Ich glaube an die Macht der Sprache und an die Macht des Dichters und an die Macht des Propheten

Der 1946 in Chemnitz geborene Hadayatullah (früher: Paul Gerhard ) Hübsch gehört seit Mitte der sechziger Jahre zum harten Kern der deutschsprachigen subkulturellen Literaturszene. Wie kein anderer Autor ist dieser Szeneveteran die Verkörperung der (literarischen) Subkultur schlechthin. Nach dem Abitur und seiner Kriegsdienstverweigerung arbeitete er in der Eremitenpresse des legendären V.O. Stomps mit. Er hat die Ostermarschbewegung genauso mitgemacht wie die Anti-Vietnam-Demos, und er war im SDS engagiert. Ende der sechziger Jahre gründete er das erste deutsche Hippie-Kommunikationszentrum, “Heidi-loves-you-shop”, war anschließend Mitglied in der berühmten Kommune I und in der Free-Beat-Gruppe “wa-wa-wa-wa-was-ist-los“. Er hat Erfahrungen mit verschiedenen Drogen, mit Zenbuddhismus und Yoga gemacht, war in Irrenanstalten und Gefängnissen inhaftiert und ist schließlich 1970 zu der reformerischen, mythischen Ahmadiyya-Bewegung des Islams konvertiert.

Die Szene hat lange gebraucht, um ihm diesen Übertritt zu verzeihen. Über zehn Jahre lang galt er als Verräter und Abtrünniger. In den siebziger Jahren ist er vorübergehend notgedrungen in den “Overground” gerutscht, hat für verschiedene großbürgerliche Feuilletons und diverse Rundfunkanstalten gearbeitet und sich dort einen guten Namen als Szenekenner gemacht. Mitte der achtziger Jahre hat ihn eine nachgewachsene Generation wiederentdeckt und in die Subkultur zurückgeholt. War es zuvor auch publizistisch sehr still um ihn gewesen, sind jetzt gleich eine ganze Reihe von Publikationen von ihm in kurzen Abständen veröffentlicht worden. 1983: liebe/gedichte. 1987: Da hab ich meine Blumen verloren; Heimat-Blues. 1988: Innenhaut; Ein Gedicht ist der Schatten des Dichters über den er springt; Die KatdoIen-Tonbänder; The Lost Planet Boy; A Mind Shown/A Mind Blown; Hinter der Mauer des TV; Dem Freund.

Anfang 1988 hat er die Gruppe 60/90 ins Leben gerufen und sich damit zum „Sprecher und Zugpferd einer neuen Boheme“ (Main-Post, Würzburg) gemacht. 60/90 ist ein loser Zusammenschluß von wichtigen Szeneautoren aus den sechziger Jahren und jungen Autoren der folgenden Generation, die sich in ihren Wurzeln der amerikanischen Beatliteratur verwandt fühlen. Diese Gruppe, der sich derzeit ungefähr 60 AutorenInnen zugehörig fühlen, trifft sich in unregelmäßigen Abständen zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Hübsch sagt heute wieder oder immer noch: „Meine Liebe gehört dem Underground, das ist hundertprozentig.“ Die aktuelle subkulturelle Literaturszene hat ihm nun den Platz eingeräumt, der ihm gebührt, und die Medien schenken ihm augenblicklich die Aufmerksamkeit, die ihm als Kopf der Bewegung zusteht.

RÜGER: Was bedeutet für Dich Dein Glaube als Thema in der Literatur?

HÜBSCH: Das ist ein ziemliches Problem für mich. Ich habe, als ich zum Islam übergetreten war, eine Zeitschrift herausgegeben, WUUD , die an die Szene gerichtet war, von der ich dann sehr schnell als Abtrünniger und Verräter gebrandmarkt worden bin, und habe versucht, mit dieser Zeitschrift zunächst religiöse Inhalte rüberzubringen und mich dann auch poetisch engagiert im Ulcus Molle Info und anderen Zeitschriften, wo ich poetische Statements abgegeben habe, mit einer sehr, sehr ausdrücklichen und klaren Beziehung zum Islam, also mit der Aufforderung, sich dem Islam gemäß zu verhalten.

