Sex als Leistungssport mag ich nicht

„Mystery Train“ heißt der neue Film von Jim Jarmusch. Anläßlich der bevorstehenden Deutschlandpremiere war der stets schwarzgekleidete Kultregisseur in Hamburg. Dort hat sich Wolfgang Rüger mit ihm getroffen.

RÜGER: Die Erzählweise in “Mystery Train” ist außergewöhnlich. Sie haben darauf verzichtet, die Parallelhandlungen ineinanderzumontieren, die drei Geschichten stehen jetzt nebeneinander wie bei einem Triptychon. Mich hat diese Erzählweise ein bißchen an Kurosawas “Rashomon” erinnert. Warum haben Sie auf eine herkömmliche Montage verzichtet?

JARMUSCH: Es war eigentlich kein bewußter Verzicht, vielmehr war es so, daß ich für mich entschieden habe, daß es nicht linear verläuft. Meine anderen Filme beginnen mit Charakteren und folgen ihnen geradlinig. Ich wollte etwas machen, das mit der Zeit spielt. Das ist nur zu meiner eigenen Unterhaltung, um daran weiter interessiert zu bleiben. Ich wollte keinen Film machen, der nur A, B, C … ist. So kam ich irgendwie zu guter Letzt auf die Idee mit der Simultanität von drei Geschichten, die zur selben Zeit am selben Ort passieren, und von denen sich trotzdem keine mit der anderen überschneidet. Erst kommt die erste, dann die zweite, dann die dritte.

Wie das dann alles kam, ist sehr kompliziert. Ich weiß das selbst nicht genau. Ich weiß nur, daß ich, bevor ich anfing, das Drehbuch zu schreiben, ein Buch von William Faulkner gelesen hatte: “Wild Palms”. Die Form dieses Buches ist nicht identisch mit der meines Filmes, aber sie war wirklich eine Inspiration. Es ist ein Buch mit zwei verschiedenen Geschichten, die nicht ineinanderlaufen, sie wechseln sich von Kapitel zu Kapitel ab. In Wirklichkeit war das nicht mal Faulkners Absicht, er schrieb sie getrennt, ich schätze, es war die Idee des Verlegers, sie zu durchsetzen. Aber ich liebe die neuen Antworten dieser Struktur. Das hat mich wirklich inspiriert. Eine wirklich ausgefallene Idee. Das Buch ist einfach sehr stark. Das ist die eine Sache, die mich beeinflußt hat. Auf der anderen Seite waren es die Filme von Max Ophüls, die ich sehr mag.

“Mystéry Train” ist von JVC, einer Videofirma, produziert. Gab es irgendwelche Probleme mit der Produktionsfirma, und welche Vor- oder Nachteile hat es, wenn Kinofilme von einem Videohersteller produziert werden?

JARMUSCH: Gut, man kann eine solche Sache nicht verallgemeinern. Jede Firma hat da ihre eigene Politik. Meine persönliche Erfahrung ist begrenzt auf die mit JVC. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich keine Nachteile hatte. JVC hat das Geld für den Film besorgt und hielt sich ansonsten aus jeder Entscheidung heraus. Sie sagten zu mir: “Wir sind Geschäftsleute, Du bist der Filmemacher. Wir haben noch keine Filme gemacht, aber wir haben Geld. Wir geben Dir das Geld, wir vertrauen Dir, mache den Film, den Du willst.” Es war ideal für mich, ich hatte keine Nachteile mit dieser spezifischen Erfahrung. Ich war sehr glücklich mit dieser Situation.

Sie hatten nicht mal die Forderung, daß ich japanische Charaktere im Film haben sollte. Das war in meinem Skript lange bevor sie es gelesen haben. Sie haben in keinster Weise Anregungen gegeben, was die Besetzung, den Filmschnitt oder sonst etwas angeht. Sie sagten: “Wir wissen, daß Du gute Filme machst, wir mögen diese Filme, mach den Film hier.”

JVC hat also auch nichts damit zu tun, daß “Mystery Train” in Farbe ist. Sie haben einmal gesagt: die Seelenlage meiner Helden ist schwarzweiß.

JARMUSCH: Mein erster Film, “Permanent Vacation”, ist in Farbe. Ich habe bisher vier Filme gemacht, zwei in Farbe, zwei in schwarzweiß, Langfilme. Ob ein Film in Farbe oder schwarzweiß gedreht wird, ist einzig meine Entscheidung, niemand kann mir sagen, was ich zu tun habe. Als ich auf der Suche nach Geld für “Down by law” war, sagten sie mir in Los Angeles, “Nein, nein, Du mußt das in Farbe machen”, Und ich sagte, “nein, das muß in schwarzweiß sein”.

