Die Menschen sind so

Janoschs Roman “Polski Blues”

Ein Roman von Janosch? Jeder kennt den Kinderbuchautor, aber daß Janosch auch “richtige Bücher “ schreibt, wissen nur wenige. Mit “Polski Blues” liegt jetzt aber immerhin schon sein fünfter Roman vor. Wer Janoschs Illustrationen zu de Sade, Bukowski und Karl Valentin kennt, weiß, daß er seine Geschichten auf eine sehr “erwachsene” Art und Weise erzählen kann. In “Polski Blues” geht es “straight” zur Sache, da wird Tacheles geredet.

Das polnische Emigrantenkind Staszek war sechzehn, als es Zdenek Koziol alias Steve Pollak zum ersten Mal in Paris Saxophon spielen hörte. Es war die Zeit der legendären Kellerlokale und des Existenzialismus. Staszek vergötterte seinen Landsmann nicht nur, weil er umjubelt war, sondern auch, weil er scheinbar die Kunst des Lebens beherrschte, und verfolgte den Musiker heimlich auf Schritt und Tritt. “Ich wollte ihm draukommen, wie man’s machte. Leben, ich meine, so leben, daß es sich lohnt. Sie sagen es dir doch nirgends. Nicht zu Haus, nicht in der Schule …” Zdenek wird für Staszek zum nachahmenswerten Idol. “Die Kohle aus einem Job, der einem Spaß macht, und sich aus der Welt holen, was sie hergibt, das, dacht ich damals, muß es wohl sein …” Trotz hartnäckigster Nachforschungen gelingt es Staszek allerdings nicht, hinter Zdeneks Geheimnis zu kommen. Er verliert ihn aus den Augen. Gut dreißig Jahre später erfährt er, wo Zdenek sich befindet. In Erwartung einer “Sternstunde” seines Lebens, mach er sich mit zwei Freunden auf die Suche nach dem unerreichten Lebenskünstler.

Über Österreich und die Tschechoslowakei fahren die drei Freunde nach Polen. Sie lassen sich Zeit, haben keine Eile, wollen das Leben kennenlernen, das der Sozialismus den Leuten im Ostblock auferlegt. (Die Geschichte spielt vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.) Was sie erwartet haben, begegnet ihnen allenthalben: materielle Not. In gleichzeitig kluger Voraussicht und kapitalistisch geprägter Überheblichkeit haben sie sich auf das Elend und die Wünsche der Menschen im Osten vorbereitet. Ihr Auto ist vollgepackt mit Dingen, die jedes durch Versorgungsengpässe geplagte Ostherz zum Überschnappen bringen können.

Janosch, der sich gerne selbst als Anarchist bezeichnet und seit zehn Jahren in einem spartanischen Refugium zurückgezogen auf der Sonneninsel Teneriffa lebt, rechnet in “Polski Blues” schonungslos mit der Bigotterie des Katholizismus ab, ohne sich allerdings über den Glauben der einfach Leute lustig zu machen. Die Message seiner Bücher ist vergleichbar den Taten und Gotteslästerungen seines alter ego Staszek. “Da er allmächtig ist und allwissend und was er tut, auch so tun will, sonst würde er es ja nicht tun – ich hoffe doch, daß er einen freien Willen hat und voll bei Verstand ist und weiß, was er tut. Also schafft er das Elend bei vollem Verstand und mit Absicht. (…) Ich bringe das, was er versaut hat, ein kleines bißchen in Ordnung und störe damit sein Werk.”

“Polski Blues” ist ein Buch voller Abscheu gegen Dogmen, Eingrenzung, Machtmißbrauch und religiöse Erziehung. Der renitente Häretiker Janosch, der “eine Kindheit wie aus dem Horrorkabinett” (FAZ) erlebte, hat mit diesem Roman eine Parabel geschaffen, in der er am Beispiel des Musikers Zdenek die Nachwirkungen einer verpfuschten Kindheit dokumentiert, am Beispiel des “falschen” Priesters Zbigniew Kowalski vorführt, was wahre Nächstenliebe ist, und am Beispiel Staszek aufzeigt, daß die Orientierung an Vorbildern nicht immer zum eigenen Vorteil sein muß.

Am Arsch der Welt, in dem kleinen polnischen Dorf Kuznice, findet Staszek schließlich das Idol seiner Jugend. Vom Wahnsinn gepackt und vom Haß zerfressen jagt Zdenek auf einer einzylindrigen Jawa, Baujahr 37, über die Äcker. „Wenn du haßt, kannst du nicht leben, und du kannst ihn nicht loswerden. Wer wie ich die katholische Gehirnwäsche erlebt hat, wird den Haß gegen sie nicht los, und das versteht nur der, der es erlebt hat.“ Staszek muß erkennen, daß es wahrscheinlich niemanden gibt, der die Kunst des Lebens weniger beherrscht, als der, von dem er es am meisten erwartet hätte. Zdenek ist irre geworden an der Verlogenheit seiner Erzieher, den Repräsentanten einer „gewissenlosen, menschenfeindlichen Religion“, den falschen Glaubenssätzen, die man ihm als Kind eingebläut hat. Für ihn gibt es keine Hoffnung mehr, denn, wie Zbigniew weiß, „wenn deine Kindheit nicht in Ordnung ist, ist das Leben wie ein Haus, das auf schlechten Grundmauern steht. Nicht mehr zu reparieren „

Natürlich merkt man diesem rasant geschriebenen und äußerst kurzweilig zu lesenden Buch an, daß Janosch über hundert Kinderbücher geschrieben hat. Es sind ganz elementare Fragen, die angesprochen und dann auf einfache Art behandelt werden. Polski Blues läßt sich lesen wie “Der kleine Prinz” für Erwachsene und ist trotzdem mehr bitterböse Politsatire als kitschiges Märchen. Es ist ein grundehrliches Buch über die Dummheit des Menschen und die Größe, die er haben kann, wenn er sich als soziales Wesen benimmt. Da aber, wie schon Einstein wußte, nur zwei Dinge unendlich sind, der Kosmos und die Dummheit der Menschen, müssen die Gebrauchsanweisungen zur Erreichung von menschlicher Größe unkompliziert vermittelt werden. Janosch beherrscht diese Kunst meisterhaft.

Janosch: Polski Blues. Goldmann Verlag, 158 Seiten, 24,80 DM

Foto: Harald H. Schröder

Erstdruck in die tageszeitung, 31.7.1991