Mich interessiert, was zwischen Leuten passiert

RÜGER: Wieso haben Sie das Taxi als Handlungsort Ihres neuen Films gewählt?

JARMUSCH: Ich wollte einige Situationen finden, in denen sich Fremde, in einer Art intimem Raum, begegnen. Eine logische Lösung war da schließlich der Innenraum eines Taxis und die Fahrt.

Wieso haben Sie die fünf Geschichten in fünf verschiedenen Städten angesiedelt?

JARMUSCH: Wären Ihnen zehn verschiedene Städte lieber gewesen?

 Nein, ich meinte, hätte nicht jede dieser Geschichten auch in L.A. oder in New York passieren können?

JARMUSCH: Nein, weil es Dinge gibt, die für die jeweilige Kultur sehr spezifisch sind. Die Rom-Geschichte zum Beispiel würde überhaupt keinen Sinn machen in Los Angeles. Und die New-York-Geschichte würde in Paris nicht funktionieren. Es gibt also einiges in meinen Geschichten, was typisch ist für die jeweilige Stadt, in der sie spielt.

Auf der anderen Seite gibt es Verhaltensweisen der Personen, die universell sind, die Teil der menschlichen Natur sind und überall geschehen können, in jeder Sprache und in jeder Stadt. Es ist also eine Mischung aus all diesen Bestandteilen.

William S. Burroughs vertritt in der Literatur die Meinung, daß Realität nicht mehr linear und komplex erfaßbar ist, er schreibt deshalb cut-up. Sehen Sie das auch so, und machen Sie deshalb Filme, die mehrere kleine Geschichten erzählen?

JARMUSCH: Ich sehe das nicht so theoretisch. Mein nächstes Projekt wird im übrigen auch nicht so episodenhaft sein wie dieses hier. Ich weiß nicht genau, warum ich diese Form für meine beiden letzten Filme gewählt habe, außer daß ich diese Form interessant finde.

Burroughs hat natürlich recht, aber Kino ist nicht Wirklichkeit. Es ist total subjektiv. Sogar der Dokumentarfilm ist nicht objektiv, weil die Kamera immer auswählt. Aber gleichzeitig versuche ich eher Formen im Leben als in Konstruktionen zu finden. Für mich ist der Plot weniger wichtig als die Charaktere. Für mich gibt es im Leben keinen Plot. Warum sollen deshalb Geschichten immer einen Plot haben. Viele Leute fragen mich immer wieder, warum es in meinen Filmen keinen Plot gibt, aber so ist nun mal für mich das Leben.

“Night on Earth” rezipiere ich wie eine Sammlung von Short Storys. Ist es richtig, wenn ich sage, dieser Film zeigt am stärksten Ihre Affinität zur Literatur?

JARMUSCH: Ich bin mir nicht sicher, ob ich objektiv genug sein kann, um diese Frage zu beantworten. In gewisser Weise schon, weil er formaler ist als eine einzelne Geschichte. Wenn es Kurzgeschichten sind, dann sind sie Kurzgeschichten, die auf jeden Fall aus einem Buch stammen. Wenn man sie aus dem Film herausnimmt, dann funktionieren sie nicht, allein meine ich. Sie funktionieren nur zusammen. Mit anderen Worten: Zusammen ergeben sie einen Entwurf für einen Film. Wenn sie also Kurzgeschichten sind, dann sind sie nur Kapitel aus einem Buch und nicht aus verschiedenen Büchern.

Wie kommen Sie auf Ihre Geschichten? Resultieren sie aus Beobachtungen oder sind sie reine Fiktion?

JARMUSCH: Es ist gewiß beides. Wenn ich zum Beispiel Dialoge schreibe, dann schreibe ich sie sehr schnell, also direkt aus dem Kopf. Wenn ich zum Beispiel ein Gespräch von Leuten mithöre, dann schreibe ich es auf oder spreche es so schnell wie möglich auf ein Band. Ich bearbeite es nicht literarisch, damit es seinen authentischen Charakter behält. Tatsache ist, daß ich sehr vielen Leuten zuhöre, in Bars, an Bushaltestellen, wo immer ich bin. Das alles beeinflußt mich. Vieles in meinen Filmen resultiert offensichtlich aus meinen eigenen Erfahrungen. Und die andere Hälfte beziehe ich aus meiner Phantasie.

