Ein tragisch Liebender

Vier Stunden können verdammt lang sein, wenn man z.B. Langeweile hat oder auf sein Mädchen warten muß. Es gibt allerdings ein Mittel, das vier Stunden ganz kurz werden läßt, es heißt “Warten auf Wunder“, ist ein Buch, dessen Autor John Fante heißt, und den Deutschland jetzt erst entdeckt.

Geboren wurde John Fante 1909 in Colorado, von 1932-38 veröffentlichte er short stories in den klassischen Magazinen wie „Esquire“ und „Harper’s Bazaar”. Genauso schnell wie der Erfolg kam, verschwand er auch wieder. Die seit 1938 entstandenen Romane wurden nicht mal mehr Achtungserfolge. Nichtsdestotrotz erkannten die Studiobosse von Hollywood sein Talent und engagierten ihn als Drehbuchautor. Fante schlug in Hollywood die Laufbahn eines mittleren Angestellten im Kulturbetrieb ein. Erst die Begeisterung Bukowskis für den Schriftsteller Fante verhilft diesem zur Wiederentdeckung. Die Kritik reiht ihn heute neben Mailer, Fitzgerald, West, Chandler ein. 1983 starb Fante.

Eines kann ich versprechen, wer etwas übrig hat für locker geschriebene Geschichten, die unter die Haut gehen, die Erotik ausstrahlen, von sympathischen Menschen handeIn, die zwar ernsthafte Probleme haben, aber deswegen nicht gleich den Kopf in den Sand stecken, sondern sich mit gesundem Menschenverstand überlegen, wie sie aus der Scheiße wieder herauskommen können und das leben trotz allem (oder gerade deswegen) genießen, der ist mit diesem Autor bestens bedient.

Drei Bücher gibt es bisher von Fante auf deutsch. In allen drei Romanen ist der Protagonist ein Schriftsteller. In zwei Büchern heißt er Arturo Bandini, in einem Henry Molise. Zum Einstieg empfehle ich “Warten auf Wunder“. Bandini ist gerade 21 Jahre alt, lebt als Hilfskellner in Bunker Hill, L.A., und versucht verzweifelt, als Autor Fuß zu fassen. H.C. Mueller, der Herausgeber des American Phoenix, druckt seine ersten Geschichten. Bandini flippt aus. Nachdem ihn die begehrenswerte Jennifer Lovelace abblitzen ließ, läßt er sich auf eine Beziehung mit seiner Vermieterin ein, die ist zwar 5 Jahre älter als seine Mutter, tut ihm aber gut. Dann entdeckt ihn Hollywood. Bandini bekommt eine Anstellung als Drehbuchautor bei Columbia Pictures und ist zum Nichtstun verurteilt. Als er sich an seiner schönen Sekretärin vergreift, die zufällig die Frau seines Chefs ist, fliegt er. Sein Agent besorgt ihm daraufhin eine Co-Arbeit mit der berühmten, erfolgreichen Drehbuchautorin Velda van der Zee. Doch die alte Dame hat so ihre Eigenheiten, und Bandini schreibt im Alleingang das Drehbuch. „Jede Minute ein Höhepunkt, der beste, gottverdarnmte Western, der je geschrieben wurde.” Als „Sin City“ dann in die Kinos kommt, erkennt Bandini “seinen“ Film nicht wieder. Das Leben ist hart zu einem jungen, aufstrebenden, aber namenlosen Schriftsteller. Am Schluß sitzt Bandini wieder in seinem alten Hotelloch, 17 Dollar in der Tasche, aber ungebrochen seine Schreibmaschine bedienend.      

Daran anschließend sollte man „Ich – Arturo Bandini” lesen. Auch dieses Buch erzählt von den Anfängen des jungen Arturo Bandini. Im Mittelpunkt steht dieses mal die dramatisch-tragische Liebesgeschichte zu der kleinen mexikanischen Serviererin Camilla Lopez

„Unter Brüdern“ schließlich erzählt die letzten Tage des 76jährigen Patriarchen italienischer Abstammung Nick Molise. Der ehemalige Steinmetz Nick verbringt seine Rentnertage nicht im Schaukelstuhl auf der Veranda seines Hauses in San Elmo, sondern mit seinen Freunden Joe Zarlingo und Lou Cavallaro im Café Roma oder auf dem Weingut ihres gemeinsamen Freundes Angelo Musso. Die alten Herren haben mehrere gemeinsame Leidenschaften: Wein, Weib, Spiel und Gesang. Die unbändige Vitalität des Padrone Nick hält die gesamte Familie Molise in Atem. Dramatisch wird es jedoch, als Nick beschließt, es sich nochmals selbst zu beweisen, er will eine Räucherkammer bauen. Dazu braucht er einen Handlanger, der ihm das Tragen der schweren Steine abnimmt. Nach harten Familienkämpfen läßt sich der schriftstellernde Sohn Henry, selbst nicht mehr der Jüngste, breitschlagen, seinem Vater zu helfen. Es wird Nicks letzter Job.

Alle Bücher Fantes haben autobiografischen Charakter. Sie kommen so locker, witzig und authentisch daher, daß man süchtig werden könnte. Jede seiner Figuren zeichnet er voll Mitgefühl und Liebe. Trotz ihrer Sorgen, Probleme, Verwundungen, Herkunft, Laster und ihres Alters strotzen sie vor Lebenswillen. Sie trotzen dem Leben immer wieder ein Quentchen Glück ab, und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber den genießen sie dann in vollen Zügen. Fante ist kein weltfremder Schreiberling, seine Helden sind keine Exoten, alles ist repräsentativ für die Gesellschaft jener Zeit. Ihr Traum ist die Utopie vom besseren Leben, sie kämpfen für ein harmonisches Miteinander, aber mit dem Ruhm können sie nichts anfangen.

Die besten Autoren schreiben Geschichten, die gleichermaßen den Kopf und das Herz ansprechen, die in den Bauch, zwischen die Beine und in den großen Zeh (zum Wippen, von wegen der Musikalität) gehen. John Fante gehört zu den besten.

John Fante: “Ich – Arturo Bandini” (1982, Maro), 22 DM; „Unter Brüdern” (1984, Pohl’n’Mayer), 25 DM; „Warten auf Wunder” (1984, Pohl’n’Mayer), 20 DM.

Erstdruck in az, Nr 126, August 1986