Die DDR ist eine deutsche Wunde
Der Golfkrieg ist ein willkommener Vorwand, um die innenpolitischen Zustände hierzulande zu kaschieren. Professor Hans Mayer, kompetenter Zeitzeuge und intimer Deutschlandkenner, äußert sich in einem Exklusiv gespräch zu Fragen der deutschen Einheit.
RÜGER: Herr Professor Mayer, Sie haben den Anfang der BRD und der DDR miterlebt, jetzt den Anfang der Deutschen Einheit, wo wird uns die hinführen?
HANS MAYER: Zunächst einmal zu einer ganz veränderten Stellung der Deutschen in Europa und damit in der Weltpolitik. Das haben sie nicht so recht verstanden im Augenblick, aber das wird man ihnen schon einbleuen, das wird nämlich nicht nur positive Züge haben. Und vor allen Dingen werden die Deutschen erkennen, daß, im Gegensatz zu ihnen selbst, die Welt außerhalb von Deutschland ein sehr gutes Gedächtnis hat. Es wird überhaupt nichts vergessen von dem, was gewesen ist, mit allen Vorurteilen, die da sind. Vorurteile, die das wilhelminische Deutschland gelegt hat, mit diesem schnöselhaften Auftritt Wilhelm II., das dann mit der Zerrissenheit und Schwäche der Weimarer Republik, trotz vieler sympathischen Züge, auch nicht gerade die Welt vom Stuhl gerissen hat. Und dann natürlich mit all den Untaten und Verbrechen des Dritten Reiches.
Ich will das nochmal sagen, man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Alles Unglück, das heute in der Welt geschieht, das wir alles erleben, sehen oder auch erleiden und erleiden werden, ist unmittelbar zurückzuführen auf den 30. Januar 1933, auf die sogenannte Machtergreifung, oder wie man das damals so schön nannte das erwachende Deutschland. Ob Sie nun die Supermacht Sowjetunion nehmen, die Sowjetunion wäre auch unter Stalin keine Supermacht geworden ohne den Überfall von 1941, ohne die Notwendigkeit, einen Krieg zu führen und ihn siegreich am Brandenburger Tor zu beenden. Das ist undenkbar ohne diese Abenteuerpolitik. Dann die Annektierung der baltischen Staaten, die Teilung Polens, die Entstehung des Staates Israel. Alles ist unmittelbar von Deutschland ausgegangen. Das müssen wir sehen. Die Welt wird, wenn sie von Deutschland und den Deutschen spricht, vor allem daran denken, daß sich das nicht wiederholt.
Wie soll man mit den sogenannten »Altlasten« umgehen? Nehmen wir zum Beispiel die Lehrenden an Schulen und Universitäten. Sie waren ja selbst Professor in Leipzig. Kann der Lehrkörper der ehemaligen DDR weiter im Amt bleiben? Wie sollte da jetzt verfahren werden?
MAYER: Ich meine, man müßte so vorsichtig wie möglich vorgehen, und man müßte in jedem einzelnen Fall sehen, was das für ein Mensch war und was er hinterlassen hat. Hat er sich einfach nach der Decke gestreckt und hat die Dinge abgeliefert, auch gegen eigene Überzeugung, die er abliefern mußte als Lehrer, dann wird er neu lernen müssen, und man muß den einzelnen Menschen sehen. Wenn er wirklich Schaden angerichtet und denunziert und andere Menschen geschädigt hat, dann muß er verschwinden.
Aber auch hier scheint mir die ganze Sache doch wieder sehr unehrlich oder sehr feige gehandhabt zu werden. Sie wissen ja, daß ich nicht nur die DDR entstehen und vergehen sah, sondern daß ich schon im Oktober 1945 aus der Emigration der Schweiz nach Deutschland zurückkehrte. Schön wär’s gewesen, wenn die Fragen, die Sorgen, die man jetzt hat über die Schriftsteller, über die Richter, die Lehrer, die Akademiker, damals bei den Verbrechen der Nazizeit und dem irrsinnigen Rassengeschwätz gestellt hätte. Damals hat man nichts dergleichen gemacht. Den Richtern des Volksgerichtshofs ist ja praktisch nichts geschehen, sie haben alle ihre Pensionen bekommen.