Und woher kommen die intimen Kenntnisse über die Erlebnisse von Taxifahrern und Blinden?

JARMUSCH: Das Wissen ist gar nicht so profund. Ich fahre oft Taxi, unterhalte mich mit den Fahrern, so mache ich meine eigenen Erfahrungen. Das Wissen über blinde Leute habe ich aus Beobachtungen, keiner meiner engeren Freunde ist blind. Nur als ich noch ein Kind war, hatte ich mal einen Klassenkameraden, der blind war. Beatrice Dalle und ich sind in Paris in eine Blindenanstalt für junge Leute gegangen, so konnten wir beobachten, wie blinde junge Menschen gehen, wie sie Dinge anfassen, wie sie in ein Auto einsteigen, wie sie eine Treppe hinuntergehen, solche Dinge halt. Auch hier war es eine Mischung aus Beobachtungen und Recherchen.

In den fünf Geschichten steckt viel Menschenkenntnis und viel Problembewußtsein. Haben Sie diese fünf exemplarischen Miniaturen genommen, um etwas über den Zustand der Welt zu erzählen?

JARMUSCH: Not in any large way. Das einzige, was ich sagen will, und der Film hat für mich keine Moral und keine tiefere Bedeutung, alles, was der Film sagen will, ist, daß oft in den Details des Lebens, in den scheinbar unbedeutendsten Momenten des Lebens, die größten Wahrheiten des Lebens stecken.

Ich mache Filme über die kleinsten Ereignisse im Leben, über Ereignisse, die nicht wichtig sind. Wenn du zum Beispiel ein Taxi nimmst, ist das Wichtigste zu wissen, von wo du abfährst und wohin du willst. Um genau das geht es in meinem neuen Film, ich konzentriere mich auf die reine Fahrt und die Beziehung der Leute im Taxi untereinander. Vielleicht ist alles, was ich sagen will, wenn überhaupt, daß in den Dingen, die wir als unwichtig, langweilig, mondän und sehr gewöhnlich erachten, die eigentlich reicheren Erfahrungen des Lebens liegen. Vielleicht sind sie deshalb so reich, weil wir sie links liegen lassen, weil wir ihnen keine Bedeutung beimessen. Vielleicht macht gerade das ihre Schönheit aus.

Gibt es ein System für die Reihenfolge der Geschichten im Film? Warum die melancholischste Episode am Ende des Films?

JARMUSCH: Der Film folgt einer ganz bestimmten Ordnung, wir überqueren Zeitzonen. Die Geschichten ereignen sich gleichzeitig. Der Film beginnt in L.A. um 7 Uhr abends, und er endet in Helsinki, wo die Geschichte um fünf Uhr beginnt. Wenn es in Helsinki fünf Uhr morgens ist, ist es in L.A. sieben Uhr abends. Wir folgen also einer geografischen Zeitzone, damit sich die Geschichten des Films gleichzeitg abspielen können. Das ist der Grund für die Reihenfolge.

Sie haben Ihren Film John Cassavetes gewidmet…

JARMUSCH: Nein. Wie kommen Sie darauf?

Mir war so, als hätte ich es im Abspann gelesen. – Kann es sein, daß Sie Frederick Elmes als Kameramann verpflichtet haben, weil er auch “The Killing of a Chinese Bookie” gedreht hat?

JARMUSCH: Ich bin sehr glücklich, daß ich mit Frederick arbeiten konnte. Es hat mit seiner Arbeit, mit seiner Erfahrung, mit seiner Art, wie er als Kameramann an Filme herangeht, zu tun. Er achtet vor allem auf den wesentlichen, emotionalen und inneren Zusammenhang der Geschichte, er gehört nicht zu denen, die die Geschichte lesen und ihr dann sofort einen visuellen Stil überstülpen wollen. Er fängt von innen an und arbeitet sich nach außen. Das ist etwas, was ich sehr mag. Robby Müller arbeitet auch so. Die Zusammenarbeit mit Fred war eine gute Erfahrung. “The Killing of a Chinese Bookie” ist eine Handkamera-Arbeit, sehr emotional, sehr stark, und sehr, sehr verschieden zu “Eraserhead”, den Fred auch gedreht hat. Fred Elmes hat keine erkennbare Handschrift, er findet, was für die Geschichte notwendig ist. Seine Vielseitigkeit und seine Konzentration auf das Wesentliche der Geschichte sind ihm wichtiger als Wie soll der Film aussehen? oder Wie kann ich dem Film meinen Stempel aufdrücken?. Darum kümmert er sich nicht,

Wie haben Sie Armin Mueller-Stahl gefunden?

