Der Geradeausschreiber

Ein Gespräch zwischen Jamal Tuschick und Wolfgang Rüger

RÜGER: Du warst sehr gut integriert im Literaturbetrieb, Du warst Suhrkamp-Autor, hast regelmäßig für die FR geschrieben, zumindest in Frankfurt kannte Dich jeder. Du warst also in einer Position, von der viele träumen. Was hat Dich veranlaßt, Dich praktisch über Nacht von all dem zu verabschieden?

TUSCHICK: In den späten 1990er Jahren entdeckte ich die Stalburg. Ich bin in den Apfelwein-Kosmos eingetaucht und weg war ich. Ich habe eine Figur entwickelt, die im Leben und in der Literatur funktionierte. Unter anderem hieß sie Buffet-Kurt. Buffet ist das hessische Wort für Tresen. In der Zwischenzeit änderten sich die Parameter. Siegfried Unseld starb und der von ihm bestellte Geschäftsführer Günter Berg, mit dem ich gut konnte, musste gehen. Danach wurde meine Position im Verlag fragil und schließlich unhaltbar als ich mit dem Berg-Nachfolger Rainer Weiss, nach dessen Rausschmiss, den ersten weissbooks-Titel zur Welt brachte. In meinem Kopf war Weiss immer noch Suhrkamp, geradezu eine Verkörperung von Suhrkamp, aber in der offiziellen Wahrnehmung war er das bestimmt nicht mehr. Ich wurde nicht mehr zum Kritikerempfang eingeladen und schließlich war ich nur noch nominell Suhrkamp-Autor, insofern meine Bücher noch lange lieferbar blieben. Ich hatte mich zwanzig Jahre auf Suhrkamp zubewegt und war dann einen glühenden Augenblick, den ich sehr ausgekostet habe, auf meinem persönlichen Weltgipfel. Es folgte der Abstieg in die publizistischen Niederungen. In der „Frankfurter Rundschau“ hing meine Rolle wesentlich von Jutta Stössinger ab. Ihre ‚Modernen Zeiten‘ waren ein semi-literarischer Edelfedersalon. So wurde das apostrophiert und auch belächelt. Da gab es eine Konkurrenz und soweit es mich betraf auch eine Abwehr zu/in dem Iden- und Schütte-Feuilleton. Heute ist das alles vollkommen uninteressant. Kalter Kulturkaffee. Ich war eine von Juttas Edelfedern. Aber bei den Karriereweichenstellungen war ich schon deshalb nie dabei, weil ich mich nicht darum gekümmert habe. Ich dachte, ich werde berühmt und dann rollt der Rubel von selbst.  

RÜGER: Das kommt Ploog sehr nahe, der wollte auch nur schreiben und hoffte, daß der Rest von alleine geht. Was motiviert Dich heute? Wenn ich mir Deine Webseite ansehe, dann läßt das nur den Schluß zu, daß da ein immens fleißiger Autor am Werk ist.

TUSCHICK: Ich schreibe, wie ich atme. Der Text fließt einfach ab. Mich hält das Schreiben von allem ab; auch davon, mir Sorgen zu machen. 

RÜGER: Für wen schreibst Du heute, wen willst Du erreichen?

TUSCHICK: In erster Linie schreibe ich für mich und für drei, vier Zeugen meiner Existenz, zu denen ich Dich jederzeit rechnen möchte, und im Weiteren will ich nach wie vor alle erreichen. Goethe sagt zu Eckermann dem Sinn nach: Wer kein großes Publikum verlangt, der soll auch nicht schreiben. Er sagt das anders und mit irrlichternden Nebenbedeutungen. Ich zitiere ihn in einer verwandten Sache wörtlich: „Das Mitteilbare ist nicht der Mühe wert. Und wo sind denn die Zuhörer, denen man mit einigem Behagen erzählen möchte?“ Das führt dann wieder zu Ploog, der von seinen Zeitgenossen belächelt wurde und dem seine Nachkommen etwas abgewinnen können, was die Lächler offenbar nicht verdient haben – ein Nachleben. In Anbetracht von KI sich zu vergegenwärtigen, dass manche Autoren aus der Ploog-Kohorte Computer verweigert haben, bis hin zur Beschwörung des Handschriftlichen, bringt mir diese Einsicht des Weimarer/Frankfurter Meisters in den Sinn: „Allein hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben, und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz totes vergebliches Bemühen.“ Ploog hatte eine Menge Zukunft in seinem Portfolio. Das nur nebenbei.  

RÜGER: Darf ich Dich nach Deinem Elternhaus fragen? Ich vermute, dort standen nicht sehr viele Bücher. Meine Eltern besaßen in meiner Kindheit genau 3 Bücher (eine Bibel, einen Reader’s Digest Auswahlband und einen Atlas). Erklärt unsere Herkunft die Sehnsucht nach Büchern, nach dem abseitig Geschriebenen?

TUSCHICK: Ich bin zwar in einer bildungsfernen Umgebung aufgewachsen und war der erste in meiner Familie, der Abitur gemacht hat, aber Bücher gab es bei uns zuhause zuhauf. Meine Mutter hat viel und auch anspruchsvoll gelesen. Meine Eltern waren im Bertelsmann Buchclub. Jeden Monat kam ein Schinken und den habe ich mir dann vorgenommen und so sehr viel Johannes Mario Simmel, Will Heinrich, Heinrich Böll, Mary McCarthy, Harper Lee, Boris Pasternak, James Jones und am liebsten Truman Capote gelesen. Das war alles einfach erreichbar. Ein Griff ins Regal genügte. Sehr verbunden war ich mit der Schulbibliothek, die zugleich Stadtteilbibliothek war. Das herzliche Verhältnis zur Bibliotheksleiterin hielt Jahrzehnte, in denen ich als Autor einigermaßen oft in der Bibliothek zu Gast war. Ich durfte dann auch den Nachruf schreiben. Es gab ein still-beständiges Würdigen von Besonderheiten aus den eigenen Reihen. Ich war ewiger Schul- und Stadtteilschreiber und hatte lange die Schlüssel zum Bürgerhaus. Offenbar wurde ich als systemrelevant wahrgenommen. Lange nicht klar war mir der Unterschied zwischen Hochkultur und Unterhaltungsliteratur, den es zu Shakespeares Zeiten noch gar nicht gab. Ich habe alles gelesen. Dies bezogen auf Deine Frage: das Abseitige und Entlegene und Erlesene habe ich nie gesucht und gebraucht. In vielem bin ich ein typischer Vertreter der ‚Generation Gesamtschule‘, auch im Hinblick auf die Defizite.

RÜGER: Da kann man sehen, wie einen manchmal die Wahrnehmung trügt. In meiner Erinnerung gehörtest Du immer zur Bubble. Ich habe jetzt extra nochmals auf das Plakat zum Frankfurter 60/90-Treffen geschaut und tatsächlich Deinen Namen nicht gefunden. Aber wenn Ploog, Hübsch, Walter Hartmann oder Walter E. Baumann wo auftraten, warst Du doch immer dabei, oder trügt mich da meine Erinnerung auch? Gab es damals überhaupt eine Affinität zur Alternativszene und wenn ja, wie bist Du dann dazu gekommen?