Wenn ich schreibe, schreibe ich sehr bildlich, ich stelle mir schon beim Schreiben vor, wie der Film aussehen wird. Meine Entscheidungen fallen also schon sehr früh, wenn ich anfange zu schreiben. “Mystery Train” sah ich immer in Farbe, und zwar in einer ganz besonderen Art von Farbe. Es war also nicht die Entscheidung des Produzenten. In meinem Fall würde ich das auch gar nicht zulassen,

In Ihren Filmen gibt es, chronologisch betrachtet, eine Bewegung vom Norden (New York) in den Süden (Florida, New Orleans, Memphis). Walt Whitman hat diese Reise auch gemacht und sich dabei seine wichtigsten Inspirationen geholt. Walt Whitman taucht als Zitat in “Down by law” auf. Hat Sie Walt Whitman in irgendeiner Weise inspiriert?

JARMUSCH: Er hat mich selbstverständlich inspiriert. Es ist nicht bewußt geschehen, ich bin nicht Whitmans Wurzeln gefolgt, aber Walt Whitman ist ein großer amerikanischer Dichter, ich liebe Walt Whitmans Gedichte. Aber ich liebe auch eine Reihe anderer Dichter. Ich mag Hart Crane, der aus Cleveland stammt, ich mag Wallace Stevens, viele Dichter, Frank O’Hara. Es ist also nichts Bewußtes, aber ich mag es sehr, daß Sie mich fragen, ob er mich inspiriert hat, statt zu fragen, ob er mich beeinflußt hat. Er hat mich auf jeden Fall inspiriert, genauso wie viele andere amerikanische Schriftsteller, Maler und Filmemacher das getan haben. Walt Whitman ist allerdings besonders wichtig.

Der Süden gilt als Synonym für Puritanismus, Konservativismus und Reaktion, aber auch für Lebensfreude, Sinnlichkeit und Freizügigkeit. New Orleans ist die malerischste und kosmopolitischste Stadt der Welt.

Dort beherrscht eine Mischung aus Alter und Neuer Welt das Straßenbild, es regiert eine Sprachenvielfalt. Memphis ist ein geografischer und kultureller Knotenpunkt, außerdem steht dort die Wiege des Rock’n’Roll. Sind das die beiden Städte, die den Süden für Sie trotzdem akzeptabel machen?

JARMUSCH: Ja. Nebenbei bemerkt, das ist eine wunderschöne Frage. Ich bin mit allem einverstanden. Sie können meine Interviews für mich machen (lacht).

Es gibt für mich zwei äußerst interessante Städte in den Südstaaten. New Orleans ist für sich wirklich eine eigene Welt, die Stadt scheint kein Teil der USA zu sein. Sie haben das besser gesagt. Und Memphis, weil es ein Knotenpunkt ist, ist geschichtlich sehr bezeichnend für Amerika: für die Musikkultur, für die Bürgerrechte und Rassenbeziehungen in Amerika. Diese beiden Städte sind also vielleicht tatsächlich die zwei interessantesten Städte für mich, aber Sie müssen berücksichtigen, daß ich jeden Film geschrieben habe, bevor ich je in diesen Städten gewesen bin. Vielleicht gibt es andere Städte, diese sind die sagenhaftesten Städte. Sie haben meine Aufmerksamkeit erregt, ohne daß ich wirklich etwas über sie gewußt hätte. Es mag andere Städte im Süden geben, die sehr interessant sind, aber diese beiden sind für mich eine Art Schlüsselstädte.

Norman Mailer hat geschrieben: Jazz, damit meint er die Musik der Schwarzen, ist Orgasmus, ein Ausdruck von Freude, Sehnsucht, Wollust, Not, Tollheit, Groll. Sehen Sie das auch so?

JARMUSCH: Ich denke nicht, daß ich mit Norman Mailer rundweg übereinstimme. Ich meine, in einer gewissen Weise klingt alles rassistisch, was er sagt. Es klingt immer so, als würde er sagen, die Schwarzen unterscheiden sich total von den Weißen. Das ist absolut nicht meine Meinung. Ich meine, die schwarze amerikanische Musik ist vielleicht der größte Beitrag, kulturell gesehen, den Amerika der Welt gegeben hat. Aus dem Blues hat sich der Rhythm’n’Blues entwickelt, aus dem R’n’B entstand der Rock’n’Roll, und natürlich zusammen mit der Countrymusik hat sich aus allem hieraus der Rock’n’Roll ergeben.

Alles, was ich damit sagen will, ist, daß schwarze amerikanische Musik, selbst das Wort schwarze Musik ist irgendwie rassistisch, aber wirklich, also die Musik, die aus der schwarzen amerikanischen Kultur kommt, ist für mich der größte Beitrag, den Amerika diesem Planeten gegeben hat. Amerika hat andere große Beiträge in der Literatur, in der Malerei, im Design, in der Architektur geleistet, aber das Herz von allem ist die Musik.

Ich mag Norman Mailers Zitat nicht, weil es klingt, als wären schwarze Menschen anders als weiße Menschen. Die Verhältnisse sind andere; die Situation der amerikanischen Schwarzen ist sehr verschiedenen von denen der amerikanischen Weißen, aber Menschen sind Menschen. Ihre Situation mag unterschiedlich sein, aber ihre Seelen sind nicht verschieden.

Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben? Jeder Ihrer Filme hat auf irgendeine Art etwas mit Musik zu tun. Musiker werden als Schauspieler eingesetzt, Musikstücke sind leitmotivisch verwendet.

