Der Belmondo vom East Village
Der Bekanntheitsgrad des Musikers John Lurie kann zweifellos mit dem des Schauspielers Lurie nicht mithalten. Und die Band Lounge Lizards, mit der Lurie am 23. Juni in Frankfurt auftreten wird, verblaßt neben dem amerikanischen Star völlig. Der AUFTRITT zeigt, daß Luries Arbeit mehr ausmacht, als zwei starke Filme.
Es war im Jahr 1977, als John Lurie nach New York kam. Er wollte Performance-Künstler werden, weil das damals gerade angesagt war. Es gab allerdings eine Menge Gründe, die dieses Vorhaben vereitelten.
Seit Mitte der Siebziger gab es im Treibhaus New York erste Anzeichen für eine vitale, unabhängige, junge Filmszene, aus der heute so bekannte Regietalente wie Amos Poe, Susan Seidelman, Jim Jarmusch und Eric Mitchell und eine der besten Kamerafrauen, Johanna Heer, hervorgingen. Daß diese Szene von Anfang an sehr viel mit Musik zu tun hatte, beweisen nicht nur die Besetzungslisten der älteren und neueren Filme. Teilweise hatten die Filmemacher selbst direkt mit Musik zu tun. Jarmusch zum Beispiel war Musiker bei den „Del-Byzanteens“.
Amos Poe arbeitete seit 1969 mit Super 8-Filmen. Seine ersten 16-Millimeter-Filme waren Porträts der New-Wave-Gruppen Patti Smith, Blondie, Talking Heads, Television. Inspiriert durch die Nouvelle Vague, besonders Godards „A bout de souffle“, drehte Poe anfangs kleine schnelle, dreckige Filme, in denen Regiekollegen wie Mitchell oder Musiker wie Debbie Harry tragende Rollen spielten. Es war damals schon so: jeder kannte jeden, und jeder machte bei jedem mit. Die Szene war überschaubar und die Ideen lagen auf der Straße. New York war der Schmelztiegel des Möglichen und Unmöglichen, man brauchte nur die rohe Energie dieses Asphalt-Dschungels zu benutzen.
Die jungen Wilden des amerikanischen Kinos machten NY zum Protagonisten ihrer Filme. NY war für sie nicht Kulisse, sondern echter Schauplatz, „waste land“. Gezeigt wurden nicht die Touristenattraktionen und Prestigeobjekte, sondern schäbige Hinterzimmer, kaputte Altbauten, karge Räume, dunkle, dreckige Häuserzeilen, triste Stimmungen. Die Personen, die in diesen Filmen agierten, waren keine strahlenden Helden und Saubermänner, sondern Underdogs, kleine Tagediebe, spleenige Chaoten und Träumer. Man konnte sie bei ihren spartanischen und unspektakulären Alltäglichkeiten beobachten: schlafen, essen, fernsehen, herumlungern, Löcher in die Wand starren. In den Filmen gab es fast kein Kausalgefüge von Ursache und Wirkung. Es war so, wie es war. Es waren Zufälle, die die Personen bewegten und daß das so war, bereitete ihnen kein Kopfzerbrechen. Sie alle waren Drifters, lost heroes, gebeutelte Kreaturen.

Einer, der das alles scheinbar in einer Person verkörpert, ist John Lurie. Alle kennen ihn aus den zwei Jarmusch-Filmen „Stranger than paradise“ und „Down by law“. Davor gab es aber bereits „Subway riders“ von Poe, den fast keiner hier kennt, deshalb will ich an dieser Stelle auf diesen Film zu sprechen kommen.
„Subway riders“ ist ein großstädtisches Underground-Melodram, das in grobkörnigen Farben von Wahnsinn und Einsamkeit, Obsession und Angst, von Leben und Spiel und Tod erzählt. John Lurie war das Drehbuch auf den Leib geschrieben, er sollte die Hauptrolle spielen, aber mitten in den Dreharbeiten hatte er keine Lust mehr, warf den Krempel hin und Amos Poe war gezwungen, die Rolle selbst weiterzuspielen. Vergleichbar mit Bunuels „Dieses obskure Objekt der Begierde“ wird die Hauptrolle also von zwei verschiedenen Schauspielern gespielt.