JARMUSCH: Durch’s Telefon. (lacht) – Ich habe ihn zuerst in den zwei Fassbinder-Filmen gesehen. Dann habe ich mit ihm telefoniert und mit ihm über das Drehbuch gesprochen und ihm danach die New-York-Episode geschickt und danach nochmals mit ihm telefoniert. Erst nachdem er interessiert schien an dem Film und an dem Charakter, den er spielen sollte, – was mich sehr glücklich machte, – schaute ich mir seine beiden amerikanischen Filme, “Music Box” und “Avalon”, an.

Gibt es noch andere deutsche Schauspieler, die Sie kennen und die Sie vielleicht irgendwann einmal in einem Ihrer Filme einsetzen wollen?

JARMUSCH: Ich mag sehr gerne Bruno Ganz, ich mag Hans Zischler. Es gibt in Deutschland eine Menge großer Theaterschauspieler. Ich hätte gerne die Chance mit einigen zu arbeiten. Otto Sander mag ich auch,

Kennen Sie diese Schauspieler von den Wenders-Filmen?

JARMUSCH: Von den Wendersfilmen und anderen.

Bei Roberto Benigni hat man immer das Gefühl: Wenn ihn niemand zügelt, ist er total overacted. Wie schwer war es, ihn im Zaum zu halten?

JARMUSCH: Ja, es gibt diese Schwierigkeit. Er ist besonders stark, wenn man ihn sich ganz selbst sein läßt. Man muß halt dafür sorgen, daß er nicht total über die Stränge schlägt. Das ist etwas kompliziert, aber ich denke nicht, daß es ein Problem ist. Man muß sich nur darüber im klaren sein. In Fall von “Night on Earth” wollte ich von Roberto, anders als bei “Down by Law”, wo er englisch sprechen mußte, also eine Sprache, die er nicht beherrscht, daß er sich nicht zurückhält. Ich wollte, daß er so richtig aus sich rausgeht. Ich hatte ihn zwar noch am Zügel, aber ich gab ihm viel mehr Freiheit als in “Down by Law”.

Alle fünf Episoden leben vom Zusammenspiel der Darsteller. Wieviel Spielraum für Improvisationen hatten die Schauspieler beim Drehen?

JARMUSCH: Den gab es in hohem Maße. Roberto Benigni zum Beispiel wollte ich, wie schon gesagt, viele Freiheiten geben. Es ist allerdings so, daß fast alle Improvisationen während der Proben entstanden sind, nicht vor der Kamera. Ich habe nämlich nicht die Zeit, den Luxus und das Budget, um endlos improvisierte Szenen zu drehen. Ich mag das Improvisieren während der Proben, wenn wir kein Geld verschwenden dadurch, daß Film durch die Kamera läuft.

Was ist Ihnen wichtiger im Film: Handlung oder Darstellung?

JARMUSCH: Sie sind beide sehr wichtig, man kann sagen gleichberechtigt. Wenn Sie aber den Plot einer Geschichte meinen, der ist für mich nicht so bedeutend. Wichtig sind für mich die Charaktere. Und Darstellung schafft erst die Charaktere. Die Zusammenarbeit zwischen mir als Regisseur und Drehbuchautor und dem Schauspieler als Interpret ist die Voraussetzung, um einen Charakter zu kreieren. Das ist das Wichtigste. Die Darstellung ist also wichtiger als die Geschichte. Aber wenn sie keine gute Geschichte oder Probleme mit der Geschichte haben, kann ihnen auch keine gute Schauspielerleistung helfen. Deshalb kann ich nicht behaupten, daß die Geschichte keine Bedeutung hätte.

Es gibt in Ihrem neuen Film viele kleine Hinweise, die man als

Tributes verstehen kann an Personen, die Sie mögen (z.B. Otto Grokenberger, John Cassavetes oder die Kaurismäki-Brüder). Ist das richtig?

