Ich tu das auf meine bescheidene Weise

Ein Gespräch mit Hans Herbst über seinen Roman “Mendoza”

RÜGER: Wie wichtig ist Dir das „Mendoza”-Buch?

HERBST: Es ist das Wichtigste, was ich bisher gemacht habe. Nicht weil ich einen Roman damit abgeliefert habe, sondern weil mir die Geschichte ein Anliegen war. Wenn ich die Fähigkeiten von Günter Wallraff hätte, dann wäre das eine Dokumentation über Asylanten geworden, und so ist es halt, weil ich die Fähigkeiten nicht habe, sondern andere, ein Roman geworden.

Für mich ist “Mendoza” eine Verknüpfung von Fiction und Fact. Kannst Du etwas über die Entstehungsgeschichte, über die Recherche zu diesem Buch erzählen?

Ich habe einen Freund, Werner Schmidmaier, der war damals Redakteur bei “Transatlantik”, und Werner sagte zu mir: “Hör mal, Alter, in Paris gibt’s eine Latinoszene, untersuche die doch mal.” Ich habe nicht sehr darüber nachgedacht, ich habe gedacht, guckst dir mal in Paris die Latinoszene an. Ich bin hingereist und habe die Latinoszene auch gefunden. Da gab’s wunderschöne Tangoclubs, da hörte ich Salsa vom Allerfeinsten, alle waren am Gröhlen und Lachen. Dann habe ich aber sehr schnell hinter der Tangoglitzerfassade das wirkliche Leben der Latinos dort entdeckt, der Emigranten, der Asylanten, der eben aus der Heimat Vertriebenen. Naja, und da habe ich mich eben damit befaßt. Ich habe einen jungen Chilenen kennengelernt, der tatsächlich in der Colonia Dignidad (1) gefoltert worden ist.

„Transatlantik” hat die Geschichte später nicht gedruckt, weil die Herausgeberin sie nicht gemocht hat. Für mich war das im Nachhinein ein Glücksfall, weil ich plötzlich meinen Roman hatte.

Alles, was ich im Roman beschreibe, ist authentisch. Ich habe alle die Personen kennengelernt. Ich bin mit ihnen rumgezogen. Was mir sehr geholfen hat, ihr Vertrauen zu gewinnen, war die Tatsache, daß ich Spanisch spreche, und ich mich ihnen auf eine Weise genähert habe, die man in Lateinamerika noch sehr kultiviert und sehr schätzt, nämlich zurückhaltend und respektvoll.

Die Schwierigkeit. war hinterher, mein Anliegen und eine Geschichte, nämlich meine Lust am Schreiben, unter einen Hut zu bringen. Mein Anliegen war, in meiner einfachen Sprache Menschen auf das, was da geschieht, aufmerksam zu machen, nämlich auf das Schicksal der Emigranten, der Asylanten, der Heimatvertriebenen. Und dafür mußte ich, und das ist jetzt die Fiction, eine Geschichte erfinden. Aber die ist auch nicht so ganz erfunden, weil die Dinge passieren täglich. Was Mendoza da geschehen ist, passiert tatsächlich. Das habe ich imgrunde nicht erfunden. Und dann die brutalen Facts. Ich habe, das muß ich zugeben, mitunter Schwierigkeiten gehabt, weltpolitische Zusammenhänge und die Mendoza-Geschichte unter einen Hut zu bringen, obwohl sie unter einen Hut gehören. Da mußte ich mitunter, das hat mir z.B. der „Stern” zum Vorwurf gemacht in seiner Kritik, Figuren aus der Geschichte bauchreden lassen. Ich wollte unbedingt unterbringen, daß Strauß 1977 neben Pinochet da auf dem Hügel eine Rede gehalten hat. Und daß es deutsche Organisationen gibt, wie deutsch-chilenischer Freundeskreis und andere, die enge Verbindungen zu Pinochet haben, die Pinochets Politik bejahen, und ich mußte das irgendwie unterbringen, denn das gehörte dazu, das kann man nicht einfach sausenlassen.

Am Schluß des Buches erringt Mendoza für sich einen kleinen Sieg. Aber seine Perspektive ist eher hoffnunglos. Trotzdem glaube ich, daß es nicht Deine Absicht gewesen sein kann, daß man nach der Lektüre von „Mendoza“ in Resignation verfällt.

Nein. Keineswegs. Die hoffnungslose Komponente im Buch ist die, daß wir den Institutionen, die uns ans Leder wollen, am Ende nicht entgehen können. Die hoffnungsvolle Komponente ist, daß ein Mensch allein, wenn er den Arsch hochnimmt, bereit ist zu kämpfen, schon was ausrichten kann. Wir werden am Ende verlieren, das glaube ich schon. Dafür sind diese Institutionen zu fest etabliert, das ist zementiert, betoniert. Ich glaube aber, daß so nach und nach die Diktaturen abgeschafft werden, denn ganze Völker lassen sich nicht auf die Dauer unterdrücken, dafür ist ihr Hunger einfach zu stark, und Hunger ist eine treibende Kraft. Auch Pinochet wird weggefegt, auch in Südafrika wird es anders werden. Wir haben jetzt gute Beispiele. Haiti, Grenada ist schon ein Weilchen her, Marcos auf den Philippinen, und das wird so weitergehen.