Von 1970, dem Jahr meiner Konversion, bis 1980 habe ich fast durchweg Texte geschrieben, die sehr innerlich, sehr religiös gewesen sind. Ich habe in der Zeit auch angefangen, Englisch zu schreiben, und meine englischen Gedichte – ich habe vielleicht 200, 300 englische Gedichte geschrieben, die in verschiedenen Zeitschriften unserer Gemeinde in Pakistan, in Amerika und in England zum Teil veröffentlicht worden sind – das waren ganz dezidiert und konkret Glaubensgedichte, über Glaubenserfahrungen, also eine wirklich starke religiöse Lyrik. Mit meinen deutschen Gedichten bin ich nie weitergekommen, also wo ich versucht habe, die mystischen Erfahrungen einfließen zu lassen, weil das strikt abgelehnt worden ist, wenn ich sie mal zur Publikation irgendwo angeboten habe.

Der Luchterhand Verlag, seinerzeit noch mein Verlag, hat mir zum Beispiel konkret geschrieben, wir sind ein politischer Verlag und wollen auch ein politischer Verlag bleiben, und hat ohne innerliche Begründung oder ohne ein Qualitätsurteil abzugeben, das Manuskript zurückgeschickt .

Ausgeflippt“ war ja der erste Band, der unter meinem Namen Hadayatullah erschien, und da spielt die Religion nur andeutungsweise, nur mit einem gewissen Ausblick, mit einer gewissen Perspektive eine Rolle, aber es sind keine klar gefaßten religiösen Aussagen drin, sondern es ist eine Abrechnung mit meiner Szenen- und Drogenvergangenheit.

Als damals meine erste Frau gestorben war und ich dadurch auch weniger soziale Kontakte hatte, habe ich mich geöffnet und bin wieder rausgegangen in die Szene. Ich bin wieder in den Club Voltaire gegangen und die Leute haben sich alle gewundert: was ist denn jetzt passiert. Aber das geschah aus einer gewissen Einsamkeit heraus, nicht daß ich in der Moschee keinen Halt gehabt hätte, ich bin jeden Tag in die Moschee gefahren, aber es war eben so, wenn du zu hause bist und du bist alleine und deine Tochter ist bei der Mutter und du hast das ganze Environment nicht mehr, dann fragst du dich beim Schreiben oder beim Denken auch, wohin denn nun damit. Ich hatte nach WUUD noch eine zweite Zeitschrift angefangen, die hieß SADID, die war ausgerichtet auf die Erfahrung der Religion durch das Wort, also auf religiöse Poesie.

Aber mit diesen wirklich mystisch-religiösen, innerlichen Texten konnte ich nirgendwo landen, die sind auch so gut wie nie erschienen, die liegen jetzt in irgendwelchen Kartons und ich habe mich in den letzten acht Jahren auch nicht daran gemacht, da mal reinzugucken.

Wenn ich jetzt Texte schreibe, dann fließt innerhalb eines sehr großen Gefüges, das Welterfahrung und zugleich Icherfahrung spiegelt, die Religion sozusagen als Engelstau in diese langen Gedichte hinein. Das Gedicht ist nicht gedacht als religiöser Träger, sondern es beinhaltet Erfahrungen, wie sie eben in meinem Glauben stattfinden. Nur, das Problem ist, deshalb sagte ich im Anfang, das ist sehr kompliziert, daß ich mit meinen wirklichen Sehnsüchten, religiöse Erfahrungen zu vermitteln, in der jetzigen Phase der Literatur unseres Landes oder auch weltweit, nicht über kann. Ich kann das zwar auf englisch schreiben, aber nur deswegen, weil ich weiß, es ist nur für einen bestimmten Kreis von Leuten, die auf der gleichen Wellenlänge sind. Ich kann es aber auf deutsch nicht schreiben, weil ich genau weiß, wenn ich nicht als Spinner abgetan werde, dann passiert es mir mindestens, daß es die Leute achselzuckend beiseite legen, Deswegen ist das ein sehr großes Problem für mich, ich kann keinen Bewußtseinsroman schreiben – eine Frage, die mich seit Jahren beschäftigt – weil in diesem Bewußtseinsroman vorkommen müßte, daß ich praktisch in jeder freien Sekunde, auch unter Depressionen und unter Schwierigkeiten, bete. Das Gebet als tägliche Praxis spielt eine ungeheuere Rolle. Das kann in einem Roman einfach nicht vorkommen in dem Maße, wie es in der Realität vorkommt, weil dieses Land das als Exotentum abtun würde. So bin ich also in der Lage, daß ich praktisch jetzt Mind-Sachen mache. In dem „Innenhaut“-Band ist das ja aufgeteilt in Body, Mind und Soul. In den „Katdolen-Tonbändern” zum Beispiel beschäftige ich mich mit dem Mind-Problem, wie Sprache zu sehen ist, wo sie hinführt und ob es da einen Grund gibt, auf dem man stehen kann. An solche Texte füge ich am Ende dann, wie bei den „Katdolen-Tonbändern“, höchstens noch lapidar ein paar entsprechende Koranverse. Aber ich mache keine religiöse Literatur.

