Hipster, Beat & die Neunziger

Die Achtziger waren langweilig, die Neunziger könnten spannend werden, wenn das ein oder andere von dem eintrifft, was Wolfgang Rüger prognostiziert.

„If you’re not part of the solution, you’re part of the problem.“ Das ist ein geflügeltes Wort aus den Sechzigern. Der scheinbar ach so unpolitische Kabelsender MTV hat diesen Spruch wieder ausgegraben und zum Motto seines Ökospots gemacht. Für mich ein schönes Beispiel meiner These: sixties goes nineties. Meiner Meinung nach werden nämlich ein Großteil der in den Sechzigern relevant gewordenen Inhalte in den Neunzigern wieder auftauchen – modifiziert, aktualisiert, zeitgemäß umgesetzt.

Gregor Dotzauer hat in der FAZ moniert, daß die Ökospots von MTV zwar den Kopf durchlüften, „aber sie jagen auch einen Teil des Verstandes in die Luft. In dem Maß, in dem sie die gesammelte Aufmerksamkeit des Zuschauers fesseln, zerstreuen sie diese“. Aber, aber mein Lieber, kann ich da nur sagen: 1. sollte man das gemeine Fußvolk (damit sind die gemeint, die MTV glotzen) nicht so von oben herab unterschätzen, 2. darf man nicht vergessen, daß wir nicht mehr in den Sechzigern leben (das Bewußtsein ist heute auf einem ganz anderen Stand als damals) und 3. geschehen in den Neunzigern vielleicht (jetzt schon) tatsächlich grundlegend neue Dinge, die das Gros der Konsumenten und Kritiker nur (noch) nicht versteht.

Das, was wir heute allgemein den Sechzigern zuschreiben, was aus den USA kam und als Underground, Jugendrevolte, Studentenunruhen oder unter welchem Prädikat auch immer in die Geschichte eingegangen ist, hatte seinen Ursprung schon viel früher: in den (späten) Vierzigern und vor allem in den Fünfzigern. Die zentralen Ereignisse, die zur Desillusionierung nach Ende des Zweiten Weltkrieges führten, waren die Atombombe, der Beginn des Kalten Krieges, McCarthys Kommunistenhatz und der Konsumrausch der Massen. Musiker wie Lester Young, Charlie Parker, Thelonious Monk, Dizzie Gillespie, Kenny Clarke und Charlie Christian rissen mit ihrem harten, antiassimilatorischen Bebopsound den Jazz aus dem Mainstream der amerikanischen Kultur. Diese Generation wollte nicht mehr einverstanden sein mit den bestehenden Verhältnissen und stellte sich bewußt mit ihrer Art Musik ins Abseits. Unter den jungen Amerikanern wurde Bebop zum Synonym eines tief empfunden Nonkonformismus, zum „Kult des Schutzes und der Rebellion“ (LeRoi Jones). Die Beboper nahmen in der Musik vorweg, was sich unter ästhetischen Analogien in anderen Bereichen der Kunst fortsetzte. Maler wie Jackson Pollock, Willem de Kooning oder Franz Kline und die Literaten der Beat-Generation haben sich immer wieder auf den Bebop berufen. Als Vermächtnis dieser rebellischen Jugend und eine literarische Hommage an die Bebopszene kann man den Roman „Der Saxophonist“ lesen, geschrieben wurde er von John Clellon Holmes, der einer der ersten Beats war und in zahlreichen Essays die literarischen und ideologischen Merkmale der Beat-Generation aufgearbeitet hat.

Den Aufbruch jener Generation läuten dann drei Publikationen ein, die Ende der fünfziger Jahre kurz hintereinander auf dem Markt erschienen: „Howl“ von Allen Ginsberg, „On the road“ von Jack Kerouac und „Naked Lunch“ von William Seward Burroughs. Alle drei rechneten sich zu einer Gruppe antiakademischer junger Vitalisten, die sich selbst als Hipster oder Beatniks bezeichneten und unter dem Begriff Beat-Generation in die Geschichte eingegangen sind. In Ginsbergs wunderschönem Fotoband „Reality Sandwiches“ kann man ihre Protagonisten bewundern. Diese Snapshots haben „die Welt für ganze Sekunden“ (Kerouac) angehalten und können zumindest atmosphärisch etwas von dem vermitteln, was den Hipster auszeichnet.