Ich meine also, hier plötzlich ein Gezeter zu machen und zu sagen, die müssen alle weg, das paßt absolut zu der Mentalität vieler Leute, die damals, 1945, gesagt haben, na ja gut, der und der sollte nicht mehr da sein, alle übrigen können bleiben. Man sollte das sehr vorsichtig machen, denn was man im Augenblick braucht in Deutschland, und zwar in den fünf neuen Bundesländern, sind Fachleute, die sachlich eine Sache erledigen können. Die müssen neu lernen, die müssen neue Aufgaben bekommen, wenn man das Gefühl hat, sie sind dazu fähig und sie sind dann auch guten Willens. Was wir am wenigsten brauchen können, ist Geschwätz von Angebern und Wichtigtuern.
Ihr Buch(*) geht sehr sensibel mit der DDR um, nimmt Leute wie Honecker, Otto Gotsche oder Johannes R. Becher teilweise in Schutz. Ist Ihr Buch auch zu verstehen als Antwort auf die manchmal doch recht inkompetenten und unqualifizierten Bewertungen westlicher Kritiker?
MAYER: Na, hier haben Sie aber einiges durcheinandergeworfen, Also Gotsche nehme ich nun wahrlich nicht in Schutz, den Sekretär von Walter Ulbricht. Gotsche hat wirklich ungeheueren Schaden angerichtet. Er hat ja mit dazu beigetragen, daß ich weggeekelt wurde. Johannes R. Becher ist ein vollkommen anderer Fall. Johannes R. Becher ist als Kulturminister ein Glücksfall gewesen. Alles, was er initiert hat in der DDR, die Zeitschrift Sinn und Form, die er herausgegebn hat, die Berufung von Brecht, die komische Oper von Felsenstein, die Berufung von Ernst Bloch, von mir und Werner Krauss an die Universitäten, ist ja weitgehend sein Werk gewesen. Außerdem war er, wenn er nicht gerade schlechte Gedichte schrieb, auch immer noch ein bedeutender Dichter. Der Fall Johannes R. Becher ist ausführlich behandelt worden. Honecker? Nein, ich gehe nicht schonungsvoll mit Honecker um.
Ich wollte mit meiner Frage eigentlich ausdrücken, daß Sie sehr viel differenzierter mit den einzelnen Personen umgehen als ein Großteil der anderen Kritiker, die doch sehr pauschal abgeurteilt haben.
MAYER: Das ist völlig richtig, und ich betrachte das als ein Kompliment. Ich betrachte das als mein eigentliches Anliegen. Ich habe das gestern bei der Vorstellung des Buches hier in Frankfurt auch ausdrücklich gesagt und zwar mit einem Goethezitat. Nämlich, wenn Goethe die Frage sich stellt, was ist das Allgemeine, so antwortet Goethe, das ist sehr dialektisch: Der besondere Fall? In jedem besonderen Fall kann man das Allgemeine entdecken, aber wenn man das Allgemeine einfach fundamentalistisch behandelt, wird man überhaupt keinem Einzelfall gerecht werden. Wenn ich irgendetwas in meinem Leben gehaßt habe, im Gespräch mit Menschen, so ist das die Diskussion, die auf der Grundlage besteht: “Und überhaupt.” “Und überhaupt” heißt überhaupt nichts.
Die DDR hat die unbequemen Intellektuellen eingesperrt oder abgeschoben. Ich nenne nur Robert Havemann und Ernst Bloch. Wie wichtig sind für einen Staat seine Querdenker und Systemkritiker?