JARMUSCH: Ich liebe Musik, ich liebe alle Arten von Musik. Ich mag Musik, weil sie eine Art von nonverbaler Kommunikation ist, selbst wenn sie Text und Gesang hat. Sie ist universell. Du kannst einen Chuck-Berry-Song australischen Eingeborenen oder Menschen in Afrika oder Chinesen oder womöglich Menschen von anderen Planeten vorspielen, und er wird immer die gleiche Art von Auswirkung haben.

Ich mag Musik, weil sie auf gewisse Weise die reinste abstrakte und trotzdem pure Form der Kommunikation zwischen Menschen ist. Ich höre der Musik, allen Arten von Musik zu, ich mag verschiedene Typen von Musik, ich mag nicht alle Musik, aber sie ist sehr wichtig für mich, weil sie mir eine Menge Inspiration gibt, weil sie die Möglichkeit beinhaltet, sofort mit Menschen in Kontakt zu treten. Wenn zum Beispiel jetzt ein Drummer ins Zimmer käme, und wir würden ihm eine Gitarre in die Hand drücken, er könnte sich uns gegenüber sofort ausdrücken. Um einen Film zu machen, braucht man so viel Zeit, muß auf viele Dinge achten, Technik undsoweiter.

Ich habe diesen Film vor zwei Jahren angefangen, und nun spreche ich darüber mit Menschen, die ihn jetzt erst sehen. Für mich ist das etwas Altes. Musiker können sich immer sofort ausdrücken, das ist etwas Großartiges.

Wie funktioniert die Arbeit mit Leuten wie John Lurie, Tom Waits, Screaming Jay Hawkins, Rufus Thomas, Richard Edson, Joe Strummer, die eigentlich keine Schauspieler sind?

JARMUSCH: Ich denke, es gibt keinen allgemein gültigen Weg, um mit Schauspielern zu arbeiten. Du mußt immer einen Weg finden, um mit jedem Schauspieler individuell zusammenzuarbeiten, deshalb mag ich die Mischung aus verschiedenen Erfahrungsebenen im gleichen Film. Ich habe mit Schauspielern gearbeitet, die sehr erfahren waren, und ich habe mit Schauspielern zusammengearbeitet, die nie zuvor gespielt hatten. Ich mag diese Unterschiede, sie bringen etwas in den Film. Meine Filme sind beides, auf der einen Seite gewissermaßen dilettantisch, Sie wissen, wie Amateurfilme, und auf der anderen Seite sind sie sehr kompliziert (sophisticated). Ich versuche nicht, diese Dinge zu verstecken, ich mag es, wenn sie nebeneinander existieren. In der gleichen Weise mag ich Schauspieler mit verschiedenen Erfahrungen, die nebeneinander im Film agieren. John Cassavetes hat das auch so gemacht, einige der italienischen Neorealisten waren an Nichtschauspielern interessiert, genauso Bresson. Ich mag die Mischung. Ich mag es, mit jedem Schauspieler individuell zu arbeiten. Jeder Charakter ist eine Zusammenarbeit zwischen mir, dem Schreiber/ Regisseur, und ihnen als Schauspieler. Zusammen kreieren wir einen Charakter.

Was schätzen Sie an John Luries Musik am meisten? Ist er der ideale Filmmusikkomponist für Ihre Filme? Geben Sie ihm Vorgaben beim Komponieren?

JARMUSCH: Wir fangen zusammen mit einer bestimmten Idee an. Wir diskutieren, weil er wissen möchte, welchen Musikstil ich mir in diesem Film vorstelle, welche Intention ich habe. Wir haben eine Menge Diskussionen. Aber wenn ein gewisser Punkt erreicht ist, vertraue ich ihm voll und ganz, und er kann machen, was er für richtig hält. Wenn er dann die Musik aufnimmt, möchte er, daß ich im Studio dabei bin, um noch Anregungen geben zu können. Er ist sehr offen für Meinungen, aber im Gegenzug vertraue ich ihm sehr. Wenn er nicht ganz sicher ist, und ich nicht ganz sicher bin, vertraue ich ihm. Ich mag es nicht, ihn zu etwas zu zwingen. Für mich ist er der ideale Komponist für meine Arbeit, weil wir uns vor allem sehr gut kennen, außerdem glaube ich, daß er ein großer Filmmusikkomponist ist. Er weiß genau, wo die Musik im Film sitzen muß. Er mag genauso wenig wie ich Filmmusik, die dem Publikum sagt, was es fühlen soll. “Das ist ein dramatischer Augenblick dadaratata”, Sie wissen, er möchte nicht diese Art Musik. Wir sind uns in diesem Punkt total einig.

Es kann sein, daß ich irgendwann mal mit anderen Leuten arbeiten werde. Aber ich arbeite sehr gern mit John zusammen, und darüber bin ich auch sehr glücklich. Sollte ich mit jemandem anderen zusammenarbeiten, so um dazuzulernen oder um etwas anderes zu probieren. Aber wir werden auch in Zukunft selbstverständlich weiter zusammenarbeiten.

