Ein feiner Kerl
James Stewart zum 80. Geburtstag
Schon in einem seiner frühen Filme, in Frank Capras gesellschaftspolitischer Komödie „Mr. Smith goes to Washington“ (1939), spricht James Stewart etwas aus, das programmatisch für fast sein gesamtes Filmschaffen wurde: „Ich werde hierbleiben und für diese verlorene Sache kämpfen!“ Nur wenige Hollywood-Stars haben ein solch makellos sauberes Film-Image vertreten mit solch hartnäckiger Vehemenz, Moral, Tugend, Integrität und Recht in ihren Rollen wie James Stewart. Er ist das personifizierte gute Gewissen der Nation, der gute Junge von neben, der Schwiegersohn, den sich jede Mutter wünscht.
Beeindruckend an James Stewart, den alle Welt heute noch Jimmy ruft, ist, daß er das im Film verkörperte Image auch privat lebt. Harry Truman wünschte sich einen Sohn „just like Jimmy Stewart“. Dwight Eisenhower erklärte: „James Stewart is among the greatest Americans.“ Ronald Reagan würde in die Verbannung auf eine einsame Insel nur einen Mann mitnehmen: Jimmy Stewart, weil dieser „weiß, wann man sprechen soll, wann man den Mund hält, wann man lachen darf und wann man zu erscheinen hat“.
James Maitland Stewart wurde am 20. Mai 1908 in Indiana, Pennsylvania, als Sohn eines Eisenwarenhändlers geboren. Nach der Schule entschloß er sich „nach einigen Nächten hartnäckigen Grübelns, ein zweiter Frank Lloyd Wright zu werden“. In der Princeton University schrieb er sich für das Architekturstudium ein. Schon während seines Studiums spielte er in der Theatergruppe „University Players“ zusammen mit Henry Fonda und Margaret Sullivan unter der Regie von Josh Logan. Logan war es auch, der Stewart 1932 nach dessen Graduierung ein Engagement in einem Repertoireensemble anbot und ihn ans Theater nach New York holte. Am Broadway spielte er kleinere Rollen und bekam schließlich auf Vermittlung von Hedda Hopper 1935 einen Siebenjahresvertrag bei MGM. In seinem ersten Film „The Murder Man“ (1935), hatte er neben Spencer Tracey eine kleine Rolle als Journalist. Eine Rolle, die er, neben der des Westerners am häufigsten verkörpert hat.
In den nun rasch aufeinander folgenden 28 Filmen (bis 1941) schält sich schnell das Image des kleinstädtischen, netten, naiven Jungen heraus, der „sich in eine Welt der zivilisatorischen Verrücktheiten verirrt hat“ (David Thomson). Er ist der romantische Held, der mit antiquierten Tugenden wie Ehrlichkeit, Einfachheit und Ehrgeiz das Herz der angebeteten Frau gewinnt und sich würdig zeigt für den angestrebten beruflichen Erfolg. Er ist, wie es Hans Scheugl formulierte, die „typische Entdeckung des New Deal: bürgerliche Wunschvorstellung vom soliden Durchschnitt. Der Wunsch nach geordneten Verhältnissen …“ Er ist der Held mit dem Durchschnittsgesicht, der Mann ohne Sex-Appeal, der Ein-Mann-Kreuzzug gegen politische Korruption, der schüchterne Junge vom Lande auf der Suche nach der Wahrheit.
Das Jahr 1941 bringt ihm gleich zwei einschneidende Ereignisse. Für die Rolle des lässigen Klatschreporters und verhinderten Poeten Macaulay Conner in „The Philadelphia Story“ (1940, R. George Cukor) erhält er einen Oscar für die beste männliche Hauptrolle (1980 sollten noch ein Film Institute’s Life Achievement Award und 1985 ein Ehren-Oscar dazukommen). Und am 22. März 1941 wird der frischgebackene Oscar-Preisträger als erster prominenter Hollywood-Schauspieler zur US-Army eingezogen.
Er fängt als einfacher Soldat bei der Air Force an, nimmt als Bomberpilot an 20 Einsätzen über Deutschland teil, steigt in den Rang eines Colonels auf (nachdem man bei ihm echte Führungsqualitäten entdeckt hat) und beendet seine militärische Laufbahn schließlich 1968 als Brigadegeneral der Air-Force-Reserve.