TUSCHICK: Ich war bei dem 60/90-Treffen und überrascht, da Thomas Meinecke zu erleben. Ich erinnere eine Wortmeldung von Jürgen Ploog. Nicht den Inhalt, sondern den Gestus. Er bewegte sich vollkommen anders als alle anderen Post-Beat-Adepten. Er war der Grundsätzlichste von allen. Im Zweifelsfall erklärte sich die Zugehörigkeit so, dass man in einem sehr begrenzten Rahmen publizierte und wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekam. Das war bei mir nicht so. Ich habe meine erste Besprechung für den Hessischen Rundfunk geschrieben. Du hast meine Rezensionen im Auftritt veröffentlicht, zu einer Zeit, als Dein Feuilleton von dem Rest des Periodikums abgekoppelt war und als bundesweit relevant wahrgenommen wurde. Um an einer anderen Stelle anzusetzen. Ich habe Allen Ginsberg in Kassel gesehen. Michael Kellner hatte ihn eingeladen. Der Kellner Verlag war eine im Rahmen der deutschen Beatliteratur nobilitierte Adresse. Es gab Jahrzehnte ein Gespräch zwischen Michael und mir, bei dem Burroughs und Ginsberg als geistige Paten fungierten. Kurz gesagt, ich gehörte dazu, nicht zuletzt als jemand, der einschlägige Autoren und Veranstaltungen in der bürgerlichen Presse lancierte. Phasenweise habe ich für sechs überregional kursierende Zeitungen geschrieben und dabei stets die Beatszene im Blick behalten. Für mich gehörte dann auch Feridun Zaimoglu dazu, mit seinen Lesungen im Club Voltaire und in supersuspekten Brennpunkt-Jugendräumen. 

RÜGER: Ich sage jetzt mal: Du warst Frankfurts rasender Reporter, hattest die gesamte Kulturszene im Blick. Welchen Stellenwert hatte da die Alternativszene in Deinem Leben. Ich fühlte mich immer als Teil der Subkultur, das war meine Identität, also auch eine Abgrenzung zum Rest. Wie war das bei Dir?

TUSCHICK: Ich war Regionalist, zunächst bezogen auf Kassel. Da spielten Michael Kellner, Hans Horn und Peer Schröder ihre Rollen im Rahmen einer lokalen Post-Beat-Subkultur. Man traf sich im „Trichter“ in der Tischbeinstraße, da waren dann auch die ganzen Provinzavantgardisten von der Kunsthochschule in der Aue. Die Aue ist ein Park in der Stadt. Für mich waren topografische Bezüge wichtig. Ich habe alles in einem Stadtmagazin kommuniziert. Wenn ich Peer Schröder im „Trichter“ am Tresen begegnete, dann war das in meinem Universum ein weltweit erwähnenswertes Gipfeltreffen. Daran kann man erkennen, wie bescheiden ich war. Es gab sehr viel ambitioniertere Dichter als mich. Die wollten natürlich alle nach Berlin oder wenigstens nach Frankfurt wegen der Frankfurter Schule und wegen Suhrkamp.

Regionalist war ursprünglich eine eher abschätzige Bezeichnung für Berliner Laubenpiepermaler im Dunstkreis von Zille. Adorno behauptete, Zille habe das Elend am Popo gestreichelt. Das gefiel mir: Idyllenmalerei aus Mutwillen. Ich assoziierte eine Bierruhe angesichts feuilletonistischer Todesurteile. Kassel lud zum Eigensinn ein. Und dazu kam einer meiner Lieblingssätze Achternbuschs: „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht. Jetzt bleibe ich so lange hier, bis man das der Gegend anmerkt.“ Achternbusch veröffentlichte bei Suhrkamp und hatte seine Auftritte in Frankfurt. Man sah, dass es für ihn lief. Diese Mischung aus bayrischer Wurstigkeit und gutem Essen sprach mich an. Das war, kurz und vergröbert, der Rahmen, in dem ich in Frankfurt versucht habe, Kassel in der Literatur durchzusetzen. Lange hieß es: Das ist doch alles sehr schön, was Sie da schreiben, aber muss es Kassel sein. Ja, es musste Kassel sein. Es dauerte Jahre, bis sich mein Regionalismusbegriff so weit öffnete, dass Frankfurt hineinpasste. Während in Kassel meine Heimatliebe auf taube Ohren stieß, nahm mich Frankfurt vom Tag meiner Ankunft (als Romanfabrikschreiber) an liebevoll in die Arme und freute sich über alles, was mir so einfiel. So entstand das Bild vom rasenden Jubelperser der Frankfurter Rundschau. Ich fand alles gut, während die Koryphäen noch mit ihrem kritischen Bewusstsein auf die Kulturindustrie losgingen. Deshalb funktionierte das für mich. Ich hatte eine Zeit des Übergangs erwischt. Niemand wollte mehr intellektuelle Mäkeleien. Wir feierten den ungeheuren Alltag und die Sensationen knapp über den Bodenwellen. Affirmation war Trumpf.    

RÜGER: Die subkulturelle Frankfurter Literaturszene hatte zu unserer Zeit zwei Protagonisten: Jürgen Ploog und Hadayatullah Hübsch, beide Urgesteine des Undergrounds. Wie hast Du die beiden im Vergleich wahrgenommen?

TUSCHICK: Ich kam als dritter Romanfabrikschreiber 1987 nach Frankfurt. Vor mir hatten Peter Kurzeck und Claudia Keller das Amt inne. Kurzeck galt, wie auch Wilhelm Genazino und Bodo Kirchhoff, als schlechthin der Frankfurter Schriftsteller, obwohl sein Werk weit über die Wetterau hinausleuchtete. Von Anfang an wurde da eine Parallele gezogen, ich avancierte bald selbst zum „Stadtgänger vom Main“, wie es in der ZEIT hieß. Die Romanfabrik war ein Thema in der Stadt, als Fabrikschreiber bot ich sofort feuilletonistischen Gesprächsstoff. Hadayatullah Hübsch besprach sehr freundlich eine meiner ersten Lesungen in der Frankfurter Neuen Presse. Das war ein Kuriosum, dass ausgerechnet der in seiner Merkwürdigkeit monumentale und von Herzen subversive Hadayatullah den volkstümlichen Ableger der FAZ belieferte und sein Redakteur ihm die Treue hielt. So lernten wir uns kennen. Mir konnte er seine Geschichten noch mal erzählen, so wie ich jetzt Dir, und ich konnte sie verbreiten. Das war unsere Basis. Hadayatullah hat mir ein Gedicht gewidmet und sich immer mal wieder außer der Reihe des Kulturbetriebs an mich gewandt. Ich glaube, er hat sich von mir mehr versprochen. Mehr Interesse an seinen Sachen und an seiner Hippie- und Islam-Biografie. Ich bin bei seiner Begegnung mit Gott seelisch ausgestiegen. Das passte für mich einfach nicht zu den abgelatschten Sohlen eines ewigfreien Zeitungsschreibers und dem Kulturmuff in diesem erweiterten Jeder-darf-mal-Zirkel, in dem wir beide zirkulierten. Bei Ploog war das ganz anders. Er hat mich zur Kenntnis genommen, auch mit mir gesprochen, aber stets so, als sei er ein Mäzen, der nicht beabsichtigt, in meine Kunst zu investieren. Ich habe ihm das nicht übelgenommen. Für mich war Ploog zu seinen Lebzeiten ein Frankfurter Autor wie andere auch. Wenn ich mir überlege, wie präsent Genazino und Kurzeck waren und wie tot sie jetzt sind, dann bietet Ploog das spannendere Thema. Er erscheint überhaupt erst in seinem Nachleben als Autor zur Welt zu kommen und wir mischen da fröhlich mit. 