MAYER: Das hängt eben von dem Staat ab. In der Bundesrepublik haben die Intellektuellen eigentlich niemals eine Rolle gespielt. Das hängt mit der deutschen Misere zusammen. Ich könnte Ihnen hier stundenlang erzählen von bedeutenden Intellektuellen, großen Künstlern und Schriftstellern, die gleichzeitig ihr Land auch politisch vertreten haben: Wir haben den großen Nobelpreisträger Pablo Neruda in Chile gehabt, wir hatten André Malraux als Kulturminister von De Gaulle. De Gaulle selbst war eine Art von Intellektuellem. Winston Churchill ist Literaturnobelpreisträger gewesen, das waren Intellektuelle, wir haben heute den Glücksfall eines Vaclav Havel.
Das alles hat es in Deutschland nie gegeben. Theodor Heuss war ein Intellektueller, aber man hat ihn als Intellektuellen ja praktisch nicht agieren lassen. Er mußte immer so ganz vorsichtig agieren. Die einzige Politik machte Adenauer, und Adenauer war nun wirklich kein Mann, der sich für Intellektuelle interessierte. In der DDR war es anders. Die mußte ja aufgebaut werden mit den zurückgekehrten Emigranten, und darunter waren eben sehr viele bedeutende Schriftsteller, wie Becher, Anna Seghers, Friedrich Wolf, im gewissen Sinne Brecht, auch Ernst Bloch hatte eigentlich als Sympathisant immer zu dem Kreis gehört, Carola Bloch war Mitglied der SED. In der DDR wurde also das System weitgehend auch durch Intellektuelle, ehemalige geschulte Kommunisten und Sympathisanten bestimmt. Aber dann entstand eben aufgrund der Theologisierung durch Moskau ein Widerstand der Intellektuellen gegen das Blabla, das sie offiziell hätten verkünden müssen, und so wurden die Intellektuellen, die ursprünglich den Staat mit aufgebaut hatten, zu Dissidenten und zu seinen Gegnern. Wie bei Ernst Bloch und vielen anderen. Und dann entsteht eine neue Generation von Intellektuellen in der DDR, Leute wie Volker Braun, Christoph Hein oder Bernd Jentsch, die unmittelbar ihre Intellektualität einsetzen gegen die Intellektuellen, die inzwischen zu Staatsdichtern geworden waren.

Glauben Sie, daß irgendetwas anders gelaufen wäre in der BRD, wenn man Schriftsteller und Künstler an den Regierungsgeschäften beteiligt hätte?
MAYER: Das kann man so abstrakt nicht sagen. Das hängt von den Schriftstellern und Künstlern ab. Es gab zum Beispiel einen Schriftsteller, den ich sehr gut kenne und mag, das ist der Günter Grass. Günter Grass hätte liebend gerne eine politische Verantwortung übernommen. Er wäre gerne Bürgermeister von Berlin geworden oder irgendetwas anderes. Er hatte viele Voraussetzungen dafür. Ich muß sagen, als genauer Kenner von Günter Grass, das wäre ihm und uns nicht zu wünschen gewesen, denn die Arbeit des Intellektuellen ist doch grundverschieden gegenüber der Arbeit eines Menschen, der eben die große Verantwortung für andere Menschen haben muß, wenn er ein guter Administrator, wenn er ein guter Politiker ist. Er darf ja nicht nur seine Karriere im Auge haben, sondern muß sehen, daß er eine Sache möglichst gut macht und sich überlegt: Wie werden die Stahlarbeiter in Rostock oder wie werden die Bergleute nun darauf reagieren und wie ist es möglich, mit den Fluglotsen zu einem vernünftigen Gespräch zu kommen? Das alles ist nicht die Begabung des Intellektuellen. Der denkt, wenn er ein bedeutender Intellektueller ist, eigentlich an seine eigene Kreativität, an sein eigenes Schöpfertum.
Eine große Erbsünde der BRD war, daß man die Emigranten, also die gesamte unbescholtene Intelligenz, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zur Rückkehr aufgefordert hat. Sind Sie der Meinung, daß wir daran heute noch leiden?