Warum glaubst Du, ist Religion hierzulande ein so seltenes Thema in der Literatur, selbst in der subkulturellen Szene? Wenn man da zum Beispiel nach Amerika schaut, da ist das ganz anders. Die Beats hatten doch zum Beispiel sehr starke religiöse Einschläge gehabt.

HÜBSCH: Es stimmt nicht, daß in der deutschen Literatur Religion keine Rolle spielt. Wenn wir uns mal, von Böll, Andersch und anderen mal abgesehen, nicht mit der sogenannten Hochliteratur beschäftigen, sondern mit dem, was in den Niederungen so kreucht und fleucht, da entsteht ja ein ungeheurer Wust, ein peinlicher Wust an religiöser Lyrik. Da ist ungeheuer viel da, nur das ist der absolute Kitsch .

Ich sehe die Ursache dafür, daß bei den Intellektuellen und auch bei den Outdrops dieses Landes Religion kein Thema ist, darin begründet, daß wir das Hitler-Trauma haben. Das Hitler-Trauma, das Bob Dylan für sich auf die Formel gebracht hat: Don‘ t follow the leaders, das sehe ich in der Nachkriegszeit so stark, daß die Leute ungeheuere Angst haben, überhaupt, ich will nicht sagen unterzuordnen, aber sich überhaupt mit dieser Frage zu beschäftigen, ob es so etwas gibt wie Werte. Das hängt auch damit zusammen, daß aufgrund dieses Verlustes eine Identität in einem Führer, aufgrund eines Verrates, den Hitler an der deutschen Seele begangen hat, indem er Heldentum mißbraucht hat, nicht mehr vorkommt. Einer meiner neuen Texte heißt „Mißbrauchte Helden”, wo ich das versuche thematisch aufzuarbeiten, also ich steuere darauf hin, und das versuche ich zu thematisieren. Aber dieses mißbrauchte Heldentum, das von Hitler rübergekommen ist, zieht sich durch.

Mein großes Problem war, daß ich Minderwertigkeitskomplexe hatte. In meiner frühen Zeit als Schülerzeitungsfunktionär, dann beim SDS und beim Ostermarsch, wo ich ja immer in der Topsituation war, also immer irgendwie den Verein geleitet habe oder verantwortliche Funktion hatte, dann später bei den Hippies und auch mein Grund, warum ich zur Kommune I gegangen bin, war, daß ich kein Führer sein wollte. Ich habe systematisch alles zerschlagen, was mich in die Führersituation hätte bringen können. Natürlich wollte man schon irgendwie anerkannt sein, aber trotzdem war meine allgemeine Idee die von den sieben Aufrechten, das Fähnlein der sieben Aufrechten, also die Gruppe, die Gemeinschaft. Das war meine ursprüngliche Forderung gegen dieses Hitler-Trauma, als Gruppe präsent zu sein, deshalb habe ich praktisch immer nur in einer Gruppe gearbeitet.