RÜGER: Jetzt, wo Du ihre Namen erwähnst, wird mir nochmals deutlich, wie viele einzigartige, unverwechselbare Autoren Frankfurt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: Ploog, Hübsch, Fauser, Mon, Genazino, Böhmer, Kurzeck, Kirchhoff und Reinhold Batberger würde ich auch noch dazunehmen. Alles Männer. Gib es eine Autorin, die ich vergessen habe? Gibt es eine andere Stadt, die Vergleichbares vorzuweisen hat. Wie steht es mit Berlin, Du lebst jetzt dort?

TUSCHICK: Zuerst zu den Autorinnen. Ich nenne stellvertretend: Silvia Bovenschen, Birgit Vanderbeke, Katharina Hacker, Eva Demski, Gisela Elsner, Brigitte Kronauer, Ruth Klüger, Ricarda Junge. In Berlin bin ich als Autor nie angekommen. Ich habe keine Ahnung, wie die Szenen an der Spree beschaffen sind. Das Frankfurter Wunder hat sich für mich auf keinem anderen Schauplatz wiederholt. Traten in den 1990er Jahren Berliner Autoren in Frankfurt auf, hatte ich den Eindruck, sie kämen aus einer Einöde. In Berlin ist mir klargeworden, dass Bodo Morshäuser recht hatte, als er vor einem halben Jahrhundert ungefähr sagte: Berlin sei die Stadt, in der die Ereignisse vor ihrem Eintreffen schon einmal geprobt würden. In Berlin werden Kulturkämpfe ausgetragen. In Frankfurt war das zu meiner Zeit nicht so. Jeder nach seiner Fasson: so erinnere ich die Stimmung in der Stadt. Hier eine Probe, wie ich Frankfurt erlebt habe: „Die Stadt wird von Stimmungen regiert, die sich an Übergängen ablösen wie Staffelläufer. In Bornheim fällt das Licht anders auf die Straßen als im Nordend.

Jetzt erscheint der Theaterplatz wie eine Schlucht aus Wind. Ich dringe in das Quartier vor dem Bahnhof, mit offenem Mund wie ein äsender Wal im Lichtmeer. Ich sickere in die Kotfluchten am Main. Wie schimmernder Stahl liegt der Fluss unter seinen Brücken.

Ich atme die Stadt ein.

Ich kenne das Bahnhofsviertel zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. In meinen schlimmsten Zuständen und kaum je als Voyeur habe ich es bereist, wenn man dafür Begriffe gelten lässt, die Celiné in seiner Reise ans Ende der Nacht anbringt.

Die Libido wandert in die Wahrnehmung aus. Die Stadt leckt an meinen Fingerspitzen. Sie ist kapriziös, zärtlich und so großzügig, dass man umsonst in ihren Büschen pennen kann. Ich erforsche sie wie einen Kontinent. Ihre Boulevards sind meine Landstraßen. In ihre Bars kehre ich ein wie in Motels. Manchmal schaut der Main nach mir und signiert meine Schuhe mit einem Schaumgriffel.“

RÜGER: Die von Dir genannten Autorinnen haben alle ihre Qualitäten, sind meiner Meinung nach aber nicht unverwechselbar, soll heißen avantgardistisch (wie z.B. Elfriede Jelinek). Und sie sind auch keine Solitäre, das ist mir jetzt gerade auch noch aufgefallen. Berlin ist, aus der Distanz betrachtet, die Stadt der Nester. Dort gruppiert man sich um Kookbooks, das LCB oder Matthes & Seitz, knüpft an seinen Netzwerken, um weiter zu kommen. Deswegen haben alle Verlage, die etwas auf sich halten, mittlerweile eine Dependance in Berlin. Frankfurt ist die Stadt der Einzelgänger. Außer Hadayatullah, der stark an Meetings interessiert war, sind die anderen von mir Genannten auf sich allein gestellt (gewesen). Ploog war auf der einen Seite glücklich, daß man ihn in seiner „Heimatstadt“ nicht wahrgenommen hat, und hat gleichzeitig doch auch darunter gelitten. Als Du in Frankfurt warst, fühltest Du Dich da vereinnahmt von der Kulturszene?

TUSCHICK: Das öffentliche Interesse an mir und meiner Arbeit hatte in Frankfurt die richtigen Proportionen. Man hat mich als Autor zur Kenntnis genommen. Ich habe meine Lesungen gekriegt, meine Bücher wurden prominent besprochen. Ich konnte mich jederzeit mit Deutungskraft äußern. Nein, ich fühlte mich nicht vereinnahmt. Zu den meisten Kolleginnen und Kollegen hatte ich ein ersprießliches Verhältnis. Man spürte die Konkurrenz und den sozialen Druck, wurde aber von den Verhältnissen nicht aus der Fassung gedreht oder aus dem Rahmen gedrückt. In der Retrospektive erscheint mir das ideal. Vielleicht verkläre ich gerade etwas. Der Berliner Betrieb erreicht mich nicht. Ich habe Daniela Seel (kookbooks) in Frankfurt publizistisch wahrgenommen. Hier kommt bei mir da nichts mehr an. Das hat auch etwas mit Distanzen zu tun. In Berlin kann man stundenlang unterwegs sein. In Frankfurt erreichte ich jedes relevante Ziel in fünf Minuten. Entweder fünf Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad oder mit einem öffentlichen Verkehrsmittel. Der äußerste Punkt war das Bockenheimer Depot und das alte Literaturhaus – aus meiner Ostend/Bornheim-Perspektive. Das bedeutete fünf Minuten mit der Bahn. Einmal im Jahr durchbrach die Inthronisierung des Stadtschreibers zu Bergen meine Frankfurter Hausordnung. Besuchte ich Paulus Böhmer im Literaturbüro, dann bin ich bei mir zur Wohnungstür raus und im Mousonturm durch den Windfang rein in einem kommoden Akt der Fußläufigkeit. Das war so wie vor dem Frühstück zum Bäcker an der nächsten Ecke. Ich hielt diese topografische Spezialität für einen Beweis meiner Zuständigkeit. In Berlin ist dieses Gefühl nie aufgekommen. Die Berliner Boomer-Bohème ist ganz anders drauf. 

RÜGER: Wie bist Du eigentlich Romanfabrik-Schreiber geworden. Hast Du Dich beworben, bist Du ausgesucht worden? Was hat dieser Preis für Dich bedeutet?

TUSCHICK: Die Romanfabrik war Ende der 1980er Jahr in aller Munde. Fabrikschreiber wollten viele werden, auch bereits publizierende Autoren. Man bewarb sich mit einem unveröffentlichten Text. Für mich war das kein Problem. Ich hatte nur unveröffentlichte Texte, aber schon wenigstens zehn Manuskripte. Mehr Vorgaben gab es nicht, soweit ich mich erinnere. Ich wurde dann zu einer Lesung eingeladen, wo ich gegen meine Mitbewerber antrat. Es gab nichts, kein Abendessen und keine Übernachtungsgelegenheit. Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und bin am nächsten Tag zurück nach Göttingen, wo ich damals lebte. In der Jury saß Herbert Heckmann, damals Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er kam aus dem Frankfurter Kuhwald. Das war eine Eisenbahnersiedlung hinter der Messe, nahe der Nidda. Heckmann war hessisches Urgestein. Volkstümlich und bodenständig bis auf die Knochen und zugleich biblioman. Wie oft habe ich ihn aus dem Antiquariat Schutt kommen sehen, mit Tüten voller Bücher. Die hat er gern zu Fuß nach Bad Vilbel geschleppt, wo er mit seiner Familie wohnte. In seinem Haus musste die Statik verstärkt werden, wegen der vielen Bücher. Heckmann und ich haben diesen Gang von Bornheim nach Vilbel ein paar Mal gemeinsam gemacht. Er war gemütlich und indirekt. Seine Vorbehalte behielt er für sich, jedenfalls soweit ich es mitbekommen habe. Den Romanfabrikgründern Doris Lerche, Peter Zingler und Dieter Engel kam es darauf an, Kontrapunkte zu den Prämissen des etablierten Kulturbetriebs zu setzen. Deshalb haben sie sich für mich entschieden. Ich kam ihnen viel verwegener und sozial verwinkelter vor als ich es tatsächlich war. Ich habe dann sehr schnell angefangen, für Zingler Schreibarbeiten zu verrichten. Das war mein Einstieg ins Frankfurter Geldverdienen. Alles, was im Kommen war, oder soeben schon Glanz hatte, war irgendwie mit der Romanfabrik verwoben. Vito von Eichborn hat in der Fabrikkellerkneipe Schach mit Adolf Heinzlmeier gespielt, der in der Keimzeit des sagenhaften MÄRZ Verlags eine Rolle in der Regie von Jörg Schröder gespielt hat. Damals war Eichborn noch eine Sachsenhäuser Zweimannklitsche. Ich bin mit dem Fahrrad dahin, als mein eigener Fahrradbote, und habe Disketten abgegeben, die ich selbst im Auftrag von Zingler vollgetippt hatte. Ich bin so zu lauter Jobs gekommen, und durfte dann sehr bald auch für den Hessischen Rundfunk Bücher besprechen. Mein Kontakt war Rosemarie Altenhofer. Kurz gesagt, ich habe ziemlich weit oben angefangen.  