„HIP ist ein nicht zu knackender Code, aus gutem Grund. Es wurde erfunden, um den Hipster in seinem Innersten vor der Ausbeutung, dem Ripp-Off, zu bewahren … HIP hat das Nervensystem neu verkabelt …“, wie es in dem sündhaft schönen Band „The Hip“ heißt. Oder, wie es Karl O. Paetel im Vorwort zu seiner legendären Beat-Anthologie formulierte: „Die Hipster, die Beats gehen den Weg sichtbar und demonstrativ zu Ende, indem sie sich neben dieser Gesellschaft von gestern ansiedeln. Sie hegen nicht die Erwartung eines Morgen, das Wandel schaffen wird – sondern suchen ihr Heute im disengagement, in der Absage an den Lebensstil und die Konventionen der Umwelt, abseits von Squaresvilles, den Bezirken der Bürger.“

Die Geschichte verläuft bekanntlich in Zyklen, über deren Dauer allerdings die unterschiedlichsten Vorstellungen kursieren. Tatsache ist: Nach den bewegten Sechzigern, die noch in die frühen Siebziger hineinreichten, gab es, und das betrifft vor allem die Achtziger, eine längere Strecke der Stagnation. Erst im letzten Jahr gab es wieder nennenswerte Bewegung auf dem Globus festzustellen. Der Osten blies zum Ausverkauf seiner ideologischen Werte. Der Kapitalismus steht vor seinem allerletzten Triumph.

Die Erste Welt ist heute mit ihrer saturierten Konsumgesellschaft als Ausgangsbasis nicht unähnlich den Zuständen, die die Hipster nach dem Zweiten Weltkrieg vorfanden. Die Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkriegs ist nach dem Fallen des Eisernen Vorhangs viel größer als zu Zeiten des wahnsinnigen atomaren Wettrüstens. Bei der Unvernunft und Ungeduld der Massen, die jetzt natürlich ALLES wollen und nicht bereit sein werden, den notwendigen Entwicklungen die Zeit einzuräumen, die sie brauchen werden, würde es mich nicht wundern – und mit dieser Befürchtung stehe ich nicht allein – wenn die augenblicklich noch vorherrschende Euphorie in eine Katastrophe münden würde. Gesetzt den Fall, Gorbatschow würde ein Opfer seiner eigenen Reformen, dann wäre dem Chaos nur noch mit Hilfe des Militärs beizukommen, und das daraus resultierende globale Säbelrasseln könnte ganz schnell in einen alles beendenden Overkill führen.

Die Ostöffnung als latente Kriegsgefahr, fast unlösbare Ökoprobleme, eine fast bis zum Wahnsinn technisch hochgerüstete Zivilisation, der gnadenlose Konsumrausch der Massen – Gründe genug, um dieser konfliktgeladenen Gegenwart eine Absage zu erteilen. Mit was haben sich unsere Gegenwartsliteraten aber am intensivsten beschäftigt? Mit sich selbst! Aus den USA kam das unsäglich nichtssagende Partygeplauder der Yuppies, aus der DDR das unsäglich angepaßte Geschwätz der Möchtegernrebellen, aus der BRD das unsäglich angestrengte Gestammel der Pseudopostmodernen, aus Frankreich kam immerhin das ein oder andere Experiment, die Tschechoslowakei und Rumänien schenkten der Welt zwei Helden. Vaclav Havel und Mircea Dinescu sind nun nicht gerade die Prototypen des Hipsters, aber immerhin integre und aufrechte Seelen, Hoffnungsschimmer also allemal.

Was jetzt dringend nottut, sind Autoren, die sich der nach dem Zweck- und Nutzen-Schema organisierten Gesellschaft, in der die Lebensformen von mediokren Rang- und Aufstiegskategorien bestimmt werden, verweigern. Autoren, die wie Rolf Dieter Brinkmann mit unerbittlichem Sezierblick diesem „Scheißhaus Wirklichkeit“ zu Leibe rücken, die den überhand nehmenden „Wortkloaken“, dem „leibhaftigen Wahnsinn“, den „latenten Todesdrohungen und Verstümmelungsbildern“ den Kampf ansagen. Autoren, die dem Verdikt von Jürgen Ploog gerecht werden können: „Der Autor muß Seismograph seiner Zeit sein, das heißt, die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Besonderheiten in einer ihnen gemäßen Form festhalten.“

Nur wer eine zeitgemäße Form findet, kann das aktuelle Bewußtsein überdauernd zu Papier bringen. Wer heute, in einer Zeit der globalen Verkabelung, unüberschaubarer und nicht mehr zu bewältigender Informationsfülle, des sekundenschnellen Transfers und der Reizüberflutung noch Wirklichkeit in einer konventionell erzählten Geschichte mit Spannungsbogen, linearer Handlung und sich psychologisch entwickelnden Figuren einfangen will, hinkt mit seinem Bewußtsein weit hinter der Zeit her.

Eine neue Schreibart braucht auch eine neue Rezeptionshaltung. Mit herkömmlichen Maßstäben wird man der Kunst der Neunziger nicht mehr gerecht werden können. Die MTV-Ökospots – und hier schließt sich dann der Kreis wieder – entsprechen unserer Zeit. Sie fangen Wirklichkeit in kleinen, blitzartigen Episoden ein. Sie sind nicht konsumierbar, weil sie keine Bedürfnisse befriedigen, aber sie sind Kunst im Sinne von Godards Kulturkritik: „Die Kultur antwortet auf ein Bedürfnis, die Kunst antwortet auf eine Sehnsucht.“

Erstdruck in Auftritt, Heft 4/1990