James Stewart war trotz seiner ungeheueren Popularität (in den fünfziger Jahren gehörte er zu den zehn größten Kassenmagneten) nie ein Glamourstar. Wie ganz wenige der großen Hollywood-Schauspieler war er zeitlebens nie in Affären verstrickt. Seit 1949 ist er mit seiner Frau Gloria verheiratet.
Die vom Krieg erzwungene Drehpause sowie die Erlebnisse in Europa während dieser Zeit mögen Ausschlag dafür gewesen sein, daß er nach seiner Kriegsrückkehr einen Imagewechsel vornahm. Mit Ausnahme von „Mr. Smith goes to Washington, „Destroy Riders again“ (1939, R. George Marshall), „The Shop around the Corner“ (1940, R. Ernst Lubitsch). Und „The Mortal Storm“ (1940, R. Frank Borzage) hat er alle seine wirklich wichtigen Filme nach dem Krieg gedreht.
Die Qualität seiner (zweiten) Karriere ist dabei vor allem vier wichtigen Hollywood-Regisseuren zuzuschreiben. Mit Frank Capra drehte er noch „You can’t take it with you“ (1938), „It’s a wonderful life“ (1946); mit Alfred Hitchcock „Rope“ (1948), „Rear Window“ (1954), „The man who knew too much“ (1956) und „Vertigo“ (1958). Mit Anthony Mann – seinem nach dem Krieg wichtigsten Regisseur – drehte er unter anderem „Winchester 73“ (1955), „The naked spur“ (1953), „The Glenn Miller Story“ (1954), „Strategic Air Command“ (1955) und „The man from Laramie“ (1955). John Ford arbeitete mit ihm in den Western: „Two rode together“ (1961), „The man who shot Liberty Valance“ (1962) und „Cheyenne Autumn“ (1964). Weitere Stewart-Filme, die man nicht vergessen darf, sind unter anderem „Broken Arrow“ (1950, R. Delmer Daves), „The spirit of St. Louis“ (1957, R. Billy Wilder), „Anatomy of a murder“ (1959, R. Otto Preminger) und „The flight of the Phoenix“ (1965, R. Robert Aldrich).
Es waren vor allem die Western Anthony Manns, die den neuen Stewart-Typ kreierten. Er spielte jetzt Männer mit Vergangenheit. In rauhen Landschaften ist dieser Einzelgänger unterwegs, hinter sich eine wenig rühmliche Vergangenheit, vor sich eine geläuterte Zukunft. Am Anfang des Films erscheint er meist abgerissen, verdreckt, stoppelbärtig. Fast immer gilt es für ihn, eine Rechnung zu begleichen, er ist entschlossen, Rache zu nehmen. Gnadenlos und ohne Rücksicht verfolgt er dieses Ziel.
Es sind Filme, die eine Persönlichkeit mit Widersprüchen zeigen. Obwohl er „den wilden Mann markiert“, gibt er vor wichtigen Ereignissen anderen gegenüber (meist sind es Frauen) seine Angst zu. Obwohl sehr rachsüchtig, wird er nie leichtsinnig. Bevor er irgendetwas unternimmt, überprüft er immer, ob sein Revolver geladen ist. Den ganzen Film über verbissen an seinem Rachefeldzug festhaltend, verzichtet er zum Schluß oft einer Frau zuliebe auf seine Rache. Denn die Frau ist das eigentliche Ziel seiner Reise. Die „richtige Frau“ zu finden, das heißt: Ruhe und Heimat zu finden, seßhaft werden zu können.
