Leben und Sterben im Cajun-Land
Über James Lee Burkes Dave-Robicheaux-Krimis
Im Süden tickt die Lebensuhr etwas anders als im Norden. In den Vereinigten Staaten hat dieser Unterschied sogar zu einem Bürgerkrieg geführt, dessen Auslöser und Auswirkungen über Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart reichen. „Unabhängig davon, wieviel Schulbildung ein echter Südstaatler genossen hat oder für wie liberal oder intellektuell er sich selbst hält, glaube ich nicht, daß es aus meiner Generation viele gibt, die nicht immer noch der ganzen alten Südstaatenmythologie nachhängen, die wir doch angeblich als Bürger des sogenannten Neuen Südens endgültig zu den Akten gelegt haben.“ Dave Robicheaux, mittlerweile fünfzig und wieder im Polizeidienst, weiß, wovon er redet. Sein neuester Fall konfrontiert den Detective des Iberia Parish mit einer alteingesessenen Familie Louisianas, deren Mitglieder er nicht nur von Kindesbeinen an kennt, sondern die auch alle politischen Schattierungen der Südstaaten repräsentieren.
Weldon Sonnier hat sich von bescheidenen Verhältnissen zum Ölmagnaten hochgearbeitet. Sein Bruder Lyle ist ein mächtiger, fundamentalistischer Fernsehprediger geworden. Ihre Schwester Drew machte dagegen eher durch skandalträchtige Männergeschichten auf sich auf merksam, bevor sie als Laienmissionarin nach Guatemala und El Salvador ging und danach die erste Niederlassung von Amnesty International in New Iberia gründete. Weldons Schwager Bobby Earl schließlich ist ein machthungriger Rassist, der sich um das Amt des Gouverneurs bemüht und seine Anhängerschaft aus „Typen vom Ku Klux-Klan, Nazis, Mitglieder der Aryan Nation“ rekrutiert. Als eines Tages aus scheinbar heiterem Himmel ein Mordanschlag auf Weldon verübt wird, muß Robicheaux in ein Geflecht aus Rassen- und Religionswahn, organisierter Kriminalität, Pädophilie und Korruption dringen, über dem der Geist des totgeglaubten Vaters der drei Sonnierkinder schwebt.
Wie in seinen vorhergehenden Robicheaux-Romanen benutzt James Lee Burke die actionreiche und gewaltgeladene Rahmenhandlung, um ein dezidiertes Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse im New Orleans County zu zeichnen. Wenn man die Robicheaux-Krimis chronologisch ihrer Entstehung liest, was unbedingt empfehlenswert ist, werden einem der Ex-Alkoholiker, der Cop, der zeitweilige Privatdetektiv und Angelladenbesitzer sowie dessen kleine Adoptivtochter Alafair, seine jeweiligen Frauen und sein Ex-Kollege Clete vertraut wie gute, alte Freunde. Man erfährt jede Menge über den Stand der Dinge und bekommt mittels beispielhafter Kriminalfälle geschildert, was sich hinter folgender Aussage verbirgt. „Über die Jahre hinweg hatte ich es miterleben müssen, wie finstere Gestalten aller Schattierungen ihren Einzug in South Louisiana hielten: die Öl- und Chemiekonzerne, die die Sumpfgebiete trockenlegten und vergifteten; die Immobilienhaie, die Zuckerrohrfelder und Pecanwäldchen in endlose Schläuche von anonymen Wohnhäusern und Einkaufszentren verwandelten, die so ästhetisch waren wie Kläranlagen; nicht zu vergessen die Mafia, die von New Orleans aus ihre Geschäfte führte und ihr Geld mit Prostitution, Spielautomaten und später Drogen machte und mindestens zwei große Gewerkschaften kontrollierte.“