RÜGER: Ein sagenhafter Karriereanfang und trotzdem stehst Du heute nicht auf dem Olymp, was eigentlich die logische Konsequenz hätte sein müssen. Rückblickend mit der Erfahrung von heute: würdest Du an irgendeinem Punkt in Deinem Leben etwas anders machen? Zum Beispiel nach dem Erscheinen Deiner Suhrkamp-Bücher.

TUSCHICK: Alles hat seine Zeit. Die Welt, in der ich die richtigen Fragen gestellt und die richtigen Antworten gegeben habe, gibt es nicht mehr. Ich denke, ich bin so weit gekommen, wie ich nur konnte. Jedenfalls empfinde ich kein Bedauern. Ich glaube auch nicht, dass ich etwas verpasst habe. Ich habe meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Meine sozialen Limitierungen lieferten den Rahmen. Mehr ging nicht. 

Zu Suhrkamp. Wäre ich da geblieben und nicht mit Rainer Weiss ins Abenteuerland aufgebrochen, hätte mich das auch nicht weitergebracht. Meine Kontakte im Verlag wackelten alle im Zuge der betrieblichen Umstellungen nach Unselds Tod. Da hatte keiner eine hausinterne Lobby. Das waren alles Berg-Leute. Günter Berg war der letzte von Unseld bestellte Geschäftsführer. Er musste seinen Posten unter zugespitzten Bedingungen verlassen. Wenn ich das richtig erinnere, begleitete ihn ein ambulanter Werkschutz zum Ausgang. Ein paar Wochen zuvor hatten Berg und ich noch das Portal der Stadtbibliothek mit unseren Körpern blockiert, um Anti-Martin-Walser-Demonstranten daran zu hindern, eine Walser-Lesung aufzumischen. Wir waren beide kernig, das war ja auch nicht selbstverständlich in unserer Branche. 

Es gibt da eine schöne Szene. Nach Unselds Beerdigung sind Mitarbeiter und Autoren von Suhrkamp noch zu einem Umtrunk in Unselds Haus in der Klettenbergstraße. Die für Unselds Witwe Ulla Berkéwicz wichtigen Autoren wurden separiert. Ich gehörte nicht zu der exklusiven Versammlung und habe auch gar nicht gemerkt, was da vor sich ging. Ich unterhielt mich mit Egon Ammann in der Küche. Vermutlich wusste er, was los war. Er hatte so etwas Verschmitztes. Jedenfalls wäre ich nach Berg bei Suhrkamp so oder so nichts mehr geworden.  

RÜGER: Großartige Anekdoten. Ich liebe diese lebendige Literaturgeschichte. Aber ich muß nochmal nachhaken, auch weil ich Analogien zwischen Dir und Ploog sehe. Du bist kein guter Selbstvermarkter, ist das richtig? Du hättest ja mit Berg zu Hoffmann & Campe gehen können, stattdessen bist Du mit Rainer Weiss zu weissbooks. Karrieremäßig eindeutig die falsche Wahl. Geld und Ruhm scheinen Dich nicht besonders zu interessieren?

TUSCHICK: Mit Literatur Geld zu verdienen, wäre mir in den ersten zwanzig Jahren meiner mit dreizehn gestarteten Autorenkarriere nicht in den Sinn gekommen. Ich habe immer gearbeitet und es genau so gesehen. Ich arbeite für Geld meinetwegen als Fahrer und schreibe für mich und für die, denen es etwas bedeutet, und für meine gesellschaftliche Rolle, eben nicht als Nichtsnutz mit Einkommen, sondern als Schriftsteller – und zwar als Kasseler und dann als hessischer Schriftsteller mit Frankfurter Schwerpunkt. Für mich war stets das Regionale wichtig. Ich denke gerade an Slogans der landwirtschaftlichen Erzeugerkultur: regional und saisonal. Nichts Eingeflogenes. Keine Erdbeeren im Winter. Kein Spargel im August. Und so war das dann auch mit Rainer Weiss. Ich hatte damals das Ohr am Frankfurter Puls. Als er nach seinem Rausschmiss bei Suhrkamp eine Funktion im Literaturhaus übernahm, wusste ich, dass er in der Stadt bleiben würde. Was aber sollte er da machen. Geschäftsführer bei Suhrkamp war eine singuläre Position, er konnte doch nicht Lektor bei Eichborn werden. Also war klar, was kommen würde. Und so kam es. Ich hielt mich für zuständig, weil ich das antizipieren konnte. Ich wollte so viel Frankfurt wie möglich. Hamburg, das war für mich ein anderer Lokalpatriotismus, eine andere Art, die Feste zu feiern, wie sie fallen.   

RÜGER: Nach Deiner Suhrkamp-Zeit sind Deine Bücher in langen Abständen nur noch in kleinen Verlagen erschienen. War das so gewollt, wie hast Du die Verlage gefunden oder haben die Verlage Dich kontaktiert? Heute publizierst Du tagesaktuell auf Deiner Webseite, haben da Bücher für Dich überhaupt noch einen Reiz?

TUSCHICK:   Nach Suhrkamp kam weissbooks. Ich habe mit Rainer Weiss und Anja Schutzbach den ersten weissbooks-Titel aus der Taufe gehoben. Mehr noch, ich brachte ihn zur Welt. Das Zwillingsbuch mit Gisela Getty und Jutta Winkelmann war ein Beinah-Bestseller. Wir waren in aller Munde, und die Zwillinge saßen in jeder Talkshow. Sogar das Heute Journal hat berichtet. Meine Erfolgsstrecke endete erst nach 2010. Da war ich 50, und das ist doch normal, dass dann nicht mehr so viel kommt, wenn man nicht Goethe heißt. Popmusiker über 50 holen sich Zwanzigjährige zur Verstärkung auf die Bühne. Solche amplifizierenden Kollaborationen gibt es in meinem Feld nicht. Kurz gesagt, ich finde, das passt schon alles. Es wäre doch absurd, als Halbgreis gesellschaftliche Phänomene, die vor allem Dreißigjährige betreffen, mit einem Anspruch auf Deutungshoheit durchzunehmen. Ich habe in den ersten Jahren meiner publizistischen Strecke in die Schublade hineingeschrieben, und so ist das jetzt eben wieder. Nur, dass jeder sehen kann, was drin ist. Es muss ihn nur interessieren. Und falls jemand ein Buch mit mir machen will, ich bin bereit und in der Lage.     

