Leben und Sterben

Das Leben ist nichts – ohne Tod. Er krönt das Vorangegangene. Über die Geburt hat man kein Selbstbestimmungsrecht. Über das Lebensende schon. Die Mehrheit der Menschheit frönt dem Wahn, ewig leben zu wollen. Was für ein elitärer und egoistischer Anspruch. Aber es gibt auch eine Minderheit, die – aus welchen Motiven auch immer – zu dem Ergebnis kommt: genug ist genug und den „Tod als Befreiung vom Leben“ (Wilhelm Schmid) sieht. Die Tapferen von ihnen nehmen das dann selbst in die Hand und verstoßen damit gegen alle Konventionen.

Es gibt eine Reihe berühmter Autoren, die ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende gesetzt haben: Ernest Hemingway, Sylvia Plath, Virginia Woolf, Stefan Zweig, Paul Celan, Anne Saxton, Cesare Pavese, Yukio Mishima, Jack London, Klaus Mann, David Foster Wallace, um nur einige aus dem zwanzigsten Jahrhundert zu nennen. Richard Brautigan gehört auch dazu.

Die Gründe mögen vielfältig und verschieden gewesen sein. Sie stehen allerdings exemplarisch dafür, daß „eine Möglichkeit der Lebenskunst ist, das Leben selbst zu beenden“ (Wilhelm Schmid). Der Umgang mit Freitod ist in den allermeisten Fällen ein Problem für die Hinterbliebenen. „Die Alleingelassenen“ (Norbert Elias) sind in der Regel unvorbereitet und hilflos. Sie wollen diesen Tod nicht akzeptieren und geben sich oft eine Mitschuld, weil sie ihn nicht verhindern konnten.

Was der freiwillige Tod ihres Vaters mit ihr gemacht hat, beschreibt Ianthe Brautigan in ihrem Buch „Den Tod holen“ eindrucksvoll und schonungslos. Sie war drei Jahre alt, als sich ihre Eltern trennten. Fortan pendelte sie zwischen den wechselnden Wohnsitzen der Mutter und des Vaters. Bis zum Schulabschluß besuchte sie zwölf verschiedene Lehranstalten. Zu ihrem Dad hatte sie ein fast klischeehaftes Vater-Tochter-Verhältnis. „Manchmal übernimmt die Liebe zu meinem Vater mein ganzes Selbst, und ich will in die Luft springen und jede mögliche Farbe festhalten, um damit meinem Herzen einen Ausdruck zu geben.“

Richard Brautigan wurde 1935 in Tacoma geboren. Er wuchs in einem bildungsfernen Haushalt in äußerst prekären Verhältnissen auf. Mitte der fünfziger Jahre zog er nach San Francisco und schloß sich den Autoren des City Lights Bookstores um Lawrence Ferlinghetti an. Mit seinem zweiten Roman, Forellenfischen in Amerika, erschienen 1967, wurde er zur Kultfigur der Hippie-Bewegung. Ungefähr zehn Jahre lang war er ein gefeierter Autor in USA und Japan. Dann folgte sein unaufhaltsamer Abstieg. Er begann exzessiv zu saufen und haderte mit seinem Schicksal. Sein Ableben im September 1984 bereitete er akkurat vor. „Ich war vierundzwanzig, als er sich mit einer 44er Magnum im zweiten Stock des Hauses in Bolinas neben dem begehbaren Kamin erschoss. Er stand aufrecht, das Gesicht zum Meer gerichtet.“ Seine Leiche wurde erst Wochen später gefunden, da er mit Hilfe von Timereinstellungen vortäuschte, das Leben im Haus ginge seinen gewohnten Gang.

Für seine Tochter ist dieser Tod eine Tragödie, die jahrelang ihr Leben bestimmt. Ein Therapieansatz ist: das mit ihrem Vater Erlebte aufzuschreiben. Ergebnis ist das vorliegende Buch, das sie nicht als einen „Selbsthilfeband über Selbstmord oder Trauer“ verstanden wissen will. „Stattdessen sind es die Erinnerungen einer jungen Frau an ihren eigenen Schmerz und daran, was in ihr selbst vorging, während sie sich mit den Rätseln um das Leben und den Tod ihres Vates beschäftigte.“

An der deutschen Ausgabe stört mich, daß Martin Stein (Pseudonym: Robert Nesta), der letzte verdienstvolle deutsche Brautigan-Verleger, Suicide durchgehend mit Selbstmord übersetzt. Dieses Wort ist negativ besetzt und beinhaltet eine kriminelle Konnotation. „Hand an sich legen“, wie Jean Amery sagt, ist ein „Privileg des Humanen“. Brautigan hätte sein überlegtes Handeln mit Sicherheit nicht als illegitimen Akt bezeichnet.

Die Tochter sieht das naturgemäß anders, sucht wie die allermeisten, die mit einem Suizid konfrontiert sind, die Schuld bei sich, arbeitet sich ab an diesem übermenschlich großen Komplex. „Unter den vielen Geschöpfen auf dieser Erde, die sterben, sind es allein die Menschen, für die Sterben ein Problem ist.“ (Norbert Elias) Der unnatürliche Tod ist so gesehen das größte Tabu in der westlichen Welt. Die Crux im Zusammenleben mit einem Suizidär besteht im Überwinden der eigenen Wertevorstellung. Man kann sich selbst nur schützen, wenn man sich von der Allmachtsphantasie verabschiedet, zu glauben, einen Lebensmüden retten zu können.

