In a lonely place
R.: Nicholas Ray; USA 1950; mit Humphrey Bogart, Gloria Grahame, Frank Lovejoy, Carl Benton Reid u.a.
Schon die erste Szene macht deutlich, Dixon Steele (Bogart) ist ein aufbrausender Choleriker. Er wird an der Ampel dumm angequatscht, und sofort ist er im Begriff, aus dem Auto zu springen und die Sache handgreiflich in Ordnung zu bringen. Als nächstes erfahren wir, daß er ein erfolgloser Drehbuchautor und Berufszyniker ist. Frauen gegenüber ist er aus Erfahrung mißtrauisch, sein ganzes Wesen ist nach außen hin bestimmt von Gefühlskälte. Aber die harte Schale verbirgt einen weichen Kern, das wird deutlich in seinem Umgang mit dem stets betrunkenen Charlie Waterman, der früher mal ein großer Schauspieler war, und dem sehnsuchtsvollen Glanz, den seine Augen beim ersten Zusammentreffen mit Laurel Gray (Gloria Grahame) bekommen.
Was wie eine Liebesgeschichte anfängt, wird ganz schnell zur Kriminalgeschichte. Weil Steele keine Lust hat, einen drittklassigen Groschenroman zu lesen, aus dem er ein Drehbuch machen soll, überredet er ein Garderobenmädchen dazu, mit ihm nach Hause zu gehen und ihm dort den Inhalt des Buches zu erzählen. Am anderen Morgen ist dieses Mädchen tot und Steele der Tatverdächtige. Obwohl er durch die Aussage seiner Nachbarin Laurel Gray schnell entlastet wird, bleibt Steele, der bei der Polizei einschlägig bekannt ist als jähzorniger Schläger, für Captain Lochner der Hauptverdächtige.
Steele fühlt, daß Laurel die Frau ist, nach der er lange gesucht hat. Bei der Polizei hat sie gestanden, daß sie ihn schon seit längerem beobachtet. „I like his face.“ Aber sie ist kein leichtes Mädchen und deshalb nicht einfach zu erobern. „Ich denke zweimal, bevor ich in eine Geschichte gerate.“ Steele wirbt um sie, und als sie endlich sagt: „Ich bin interessiert“ , ist seine Schaffenskrise vorbei. Er schreibt wie in Trance, alle sind glücklich, nur Oberbulle Lochner hält weiter an seiner Theorie fest und pflanzt langsam aber sicher Zweifel in Laurels Brust.
Daß Steele tatsächlich das Zeug zu einem Mörder hat, wird immer wieder an Episoden deutlich. Aus nichtigem Anlaß rast er wie eine Wildsau mit seinem Auto über eine nächtliche Landstraße, streift einen anderen Wagen und prügelt anschließend dessen Fahrer halbtot. Laurels Zweifel an Steeles Unschuld werden immer größer, sie fängt an, ihren Gefühlen zu mißtrauen: „Ich liebe ihn, aber ich habe Angst vor ihm.“ Das Ende dieser Liebesgeschichte ist absehbar. „I was born, when she kissed me, I died when she left me. I lived a few weeks while she loved me.“
Nicholas Ray hat diesen Film über einen Mann, der manchmal explodieren muß wie Dynamit, inszeniert wie ein Liebender. Mit Gloria Grahame, der geheimnisvollsten und liebenswertesten Blondine der Filmgeschichte, war er zu dieser Zeit verheiratet, man hat sie nur selten besser spielen gesehen. Bogart war der Produzent des Films und die Rolle ihm wie auf den Leib geschnitten; daß es ihm Spaß gemacht hat, sieht man in jeder Einstellung. „In a Ionely place“ ist mit Sicherheit einer seiner drei besten Filme. Selbst die Nebenrollen sind mit Sorgfalt und Liebe ausgestattet. Traumhaft Charlie (Robert Warwick), der Säufer, Mel (Art Smith), der Agent, Effie (Ruth Warren), das Stubenmädchen. Ein Drehbuch, wie man es heute nur noch ganz selten findet.
Bis zum Filmende weiß man nicht: war er’s oder war er’s nicht. Man weiß nur: wenn man wirklich liebt, dann sollte man immer nur auf seine Gefühle hören und, auch wenn’s schwer ist, den anderen so annehmen, wie er ist. Es bliebe einem dann einiges erspart. Laurels Tränen am Schluß sind für mich jedenfalls die grausamsten der Filmgeschichte.
Erstdruck in Auftritt, Heft 11/1989