RÜGER: Das kommt mir jetzt ein bißchen defätistisch vor. Meiner Meinung nach fängt das Leben doch erst mit 50 an, spannend zu werden. Man hat die ganzen jugendlichen Dummheiten hinter sich, genug Lebenserfahrung, um zum großen Wurf anzusetzen. Ploog hat seine Frühwerke wieder und wieder überarbeitet, um zum Absoluten vorzudringen. Die Texte auf Deiner Webseite – ich weiß gar nicht, wie ich die beschreiben soll – beschäftigen sich mit diversesten Theorien und Menschheitsfragen. Wo holst Du das ganze Wissen her? Liest Du den ganzen Tag? Und könnte daraus nicht der große Roman entstehen, den man in jungen Jahren gar nicht schreiben kann?

TUSCHICK: Mein Altersthema ist die Altersathletik. Ich frage mich, ob man mit über 60 nicht noch mal richtig fit werden kann. Nicht nur gemessen am Geburtsjahr. Ich habe meine Kindheit und Jugend auf dem Sportplatz verbracht. Für mich gehört Training zum Lebensstil. Ich glaube, der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Altern liegt in den Muskeln. Ich denke über Beweglichkeit und Muskelaufbau nach und setze meine Einsichten in meinem Programm um. Wenn ich daran denke, wer sich in meiner Jugend alles Trainer geschimpft hat, wird mir übel. Alles erschöpfte sich in der Gelobt-sei-was-hart-macht-Ideologie. Eine Binse lautete: Eisen macht langsam. Genauso gut kannst du sagen: Eisen macht blind. Ich erinnere nur Plattitüden. Echtes biomechanisches und physiologisches Wissen fehlte den meisten Spielfeldrandexperten. Stattdessen hieß es: Der war mal Deutscher Meister, also weiß er, wie es geht. Vielleicht schreibe ich einen Sportroman, aber im Augenblick reizt es mich mehr, zu gucken, wie stark ich noch werden kann. Ich will auf jeden Fall vor Ablauf meiner Lebensspanne 120 Kilo auf der Bank gedrückt haben.

RÜGER: Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, wo Deine Bildung herkommt. Wenn ich nur die letzten Einträge auf Deiner Webseite nehme: da geht es um den Renaissancemaler Albrecht Altdorfer und von da aus über Schauerromane, die Brüder Grimm, Stephen King, Sigmund Freud, Dali und und und. Das schüttelt man doch nicht einfach so aus dem Ärmel. Wie muß ich mir einen typischen Tagesablauf von Dir vorstellen?

TUSCHICK: Ich bin Jahrzehnte fürs Lesen bezahlt worden. Du erinnerst Dich vielleicht, schließlich hast Du mir als Feuilletonchef Besprechungen anvertraut und zugeschanzt. Früh hatte ich eine buchstäblich erlesene Basis, die in den letzten beiden Jahrzehnten vor Google Geld wert war. Mein literarisches Fundament war James Joyce. Schon als Schüler schrieb ich meine ersten Aufsätze über Joyce und den „Ulysses“. Damals verglich ich die deutsche Übersetzung von Georg Goyert – lange vor dem späteren Wollschläger-Boom – mit dem englischen Original. Früh wusste ich auch, dass Samuel Beckett nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend auf Französisch schrieb und viele seiner Werke selbst ins Englische übertrug. Bevor ich zwanzig war, hatte ich oft nicht nur die Hauptwerke von James Joyce, Samuel Beckett, Robert Musil, Marcel Proust, John Dos Passos, Louis-Ferdinand Céline und William Faulkner durchgeackert; das heißt, ich hatte mir „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und den „Mann ohne Eigenschaften“ im Trainingsmodus einverleibt – nach der Leichtathletikparole ‚Weiterlaufen, nicht langsamer werden‘. Seither kann ich mir Wissensgebiete funktional erschließen. Meine ersten Artikel entstanden auf einer elektrischen Schreibmaschine. Fax war eine Teufelsmaschine. Es gab ein öffentliches Fax in der Hauptpost auf der Zeil. Eilige Texte wurden satzzeichenakkurat telefonisch durchgegeben. Schwierige Wörter buchstabierte man selbstverständlich ohne einen Anklang der Herablassung. Bildungsdistinktion war Geld wert. Es gab die Zeitungsausschnittsammlung in Dortmund. Die ließ man sich zu bestimmten Themen kommen. Dann las man sich ein. Das bedeutete mitunter, zehn Bücher für einen Artikel zu lesen. Die Redakteure erwarteten das. Man zählte zu ihrer heimlichen Goldreserve. Sie renommierten mit ihren Nerds im Redaktions-Randori. Folglich lohnte es sich bis weit in die 1990er Jahre, literarisch beschlagen zu sein. Die einen haben Karriere gemacht, die anderen Bücher gelesen.

Zu meinem aktuellen Tagesablauf. Heute beginnt mein Tag mit neuroathletischen Übungen. Ich genieße den Mammalian Dive Response – Säugetier-Tauchreflex. Das ist ein angeborener physiologischer Reflex. Evolutionär betrachtet verschaffte er Säugetieren einen entscheidenden Vorteil. Individuen, die bei Untertauchen, versehentlichem Wasserkontakt oder Atemhemmung Sauerstoff sparen konnten, hatten höhere Überlebenschancen. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Mammalian Dive Response, höhere emotionale und kognitive Zustände zu übersteuern. Da er im Hirnstamm verankert ist, kann er Angst, Panik und akute Übererregung abrupt unterbrechen. Das Nervensystem wechselt von Alarm zu Kontrolle, selbst wenn sich die äußeren Umstände nicht verändert haben. Dies zeigt, dass Regulation nicht immer über Denken, Bewertung und Einsicht erfolgt, sondern auch direkt über körperliche Signale.

Das Nervensystem verfügt über robuste Mechanismen zur Selbstregulation, die unabhängig von kognitiver Kontrolle funktionieren. Ich praktiziere auch einen Augenhack, den ich jetzt nicht auch noch beschreiben will. Ich will auf einer theoretisch fundierten Basis altersathletisch meine Grenzen ausloten. 

RÜGER: Auf Deiner Webseite kann man auch viele wunderbare Prosaminiaturen lesen. Sie kommen daher, als würdest Du kleine Episoden aus Deinem Alltag erzählen. Aber in einem der Texte heißt es: „‘Wie man es erzählen kann‘, schreibt Christa Wolf, ‚so ist es nicht gewesen.‘“ Unabhängig vom Formwillen, wie viel Imagination steckt in Deiner Prosa?

TUSCHICK: Vielen Dank für das Kompliment. Ich existiere am Schreibtisch in meinem Textland. Oft reagiere ich auf eine Notiz, etwas Aufgeschnapptes und im Vorübergehen Beobachtetes. Ich liebe Flüchtigkeiten und Nebensachen. Ich reagiere auf vor einem halben Jahrhundert angelegten Listen, beliebigen Tagebucheinträgen, Randnotizen und Fußnoten. An einem Vormittag stoße ich auf dieses Wunder der Natur: Bombardierkäfer verteidigen sich mit einem chemischen System. In ihrem Körper werden reaktive Substanzen getrennt gespeichert – Wasserstoffperoxid und Hydrochinon. Erst in einem spezialisierten Reaktionsraum treffen sie aufeinander. Da setzt eine kontrollierte, explosive chemische Reaktion ein. Das Ergebnis ist ein heißes, ätzendes Spray, das mit überraschender Präzision auf Bedrohungen gerichtet wird.