MAYER: Nein, heute leiden wir sicher nicht mehr daran. Diese Generation ist ja weitgehend weggestorben. Sie hätten ja später auch zurückkommen können. Viele von ihnen sind dann aber lieber in den früheren Exilländern geblieben. Wie zum Beispiel ein Mann, der eigentlich in die DDR gehört hätte, Lion Feuchtwanger, der observiert wurde von dem FBI und niemals eingebürgert worden ist in den Vereinigten Staaten. Er hätte natürlich in die DDR kommen können. Er hat das aus persönlichen Gründen nicht getan.
Ich glaube schon, daß eine Reihe von ihnen in der Bundesrepublik hätten nützlich werden können. Gerade in Frankfurt. Nehmen wir zum Beispiel die Frankfurter Rundschau, das war die erste Zeitung, die von den Amerikanern lizenziert wurde. Diese Lizenzierung ist ja ohne die Blutzufuhr von Intellektuellen und Widerstandskämpfern gar nicht denkbar gewesen. Vergessen Sie nicht Karl Gerold, der ja dann die Frankfurter Rundschau weitgehend zu dem Blatt gemacht hat, mit seiner besonderen Eigenart. Er war mit uns ein Emigrant in der Schweiz, ein begabter Schriftsteller. Ich nehme an, viele solche Geroldsfälle hätte es damals gegeben. Aber gerade weil wir hier in Frankfurt sind: Die einzige Kommune, die die Emigranten offiziell aufgefordert hat zurückzukommen, war Frankfurt. Und zwar war das der Oberbürgermeister Dr. Walter Kolb, der wirklich die allerbesten Absichten gehabt hat und ein sehr schwieriger, zerrissener, aber bedeutender Mensch war. Ich denke sehr gern an ihn zurück.
Ist es nicht eigentlich ein Hohn, daß ein Politiker wie Kohl der Sieger einer Revolution geworden ist, für die er gar nichts kann und zu der er rein gar nichts beigetragen hat?
MAYER: Kein Kommentar.
Bei den Menschen der ehemaligen DDR ist mittlerweile Ernüchterung über die Einheit eingetreten, Stefan Heym hat vor kurzem betont, daß man trotzdem den »eigentlichen Beruf des Menschen nicht an den Nagel hängen” darf, nämlich »die Veränderung der Welt und des Menschen selber«. Glauben Sie noch an diesen Beruf?
MAYER: Ja natürlich, das ist mir aus dem Herzen gesprochen. Ich habe ja auch in meinem Buch gesagt, die DDR ist eine deutsche Wunde, und man kann nur hoffen, daß sie irgendwann einmal heilen wird. Sicher ist, und darum habe ich auch mein Buch geschrieben, daß das, was als Alternative, als andere Lebensqualität hinter den Plänen zur Schaffung der DDR gestanden hat, daß das Eingang finden kann in die Lebensformen dieses nun vereinigten Deutschland. Denn wenn das nicht geschieht, wenn da nur noch der Geist einer sozial angestrichenen Marktwirtschaft herrscht, die Wegwerf- und Ellenbogengesellschaft, dann gehen wir zugrunde. Und dann gehen wir nicht alleine zugrunde.
Was sind Ihrer Meinung nach die vorrangigen Gründe, warum sich die »Sehnsucht nach der DDR” verstärken wird?
MAYER: Sehnsucht nach der DDR habe ich nicht. Wenn man mit zwei Koffern 1963 weggeekelt gehen muß, dann hat man keine Sehnsucht nach den Leuten und den Zuständen, die dazu geführt haben, zu dieser letzten, vierten Emigration in meinem Leben. Nein, was man ersehnt, was die Menschen ersehnen, ist eine gewisse soziale Fürsorglichkeit und soziale Sicherheit, die in der DDR doch praktiziert worden ist. Von der Krankenfürsorge, den Pflegen, von der Organisierung der Erholung der kleinen Leute bis zu den sehr vernünftigen, menschlichen, übersichtlichen Steuergesetzen. Alles vollkommen im Gegensatz zu den Komplikationen und Raffinements des Lebens in der Bundesrepublik. Die Menschen fühlen sich jetzt sozusagen frustriert. Die Fürsorge hat aufgehört, ein sehr kalter Wind weht. Sie sehnen sich danach zurück. Daß diese Fürsorglichkeit erkauft wurde in der DDR durch völlige Mißachtung aller Wirtschaftsgesetze und Rentabilitäten, das wissen wir. All diese Fürsorge und all das Unterbringen von uns endlich vielen Leuten in einen Betrieb, der die einfach nicht verkraften kann, das hat die DDR ja in die Pleite geführt.

