Liebeserklärungen
Zehn Jahre mußten seine Fans auf den zweiten Erzählband von Günter Ohnemus warten. Jetzt hat der Münchner Autor uns „Die letzten großen Ferien“ geschenkt. Seine Leser sinken wieder dankbar in die Knie.
Wenn Sie nach der Lektüre von „Die letzten großen Ferien“ mit dem in München lebenden Erzähler und Übersetzer Günter Ohnemus nicht befreundet sein möchten, dann haben Sie keinen Freund verdient. Ich kenne kaum ein anderes Buch, aus dem so viel Herzlichkeit, menschliche Wärme, Liebe für die kleinen Dinge strahlt. Es gibt nur wenige Schriftsteller, die über Freundschaft zwischen Männern und das, was zwischen Männern und Frauen passiert, in solch einfachen Sätzen geschrieben haben, daß man ob deren Wahrhaftigkeit glaubt, danach könne nichts mehr kommen, das diese Endgültigkeit übertreffen kann. Ohnemus hat sich zehn Jahre Zeit gelassen für seinen zweiten Erzählband. Obwohl ich nichts über den Entstehungsprozeß dieser Erzählungen weiß, meine ich feststellen zu können, daß man jeder Zeile in diesem Buch anmerkt, wieviel Ruhe und Kontemplation ihr von Günter Ohnemus zum Reifen gegeben wurde.
„Das hier ist nur eine ganz kleine Geschichte am Rande der Ewigkeit. Sie hat nichts mit Krieg und Tod zu tun oder mit komplizierten Verwicklungen … Die Geschichte, um die es hier geht, ist federleicht. Sie wird nichts am Gewicht der Welt und am Gang der Dinge ändern, und wenn sie jetzt hier nicht erzählt würde, dann bliebe sie für immer unbemerkt wie der Schatten einer Krähe, der einen Augenblick lang einen Blinden auf einer Parkbank streift …“
So beginnt die Erzählung „Der gewonnene Alptraum“, und damit ist eigentlich schon alles über den Anspruch aller anderen Stories gesagt. Ohnemus erzählt Geschichten über sich und Menschen, die er kennt oder beobachtet hat. Sie spielen zwischen dem Kriegsende und heute, meistens in Bayern, wo der Autor geboren wurde und heute noch lebt.

Auch wenn diese Geschichten nichts Spektakuläres erzählen, keinen aufrührerischen Impetus haben, verändern sie den Leser. Sie machen Weinen und Lachen. Sie erzählen vom Alltag ganz normaler Leute, von den Sonnen- und den Schattenseiten des Lebens. Und wenn man diese anrührenden Episoden aus dem Leben dieser Leute, die die Nachbarn um die Ecke sein könnten, liest, erfährt man so ganz nebenbei eine ganze Menge über das Leben in der Bundesrepublik Deutschland.
Eine unglaublich schöne Liebeserklärung ist „Hommage an den Braun Universal Rasierapparat“, in der der Protagonist abwechselnd über die Vorzüge seines kabellosen Elektrorasierers und die Schönheit seiner Ehefrau nachdenkt, mit der er seit vielen Jahren verheiratet ist und über deren Alter und Haarfarbe „sich manche Leute erregen wie über ein philosophisches Paradoxon“. „Obwohl sie nie etwas mit ihren Haaren macht, wechselt doch die Farbe beständig. Es gibt Augenblicke, in denen liegt ihr Haar wie ein schwarzer See in einer Vollmondnacht auf dem Kopfkissen, und wenn man sehr leise ist, kann man hören, wie kleine Wellen gegen eine hölzerne Bootswand schwappen. Die Luft riecht dann nach angenehmen Kräutern, nach Salbei oder Thymian, aber meistens nach Thymian.“
Ende Mai auf einer Wiese vor Camelot spielt die Geschichte „Keine besonders guten Frisbeespieler“. Zwei Freunde mittleren Alters treffen sich hier gelegentlich zum Frisbeespielen. In das Frisbeespiel der Männer mischen sich zwei ausländische Kinder. Mit einem horrorfilmreifen Schnitt läßt Ohnemus die fast slapstickartige Schilderung der Ungeschicklichkeit der Kinder im Umgang mit der Frisbeescheibe in ein sprachlos machendes Grauen kippen. „Sie warf die Scheibe jetzt so, als würde sie jemandem eine Rose zuwerfen, und ich nahm die Rose auf und warf sie ihr als Frisbeescheibe wieder zurück.
Ihrem Bruder war inzwischen heiß geworden, und er zog sein T-Shirt aus. Er hatte einen ganz roten Oberkörper, und als ich genau hinsah, merkte ich, daß sein ganzer Körper mit Narben übersät war. Er hatte so viele Narben, daß man schon sehr genau hinsehen mußte, um zu sehen, wo die eine Narbe aufhörte und die andere anfing.“ Ohne blutrünstiges Szenario, ohne erhobenen Zeigefinger entlarvt Ohnemus die ganze Perversion des jugoslawischen (und jedes anderen) Bürgerkriegs.
Beim ersten Lesen habe ich die Geschichten buchstäblich in mich hineingefressen. Dann habe ich sie in aller Ruhe ein zweites Mal gelesen und festgestellt, daß sie keine Eintagsfliegen sind, sondern einen mit jeder weiteren Lektüre bereichern. Jetzt nehme ich das Buch immer wieder mal zur Hand und lese meiner Freundin daraus vor. Wunderschöne Geschichten wie die von Ohnemus sollte man mit seinen Liebsten teilen, finde ich.
Günter Ohnemus: Die letzten großen Ferien, Maro, 250 Seiten, 32 Mark
Foto: Harald H. Schröder
Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 3/1994