Die Geschichte spiegelt in einigen Zügen Luries eigene Biografie. Jahrelang spielte er im Labyrinth der Times Square Station mit weltvergessener Intensität auf seinem Saxophon. Im Film ist er ein „Psychokiller“, der nachts vor U-Bahn-Stationen Saxophon spielt und zuhörende Passanten über den Haufen schießt. In die Nacht hinausgetrieben wird er von einer über ihm wohnenden Nutte, die ihn nicht zu Hause üben läßt. Es gibt im Film eine sehr schöne Szene, die einiges über den Film und den Schauspieler Lurie sagt.
Lurie wankt, saxophonspielend, durch einen öden, leeren Raum, in dem er lebt, und spielt sich die Seele aus dem Leib. Es ist mitten in der Nacht. Plötzlich klopft es. Eine aufgedonnerte, grell geschminkte Schönheit betritt den Raum. Während sie sich den Seidenstrumpf hochkrempelt, sagt Lurie: „Sind Sie oben eingezogen?“ – Sie: „Muß man das die ganze Nacht anhören, wie Sie den Mond anheulen?“ – Lurie: „Freut mich, daß es Ihnen gefällt. Bei der Hitze spiele ich immer.“ – Sie: „Hören Sie mal …“ – Lurie: „Anthony …“ – Sie: „Damit wir uns verstehen: Verschonen Sie mich mit dieser Disco-Musik! Wenn Sie Frischluft brauchen, dann versetzen Sie Ihre Tuba und kaufen sich einen Ventilator! Vielleicht klingt es dann sogar besser.“ – Lurie: „Das ist ein Saxophon, und nen Ventilator hab ich schon …!“ – Sie: „Gut, daß wir uns verstehen, Ant!“
Es gibt in dieser Szene sehr viele Großaufnahmen von Lurie, und keiner hat dieses Hipstergesicht seither wieder so schön und ausdrucksstark in Licht und Szene gesetzt. In aller Deutlichkeit kann man sehen, was wir in der Zwischenzeit an Lurie schätzen und lieben, was für ihn charakteristisch geworden ist: abstehende Ohren, hageres Gesicht, markante Backenknochen, eingefallene Wangen, hohe, geäderte, zerfurchte Stirn, die zurückgestriegelten Haare, tiefliegende, weitaufgerissene Augen, dichte Augenbrauen, wulstige Lippen, große, gerade Schneidezähne mit einer winzigen Lücke dazwischen, auffallende Muttermale über der Oberlippe und neben dem linken Nasenflügel. Wenn er zuhört, legt er den Kopf sacht zur Seite, stülpt die Lippen zu einem aufregend erotischen Oval nach vorne, saugt die Backen nach innen und rollt die Zunge im Mund, als wolle er auf ihr herumkauen. Wenn er sich auf das Saxophonspiel vorbereitet, leckt er mit seiner großen, breiten Zunge das Mundstück, als wolle er etwas Unanständiges tun. Den ganzen Film über ist er maulfaul wie Bogart, schlaksig wie Gary Cooper und das Lebensgefühl, das er transportiert, und sein Gesicht, das man nicht mehr vergessen kann, erinnern an den Belmondo aus den frühen Godard-Filmen.
Ende der Siebziger finanzierte Lurie mit kleinen Scheck- und Versicherungsbetrügereien seinen ersten eigenen Film, „Men in Orbit“, „einem der besten Filme, die jemals auf der Lower East Side gemacht wurden“ (Arto Lindsay). Heute ist Lurie 34 Jahre alt und ein Star, eine „East Village Legend“, und arbeitet gerade an dem Script zu einem neuen Film, in dem er selbst Regie führen, aber keine Rolle spielen will. Ich bin gespannt.
Foto: Harald H. Schröder
Erstdruck in Auftritt, Heft 6/1987