Ich habe mich immer als Teil der Gruppe begriffen und es abgelehnt, zum Führer gemacht zu werden, bis dann durch den Islam und die Anerkennung des Prophetentums, auf der Tatsache, daß der Prophet von Gott bestimmt wird und eine Vermittlerrolle, eine Lehrerrolle einnimmt und auch entsprechend gewürdigt werden soll, sich das bei mir langsam gelöst hat, wenngleich die Angst, in irgendwelche Positionen hineingeschubst zu werden, immer noch da ist, das hast Du vielleicht bei unseren 60/90-Gesprächen gemerkt. Kurzum: ich sehe die Schwierigkeiten vor allem der jungen deutschen Literatur darin, daß diese Leute es unterschwellig ablehnen, Führer zu akzeptieren und wenn, dann nur solche absoluten Outlaws wie Baudelaire oder Rimbaud oder eben die Amerikaner. Wobei dazukommt, daß die Natur für die deutsche

Literatur wegen dieser Innerlichkeitsgeschichte unter Hitler auch keine Rolle mehr gespielt hat. Das berühmte Zitat von Brecht über die Bäume und das mißverstandene Auschwitz-Zitat von Adorno … Bei den Beats war eben die Erfahrung, das ist das wesentliche Moment, die Erfahrung in der Natur, von Größe, die außerhalb ihrer selbst ist, so bestimmend, daß sie aufgrund der Naturerfahrung akzeptiert haben, daß es da Bodysagwas und Heilige und Propheten und so weiter gibt. Das haben wir hier alles nicht gehabt. Die Natur wurde abgelehnt, Naturlyrik war out, galt als faschistoid, es war die Politisierung da. Und als dann langsam die Alltagslyrik durchgekommen ist, war nur noch die Kommunikation unter den Leuten die Frage, aber nicht die Frage, wie stehe ich zu mir, das wurde gleich als Innerlichkeit abgewertet, und erst recht nicht die Frage, wie stehe ich zu Gott.

Wenn Du Deinen Glauben in Deinen Texten thematisierst , ist das dann Gebot Deiner Religion oder inneres Bedürfnis?

HÜBSCH: Zum einen, wie ich sagte, habe ich die Schwierigkeit, die ich zum Teil aber auch gut verarbeiten kann, daß ich nicht über religiöse Themen schreibe oder glaube, schreiben zu dürfen, weil die Situation in diesem Land so ist, daß die Zeit dafür noch nicht reif ist.

Zum anderen ist es aber so, daß wegen dieser Erkenntnis, daß Poesie nicht das richtige Mittel ist, ich für die Ahmadiyya-Bewegung – die Bewegung, in der ich tätig bin – schon schreibe. Ich halte Vorträge, die zum Teil gedruckt werden, Ich habe jetzt das Buch über den Islam geschrieben für Rowohlt, ich habe für den Kösel Verlag vor sieben Jahren ein Medienpaket für Schulen gemacht und Seminare zum Thema Islam. Man kann also nicht sagen, daß ich schriftstellerisch da nichts tun würde, nur glaube ich eben, Poesie ist zur Zeit das falsche Mittel.

Fühlst Du Dich durch Deinen Glauben irgendwie thematisch oder stilistisch eingeengt? Gibt es Themen, die Dir Dein Glaube verbietet?

HÜBSCH: Einer meiner Punkte, warum ich überhaupt schreibe ist, daß ich einfach die Worte finde oder besser gesagt, daß ich Situationen finde, ich vergleiche das oft mit dem Kunstbegriff Environment, daß eine Situation drei- oder vierdimensional plötzlich stimmt, daß ich in der Sitaution etwas feststelle, bemerke, sehe. Daraus entzünden, entwickeln sich Worte, und das gibt dann einen Text. Viele meiner Texte sind ja solche Texte, die eine ganz konkrete, tatsächlich passierte, aktuelle Situation beschreiben, im Langgedicht zum Beispiel. Zum anderen ist es so, daß ich beim Schreiben, abgesehen davon, daß es mir Spaß macht oder ich das Bedürfnis habe, daß ich inzwischen akzeptiert habe, daß ich ein Schriftsteller bin. Ich habe akzeptiert, daß ich das Talent habe. Ich habe mal eine Zeit gehabt, da habe ich alles weggeschmissen, alles verbrannt, was ich hatte, aber ich habe inzwischen auch schmerzlich feststellen müssen, ich kann nicht leugnen, daß ich ein Talent habe zum Schreiben, und es wäre eine Schande und eine Sünde, das vergammeln zu lassen. Ich muß das ausloten.