Der einsame Wolf ist unterwegs, um die Sünden der Vergangenheit durch gute Taten in der Gegenwart wettzumachen. Er ist auf seiner Reise harten Bewährungsproben ausgesetzt, geht aber immer den Weg vom asozialen zum sozialen Wesen. In den Western Anthony Manns verkörpert Stewart „die Reinheit der Helden antiker Tragödien“, wie es Drehbuchautor Philip Yordan beschreibt. „Im Allgemeinen lebt er einsam, bittet niemanden um etwas, will nichts haben, ist aber immer auf der Suche nach Würde. Er verachtet die Menschen nicht, fürchtet sie aber auch nicht mehr, wird allerdings gefährlich, wenn man ihn angreift.“
Stewarts schauspielerische Qualitäten wurden von der Kritik unterschiedlich beurteilt. Meist reduzierte man ihn auf seinen näselnden Weststaatenakzent, auf seine schlaksige Statur und auf seine körperliche Unbeholfenheit. Alfred Hitchcock meinte dazu: „Er ist ein sorgfältiger Handwerker. Kritiker konzentrieren sich einzig auf sein jungenhaftes Grinsen und seinen stockenden Vortrag und übersehen dabei seine superbe Schauspielerfähigkeit. Sie beschränken ihre Sichtweise. Man muß beobachten, wie er seine Hände bewegt und den Rest seines Körpers. Man muß besonders achtgeben auf seine Augen – ein wirklicher Profi.“
Wenn er keine Westerner spielt, hat er fast immer einen Anzug an, eine Krawatte umgebunden und einen Hut auf. Er ist fast immer adrett und akkurat rechtsgescheitelt und hat das Haar streng nach hinten gekämmt. Wenn er aufgebracht ist und heftig wird, neigt er seinen Oberkörper leicht nach vorne, legt die Oberarme am Körper an und gestikuliert wild mit dem abgewinkelten rechten Unterarm, der rechten Hand und den langen Fingern. Wenn er über etwas konzentriert nachdenkt oder ihn etwas geistig zu überfordern droht, stemmt er den linken Arm in die Hüfte und krault sich mit der rechten Hand seinen Nacken. In unmögliche Situationen geraten, werden seine wandernden blauen Augen ein einziges Fragezeichen und er rollt unentwegt die Zunge im Mund. Wenn man ihn reizt oder seine Geduld überstrapaziert, dann wird er stur wie ein Bock, bleibt unumstößlich bei seiner Meinung. Wenn er eine Frau küßt, dann nie wie ein Liebhaber, sondern immer wie ein Ehemann. Seine Charaktere legen in der Regel eine verblüffende Logik an den Tag, die man am besten mit gesundem Menschenverstand umschreiben kann.
Eine seiner ergreifendsten, weil politisch integersten Rollen spielte Stewart in „The Mortal Storm“. Hier verkörperte er einen jungen Veterinärstudenten, der sich nach der Machtergreifung der Nazis nicht korrumpieren läßt. An Werten wie Menschlichkeit, Nächstenliebe, Freundschaft und Gewaltfreiheit festhaltend, hilft er vom Tod bedrohten jüdischen Mitmenschen bei der Flucht ins Ausland und riskiert dabei sein eigenes Leben.
Die Rolle des überzeugten Pazifisten, die er in diesem eindringlichen Film spielt und die einen in manchen Momenten zu Tränen rührt und an das Gute im Menschen glauben läßt, hat Stewart in seinem wirklichen Leben nicht vertreten. Neben John Wayne, Clint Eastwood und Ronald Reagan gehört er zu den bekanntesten Vertretern des rechten Flügels unter Hollywoods Schauspielern. Stewart war zeitlebens ein glühender Verfechter konservativer Politik. So hat er zum Beispiel die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner Nixon und Reagan in ihren Wahlkampfkampagnen tatkräftig unterstützt. Auf die Frage, warum er nicht selbst aktiv in die Politik gegangen sei, antwortete er einmal: „Der wahre Grund, warum ich kein Politiker bin, ist, daß ich nicht schnell genug reden kann.“
Wie weit seine patriotische Überzeugung geht, mag verdeutlichen, wie er den Tod seines in Vietnam gefallenen Stiefsohnes kommentierte: „Unser Sohn starb nicht vergeblich. Seine Mutter und ich sind stolz, daß er seinem Land gedient hat. Als er auf das Schlachtfeld gelangte, führte er sich in einer tapferen Art und Weise auf. Wir haben das nicht als Tragödie betrachtet. Die Tragödie war, daß unser Junge und viele andere geopfert wurden, ohne ein vereinigtes Land hinter sich zu haben.“
Erstdruck in Frankfurter Rundschau, 21.5.1988