Ihr Musikgeschmack in Ihren Filmen ist eher rückwärts gerichtet, Sie mögen Jazz, Rock’n’Roll, Rhythm’n’Blues. Sie selbst waren Mitglied der Del-Byzanteens, die eher avantgardistische Musik gemacht haben. Wie kommt das?

JARMUSCH: Eine Gruppe ist eine Synthese aus jedermanns Geschmack. Sie dürfen nicht meinen Geschmack am Geschmack der Del-Byzanteens messen. Wenn es meine Gruppe gewesen wäre, wäre sie ganz anders gewesen, sie wäre sehr viel rauher gewesen. Ich mag härtere Sachen. Aber eine Gruppe ist wie eine Beziehung, wenn du eine Freundin hast, mußt du bei gewissen Dingen Kompromisse machen oder es funktioniert nicht. Bei einer Gruppe ist es nicht anders, es sind sogar mehr als zwei Leute. Es ist nicht so sehr meine Ästhetik, in Wirklichkeit haben die Del-Byzanteens nie ihr Potential erreicht, in Wahrheit war für mich das Album bei weitem nicht so gut wie die EP. Ich habe da selbst gemischte Gefühle, was die Del-Byzanteens betrifft. Sie sind immer noch meine Freunde, und ich bin glücklich für die Erfahrung, die ich mit ihnen machen konnte, aber es ist nicht meine Musik.

Aber ist es richtig, wenn ich sage, Ihr Musikgeschmack ist rückwärts gerichtet?

JARMUSCH: Alle Musik in “Mystery Train” ist in Memphis aufgenommen, da ist Elvis, Otis Redding, Roy Orbison, Junior Parker, Bobby Bland, die Bar-Kays, Rufus Thomas. Aber es ist alles aus Memphis. Ich denke nicht, daß das rückwärts gewandt ist. Gute Musik bleibt gut, Robert Johnson hat seine Bluesnummern in den Vierzigern aufgenommen, dieser Stoff wird noch in tausend Jahren gut sein, eben weil er gut ist.

Ich bin mehr an dem interessiert, was eindrucksvoll ist und eindrucksvoll bleibt. The Clash zum Beispiel, eine Gruppe, die ich sehr mag. The Clash wird noch in tausend Jahren groß sein, während Duran Duran wahrscheinlich von der Bildfläche verschwunden sein werden. Hoffentlich. Ich bin nicht an dem interessiert, was modisch ist, ich bin an dem interessiert, was dich trifft, was dich bewegt.

Glauben sie an eine Utopie, an ein Paradies? Ihre Protagonisten sind keine großen Optimisten. Allie aus “Permanent Vacation” sagt: „Nun, nachdem ich weg bin, wünsche ich mich an den Ort zurück, von dem ich weg ging.“ Und Eddie aus “Stranger than Paradies” erkennt: „Komisch, du kommst an einen neuen Ort und alles sieht genau gleich aus.”

JARMUSCH: Ich glaube an keinerlei Utopie. Ich denke, die traurigste, Sie wissen: „It’s a sad and beautiful world”, die traurigste und gleichzeitig schönste Sache dieses Planeten ist die Mannigfaltigkeit der Kulturen. Es ist die schönste Sache, weil wir so viele verschiedene Kulturen haben, es ist ein solch reicher kleiner Planet, wir haben so viele verschiedene Wege des Denkens und des Handelns und des Reagierens. Das ist etwas wirklich Großes für mich. Auf der anderen Seite ist es für mich etwas sehr Trauriges, daß dieser Planet in so kleine Gruppen abgegrenzt ist. Ich glaube, daß Utopien nicht möglich sind, ohne daß man die schönsten Dinge zerstört. Es ist ein Widerspruch, es ist ironisch, it’s just the way it is, you know.

Whitman verkündet in “Song of Open Road”, daß das Leben gut ist, wenn es gelöst ist aus allen Grenzen und eingebildeten Linien. Ein Satz, den auch viele Ihrer Protagonisten sagen könnten?

JARMUSCH: Das ist sehr abstrakt, es kommt auf den Zusammenhang an. In einem abstrakten Sinn, ja. Andererseits besteht Leben für mich aus verschiedenen kleinen Dingen, die sehr wichtig sind. Ein Spaziergang zum Beispiel oder mit jemandem Kaffee zu trinken kann ein solch starker Kick sein. Es sind gerade die kleinen Dinge, die so wichtig sind. Deshalb handeln meine Filme von diesen kleinen Alltäglichkeiten. In meinen Filmen kommen gerade die kleinen Momente vor, die andere aus ihren Filmen herausnehmen. Ich nehme dafür die Momente aus meinen Filmen, die sie in ihre hineinnehmen, dramatische Momente. Können Sie mir nochmals die Frage stellen?

Walt Whitman sagt, das Leben ist gut, wenn es losgelöst ist aus allen Grenzen und eingebildeten Linien.