Ich glaube aber, daß wie auf den Philippinen, die Philippinen sind ein gutes Beispiel dafür, die weggefegten Diktaturen ersetzt werden durch eine mehr oder weniger Pseudodemokratie, den Leuten wird es selbstverständlich besser gehen, sie werden zu essen haben usw., Pseudodemokratien nach amerikanischem Muster. Wenn die Amerikaner, du kannst die Russen genauso nehmen, sich da etablieren, dann werden wir unter der Diktatur des Big Brother leben müssen.

Ich will es mal so formulieren, Du hast einen unterhaltenden und einen aufklärerischen Anspruch. Ist für Dich das Schreiben eine Art Widerstand und welche Hoffnung verbindest Du mit dem “Mendoza”-Buch?

Weiß Du, ich mache das alles gar nicht so pragmatisch. Ich folge einfach meinem Gefühl. Ich schreibe das einfach auf. Wenn ich damit Hoffnung verbinde, dann die, daß eben weil es in einer einfach Sprache geschrieben ist, auch Leute dieses Buch in die Finger kriegen, die ausschließlich mit einer einfach Sprache etwas anfangen können und durch den Roman über die Dinge aufgeklärt werden.

Widerstand? Weiß Du, Wolfgang, ich glaube, daß heute, wo die Entwicklung zur konzentrierten und alles übergreifenden Macht des Staates und seiner Organistion wahnsinnig schnell voranschreitet, die in dieser Geschwindigkeit, ausgenommen das Dritte Reich, früher nie stattgefunden hat, da ist es für jeden, der schreiben kann, ein absoluter Luxus jetzt einen netten Unterhaltungsroman auf’s Papier zu bringen. Weil ich denke, es ist schon fünf Minuten nach zwölf. Jeder, der sich in irgendeiner Form äußern kann, ob er jetzt schreibt oder malert, sollte sich nicht den Luxus leisten, irgendetwas zur seichten Unterhaltung beizutragen, sondern sollte der Situation, den Umständen Rechnung tragen, mit seinen Kräften und so gut wie er kann, irgendetwas dagegen tun. Ich bin kein Wallraff, kein Engelmann und kein Böll, ich tu’ das halt auf meine bescheidene Weise. Ich könnte mir nicht vorstellen in nächster Zeit ein Buch zu schreiben, einen Roman zu schreiben, der reinen Unterhaltungswert hat. Kann ich mir nicht vorstellen.

(1) Die Colonia Dignidad, ein landwirtschaftliches Gut in der Nähe der Stadt Parral, etwa 350 km südlich von Santiago am Fuß der Anden gelegen, wird von einer Gruppe von 230 bis 300 deutschen Staatsangehörigen betrieben. Offizieller Betreiber ist ein ins chilenische Vereinsregister eingetragener Verein, „Sociedad Benefactera y Educacional“ (Gesellschaft für Wohlfahrt und Erziehung), geleitet von einem fünfköpfigen Direktorium. Tatkräftig unterstützt wird das Gut von einer Verbindungsgruppe mit dem Namen „Private Sociale Mission“ mit Sitz in Siegburg bei Bonn.

Paul Schäfer, seit 1966 wegen Unzucht mit minderjährigen Jungen per Haftbefehlt in der Bundesrepublik gesucht, war jedoch von Anfang an der Kopf des „Mustergutes“ Colonia Dignidad. Das 12000 ha große Gut ist heute von außen vollkommen unabhängig, verfügt über eigene Werkstätten, Stromerzeugung, ein internes Telefonnetz, Mühlenbetrieb, Krankenhaus und Flughafen, betreibt Straßenbau für den chilenischen Staat und baut Brücken. Geleitet wird es nach den strengen Regeln und Hierarchien einer Sekte. Abtrünnige, denen die Flucht gelungen ist, gibt es nur wenige. Übereinstimmend berichten diese über KZ-ähnliche Zustände, körperliche Mißhandlungen, Zwangsarbeit und totale Überwachung von Fluchtverdächtigen in der Colonia Dignidad. Der jahrelange Psychoterror habe die meisten schon zu gefügigen Werkzeugen von Paul Schäfer gemacht.

Seit Jahren geht man davon aus, daß die Colonia Dignidad ihr Landgut der chilenischen Geheimpolizei DINA als Folterlager zur Verfügung stellt. Das eindeutig zu beweisen, ist deshalb so schwer, weil es praktisch keine Zeugen gibt, die die Colonia von innen gesehen haben. Alle werden mit verbundenen Augen in das geheime Folterzentrum gebracht. Amnesty International hat jedoch über 10 Zeugen gefunden, deren Aussagen über charakteristische Geräusche, unverkennbare Anhaltspunkte, Gesprächsfetzen in deutscher Sprache, Orts- und Wegbeschreibungen, zufällig aufgeschnappte Einzelheiten die Schlußfolgerung zulassen, daß es sich bei dem geheimen Folterzentrum um die Colonia Dignidad handeln muß. (Weitere Informationen, sowie alle hier gemachten Angaben aus: Lateinamerika-Nachrichten, Sondernummer Colonia Dignidad, Berlin 1980)

Foto: Harald H. Schröder

Erstdruck in Auftritt, 7/1986