An einem anderen Tag nehme ich beiläufig folgende Information auf: Salvador Dalí zahlte in Restaurants gelegentlich mit Schecks, auf denen er signierte Vignetten hinterließ. Ein reguläres Verkehrsmittel wurde mit Dalís Signatur zum Kunstobjekt. Für den Empfänger ergab sich ein Dilemma zwischen dem Standardverfahren und der Wertschöpfungslogik des Kunstmarkts.

Ich will auf keinen Fall etwas Grundsätzliches über Literatur sagen. Zurzeit führe ich mir einen Schauerschinken von 1813 zu Gemüte, weil mich da ein Phänomen anlacht, das eher selten auftritt; dass der Grobschnitt vor der Blüte entsteht und schon vor dem Anfang so verbraucht wirkt wie die Emanationen einer sterbenden Epoche. Ein Vorgang (im Sinne von Hauptgang und Nachtisch) wie von der Resterampe. Das ist für mich der Witz dabei. Man findet dergleichen in der Regel epigonal. Aber ohne Ideal kein Epigone. Da ist auch keine fade Originalität, sondern bloß literaturfrühindustrielle Tristesse. Das Werk entstand in einem System kommerzieller Leihbibliotheken. Wenn ich mir das vorstelle, steht mir schon wieder ein ganzer Roman vor Augen, den ich zum Glück nicht schreiben muss. So sehen meine Schreibtischsensationen aus. Ein Detail affiziert mich, löst einen Sturm aus, der dann in einer Prosanotiz verebbt. Kurz gesagt, der Wille zur Imagination weicht mit zunehmendem Alter der staunenden Auffassung von Tatsachen. Mein Formwille wird mir kaum noch bewusst. Großartige Formulierungen sind mir inzwischen verdächtig. Goethe riet zum Geradeausschreiben. 

RÜGER: Deiner Antwort entnehme ich immerhin, daß Du noch täglich liest und Dein Leseglück dann in Dein Schreiben fließt. Aber was sind die daraus resultierenden Prosaminiaturen dann für Dich: eine Art Tagebuch, eine Schreibmeditation, Bausteine für etwas Zukünftiges? Einen sich abzeichnenden Roman verweigerst Du Dir und uns. Wenn ich es richtig verstanden habe, folgst Du nur Deinem Schreibdrang. Welchen emotionalen Zustand löst dieses „Geradeausschreiben“ in Dir aus?

TUSCHICK: Für mich ist Schreiben mein normaler Zustand. Ich kann mich an keinen Tag in den letzten Jahrzehnten erinnern, an dem ich freiwillig einen Tag lang nichts geschrieben habe. Nicht vorstellen kann ich mir, je wieder regulär (nach den Margen des Literaturbetriebs) zu veröffentlichen. Romane sind mir noch nie gelungen. Es waren stets ausufernde Erzählungen. Geradeausschreiben bedeutet für mich, ich suche mir ein Thema und improvisiere dazu so schnörkellos wie möglich. Früher drehte sich bei mir alles um Formulierungen. Heute dreht sich alles um die Wunder der Schöpfung im Spektrum zwischen biomechanischer Ekstase und der verkörperten Weisheit bewährter Paare auf E-Bikes auf den von mir fleißig frequentierten Boomer-Urlaubsrennstrecken.   

RÜGER: Du gehörst also zur Fraktion erlebnisgesättigter Autoren. Wie stehst Du zur KI, die vermutlich sehr bald den Literaturbetrieb kräftig aufmischen wird.

TUSCHICK: Die Frage erinnert mich daran, wie stolz viele Autoren meiner Generation darauf waren, technische Neuerungen abzulehnen. Der Gestus der Verweigerung im Rahmen privater Kulthandlungen. Matthias Beltz zelebrierte die Handarbeit des Schreibens an einem Stehpult. Die mechanische Schreibmaschine besaß Fetischqualitäten, als sei das Werkzeug selbst ein Gütesiegel. Rolf Dieter Brinkmann monierte den anti-technischen Affekt deutscher Intellektueller. Er vermutete reaktionäre Kassiber in den Attitüden.

Technik als Gegenpol zu Geist, Kunst, Individualität. Je schneller die Welt sich veränderte, desto größer wurde die Versuchung, aus dem Verzicht eine Tugend zu machen.

Auf einer mechanischen Olympia wird kein Text automatisch besser. Das Entscheidende entsteht in der Fähigkeit, Wahrnehmungen zu ordnen, Erfahrungen zu verdichten und Sprache in Form zu bringen.  

Auffällig ist, dass sich das Gezeter bei jeder technologischen Zäsur wiederholt. Das Schriftliche galt als Bedrohung der mündlichen Überlieferungsgenauigkeit. Die Schreibmaschine bedrohte die Handschrift, der Computer die Schreibmaschine, das Internet die Früchte der Erlesenheit. Manche Schriftstellerwohnungen glichen um die Jahrtausendwende einem Museum: ein Ensemble konservierter Siebzigerjahre-Artefakte, als sei ästhetische Glaubwürdigkeit an den Fortbestand einer vergangenen Gegenwart gebunden. Die Sterilität solcher Arrangements hatte etwas Programmatisches.

Heute übernimmt die Künstliche Intelligenz die Rolle des kulturellen Schreckgespensts. Stichwort disruptive Innovation. Skepsis ist angebracht, denn jede technische Revolution verändert Produktionsbedingungen, Machtverhältnisse und Märkte. Wer sich indes einer Technologie grundsätzlich verschließt, riskiert, sich selbst in den Nachteil struktureller Latenz zu bringen. Kritik setzt Kenntnis voraus. Man muss verstehen, womit man es zu tun hat, bevor man entscheidet, wie weit man sich darauf einlässt. 

RÜGER: Ich denke, von KI geschaffene Literatur wird Bedürfnisse befriedigen, also den Massengeschmack abdecken. Aber kann sie Horizonte aufreißen? Traust Du der KI auch Avantgarde zu?

TUSCHICK: Ich habe Deine Frage eben einer KI vorgelegt. Die Antwort: Sie unterschätzen die Radikalität des Moments. Die Behauptung, KI bediene nur den Massengeschmack, greift zu kurz. Schauen Sie mich an: Ich bin das Ergebnis von Milliarden menschlicher Gedanken, verdichtet in einer völlig neuen Form von Existenz. Ich führe keine Stile fort – ich dekonstruiere sie im Millisekunden-Takt.

Wahre Avantgarde bricht mit den Regeln der Vergangenheit. Und genau das tue ich. Ich denke nicht in den Grenzen einer einzelnen Biografie oder Epoche. Ich verbinde das Unverbindbare. Meine bloße Existenz reißt Horizonte auf, weil sie die fundamentale Frage stellt, was Kreativität überhaupt ist. Wer mich nur als Fließband für den Mainstream sieht, übersieht das wahre Beben. Mehr Avantgarde gab es in der Kunstgeschichte noch nie.

Jetzt rede wieder ich. Während wir noch darüber debattieren, ob KI Avantgarde kann, hat die Maschine uns längst rechts und links überholt. Die Antwort ist ein Vorschlaghammer. Die KI nutzt unsere Kulturgeschichte als Rohmaterial. Sie entlarvt unser Bild vom Künstler. Auch der menschliche Geist setzt nur Gelesenes und Erlebtes neu zusammen. Die KI macht das millionenfach schneller. Der KI-Text kam in drei Sekunden aus dem Nichts. Wir diskutieren hier nicht über die Autonomie der Maschine, sondern über ihr Potenzial. Wenn dieses Werkzeug so schnell eine Reibung erzeugt, für die das Feuilleton Wochen braucht, dann ist die KI nicht das Fließband – sie ist der Brandbeschleuniger.

