voraus, „daß die Zukunft nur noch Schrott bringen wird“. Wer die Entwicklung hin zur Häppchenkultur verfolgt, kann ihm da nur recht geben. Was er 1979 in einem seiner Berlin-Essays konstatierte, hat sich weiter zugespitzt und ist in allen Lebensbereichen der Normalzustand geworden: „Die echten Talente arbeiteten, wie überall, im Verborgenen, und was sich da im Glitzerlook spreizte, das war, wie überall, der vom Kommerz geschmierte und von den Medien aufgedonnerte Dreigroschenjunge, der die nächste Mode nicht überleben würde und dann wieder in der Klappe am S-Bahnhof den Arsch hinhalten mußte.“
Andererseits glaubte Fauser immer daran, daß alle Arbeit nicht sinnlos verpuffen kann, daß es immer ein paar Leser gibt, die aufmerksam registrieren und honorieren, wenn einer ehrliche Arbeit abliefert. „Im übrigen zeichnet sich allmählich ab, wo meine Bücher sich am besten verkaufen: Berlin, Schweiz, Österreich. Berlin – das kommt von diesem Tip-Magazin, für das ich jetzt auch hin und wieder schreibe, … Schweiz, ohne Zweifel durch die Basler Zeitung. Es zahlt sich doch aus, daß ich jahrelang meine Artikelchen für die geschrieben und mir immer große Mühe damit gegeben habe. Zahlt sich mehr u. länger aus als jeder Artikel in Playbov und Lui.“ Unermüdlich hat er deshalb die Sisyphusarbeit auf sich genommen, „eine Chronik der Zeiten zu liefern, aber auch mitzuhelfen, daß wir wieder eine Kultur bekommen, eine Scham, eine Moral“.
Betrachtet man die Printmedienlandschaft heute, so hat sich der Spruch von Carl Weissner, im Hinblick auf Fausers journalistisches Wirken, aufs Schlimmste bewahrheitet: „Wir werden in diesem Land noch merken, wie sehr uns einer wie Jörg Fauser fehlt.“ Mit Fauser ist der letzte weggestorben, der sich auf den etablierten Kulturseiten für wirkliche Underdogs stark gemacht, der sich „das mühsame Ausleuchten der Grautöne in diesem Nebelland“ auferlegt hat. Seit Fausers Tod 1987 herrscht im bürgerlichen Feuilleton die gleichgeschaltete Langeweile, bestimmen künstlich inszenierte Scheingefechte die Literaturseiten, tauchen im Personenkarussell die immer gleichen Namen auf.
Angesichts einer rapide zunehmenden „Focus“-ierung der deutschen Zeitschriftenwelt, hätte es allerdings auch Fauser, lebte er noch, heute unheimlich schwer, sich mit seinen Anliegen und Ansichten durchzusetzen. Schon 1980 stellte er leicht resigniert fest: „Journalist im klassischen Sinn werde ich natürlich nicht, warum auch u. wie auch … Bei den Angelsachsen sind im Journalismus eben doch Leute zu Gang in d. Tradition Twains u. Hemingways etc. u. bei uns ist die Tradition Kisch/Roth auf den Hund gekommen … schade. Aber ich bin sicher u. leider nicht d. Mann um das zu ändern.“ Heute, in einer Zeit, in der Tabellen, Statistiken und Hitlisten die Information und Analyse darstellen und diese von Autoren geliefert werden, die sich der MTV-Ideologie verschrieben haben, sind Journalisten vom Kaliber eines Fauser zum Aussterben verdammt: „Ich glaube, daß in unserer Epoche… die wichtigste Funktion des Schriftstellers/Reporters die Geschichtsschreibung ist und daß, wer Geschichte beschreiben will, an ihr teilnehmen muß – nicht notwendigerweise als Parteigänger, eher, wie Orwell es formulierte, als „Partisan am Rande der regulären Armeen“.
Für die meisten seiner Leser wird Fauser als Autor von Krimis im Gedächtnis bleiben, mit den Büchern, die ihm den kommerziellen Erfolg gebracht haben und die ich für seine schwächsten halte. Sein 1975 geäußerter Wunsch („Vielleicht wird ja doch noch ein halbwegs angesehener Feuilletonist aus mir.“) hat sich nicht erfüllt, weil er sich letztenendes für die Schriftstellerkarriere entschieden hat. Als reifer Autor ist er mit einer ganz pragmatischen Einstellung zum Schreiben ans Werk gegangen. „Ich bin Geschäftsmann“, hat er Hellmuth Karasek in der Sendung „Autor-Scooter“ auf die Frage nach seiner Berufsbezeichnung entgegnet. Sein Ziel war der realistische, publikumswirksame, literarisch niveauvolle Unterhaltungsroman im Stil eines Gustave Flaubert, William Faulkner oder Graham Greene. „Einen Schriftsteller, der nicht gelesen wird, halte ich für eine pathetische und sinnlose Figur.“
In Anbetracht der augenblicklicken Diskussion um die Misere der deutschsprachigen Gegenwartslifieratur, muß man feststellen, daß Fauser auch in diesem Punkt seiner Zeit weit voraus war. Heute wäre er vielleicht der Vorzeigeautor der Literaturkritik. Interessiert hätte ihn das nicht. Die „literarische Pose“ (Alfred Andersch) war ihm fremd und verhaßt. Er sehnte sich nach „Unkorrumpierbarkeit“, die er in der Bundesrepublik Deutschland, dem „Land der Drücker“, nicht fand. Als Schreiber wollte er kein netter Mensch sein, „sondern Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungsschutz der Welt angestellt sind, beim Verfassungsschutz für Sprache und für Zweifel“. Und als Journalist wollte er immer nur über Leute schreiben, „mit denen ich meine etwas zu tun zu haben, entfernt oder näher, ich mache ungern Vermisse. Ich würde nie eine Kritik über Martin Walser oder Grass schreiben wollen“.
Egal, welche Seite von ihm man nun bevorzugt, zwei Tatsachen sollte man nicht außer Acht lassen. Fauser wußte genau: „Schreiben ist keine Sozialarbeit.“ und mit Journalismus läßt sich keine Unsterblichkeit erzielen: „Ich sehe allerdings PRINZIPIELL keinen Unterschied zwischen einem guten Gedicht und einem guten Artikel – obschon ich weiß, daß das Gedicht in irgendeiner Endabrechnung mehr zählt.“