JARMUSCH: Das ist groß: eingebildete Linien. Weil das Hauptinteresse der Institutionen, der Regierungen Kontrolle ist. Wenn Walt Whitman eingebildete Linien sagt, dann ist das genau so, weil sie nur da sind, weil man dir erzählt, daß sie da sind. Wenn du dich aber weigerst, sie dir vorzustellen, dann sind sie weg.

Nicholas Rays letztes Filmprojekt hatte den Arbeitstitel “We can’t go home again”, der Titel könnte auch ein Stück weit Programm für Ihre Filme sein. Keiner Ihrer Protagonisten hat eine wirkliche Heimat, ein richtiges Zuhause, Wie sind Sie zu dieser Thematik gekommen?

JARMUSCH: Ich weiß nicht. Nicholas Ray hatte einen Arbeitstitel für alle seine Hollywoodprojekte, den er immer und immer wieder benutzte, er lautete “I ‚m a stranger here myself”. Ich denke, das ist ein schöner Titel, und ich hätte mir gewünscht, daß er einen Film mit diesem Titel gemacht hätte, aber auf der anderen Seite ist es auch poetischer und richtiger, daß er es nie getan hat.

Ich weiß nicht, ich empfinde so. Ich mag es, ein bißchen desorientiert zu sein, ich mag das Unterwegssein, ich mag das Mißtrauen gegenüber diesen Linien, die Walt Whitman als eingebildete bezeichnet. Sobald du eine Art dieses Argwohns hast, du … was wichtig ist, was passiert mit dir im Moment und wenn du an deine Heimat denkst, ich meine, ich habe ein Zuhause, ich lebe in New York, auch wenn ich dort nicht geboren wurde, und ich … das ist eine schwierige Frage. Ich meine, was war die Frage, ich habe den Faden verloren.

Keiner Ihrer Protagonisten hat eine wirkliche Heimat, ein richtiges Zuhause.

JARMUSCH: Ich weiß nicht. Ich mag es, diese eingebildeten Linien zu vermeiden. Ich mag es nicht, Filme zu machen, die vorhersagbar sind, deshalb bewegen sich meine Charaktere auch außerhalb von Richtlinien, sie sind keine Mainstreamzombies. Sie kennen sich selber nicht genau, und wissen auch nicht, wo ihr Platz ist. Ich mag das, es ist eine Ablösung von diesen eingebildeten Linien, die behaupten, daß jedermann ehrgeizig sein muß, daß jedermann nach Erfolg jagen muß, daß jedermann reich sein will, daß jedermann materielle Dinge haben muß, daß jedermann in der Gesellschaft prominent sein möchte. Meine Charaktere stellen sich das gar nicht vor, was für mich wichtig ist, denn sonst würde ich sie nicht mögen. Ich muß sie ja schreiben.

Ihre Personen kommen aus dem Nichts und gehen in das Nichts. Sie haben keine Vergangenheit und keine Zukunft, bloß eine Gegenwart, die genau so lange dauert wie der Film. Was wollen Sie mit Ihren Filmen zeigen, gibt es eine Message in Ihren Filmen?

JARMUSCH: Meine Filme haben keine Message. Meine einzige Message ist, wie ich vorhin schon mal sagte, daß oft die kleinen Momente im Leben die wichtigsten sind. Die Dinge, die dir zufällig passieren, haben oft die größte Auswirkung auf dein Leben. Selbst wenn du versuchst, alles zu planen, haben diese Dinge danach irgendwie weniger Wichtigkeit. Ich denke, wir sollten uns mehr von dem berühren lassen, oder anders gesagt, ich bin mehr von dem betroffen, mehr an dem interessiert, was für viele Leute der Raum zwischen den Dingen ist. Ich glaube, man kann wirkliche Schönheit und Wichtigkeit in diesen kleinen Räumen finden. Zum Beispiel sagen in meinen Filmen und im wirklichen Leben oft mehr als der Dialog über den Charakter eines Menschen die Dinge, die zwischen den Dialogen passieren. Das ist gewissermaßen meine ästhetische Führungslinie: Achte auf die Dinge, die dazwischen passieren.

In Japan, in China gibt es dafür ein Wort, im Japanischen heißt das MU, es bedeutet ungefähr, man kann es nicht übersetzen, es ist etwas Philosophisches, das, was zwischen allem anderen ist. Es ist eine Art Zen. Ich fühle mich der Idee dieses MU sehr verwandt, der Raum zwischen allem ist so wichtig, oder wie man’s auch definieren könnte: was dort ist, muß gefunden werden und nicht, was nicht ist.

In Ihren Filmen spielt Musik eine große Rolle, in jedem Ihrer Filme sind die Protagonisten Leser, manche Einstellungen scheinen mir inspiriert von niederländischen Malern. Sind Sie ein universell interessierter Mensch?

JARMUSCH: Vorneweg, ich mag es, die Musik in meinen Filmen so einzusetzen, daß sie auch von den Charakteren im Film gehört werden kann. Jeder Song, der im Film zu hören ist, wird auch von den Charakteren gehört. Ich mag es nicht, wie das so oft in anderen Filmen vorkommt, wenn die Musik über ein Bild geklatscht wird, nur für’s Publikum gedacht. Die Charaktere fahren im Auto, aber sie hören diese Musik nicht. Ich mag Musik, die etwas aussagt über das Innenleben der Charaktere und gleichzeitig Atmosphäre erzeugt.