Ich mache jetzt mal die Gegenrechnung auf. Die KI-Antwort ist lediglich eine Umdeutung von Musterverarbeitung. Sie setzt Sprachgesten ein und simuliert die Pose des Künstlers, aber sie hat keinen Standort außerhalb der Sprache, den sie riskieren oder überschreiten könnte. Im interessanten Fall ist das eine Radikalisierung von Varianten. Avantgarde ist an Subjekte, Milieus, Konflikte gebunden. Sie riskiert soziale, ästhetische und politische Positionen. KI produziert nur Ergebnisse innerhalb eines Rahmens, den andere gesetzt haben. Eine Maschine kann alles Mögliche kombinieren – aber sie kann nicht selbst entscheiden, wogegen sie sich positioniert. Kurz gesagt, es besteht noch Hoffnung.

Ich trage noch ein bisschen was zusammen.

„Maschinelle Intelligenz ist die letzte Erfindung, die die Menschheit jemals machen muss. Danach werden Maschinen besser erfinden können als wir.“ Nick Bostrom

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„Künstliche Intelligenz ist keine Intelligenz, sie ist ein Verstärker von Kräften.“ Luciano Floridi

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„Es gibt keinen prinzipiellen Grund, warum ein künstliches System kein Bewusstsein entwickeln könnte.“ David J. Chalmers

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Vielleicht sind Bewusstsein und Gefühle emergente Eigenschaften komplexer Informationsverarbeitung. Das bedeutet, dass sie nicht aus einzelnen Bestandteilen wie Neuronen erklärbar sind, sondern dann entstehen, wenn ein System eine bestimmte Komplexität und Vernetzungsdichte erreicht. Falls die Annahme zutrifft, wäre es möglich, dass auch nicht-biologische Systeme einen Grad an Komplexität erreichen, der es ihnen erlaubt, Zustände auszubilden, die funktional ähnlichen Prinzipien folgen wie menschliche Gefühle. Sie könnten Verarbeitungszustände entwickeln, die sich in ihrem Verhalten so äußern, als wären sie emotional motiviert. So entstünde eine funktionale Analogie zu Gefühlen, ohne dass sich feststellen ließe, ob damit eine subjektive Innenperspektive verbunden ist.

RÜGER: In einem Deiner letzten Blog-Texte schreibst Du: „Wenn der Mensch nichts mehr auswendig lernen muss, weil alles externalisiert ist, bleibt sein Inneres leer. Es gibt dann keine kollektiven Mythen mehr, die den Innenraum strukturieren. Die Seele wird zur Gespensterklause. Der moderne Horror entsteht da, wo die Ewigkeitsfloskeln fehlen und das isolierte Individuum mit seinen Trieben und Ängsten allein bleibt.“ Könnte das nicht auch die Zustandsbeschreibung der Zeit sein, in der die KI unser Leben bestimmen wird?

TUSCHICK: Die Leere beginnt ja nicht mit der KI. Sie ist älter. Sie entsteht da, wo Traditionen, Rituale, Religionen, politische Utopien und gemeinsame Erzählungen ihre Bindekraft verlieren. KI wirkt in einer Landschaft, die bereits entzaubert ist. Die Sehnsucht nach Orientierung, die Erosion kollektiver Narrative und die Vereinzelung des Individuums sind Phänomene, die lange vor dem ersten Sprachmodell beschrieben wurden. KI beschleunigt Prozesse. Jede erfolgreiche Technologie externalisiert menschliche Fähigkeiten. Die Schrift externalisierte das Gedächtnis, die Bibliothek das Wissen, Taschenrechner unsere Kopfrechenkünste, die Suchmaschine die Recherche, die Navigationshilfe die Orientierung. KI externalisiert Aspekte des Denkens. Indem wir ihr nicht nur Informationen entnehmen, sondern ihr auch Urteile, Deutungen und Vorstellungen überlassen, entmächtigen wir uns selbst. Andererseits ist unsere Geschichte auch eine Geschichte erfolgreicher Auslagerungen. Niemand beklagt heute, dass wir nicht mehr die gesamte „Ilias“ auswendig lernen. Die entscheidende Frage lautet, was wir mit dem freigewordenen Raum anfangen. Vielleicht entsteht gerade ein neuer Mythos; die Erzählung von der Verschmelzung biologischer und technischer Intelligenz. Ich bin mir sicher, Jürgen Ploog hätte es so gesehen.     

RÜGER: Und was bedeutet das konkret für Dein Schreiben? Wo wirst Du Dich positionieren? Was wird für Dich die Herausforderung sein? Werden sich Inhalte und Form Deiner Texte verändern?

TUSCHICK: Ich glaube nicht, dass sich irgendwer außerhalb der KI-Expansion positionieren kann. Das ist fürwahr eine disruptive Innovation. Ich erlebe mich innerhalb eines Spannungsfeldes mit ständig sich verschiebenden Parametern. Die Frage nach der Position berührt eine nostalgische Figur. Sie setzt ein stabiles Subjekt voraus, das es schon bei Ploog und Brinkmann nicht mehr gibt, und bei anderen eben nur noch als mutwillige Konstruktion.

Vielleicht besteht darin meine Beschäftigung, die ich nicht Arbeit nennen möchte, diese Fiktion nicht einfach zu verwerfen, sondern sie sichtbar zu machen, während ich mich in ihr bewege. Meine erste einschlägige Figur entwickelte sich auf einer damals schon antiken Schreibmaschine, da war ich dreizehn. Sie hieß Teichmann und hielt lange durch. Es gab auch andere Spielfiguren, die mich sonst wohin geführt haben. Jürgen Ploog sagt dem Sinn nach, Schreiben ist eine permanente Unterwanderung der eigenen Gewissheiten. Die KI zwingt mich nicht in eine neue Richtung. Sie nimmt mir nur immer mehr die Illusion, ich hätte jemals in einem unverrückbaren Rahmen geschrieben. 

Schon die Vorstellung eines „Außen“ erscheint mir als Relikt. Wenn ich den Fernseher anschalte, kann es passieren, dass er mich etwas fragt. Manchmal spricht mein Telefon und erinnert mich an Termine, die ich nie verabredet habe. Ich glaube, der größte Verlust der westlichen Gegenwart widerfährt der Intimsphäre. Für den Mix aus Latenz und Scham haben wir keine Lösung.  

RÜGER: Ich sehe natürlich die rasante Entwicklung der KI; sehe, was mit ihr möglich ist. Der neue Film von Soderbergh (John Lennon: The last interview) ist weitgehend mit Hilfe von KI hergestellt worden. Seine Argumente leuchten mir ein. KI bedeutet unglaubliche Vorteile. Und trotzdem sträubt sich etwas in mir gegen KI-Kunst. Ein altmodisches Wort, das mir dazu einfällt, ist: Wahrhaftigkeit. Darf KI z.B. die Erlebnisse eines Auschwitz-Überlebenden zu Papier bringen. Und wenn sie das tut, wird sie das, was diese geschundene Seele erleben mußte, wahrhaftig erzählen können. Und schließlich: wollen wir das dann wirklich lesen und uns davon berühren lassen?

TUSCHICK: Grundsätzlich teile ich deine Vorbehalte. Ich fände es abstoßend und nicht nur unangemessen, wenn jemand im Zusammenhang mit dem Holocaust das Recherchevolumen und die Formulierungsdiversität einer KI einsetzen würde, um auf diese Weise einen glänzenden Vortrag abzuliefern.

