Der bleibende Augenblick
Meine Zusammenarbeit mit dem Fotografen Harald H. Schröder
Knapp zehn Jahre waren Harald H. Schröder und ich ein eingespieltes Team. Er verließ sich auf meinen Sachverstand, ich mich auf seine Kunst. In der Regel lief es so: ich als leitender Feuilletonredakteur einer Frankfurter Stadtzeitung organisierte die Termine mit den in der Stadt weilenden Künstlern, er machte die Fotos. Während ich mein Interview oder Konversation machte, baute Harald das Licht auf (in geschlossenen Räumen) oder hielt Ausschau nach einer geeigneten Location fürs Foto. Mein Bemühen war es immer, dass er wenigstens zehn bis zwanzig Minuten Zeit fürs Foto hatte. Er musste ganz selten während des Gesprächs fotografieren. Wichtig war uns beiden, dass ein einzigartiges Porträt dabei herauskam. Aber anders als Helmut Newton zum Beispiel ging es uns nicht um Inszenierung, sondern um das Wesen des Porträtierten. Wir wollten nichts Gekünsteltes, sondern wie man so schön sagt, die Wahrheit.
HHS ist kein Regisseur wie zum Beispiel Annie Leibovitz, sondern Auge wie zum Beispiel Barbara Klemm. Er schießt nicht zig Bilder in der Minute in der Hoffnung, irgendein guter Schnappschuß wird schon dabei sein, er erkennt den richtigen Moment und drückt dann ab. Er stellt sich auf eine Situation ein, nähert sich ihr „auf Sammetpfötchen, aber mit Argusaugen“ (Henri Cartier-Bresson) und macht daraus einen bleibenden Augenblick.
Paul Nizon zum Beispiel war zum ausgemachten Termin mit seiner Morgentoilette noch nicht fertig, öffnete mit halbrasiertem Gesicht die Tür und Harald sah sofort das unwiederholbare Bild. Heiner Müller wollte die Zigarre zum Fotoshooting zur Seite legen, Harald ermunterte ihn, richtig Dampf zu machen. Die heute so resolute Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war damals bei ihrer ersten Lesung in der Frankfurter Romanfabrik auf dem Hotelbett eines billigen Hotels im Frankfurter Ostend eine noch unsichere junge Frau, die gerade erst im Westen angekommen war und fast hilflos auf all das Neue blickte. James Ellroy kannte während seines ersten Besuchs auf der Frankfurter Buchmesse praktisch noch kein Mensch in Deutschland, trotzdem strotzte er schon damals vor grenzenlosem Selbstbewusstsein und wusste genau, wie er sich erfolgreich verkaufen mußte. Paul Auster inszenierte sich ebenfalls auf seiner ersten Frankfurter Buchmesse so, wie er dann bis heute in Europa wahrgenommen wird: als introvertierter Schöngeist französischer Couleur. Oder die tief in sich gebeugte Patricia Highsmith während einer Signierstunde in der „Wendeltreppe“, penetrant gestört von einer Fliege, nach der sie immer wieder in todbringender Absicht mit dem Stift schlug.

Das Foto sollte „die intransigente Zugabe zur Identität“ (Roland Barthes) sein, auf dem Foto sollte der Porträtierte eins werden mit sich selbst. Oder wie Gisèle Freund es in einem ihrer wunderbaren Aphorismen formuliert hat: „Man trägt sein Gesicht wie ein Rätsel, das man nicht kennt. … Der Fotograf hat die schwierige Aufgabe, uns zu enthüllen, was wir geheim halten wollen.“
Wie wunderbar HHS das oft gelang, mag das Beispiel Kathy Acker verdeutlichen. Sie war in all den Jahren die einzige Person, die sehr unglücklich mit den Fotos war, die Harald von ihr gemacht hatte. Als Ikone des amerikanischen Undergrounds stilisierte sie sich mit martialischen Tätowierungen und Punker-Outfit. Harald machte dagegen sehr feminine, fast romantische Fotos von ihr. Kathy haßte diese Fotos regelrecht. Heute würde ich sagen, Harald hat damals schon in seinen weichen Fotos Kathys Verletzlichkeit festgehalten, die sich in ihrem elenden Sterben Jahre später erst manifestieren sollte. In ihrem tiefsten Inneren wusste Kathy wohl, dass Harald sie richtig gesehen hatte und diese Fotos nicht mit ihrer sonst zur Schau gestellten Fassade übereinstimmten. Daher ihre starke Abwehr gegen sie.
Oft kannte Harald die Künstler gar nicht, die ich auswählte. Für ihn war das auch nicht wichtig, ob da eine Berühmtheit vor der Linse stand. Es zählte nur der Mensch, die Situation und das Ambiente. Aus diesen drei Komponenten hat er großartige Bilder gemacht. Porträts, die bleibende Gültigkeit haben.
„Es ist immer leicht, auf den Auslöser zu drücken“, sagt Abe Frajndlich., „aber nie leicht, ein gutes Bild zu machen.“ Zum Auge kommen bei HHS noch Licht und Perspektive. Wenn es ging, hat er draußen nur spärlich mit Aufhellern gearbeitet und drinnen nur sparsam Licht gesetzt. Seine Ausrüstung war immer nur so groß, dass sie einer allein tragen konnte. Alles in seiner Arbeit ist reduziert auf das Wesentliche. So wenig Manipulation und Dramatik wie möglich, ist seine Devise. Das findet auch seine Entsprechung in der Perspektive, in der er seinem Gegenüber begegnet: auf Augenhöhe. Keine Überhöhung und keine Degradierung. Den Blick geradeaus in die Seele, wenn man so will.
Man muß nur mal in seine Foto-Gesichter schauen von John Berger, Mohamed Choukri, Irene Dische, Raymond Federman, Janosch, Hans Mayer, Hubert Selby, Amos Oz, Fay Weldon oder Janwillem van de Wetering und man weiß sofort: Da hat einer richtig hingesehen und Wahrhaftiges festgehalten. Denn, wie Aaron Siskind es formuliert hat: „Das Photo erinnert sich an Kleinigkeiten, auch wenn man selbst alles längst vergessen hat.“

Frankfurt im Dezember 2012