Das zu dem Ich, jetzt zu dem Du. Bei vielen Texten ist es so, daß ich konkret, gezielt für eine Sitaution schreibe oder für Leute. Zum Beispiel auch hier in diesen „Freund “-Gedichten, die nun sehr religiös sind, sehr mystisch, aber auch bei anderen Texten, ich kann Dir Dutzende von Gedichten zeigen, wo vielleicht nicht der Name dabeisteht, aber wo ich genau weiß, da hatte ich den Typen oder die Frau im Sinn. Es gibt kaum eine Lesung, die ich gemacht habe in den letzten zwei Jahren, wo ich nicht für die Lesung ein, zwei Gedichte neu geschrieben habe.

Jetzt gibt es also das Ich, das schreibt aus dem erklärten Grund, und das Du, für das ich schreibe, und dazwischen gibt es eine Verbindung. Und dann gibt es noch so etwas wie ein didaktisches Moment. Dieses Lehrerbewußtsein, das kann ich nicht ablegen. Ich will schon mehr als nur unterhalten. Ich habe schon ein Ziel mit dieser Poesie.

Ein Ziel ist, daß sie Zeit überdauern soll. Deswegen scheue ich mich davor oder habe mich lange davor gescheut, Namen zu zitieren oder Begriffe mit reinzunehmen, die nur aktuell zu verstehen sind. Ich will versuchen, Zeit zu überdauern. Ich denke beim Schreiben schon daran: kann man das in hundert Jahren noch lesen. Zum zweiten ist es so, daß bestimmte Themen, die mir mißfallen in ihrem Mißbrauch wie Sex oder Alkohol oder Drogen, daß ich die nicht thematisieren will. Das heißt, bei mir kommen zwar Sex, der Rausch und die Droge vor, aber sehr chiffriert, das heißt, ich habe mal sehr viel gelernt von dem Peschke, der damals den ‚Merkur‘ gemacht hat; der hat mal einen Text von mir angefordert und mir dann mit einem Satz von Paul Valéry geantwortet: Der Poet muß wie ein Vogel sein, der den Ton, bevor er ihn aus dem Schnabel entläßt, wieder schluckt. Das war vor fünfzehn Jahren.

So ist eben vieles von dem, was ich schreibe zu Themen, die mir nicht gefallen oder wo ich die Eindeutigkeit vermeiden will – nicht weil die Eindeutigkeit jetzt Sünde wäre oder weil sie verboten wäre, man muß auch etwas Verbotenes beschreiben können, man muß auch meiner Meinung nach in gewissem Rahmen Sünde beschreiben können, aber ich will vermeiden, daß von solchen Beschreibungen Reize ausgehen, die Auslöser sind für Gehirngeschichten, für Reizgeschichten beim anderen, ich will sie nicht auf diesem Level antörnen, daß der Leser dann darauf abfährt und sich zum Beispiel besäuft, sondern ich will ihn sublimieren.

Ich habe für Claudia Gehrkes „Mein heimliches Auge III“ einen Text geschrieben, wo ich beschrieben habe, daß ich versuche, das geheime Auge, also das, was über das Maß hinausgeht, aufzufassen wie ein Sandkorn, das in die Muschel dringt. Wenn ich dann die Muschel aufbreche und sage, hier ist das Sandkorn, mache ich nicht nur die Muschel kaputt, sondern auch die Perle, die entsteht. Das heißt, ich lasse das wachsen in mir und habe das oft genug gemerkt, daß eben nach gewisser Zeit daraus die großen und interessanten Ideen entstanden sind, während wenn ich es plakativ abgebildet hätte, also irgendwie eine reizvolle Frau und einen interessanten Mann sexuell beschrieben hätte, wäre das kaputt gemacht worden, wäre das vordergründig gewesen. Ich will also Reize in dem Sinne dämpfen, daß sie nicht vorherrschend sind, sondern daß sie begriffen werden als Bestandteil der Verfeinerung des Lebens, als Möglichkeiten zur Verfeinerung des Lebens, der Spiritualisierung.

Die gesellschaftlichen Zustände unserer Zeit sehe ich sehr hoffnungslos. Kann der Glaube an eine höhere Instanz, an einen Gott, hilfreich sein, solche Zustände auszuhalten?

