Männer und Frauen

Der Schriftsteller Henky Hentschel lebt seit zehn Jahren in Südamerika. In seinem autobiografisch gefärbten Roman „Die Häutung“ erzählt er von einem Mann, der aus der zivilisierten Welt und vor westlichen Emanzen flieht.

Auf die Frage, ob Männer und Frauen heute weniger denn je zusammmenpassen, antwortet der dürre Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht, den kurzen Haaren und den von einer Gelbsucht getrübten Augen mit einem Schnellen und eindeutigen: „Ja.“ Und schwärmt von seinem Utopia: „In Südamerika, auf den Antillen oder in der Karibik legt die Frau größten Wert darauf, hundertprozentig Frau zu sein. Was gar nicht so sehr, wie man hier immer meint, mit einem Verlust von Rechten einhergeht.“

Henky Hentschel lebt seit fast zehn Jahren in Südamerika. Wie Carl Adam, den Protagonist seines stark autobiographisch gefärbten Romans „die Häutung“, hat ihn der Frust mit den emanzipierten Weibern des Westens in die Welt hinausgetrieben. „Zum Genuß gehört in meinem Leben eine Frau, aber nicht eine, die ein besserer Mann sein will als du und ich und folglich dauernd auf irgendwelchen Kriegspfaden herumschleicht.“ Um aus seinem Leben ein Kunstwerk machen zu können, braucht dieser Mann eine richtige Frau. Hier, erklärt Carl seine Flucht aus der zivilisierten Welt, betrachten die Frauen „jedes Gefühl für einen Mann als Bedrohung ihrer Freiheit: und als Gefahr für ihre Selbstverwirklichung. Sie sind problemgeplagt, kopflastig, unsinnlich und lustfeindlich. Und alles, ob es sich jetzt um den deutschen Wald handelt, den Frieden, das Fahrrad, die Naturfaserklamotte, den biologischen Apfel, die Startbahn West, die Gleichberechtigung, die Sterne, die Indianer, den Biorhythmus, die Fixe, die Revolution, das Wassermann-Zeitalter, das Cholesterin – alles, was gerade in Mode kommt, bedeutet ihnen mehr als das Paradies zwischen ihren Schenkeln.“

Carl fliegt nach Guadeloupe, findet aber nicht, was e sucht. „Was ihn am Leben noch fesselte, waren die Frauen, die er nicht bekam, und die Bücher, die zu schreiben er zu schwach war. Es war nur folgerichtig, wenn er sich von einem schwulen Franzosen ins Jenseits ficken ließ.“ Carl nimmt den nächsten Frachter nach Dominica. Aber auch diese Trauminsel bietet dem Journalisten nicht das Ersehnte. Stattdessen kämpft er tagelang mit der Angst, sich bei der Vergewaltigung mit Aids infiziert zu haben, läßt sich von gewieften Huren abzocken und schlägt sich mit Touristenpack und den einheimischen Behörden herum.

Erst in Santo Domingo begegnet ihm endlich eine Frau nach seinen Vorstellungen. Ana ist jung, schwarz, gertenschlank, eine Hure – und stolz darauf. Zwischen den beiden entwickelt sich eine klassische amour fou. Carl streift seine westliche Haut ab, zerstört gezielt sein zivilisiertes Bewußtsein und findet unter den käuflichen Frauen der Avenida Duarte, „der heißesten Straße dieser Welt“, zu sich selbst. Die Liebe und Eifersucht zu Ana prügeln ihn an die Schreibmaschine, die Nächte mit ihr bringen ihm Rausch, Erregung und Ekstase. In Santo Domingo befreit sich Carl „von seiner Jugend, seinem Elternhaus, seiner Vergangenheit, seinen Maßstäben, Prinzipien und Glaubenssätzen“.

Henky Henschel ist kein naiver und romantisierender Aussteiger. Die Probleme der Dritten Welt erkennt er glasklar, und er schämt sich noch heute, „ein weißer Europäer zu sein, der zu dieser Drecksbande gehört, die den Menschen dort das Mark aus den Knochen saugt“. Seit einigen Jahren ist er mit einer jungen Guatemaltekin verheiratet, die eine Art Medizinfrau ist. „Für die gibt es keinen Schmetterling, der nicht eine Botschaft überbringt. Und dann muß man noch schauen, welche Farbe er hat und wo er sich hinsetzt und um wie viel Uhr er sich da hingesetzt hat.“ Von ihr lernt Hentschel viel über das von Mystik, Archaik und Hokuspokus geprägte Leben der Ureinwohner. Dieses Wissen um Naturheilkunde, scheinbaren Aberglauben und die auf jahrhundertealten Traditionen beruhrende Lebensweise fließt ganz selbstverständlich in Hentschels Bücher und macht sie, am gelungensten in „Jajas Klau“ (Verlag an der ESTE), zu einer spannenden und lehrreichen Lektüre.

Neben der Zivilisationskritik liegt Hentschel die Befreiung des Individuums am Herzen. Carl Adam ist ein Prototyp. Er begeht auf gegen das, was in be- und unterdrückt. Voller Risikobereitschaft bricht er Brücken ab und macht sich auf die suche nach seiner wahren Identität. Ana ist letztlich zwar auch kein dauerndes Glück, aber sie hat seine Häutung möglich gemacht. Am Ende des Romans kann Carl für sich immerhin resümieren, was hierzulande sicher nur wenige können: „Er hatte nicht viel ausgelassen. … Sein Leben war reich gewesen. … Zusammengenommen war es mehr, als man von einem einzigen Leben verlangen konnte.“

Henky Hentschel: Die Häutung, Piper, 288 Seiten, 36 Mark

Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 11/1994