Ich rede hier nicht von Menschen, denen ein offenes Ohr oder tatkräftige Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Probleme helfen würde, sondern von Suizidären, die sich über eine lange Zeit mit dem Thema Sterben beschäftigen. Richard Brautigan ist ein klassischer Fall. Er hat sehr lange über den „autonomen Akt des Freitods“ (Jean Amery) nachgedacht. „Er begann, über den Tod zu sprechen, als ich etwa acht Jahre alt war. Mit vierzehn erzählte er mir, daß der einzige Grund, warum er sich nicht umbringe, der sei, daß er nicht wolle, daß ich ihn finde.“

Eine Dekade lang erträgt Ianthe diesen unberechenbaren Säufer, durchleidet Höhen und Tiefen und entwickelt Strategien, um das aushalten zu können. Sie ist ein Kind, und er ist ihr Vater, „den ich gefährlicherweise beinahe mehr als mein eigenes Leben liebte, diesen magischen Vater, der begonnen hatte, sich selbst zu zerstören und mich einfach als Zuschauerin zurückließ ohne eine Möglichkeit, ihm zu helfen oder mich selbst zu schützen“.

Selbst als junge Frau kann sie sich diesem Himmel-Hölle-Harakiri nicht entziehen. Auf der einen Seite der bewunderte, begnadete Autor, der sie liebende Vater, auf der anderen Seite immer wieder der wüste, besoffene Choleriker. Seine Ehefrauen und Geliebten können sich aus dem Staub machen, wenn ihnen die Belastung zu groß wird, die Tochter kann das nicht.

Ohnmächtig muß sie miterleben wie ihr Vater das Opfer einer Rezeptionswende wird. „Seine Schreibe war immer besser geworden, aber die Zeiten hatten sich verändert, und während der Welle des Konservatismus, die durch die Achtziger gefegt war, distanzierten sich die Menschen von den Sechzigern und verwechselten diese Zeit mit der Schriftstellerei meines Vaters. Außerdem verstanden ihn die meisten Kritiker nicht, weil er immer ganz vorne dabei war, wenn es galt, literarisches Neuland zu erforschen.“

Sein Roman Der Tokio-Montana-Express (1979) wurde damals von der amerikanischen Kritik in den Boden gestampft. Das hat ihn extrem getroffen. Philippe Djian, ein erklärter Brautigan-Fan, lobt heute aber gerade dieses Buch: „Wie alle zutiefst verzweifelten Menschen ist Brautigan zu höchster Komik und zu Anflügen von reinstem Optimismus fähig. Er entfesselt einen Schneesturm mit nur zwei Flocken, sieht darin, daß im Laden des Eisverkäufers mitten im Winter das Licht angeht, ein Zeichen für den nahenden Frühling, verwandelt leere Restaurants in Beerdigungsinstitute. Der Tokio-Montana-Express ist eine wahre Fundgrube. Hunderteinunddreißig kurze Erzählungen, hunderteinunddreißig Seitenblicke, hunderteinunddreißig poetische Stationen. Und daher ebenso viele Gründe dafür, die Welt in einem annehmbaren Licht zu betrachten.“

Wenn man seine humorvollen Geschichten liest, glaubt man nicht, daß das Leben ihm von klein auf übel mitspielt hat. „Man hat mich eingewiesen, nachdem ich Steine gegen das Fenster der Polizeistation geworfen hatte, weil ich gehofft hatte, sie würden mich einsperren und mir etwas zu essen geben. Ich hatte Hunger. Stattdessen haben sie mich in ein Irrenhaus gesteckt.“ Man verpaßte ihm Elektroschocks und entließt ihn erst nach drei Monaten.

Seine Kindheitstraumata hat er lebenslang mit sich herumgeschleppt. Als er Anfang zwanzig war, brach er jeglichen Kontakt zur Verwandtschaft ab. Seine Mutter hat er mit 21 zum letzten Mal gesehen, mit seiner Tochter hat er nie über sein Elternhaus gesprochen. Nach seinem Tod macht sich Ianthe auf die Suche nach seiner Herkunft in der Hoffnung, begreifen zu können, was ihn in den Tod getrieben hat.

Ianthe wollte ausdrücklich keine Biografie über ihren Vater schreiben, aber natürlich erfährt man sehr viele intime Details über diesen „begnadeten, brillanten, brüllend komischen und manchmal schwierigen Menschen“. Ihre Erinnerungen lassen ihren Vater und sein kreatives Umfeld lebendig werden, der Leser erfährt viel über die Zeit der Hippies und das Denken, das diese Zeit bestimmt hat. Alkohol und Drogen sind ein Dauerthema in diesem Buch. Manchmal denkt man, das Leben dieser illustren Schar bestand aus einem fortwährenden Besäufnis.

An den Trinkgelagen auf seiner Ranch in Montana nahmen haufenweise Berühmtheiten teil, an der Seite ihres Vaters lernt Ianthe Leute wie Jim Harrison, Tom McGuane, Lawrence Ferlinghetti, Peter Fonda, Dennis Hopper und F.F. Coppola kennen, ihr Buch ist ein aufschlußreiches Sittengemälde hauptsächlich der siebziger Jahre, manche Seiten ihres Buches haben mich zu Tränen gerührt. Ihre Ausweglosigkeit ist himmelschreiend („Diese Selbstzerstörung war schnell, systematisch und für mich offenkundig.“), aber über die Jahre und mit Hilfe ihrer Recherchen findet sie zu ihrem Frieden und schenkt dem Leser das Porträt eines Autors, den niemand hätte retten können. „Mein Vater hatte Probleme mit dem Geld, Probleme mit der Familie und Probleme mit dem Trinken, sein größtes Problem war jedoch, daß er nicht leben wollte.“

Ianthe Brautigan: Den Tod holen, Erinnerungen einer Tochter, 192 Seiten, Kartaus Verlag 2002

Juni 2026