HÜBSCH: Ich bin sehr scheu, außerhalb von religiösen Diskussionen Leuten zu sagen, daß ich eine Kommunikation mit Gott habe, die nicht einseitig ist, sondern ich kann Beweise dafür geben, ich habe das früher sehr konkret gemacht, indem ich Leuten von Träumen erzählt habe, die eintreten werden und die dann eingetreten sind und ähnliche Sachen, ich mache das jetzt nicht mehr so häufig. Im religiösen Bereich passieren da sehr merkwürdige Dinge, aber ich bin scheu, meine religiösen Erfahrungen auszudrücken, weil das zu sensitiv ist und die wenigsten Leute das verstehen würden.

Aufgrund dieses persönlichen Kontaktes zu Gott bist du wie ein Kokon, du bist also eingesponnen, kannst trotzdem leben und sehen. Das heißt, du hast kein Mißtrauen etwa an den Sinn von Leben, in die Fügung Gottes und daß er dich recht leitet, du machst die Erfahrung mit Gott. Eins, was ich früh gelernt und auch sehr geübt habe, ist Geduld. Geduld bedeutet, daß ich keine vorschnellen Urteile fälle, sondern sehr, sehr langsam Dinge angehe, bevor ich etwas dazu sage. Das bedeutet, daß mir klar wird in dieser Wartezeit, was für eine Bedeutung bestimmte Dinge haben. Zum Beispiel, das schlägt sich auch in Poesie nieder, ohne daß es jetzt religiös aussieht, daß es schwer ist, das Unsichtbare an Personen zu lieben, mit denen du befreundet bist zum Beispiel, wo dich aber bestimmte Sachen stören. Wenn du das jetzt nicht dauernd attackierst, sondern es sich einfach entwickeln läßt und darüber nachsinnst und versuchst, durch dein Vorhandensein, durch dein Vorbild Dinge zu verändern, dann merkst du vielleicht plötzlich, daß das, was du dem anderen als fehlend anlastest, imgrunde nur sein Potential ist, das er erobern wird. Das heißt, du liebst etwas an dieser Person, das diese Person noch nicht ist. Ein anderer würde radikal sagen, der oder die ist das nicht und weg vom Fenster. Ich tue genau das Gegenteil, das geht über Jahre und Jahre und Jahre hinweg, daß ich untersuche, das Unsichtbare zu lieben.

Das, was dich quält, wählt dich aus. Das heißt, daß die Herausforderung durch die Probleme, wie immer die aussehen, ökologisch oder ökonomisch, privat oder gesellschaftlich, Kommunikationsfragen oder Streitsituationen, alles ist eine Herausforderung an dich, daß du damit fertig wirst. Das ist die alte Hippiegeschichte: entweder du bist ein Teil des Problems oder du bist ein Teil der Lösung des Problems. Das geht halt nur, wenn du mit Gott lebst und nicht sofort brutal abschaltest, wenn irgendetwas passiert, was dir nicht in den Kram paßt. Da werde ich immer wieder hingelenkt, auch meine eigenen unerforschten Dinge festzustellen, denn auch ich habe natürlich meine Schwierigkeiten mit meinem Leben, meinen Unzufriedenheiten mit mir. Aber ich habe gelernt, nicht radikal zu brechen mit diesen Sachen. Daraus entstehen kreative Prozesse, und das macht natürlich auch einen Teil meiner Intensität beim Schreiben aus.

Wie bist Du eigentlich ausgerechnet auf den Islam gekommen? Hätte es auch irgendeine andere Religion sein können? Gab es da vorher schon Affinitäten dafür?

HÜBSCH: Es ist deshalb schwierig, daß es eine andere Religion hätte sein können, weil ich die anderen Religionen alle schon durch hatte. Ich habe, sowohl was die philosophischen Weltanschauungen, als auch was die religiösen Weltanschauungen betrifft, schon ziemlich alles durch gehabt. Ich kann es mir vielleicht zu gute schreiben, daß ich niemals so verbohrt gewesen bin, daß ich mich Heilsbringern unterworfen hätte wie einem Otto Mühl oder einem Bhagwan. Ich habe das alles sofort intuitiv durchschaut. Ich war in meiner Drogenzeit und in meiner politischen Zeit sehr, sehr sensibel gegenüber Führungspersönlichkeiten, deswegen auch die Sache mit Hitler vorhin und habe sehr schnell falsche Autorität von echter Autorität unterscheiden lernen können.