Daniil Granin, der Vorsitzende des sowjetischen Schriftstellerverbandes, hat auf den fatalsten Fehler der Ostrevolutionen hingewiesen: Die Konfiszierung der Vergangenheit. Man verdammt jetzt im Osten alles Zurückliegende in Grund und Boden. Das Gleiche passiert in Deutschland. Christa Wolf bedauert, daß den Menschen der ehemaligen DDR ihre “Identität” genommen wird. Wie sollen aus diesen Menschen mündige Demokraten werden, wenn man ihnen jedes Stückchen Selbsterkenntnis aberkennt?
MAYER: Es kommt auf den einzelnen an. Die Deutschen haben immer wieder, im Unterschied zu anderen Nationen, einen fatalen Hang zur Selbstbemitleidung, zur Wehleidigkeit gehabt. Das kann man nicht, die Deutschen und die Menschen sagen, das muß jeder einzelne entscheiden. Christa Wolf, die ja meine Schülerin war, wird schon selbst dafür sorgen, daß ihre Identität nicht gefährdet wird. Das ist Sache eines jeden einzelnen, gerade in einer Gesellschaft, die einerseits so viel von der Sorge für den Menschen spricht, und auf der anderen Seite die Menschen doch immer wieder zu bloßen Objekten der Kalkulation macht. Da muß man sich wehren, da muß man Stellung nehmen. Und wenn die Verhältnisse so sind, daß man nicht mehr zu einer Identität kommen kann, dann muß man neue Formen finden, um Verhältnisse zu schaffen, in demokratischer Weise, dafür haben wir ja eine pluralistische Gesellschaft, in denen die Identität wieder besser garantiert wird. Mehr kann man da gar nicht tun.
Sie haben in einem Interview mit Herlinde Koelbl gesagt: “Ich sehe heute immer wieder Menschen, die 1933 und die Folgen möglich gemacht haben. Virtuell ist alles immer nocht da.” Wird die Gefahr des Antisemitismus, des Deutschnationalen nach der Einheit noch zunehmen?
MAYER: Ja, ich meine das sind ja Realitäten, die man beobachten und zu denen man Stellung nehmen muß. Ich habe zwei Bildern, die ich in meinem Buch auch immer wieder beschworen habe. Auf der einen Seite die Möglichkeit, daß Menschen wie Christa Wolf und Christoph Hein Ende Oktober 1989 vor 500000 Menschen auf dem Alexanderplatz sprechen konnten, in einer menschlichen Weise, schöpferischen Menschen, und die gehört wurden und denen man zustimmte, ohne daß da schrille Töne der Demagogie spürbar wurden. Und dann kam die Demagogie, und dieses wunderbare Bild des Einklangs von Menschen mit einigen ihrer besten Denker und Dichter widerspricht dann plötzlich … Wenn ich in der Zeitung lese und im Fernsehen sehe, daß der Grabstein der großen Schauspielerin Helene Weigel mit Hakenkreuzen geschändet wird und darauf zu lesen ist: “Brechts Judensau”.
Beides ist da und keiner hat besser als Brecht die Dinge behandelt, und damit kann ich vielleicht unser Interview abschließen, Brecht hat, und das trifft auch heute noch zu, ein Buch, “Die deutsche Kriegsfibel”, mit einem Bild des damaligen Reichführers beendet, darunter hatte er folgende Verse geschrieben: “Das da hätte fast einmal die Welt regiert,/ Die Völker wurden seiner Herr. Jedoch/ daß keiner mir zu früh hier triumphiert:/ Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.”
(*) Hans Mayer: Der Turm von Babel, Suhrkamp, 272 Seiten
Fotos: Harald H. Schröder
Erstdruck in Journal Frankfurt, 6/1991