Nun muß etwas anderes kommen

„Na, und Ihr, Dichter Europas, hört mal zu, Iaßt mal für einen Moment das Dichten. Was Ihr jetzt noch treibt, Clownerien im Angesicht der Apokalypse, glaubt Ihr, daß Euer Aufgeschriebenes Euch rechtfertigen wird? Ihr hättet, Ihr alle zusammen hättet es in der Hand gehabt, den endgültigen Frieden zu proklamieren. Über die Köpfe der Verrückten hinweg. Ihr habt versagt, Kassierer von Honoraren und Ehrengebammel. Verpißt Euch getrost, Ihr habt nun wirklich nichts zu verlieren, steckt Euere dämlichen Gedichte auf. Der Kulturspuk ist jetzt endgültig vorbei.”

Das schrieb 1959, kurz vor seinem Tod, Hans Henny Jahnn, einer der größten und vergessensten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Nachdem seine Romane, Dramen und Schriften mehrere Jahre vergriffen waren, will der Hoffmann & Canpe Verlag, über drei Jahre verteilt, eine 11bändige, kritisch revidierte Lese-Ausgabe herausgeben.

Hans Henny Jahnn stellte zeitlebens ein Ärgernis dar für die Mächtigen, egal welcher Couleur. In der Nähe von Hamburg geboren, war er schon in jungen Jahren ein entschiedener Kriegsgegner. 1915 flieht er mit seinem Freund Gottlieb Harms nach Norwegen, beginnt dort mit der Arbeit an dem Drama „Pastor Ephraim Magnus“, für das er 1920 den Kleist-Preis erhält und schreibt in sein Tagebuch: „Ich schaute auf den Krieg, der gerade begonnen hatte. Und ich sah, daß das Sein, das nackte Sein, das Sein des Fressens und Gefressenwerdens, der Tanz des Lebens im Schatten des Todes – fürchterlich ist. … Ich erkannte auch, wozu der Mensch fähig ist: Er ist zu allem fähig.” Aus dieser Erkenntnis heraus ist alles weitere Schaffen Jahnns erklärbar. „Das Maß ist voll und nun muß etwas anderes kommen“, notiert er weiter in seinem Norweger Tagebuch.

1918 kehrt er nach Deutschland zurück und gründet 1920 die Glaubensgemeinschaft Ugrino. Das Anderswerden des Menschen, sein Lebensprogramm, stellt er sich nicht in der Gefühls- oder Sinneswandlung der allgemeinen Welt vor, sondern er erdenkt sich realvisionäre Gegenwelten.

Früh erkennt Jahnn die Gefahr durch den Nationalsozialismus und warnt eindringlich davor mit dem Ergebnis , daß der bis dahin viel gespielte Theaterautor nach Dänemark umsiedeln muß. Dort beschäftigt er sich die folgenden Jahre überwiegend mit Landwirtschaft, Pferdezucht und Hormonforschung. Die Romantrilogie “Fluß ohne Ufer“ entsteht. Nach dem Krieg wird sein Vermögen durch den dänischen Staat beschlagnahmt. 1950 kehrt Jahnn endgültig nach Hamburg zurück und wird ein bedingungsloser Kämpfer gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik. “Man fragt sich, ob die Träger der Politik in einen unwirklichen Raum entrückt sind. Maßnahmen und Parolen grenzen ans nicht Glaubhafte. Vernunft und Realität scheinen nur noch schwache Impulse zu geben.”

Im Mittelpunkt seines Schaffens stand zweifelsohne die Literatur. Die beiden sprach- und bildvisionären Romane „Perrudja” und „Fluß ohne Ufer” darf man wohl als sein Hauptwerk bezeichnen, das von Kennern als die deutsche Antwort auf Proust, Joyce, Powys und Faulkner eingestuft wird, und das auf deutschsprachiger Seite gleichberechtigt neben Kafka, Döblin und Musil steht.

Quasi zum Kennenlernen erschien vor einigen Monaten schon das Hans Henny Jahnn Lesebuch, das, abgesehen von den Jugendwerken, den schwer verständlichen Orgel- und Ugrino-Schriften, einen repräsentativen Querschnitt durch das literarische Lebenswerk von Jahnn gibt. Das Übergewicht bilden dabei die Aufsätze, Reden und Schriften, die Jahnn als Widersacher gegen seine Zeit darstellen und die ihn für uns heute aktueller denn je erscheinen lassen.

Jahnn beschwor immer wieder das Recht auf Individualismus, warnte vor der Masse Mensch, vor der Überbevölkerung, weil das Kollektivgewissen die Einzelverantwortung, das kritische Hinterfragen ausschließt. In seinen düster ausgemalten, visionären Werken hat er etwas, wie Heißenbüttel in seinem Nachwort sagt, von einem “Prediger der Katastrophe”, den man „mit dem Maßstab alttestamentarischer Propheten“ messen müßte.

Heißenbüttel weiter: „Im Gegensatz zu Döblin zum Beispiel, der auch ein Meister der Schreckensbilder war, der Visionen des Grauens, der aber doch das Schreckliche immer im Handhabbaren, im Verdaubaren hielt, ist Jahnn resistent, gewinnt er immer noch an Schärfe, an Sehschärfe, wenn das Finstere, Erschreckende auftaucht, ist er, immer wieder, wahrhaft unverdaubar.”

Nicht unbedingt für Einsteiger ist Hans Mayers “Versuch über Hans Henny Jahnn“ gedacht. In diesem überaus klugen und kenntnisreichen Essay verknüpft Mayer geschickt Biografie, Zeitgeschichte und Werkanalyse, zieht Parallelen und Trennungslinien von Jahnns Vorbildern (Kleist, Büchner, Hölderlin), über dessen Zeitgenossen (Brecht, Joyce, Thomas Mann) bis zu der Aussteigergeneration heutiger Tage, die versuchen, Jahnns Ideen und Utopien verwandt, jenes „naive und großzügige Leben“ jenseits einer verkommenen Natur und Gesellschaft zu finden.

Auch bei Mayer steht der Dichter Jahnn im Mittelpunkt. Mayer stellt eine interessante These auf: über „Medea“ , „Perrudja”, die beiden berühmten Hamburger und Mainzer Reden, führt eine direkte Entwicklungslinie zu “Fluß ohne Ufer“ . Letzteres Werk “”war abgeschlossene und zu Ende geführte Aufklärung: gleichzeitig der Innen- wie der gesellschaftlichen Außenwelt. Danach war nur noch Wiederholung möglich ohne Notwendigkeit: bloße Literatur.”

So wichtig und löblich es ist, Jahnns Werke neu aufzulegen, muß man abschließend doch kritisch anmerken: die neugeplante Leseausgabe wird so unerschwinglich teuer werden, daß man Hans Henny Jahnn gerade einem jungen Lesepublikum kaum näherbringen können wird.

Das Hans Henny Jahnn Lesebuch, Hoffmann & Campe, 306 Seiten, 28 DM

Hans Mayer: Versuch über Hans Henny Jahnn, Rimbaud Presse, 74 Seiten, 18 DM

Erstdruck in az, Nr. 119, Januar 1986