Nachdem dann alles da war, ich alles praktisch gemacht hatte, da tauchte in mir die Idee von Gott auf. Also nicht von Religion, sondern von Gott. Jetzt kommt aber das Entscheidende. Wie gesagt, ich habe ja vorher Yoga gemacht, Zenbuddhismus, meditiert und Drogenmeditation gemacht, ich habe da überall auch gewisse Erfahrungen gemacht, und ich habe dann auch mit all meiner hundertprozentigen Überzeugtheit von der Situation und all meiner Ehrlichkeit angefangen, dem Islam zufolge zu leben, das heißt, ich habe das Ritualgebiet gelernt und mich beim Essen entsprechend verhalten, keine Drogen mehr genommen, keinen Alkohol mehr getrunken, nicht geraucht, und dann habe ich eben im Islam Erfahrungen gemacht durch Wahrträume, in Gebeten, wo ich eine solche Lösung meiner Probleme erfahren habe und erstaunlicherweise mystische Erfahrungen gemacht, die ich gar nicht begriffen habe in dem Ausmaße, wie ich sie jetzt begreife. Das heißt, ich bin, wenn du das so willst, am Islam hängengeblieben deswegen, weil ich im Islam eine Übereinstimmung von Realität und Utopie, also von konkretem Dasein und der Wirklichkeit Gottes erfahren habe und zum zweiten, weil ich nie erlebt habe im Islam, daß mir etwas versprochen worden ist, und es ist nicht eingehalten worden. Ich habe im Islam sicherlich sehr große Prüfungen zu bestehen gehabt, da kamen alle möglichen Zweifel, das waren zum Teil sehr schmerzhafte und schwierige Sachen, allein der Tod meiner Frau zum Beispiel, aber dadurch daß der Islam, vor allem die Ahmadiyya-Gemeinde, mich nicht eingebunden hat in eine Gruppe oder in ein System, sondern immer im Vordergrund stand als absolut wichtigste Forderung, Kommunikation mit Gott zu haben, war es für mich nicht eine Frage von Gesellschaft, von System, sondern es war für mich eine Frage Gott, bzw. es war eben keine Frage Gott, weil ich diesen Kontakt mit Gott hatte, und daraus resultierten dann die entsprechenden Notwendigkeiten, sich so oder so zu verhalten. Ich habe in den jetzt zwanzig Jahren nie an Gott gezweifelt  kein einziges Mal.

In den „Katdolen-Tonbändern“ heißt es, Arabisch wäre “die Mutter aller Sprachen“ und durch das Rezitieren des Qurans würde die Sprache gereinigt. Ergibt das folgerichtig, daß sich durch Deinen Glauben auch Dein Verhältnis zur Sprache gewandelt hat? Wenn ja, in welcher Form drückt sich das aus?

HÜBSCH: Das ist etwas, an dem ich noch arbeite. Ich habe in den Katdolen-Tonbändern exemplarisch in Kurzform meine Theorie darzustellen versucht, daß jede Sprache, wenn sie nicht absolut gereinigt von unterschwelligen Bedeutungsgeschichten und irgendwelchen mitlaufenden Inhalten ist, eben diese unterschwelligen Systeme, unterschwelligen Probleme transportiert. Das führt dann dazu, daß die Leute in der Konversation zum Beispiel über ihre Sexualprobleme sprechen, während sie in Wirklichkeit, also in der Kommunikationsebene, über Banktürme sprechen oder sonst was. Es ist nicht nur die Frage der Sprache, wie du sie einsetzt, da habe ich sehr, sehr lange bis zum Verrücktwerden, zum tatsächlichen Verrücktwerden gearbeitet, die Assoziationsebenen, die aus Sprache, aus Worten, aus Buchstaben entstehen können, aufzudröseln, sich klar zu werden darüber, wohin führt eigentlich deine Sprachlinie, wohin führt eigentlich der Buchstabe. Ich tippe ein B in die Maschine, was hat das für dich visuell, was assoziierst du zu diesem B. Welche Worte, welche Ideen kommen jetzt zu diesem B hinzu, wie geht es weiter, was heißt das jetzt, Bertha, dann assoziierst du vielleicht Dicke Bertha, ist das jetzt der Krieg oder ist das eine dicke Frau. Ich habe dann all diese Gedanken und Bilder immer wieder versucht zu durchleuchten, immer wieder versucht, zu verdünnen oder zu durchbohren, weiterzufragen, andere Assoziationsebenen aufzubauen, bis eben zum tatsächlichen Wahnsinn. Das war ein riesiger Reinigungsprozeß. Von daher gesehen, ist es so, daß ich versuche, eine Sprache zu schreiben, die neu ist.