Wie nur wenige andere beherrscht Burke die Kunst, mit der Gefühlsklaviatur seiner Leser zu spielen. Aber anders als die meist zynisch gestrickten und Selbstjustiz verherrlichenden Leinwandmachwerke aus Hollvwood hält der Moralist Burke seine Leser nicht dumm, sondern versucht Bewußtsein zu schaffen. Er läßt ihn an den Gewissensbissen seines Lieutenant teilhaben, wenn dieser wieder einmal die Gesetze übertreten muß und nur seinem eigenen Ehrenkodex folgt, und erklärt ihm, warum die Welt lange schon nicht mehr in gut und böse einzuteilen und es manchmal unumgänglich ist, mit den Gesetzlosen zu paktieren: „Ich diente einer riesigen, anonymen, gefühllosen Behörde, die mit allen Mitteln dazu entschlossen schien, den Schwachen und Kleinen das Leben noch mehr zur Hölle zu machen, während sich gleichzeitig die großen Tiere mit dem dicken Geldbeutel und der langen Puste gegenseitig in ihren Villen zuprosteten.“
Während einer Autofahrt über den Interstate 10 nach Baton Rouge sinniert Robicheaux über die „wichtigen Figuren dieses Staates“ und sein Resümee gibt eine erschreckende Bestandsaufnahme us-amerikanischer Politik: „Demagogen, närrische Trunkenbolde, rabiate Rassisten, ein Hillbilly-Sänger, der zweimal zum Gouverneur gewählt wurde, ein anderer Gouverneur, der aus einer Irrenanstalt ausbrach, um seine Frau umzubringen. Dann war da erst in jüngster Zeit ein Gouverneur gewesen, der einen Zuchthäusler in Angola begnadigt hatte, der ihm diesen Gefallen dadurch lohnte, daß er den Bruder des Gouverneurs ermordete, und schließlich der Berühmteste und Rätselhafteste von ihnen allen, Huey Long, der Kingfish, der ein ernstzunehmender Konkurrent für Franklin Delano Roosevelt gewesen wäre, wäre er nicht zusammen mit seinem mutmaßlichen Mörder auf einem Flur des alten Capitols in einem Hagel von einundachtzig Pistolenkugeln ums Leben gekommen.“
Burke läßt seinen Serienhelden wie einen modernen Don Quichote gegen die Mühlen des Apparates und Systems kämpfen. Robicheaux ist sich der Aussichtslosigkeit seines Kampfes bewußt, aber weil es Menschen um ihn herum gibt, die er liebt und denen gegenüber er Verantwortung fühlt, lassen ihn Erkenntnisse wie diese nicht innehalten in seinen Bestrebungen, dem Guten ab und zu eine Bresche zu schlagen: „Aber einen Bobby Earl gibt es, weil ihn die Öffentlichkeit will. Er hat seinen Daumen auf einem dunklen Puls, und wie alle Hochstapler weiß er, daß sein Publikum tief im Innersten hinters Licht geführt werden will. Er hat vor langer Zeit gelernt, wie man zuhört, und er weiß genau, daß ihm die Leute von sich aus sagen werden, was sie von ihm hören wollen, wenn er sorgfältig genug lauscht. Es ist ein Abkommen auf Gegenseitigkeit, bei dem jeder den anderen mit dessen Einverständnis betrügt und sich selbst bloßstellt.“
In den Mitteln zum Erreichen des Zwecks ist dieser Robin Hood des ausgehenden Jahrtausends genauso wenig zimperlich wie sein Erfinder. Beider Credo lautet: „Der heilige Augustinus hatte einst gemahnt, daß wir die Wahrheit nie als Schwert gebrauchen sollten. Ich glaube, es gibt in unser aller Leben dunkle und schwache Momente, in denen jeder von uns mit Recht das Gefühl hat, als seien diese Worte eigens für ihn geschrieben worden.“
James Lee Burke: Weißes Leuchten, Goldmann Verlag München 1994, 378 Seiten, l5 Mark
November 1994