Ob ich universell interessiert bin? Ich denke, daß es sehr traurig ist, wenn Leute, die sich auf eine Form wie Film konzentrieren, sich nur für Film interessieren. Warum ich das Kino vor allen Dingen liebe? Weil es so viele Dinge beinhaltet. So viele andere Formen wie zum Beispiel das Theater. Es beinhaltet das Schauspielen, das Proben, etwas Inszenieren; es beinhaltet auch Malerei, das Photografieren oder Komponieren, weil Film auch bildmäßig komponiert wird; es beinhaltet Literatur, weil der narrative Film, anders als ein abstrakter Film, eine Erweiterung von Literatur ist, es ist das Erzählen einer Geschichte. Literatur kommt daher, daß zuerst Menschen um ein Feuer herumsaßen und sich Geschichten erzählt haben, dann gab es die epische Dichtung, dann kam das Theater, der Roman, was eine ziemlich neue Form ist, und dann das Kino, das eine andere Form von Literatur ist. Und Film ist auch Musik, weil wenn du einen Film schneidest oder anschaust, hat er von Anfang bis Ende einen Rhythmus und du mußt dich in diesen Rhythmus hineinbegeben und ihm folgen,

Natürlich haben wir Video, das du nach Belieben ein- und ausschalten kannst, aber die tatsächliche Idee ist doch, daß du einen Film von Anfang bis Ende anschaust, und deshalb ist der Film komponiert wie ein Musikstück. Der Film hat einen Rhythmus. Seit das Kino all diese Sachen beinhaltet, denke ich, wenn du am Filmemachen interessiert bist, oder wenn du Maler bist oder Schriftsteller, dann solltest du Filme anschauen, Bücher lesen, Gedichte lesen, das Theater beachten, du solltest Musik hören, du solltest Leute studieren. Für mich ist das Beobachten von Leuten die größte Inspirationsquelle, Zuhören und Beobachten, all diese Dinge formen das Kino. Ich denke nicht, daß man, wenn man Filme machen will, nur Filme anschauen sollte. Die Inspiration kommt von überall.

Sie haben längere Zeit in Europa gelebt, hat das Ihre Sicht auf die USA geprägt, wird man dadurch kritischer gegenüber der eigenen Heimat? Was sind für Sie die Hauptunterschiede zwischen den USA und Europa?

JARMUSCH: Meine Europaaufenthalte haben sich auf meine Sicht auf die USA in einer positiven Weise ausgewirkt, weil sie mir mehr Klarheit gegeben haben. Ich denke, daß ich die USA jetzt besser verstehe, weil ich sie von außerhalb sehen konnte. Wenn du in Amerika lebst und nie herauskommst, hast du eine nur sehr begrenzte Idee von dem, was Amerika ist. Viele Amerikaner denken, Amerika wäre das Zentrum des Universums, und alle anderen drumherum wären ein Dritte Welt Land. Was sehr verhängnisvoll ist.

Ich glaube, daß diese Sicht hilft. Sie hilft mir auf zwei Arten. Sie macht mich kritischer gegenüber den USA und ihrer Politik der Stärke, von der ich genug habe. Auf der anderen Seite hilft sie mir, Amerika zu lieben, weil ich die guten Dinge Amerikas vermisse, wenn ich nicht da bin, Ich vermisse sie nicht so stark, daß ich zurückgehen muß.  – Wie war der zweite Teil Ihrer Frage?

Was sind für Sie die Hauptunterschiede zwischen den USA und Europa?

JARMUSCH: Die USA sind ein Mischmasch der Kulturen, die aus aller Welt kommen. Europa hat das zwar auch, aber nicht im selben Ausmaß. Wenn du Deutscher bist, kannst du deine Wurzeln in Deutschland finden, tausend Jahre zurück. Wenn du Amerikaner bist, sind deine Wurzeln in Deutschland oder in Irland oder wo immer sie herkommen. Das ist ein Hauptunterschied.

Der andere Hauptunterschied ist für mich, daß es in Amerika eine Kultur der verfügbaren Dinge gibt. In Europa baust du eine Kathedrale, deren Bauzeit hundert Jahre beträgt, in der Absicht, daß sie die nächsten tausend Jahre überdauern wird. Wenn wir in Amerika ein Gebäude bauen, nehmen wir von vorneherein an, daß es nur die nächsten zehn Jahre stehen wird, dann muß es einem neuen Gebäude Platz machen, mit dem man mehr Geld verdienen kann. Amerika ist mehr am Hervorbringen interessiert. Es ist mehr an zeitlichen Dingen orientiert, die Sachen sind auch nicht so gut designed.