Bestimmte Worte sind über Jahrzehnte besetzt gewesen, zum Beispiel das Wort Führer. Vor zwanzig Jahren konntest du das Wort nicht aussprechen, da hast du dich gesträubt. Bei anderen Worten, gerade wenn sie religiösen Inhalt haben, ist es ähnlich. Das Wort von der Gnade der späten Geburt, das ist ja vor allem deshalb angegriffen, weil es mit Gnade zu tun hat, weil da dieser religiöse Touch plötzlich dabei ist. Unsere Sprache ist in einer gewissen Weise besetzt. Deshalb versuche ich eine Sprache zu schreiben, die diese Klippen besetzter Worte umschifft bzw. versucht, die besetzten Worte von ihrem unnatürlichen Kleid, von ihren Wucherungen zu befreien und bloßzulegen und wieder gesellschaftsfähig zu machen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, das ist ein sehr langer Prozeß, auch ich kann bestimmte Worte nicht einfach sagen.

Unser Land hat viele Amerikanismen aufgenommen. Lyrik wird spätestens seit Bob Dylan über Musik rezipiert. Die Rezeption von Schlagern, die Inhalte, die da auch vermittelt worden sind durch diese ganze psychedelische Zeit der Sechziger, hat Englisch zu einer zweiten Sprache zumindestens unserer Jugend gemacht. So leben wir also mit zwei Sprachen. Daraus ergibt sich natürlich, und das erklärt auch manche Sachen in der „Innenhaut“, daß für den Dichter Assoziationen auftreten, die englisch sind und nicht eingedeutscht werden können. Gerade weil ich auch englisch denke, viel englisch spreche, und weil ich auch englisch schreibe und viel englisch höre, viel mehr als deutsch, ich höre fast nur englische Sachen, wird der Sprachraum des Deutschen erweitert um das Amerikanische, ohne daß ich dadurch jetzt zum Bewunderer der amerikanischen und englischen Sprache würde. Nein, es ist eine Erweiterung. Ich sehe das nun so, daß sich eine Nivellierung einstellt. Eine Nivellierung der Sprachbedeutung. So wie bestimmte Worte innerhalb der Lyrik lange Zeit nicht mehr gingen, weil eben Celan und Eich und andere diese Worte benutzt hatten, zum Beispiel das Wort Stein. Aber wenn du sagst, like a rolling stone, steckt da soviel drin, da kannst du das plötzlich wieder gebrauchen. Wenn ich das dann so in mir verarbeite, like a rolling stone, wo also nicht nur die Rolling Stones drinstecken, sondern auch das Bild vom rollenden Stein, der kein Moos ansetzt. Dieses Bild vom rollenden Stein kann ich jetzt wieder ins Deutsche übernehmen. Ich habe vor kurzem für meine Band „Jazz und Lyrik“ einen Text geschrieben, in dem es heißt: geht es um deinen Kopf oder geht es um deinen Hals/ aber nein, aber nein, ein rollender Stein muß es sein. Da paßt es plötzlich wieder, ohne daß es aufgesetzt oder geklaut wirkt. Durch dieses Einhaken in die jeweiligen Sprachszenen ergibt sich eine Klärung der eigenen Sprache und dadurch auch eine Intensivierung des eigenen Sprachbewußtseins und dann auch eine Intensität dessen, was du sagst. Das heißt, es hat eine stärkere Durchschlagskraft – ich glaube an die Macht der Sprache und an die Macht des Dichters – hinsichtlich der Aufnahme.

Genauso ist es mit dem Arabischen. Es wird da eine Bewußtseinsebene angesprochen, die meine eigene, meine Muttersprache klärt. Die Theorie ist, daß aus dem Arabischen alle anderen Sprachen kommen und daß Arabisch die offenbarte Sprache ist, die die ersten Menschen in einer bestimmten Phase von Gott offenbart bekommen haben.

Fotos: Harald H. Schröder

November 1988