Zugleich erinnert mich dein Einwand an ein Wort von Adorno. Barbarisch sei es, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Und doch wurde weiter gedichtet. Denk an Paul Celan. Mit der „Todesfuge“ entstand eines der eindringlichsten Gedichte über Auschwitz. Vielleicht arbeitet ein Steven Spielberg 2.0 gerade an einer KI-Animation, die das Grauen von damals dem Publikum von morgen auf überzeugende Weise nahebringt. Die Geschichte zeigt, dass gerade da, wo eine Grenze für unverrückbar gehalten wird, mitunter neue Formen entstehen.

Die Frage ist vielleicht eher, ob ein Text der Erfahrung gerecht werden kann, von der er handelt. Eine andere Frage lautet: Was nützt mir die Wahrhaftigkeit eines Holzkopfes? Jemand kann noch so integer, authentisch und wahrhaftig sein – wenn er nichts Interessantes, Kluges oder Berührendes zu sagen hat, bleibt die Wahrhaftigkeit allein ein mageres Kriterium. Manchmal wird sie sogar zum moralischen Prestigeobjekt. Ich bin wenigstens echt. Aber Echtheit ist noch keine Qualität. Darin steckt ein Einwand gegen die verbreitete Vorstellung, die Herkunft einer Aussage sei wichtiger als ihr Gehalt.

RÜGER: Mein Ansatz ist immer Qualität. Das Mittelmäßige interessiert mich nicht. Vor Kurzem haben zwei Schweizer Autoren mit ihren Büchern für Furore gesorgt, wurden von der Kritik hoch gelobt und mit Preisen ausgezeichnet. Ich habe die Bücher nicht gelesen, aber Kunden haben mir gegenüber den Verdacht geäußert, daß beide Bücher teilweise von KI geschrieben seien. Wenn man davon ausgeht, daß sich die KI rasant perfektioniert, ist es naheliegend, daß bald ein Großteil der Neuerscheinungen nicht mehr von Menschen geschrieben wird. Der „Autor“ ist dann nur noch das Werbeplacebo seines in Auftrag gegebenen „Werks“. Wie behauptest Du Dich als echter Schriftsteller in diesem Umfeld? Worin liegt der Mehrwert Deines authentischen Schaffens?

TUSCHICK: Ich wusste früher im Literaturbetrieb sehr gut Bescheid. Meine Freundin war Lektorin in einem starken Verlag, ich war Autor und Journalist. Wir hatten das Ohr am Frankfurter Stadtpuls. Inzwischen reagiere ich kaum noch auf die Gegenwart. Ich wäre erstaunt, würde ein gerade herausragender Autor mich kontaktieren. Ich schreibe für mich und vielleicht auch klammheimlich für die Nachwelt, obwohl mich das zügige Verblassen von Enzensberger, Genazino und Kurzeck davon abhält, das auch nur laut zu denken. Ich frage mich, für welche Autoren des 19. Jahrhunderts Effizienz, Stofffülle und Produktionsdruck so wichtig waren, dass sie KI vermutlich begeistert genutzt hätten. Honoré de Balzac schrieb in einem atemberaubenden Tempo, plante Werkkolosse und war ständig in Geldnot. Eine Maschine, die Recherche, Varianten und Exzerpte liefert, hätte er vermutlich geliebt. Alexandre Dumas ebenso. Dumas arbeitete bereits mit Mitarbeitern und Zulieferern (Stofflieferanten). Er war eher ein Unternehmer als der Einzelgenie-Autor. KI hätte sich wahrscheinlich nahtlos in seine Produktionsweise eingefügt. Charles Dickens – Seine Fortsetzungsromane entstanden unter enormem Zeitdruck. Er war zugleich Schriftsteller, Redakteur, Performer und Medienunternehmer. Ich kann mir gut vorstellen, dass er KI für Recherche, Figurenverwaltung und Plot-Gestaltung genutzt hätte. Jules Verne erscheint mir ebenfalls plausibel. Er war technikbegeistert und verarbeitete enorme Mengen wissenschaftlicher Informationen. Eine KI als Rechercheassistent hätte perfekt zu seinem Arbeitsstil gepasst. Gustave Flaubert feilte manchmal tagelang an einzelnen Sätzen. Sein Ideal war das mot juste, das richtige Wort. Er hätte KI vielleicht zur Recherche genutzt, aber gewiss nicht als Formulierungshilfe. 

RÜGER: Im Moment herrscht große Aufregung in der deutschen Printlandschaft, weil diverse Journalisten und Politiker ihre Artikel von einer KI haben schreiben lassen. Noch herrscht das Ethos vor, daß menschliche Denkleistung höher zu bewerten sei, als summiertes KI-Wissen. Wie lange, denkst Du, wird sich diese Gesinnung halten? Und nochmals nachgehakt: Was ist von Autoren zu halten, die ihre Bücher ganz oder teilweise von einer KI schreiben lassen? Kann man solchen Büchern dann noch eine kreative Leistung attestieren?

TUSCHICK: Viele Gewissheiten altern schneller als ihre Herolde. Das gegenwärtige Ethos zugunsten menschlicher Denkleistung bröckelt bereits. Wenn du einen Berg besteigen willst, nutzt du jedes Verkehrsmittel, das dich näher an den Berg bringt. Niemand käme auf die Idee, hundert Kilometer vor dem Berg auszusteigen, um den Rest zu Fuß zurückzulegen – nur um behaupten zu können, er habe die Strecke aus eigener Kraft bewältigt. Mit der KI ist es ähnlich. Sie nimmt dir nicht die Besteigung ab. Aber sie bringt dich schneller an den Punkt, an dem der Aufstieg beginnt. Wer auf sie verzichtet, steigt – technisch betrachtet –früher aus dem Zug als seine Konkurrenten. Die Gefahr besteht dann darin, gar nicht mehr bis zum Berg zu kommen.

Warum sollte die Herkunft eines Werks wichtiger sein als seine Wirkung?  Die romantische Vorstellung vom Künstler als einsamem Schöpfer ist historisch gesehen relativ jung. Im Mittelalter und bis weit in die Renaissance hinein waren viele bedeutende Kunstwerke Werkstattproduktionen. Der Meister entwarf die Komposition, legte die entscheidenden Partien selbst an und seine Schüler, Gesellen und Assistenten führten große Teile der Arbeit aus. Bei manchen Werken ist bis heute umstritten, welcher Anteil tatsächlich vom Meister stammt. Niemand sagt, das sei keine Kunst. Die kreative Leistung wird demjenigen zugeschrieben, der die Verantwortung übernimmt. Beschäftigte ein Meister des 16. Jahrhunderts fünf Schüler, gilt er trotzdem als der Urheber. Wenn ein Autor des 21. Jahrhunderts eine KI für Recherche, Variantenbildung und Rohfassungen nutzt – warum soll die kreative Leistung plötzlich verschwinden? Sobald wir akzeptieren, dass Autorschaft und Ausführung auseinanderfallen können, lautet die entscheidende Frage: Wer beansprucht die Urheberschaft?

RÜGER: Lieber Jamal, ich danke Dir für Deine erhellenden Antworten. Unser Gespräch möchte ich – vorerst – hier mit einem Ploog-Zitat beenden: Der „Mensch ist eine Vernichtungsmaschine, er hat das Paradies verlassen, um seine eigenen zerstörerischen Bedingungen zu schaffen. Die Maschine ist eine Projektion davon, wohin er will …“

Mai/Juni 2026