Auf der einen Seite mag ich die Idee, daß Sachen verfügbar sind, weil es den Besitz von Privateigentum weniger interessant macht, wer achtet schon auf seine Möbeleinrichtung, wenn sie sowieso irgendwie auseinanderfällt. Auf der anderen Seite vermisse ich die Tatsache, daß Amerika nicht an seine eigenen Erzeugnisse glaubt. Man sagt zum Beispiel: “Das ist ein Sommerfilm. Wir werden ihn im Sommer herausbringen.” Was wird in zehn Jahren sein? Der Film wird nicht mehr existieren.

Sind Ihre Europaaufenthalte dafür verantwortlich, daß in Ihren Filmen immer auch die Probleme von Immigranten und, wie jetzt im neuen Film, von Touristen behandelt werden?

JARMUSCH: Auf eine seltsame Weise, ja. Wenn ich nicht reisen würde, hätte ich nicht dieselben Elemente in meinen Filmen. Wenn ich schreibe, schreibe ich für bestimmte Charaktere. Wenn diese Person zum Beispiel Italiener ist, dann ist im Film dieser Charakter Italiener und bringt italienische Kultur in meine Geschichte. Es passiert also zufällig, weil ich reise. Ich sah in Japan Filme mit Youki Kudoh, ich traf Roberto Benigni und Nicoletta Braschi, ich traf Robby Müller zum ersten Mal in Holland. Weil ich reise, treffe ich verschiedene Leute und die beeinflussen dann meine Arbeit, zufällig. So wirkt sich das aus.

Wieso haben Sie in “Mystery Train” zwei junge japanische Touristen in den Mittelpunkt gestellt? Wollten Sie sich über eine typisch japanische Eigenart lustig machen?

JARMUSCH: Nein, überhaupt nicht. Daß die beiden Japaner sind, ist zweitrangig. Wenn Youki Kudoh Afrikanerin wäre, wären es Afrikaner gewesen. Wenn Nicoletta Braschi aus Polen käme, dann wäre ihr Charakter polnisch.

Es gibt keine wirklichen Sexszenen in Ihren Filmen, hat das bestimmte Gründe?

JARMUSCH: Es gibt in “Mystery Train” eine Liebesszene.

Aber es ist doch keine wirkliche Sexszene.

JARMUSCH: Sie machen Sex, also ist es eine Sexszene. Der Grund, warum ich Liebes- oder Sexszenen so ungern in meinen Filmen zeige, ist, weil ich eine Abneigung habe gegen die Art, wie Sex gewöhnlich auf der Leinwand behandelt wird. Sowohl in Europa als auch in Hollywood ist es dasselbe: “Ach, was sind wir für Sexathleten. Ach, was sind wir toll im Ficken.” Das ist für mich eine sehr begrenzte, eine reduzierte Sicht der Sexualität. Der Sex hat viele Varianten. Er ist erotisch, manchmal ist er lustig, manchmal ist er frustierend, manchmal ist er gut, manchmal nicht, manchmal ist er schnell, manchmal lang. Er ist sehr verschieden. Das ist die Schönheit an ihm. Was ich nicht mag, ist diese Einstellung: wir sind perfekte Athleten, Sex ist eine Funktion. Ich mag die Sexszene in “Mystery Train”, weil die beiden sehr unschuldig sind. Die Idee dabei war, daß sie nicht sehr gut im Sex sind, weil sie noch jung sind und es erst lernen müssen.

Dafür gibt es in jedem Film eine lange Tanzszene. Manchmal habe ich das Gefühl, sie ersetzen die Liebesszenen, zum Beispiel in “Down by law” der Tanz am Schluß zwischen Roberto und Nicoletta.

JARMUSCH: Das mache ich nicht bewußt. Ich mag es, wenn in meinen Filmen getanzt wird. Es ist ein Ausdruck von etwas, manchmal total verschieden, manchmal nicht, manchmal romantisch, manchmal sinnlich, Aber ich mache da keine direkte Verbindung. Ich ersetze damit nicht das eine durch das andere. Das wäre, wie wenn man sagen würde, in Ihren Filmen fahren die Leute oft Auto, aber es gibt keine Sexszenen. Ist das Autofahren ein Ersatz für Sex?

Ich hatte dieses Gefühl auch nur bei der Tanzszene am Ende von “Down by law”.

JARMUSCH: Ich teile Ihre Meinung, daß die Tanzszene in “Down by law” sehr sinnlich ist, und deshalb akzeptiere ich, was Sie sagen, weil es etwas sehr Sinnliches ist, und der Sex etwas sehr sinnliches ist, wenn du den Körper des anderen spürst, Tanzen ist romantisch, und es ist eine Möglichkeit, um dem anderen sehr nah zu sein, im gleichen Rhythmus mit ihm vereinigt zu sein. Sex ist dasselbe.

In jedem Ihrer Filme gibt es eine Person, die eine mysteriöse Geschichte erzählt. Welche Bedeutung haben diese Geschichten?

JARMUSCH: Ich weiß es wirklich nicht. Ich mag es, wenn Menschen einen Witz oder eine Geschichte erzählen. Im wirklichen Leben mag ich das. Wenn fünf Leute in einer Bar zusammenhocken und einer einen Witz erzählt, hat er und seine Geschichte die Aufmerksamkeit von allen anderen, auf eine Art ist das die Essenz von Literatur.