JARMUSCH: Erwähnen Sie jetzt John Cassavetes, weil Gena Rowlands in dem Film mitspielt. Das ist ihr gegenüber unfair.

Nein, ich meine auch wegen der Atmosphäre, wegen der Taxifahrten und anderen Dingen.

JARMUSCH: Das ist nicht bewußt so. Die einzigen bewußten Reverenzen sind an die Kaurismäki-Brüder und Otto Grokenberger.

Verglichen mit den Specialeffektfilmen aus Hollywood sind Ihre Filme sehr altmodisch. Wie würden Sie Ihren Anspruch als Filmemacher definieren?

JARMUSCH: Die machen das wunderbar. Glauben Sie mir, ich sehe mir diese Art Filme sehr gerne an. Das sind Leute, die wissen, wie Filme gemacht werden. Ich versuche Filme zu machen, die aus mir selbst herauskommen, und das sind halt kleinere, minimalere Filme, mehr charakter- und weniger effekteorientiert. Das sind nun mal meine Präferenzen.

Wenn Sie 50 Millionen Dollar zur Verfügung hätten, würden sie keinen 50-Millionen-Dollar-Film machen wollen?

JARMUSCH: Nein, ich würde damit 25 Filme machen.

In einem Interview mit Casandra Stark Anfang der achtziger Jahre haben Sie gesagt, Sie würden sich beim Filmemachen am meisten für die Form, das Design und die Struktur interessieren. Ist es für Sie eine Herausforderung, neue, zeitgemäße Ausdrucksformen zu finden?

JARMUSCH: Ich weiß nicht, ob sie so modern sind. In einer Ihrer vorherigen Fragen haben Sie sie als altmodisch bezeichnet. Ich weiß nicht genau, wie ich diese Frage beantworten soll. Ich mache Dinge, die für mich formal interessant sind. Und wenn ich denke, das ist eine gute Form für die Geschichte und die Charaktere, dann habe ich auch Lust, eine gewisse Zeit damit zu verbringen.

Im übrigen kann ich mich nicht daran erinnern, das gesagt zu haben. Um es nochmals zu sagen, ich bin mehr an den Charakteren als an der Form interessiert. Mich interessiert, was zwischen den Leuten passiert. Trotzdem ist die Form für mich sehr interessant. Ich bin immer an neuen Formen interessiert und der Art, wie Leute diese neuen Formen erreichen. Ich bin kein sehr avantgardistischer Filmemacher. Ich bin irgendwo dazwischen. Ich bin schließlich auch kein kommerzieller Filmemacher.

Wer weiß, vielleicht ist das Altmodische heute schon wieder Avantgarde?

JARMUSCH: Vielleicht ist es so.

Sie wollten früher Schriftsteller werden, haben dann Literatur studiert, in Deutschland habe ich in einer Zeitschrift Gedichte von Ihnen gelesen. Wird es irgendwann von Ihnen auch ein Buch geben?

JARMUSCH: Ich habe im Augenblick diesbezüglich keine Pläne. Vielleicht ist es irgendwann denkbar. Aber im Moment arbeite ich an nichts, was man in seiner endgültigen Form als Literatur bezeichnen könnte.

Die Message des jüngsten Wendersfilm ist, daß die letzte Hoffnung nur in der Literatur liegt. Haben Sie darüber mit ihm gesprochen?

JARMUSCH: Wir werden sicherlich mit Bildern überschwemmt. Wir werden mit Bildern bombardiert. Und das erreicht vielleicht einen Punkt, wo es sich negativ auswirkt. Ursachen sind dafür in erster Linie Fernsehen und Video. Wie man junge Leute allerdings wieder zum Bücherlesen kriegen soll, das weiß ich auch nicht, weil sie ihre gesamte Freizeit mit Fernsehen und Video und Videospielen verbringen. Für mich war und bleibt Literatur sehr wichtig, auch als Inspirationsquelle für meine Phantasie. Warum allerdings jetzt auch die Musik visualisiert werden muß durch Videoclips, weiß ich beim besten Willen nicht. Es wird den Leuten einfach auf’s Auge gedrückt und sie akzeptieren es. Inwieweit das die Welt verändert, ob das katastrophale Auswirkungen haben wird, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie man darauf reagieren soll?

Berlin, 12.11.1991