Eine Charakterzug vieler Ihrer Protagonisten ist die Einsamkeit, die Vereinzelung. Allie sagt: „Jeder ist allein.“ Die Vereinzelung ist oft auf die Verweigerungshaltung der Protagonisten zurückzuführen. Diese Bindungslosigkeit, ist sie eine Verdammnis, ein Zeitphänomen oder eine Befreiung von allen traditionellen Bezügen, Freiheit in seiner reinsten Form?

JARMUSCH: Ahhh – yeah. Ich weiß es nicht. Ich denke, jedermann ist allein, und trotzdem sind alle auf diesem Planeten zusammen. Das ist ein bißchen abstrakt für mich.

Ich habe gehört, Sie wollen als nächstes einen Western drehen, ist das richtig?

JARMUSCH: Ich hoffe es. Ich habe fünf Projekte, davon ist eines ein Western. Es ist kein typischer Western. Es ist meine Art eines Miniwesterns. Ich kann nicht wirklich darüber sprechen, weil ich das Drehbuch noch nicht beendet habe. Aber es ist wahr, ich werde einen Western machen. Es ist der einzige Film von allen meinen geplanten Projekten, der nicht genau in der Gegenwart spielt. Es ist der einzige Film, dessen Geschichte in der Vergangenheit spielt. Es ist etwas total anderes für mich, aber ich möchte wirklich diese Form benutzen, weil ich die Form liebe. Ich mag Western. Es ist eine wirklich große Form. Und sie paßt in meine Ästhetik, weil sich Western sehr oft ums Reisen drehen, die Menschen sind oft allein, und es geht oft um die Beziehung zwischen einer Person und der sie umgebenden Landschaft. Ich verwende nicht viele close-ups, um sie nicht zu isolieren. Das genau paßt in meine Ästhetik, die ich in einen Western einbringen kann.

Science-fiction dagegen paßt nicht in meine Ästhetik. Nicht daß ich nie einen machen würde, aber ich habe keine Pläne dafür; auch Krimis, die ich trotzdem sehr gerne mag, entsprechen nicht meiner Ästhetik. Die äußerste Anlehnung an dieses Genre war der Anfang von “Down by law”. Der Western hingegen scheint meiner Ästhetik zu entsprechen. Deshalb möchte ich gerne einen drehen.

Und die Dreharbeiten sollen wirklich in der Schweiz stattfinden?

JARMUSCH: Nein.

Ich habe das in einer deutschen Zeitung gelesen.

JARMUSCH: Das war ein Witz. Es ist kein schlechter Witz, weil viele guten Western zum Beispiel in Spanien gedreht wurden. Warum also nicht die Schweiz. Ich denke, man könnte sehr gut einen Western in der Schweiz drehen, aber meine Absicht ist, meinen Western in Nordamerika zu drehen.

Kann man sagen, daß “Permanent Vacation” den Anfang der New Yorker Independentszene markiert. Susan Seidelmans “Smithereens” und Amos Poes “Subway riders” scheinen mir ein bißchen in der Nachfolge von “Permanent Vaction” zu stehen.

JARMUSCH: Ich glaube nicht an Bewegungen, aber diese Art von Inspiration kam vor “Permanent Vaction”. Ich wurde sehr stark inspiriert von Amos Poes Filmen “Unmade beds” und “The foreigner”. Sie wurden beide vor “Permanent Vacation” gedreht. Eric Mitchell machte zwei Filme in Super 8, die ich sehr mochte, “The kidnapped” und “Red Italy”, die auch vor “Permanent Vaction” entstanden sind. Es gab eine Reihe von Filmemachern, die Super 8 Filme machten und sie in ihrem eigenen kleinen Kino, das sich New Cinema nannte, im East Village zeigten. “Permanent Vaction” war ein Teil dieser Filme, aber mich haben vor allem die zwei ersten Filme von Amos Poe inspiriert, die vor “Permanent Vacation” entstanden sind.

Auffällig ist, daß immer wieder die gleichen Regisseursnamen in den Stablisten der Filme von New Yorker Independentfilmemachern auftauchen.

JARMUSCH: Es gibt in New York eine ganze Gruppe von Leuten, die aufeinander einwirken. Es gibt eine Reihe von Filmemachern, die von der New Yorker University Graduate Film School kommen, ich selbst, Sara Driver, Spike Lee, Susan Seidelman, die Cohen-Brüder. Es gibt also diese Gruppe und dann eine Gruppe, die mehr Undergroundfilme machte, Leute wie John Lurie, Eric Mitchell oder Amos Poe. Ich bin gewissermaßen zwischen diesen beiden. Aber das ist alles sehr nebulös, es ist schwierig zu sagen, das ist eine Bewegung, das ist eine Schule. Alles ist ständig im Wandel begriffen, das überlappt sich.

Es gibt eine Gruppe von jüngeren Filmemachern, die in New York leben, sich gegenseitig kennen und in Berührung miteinander stehen und sich seit zehn Jahren gegenseitig helfen.

Erstdruck in Auftritt, Heft 12/1989