Groschennavigation (Paria 1988)

Mit „Groschennavigation“ startete 1988 ein ambitioniertes Projekt. Die Reihe Bitter Lemon wollte einen repräsentativen Querschnitt durch die deutschsprachige, subkulturelle Literaturszene geben, ein Forum sein, auf der sich die Undergroundgrößen der Sechziger mit den Newcomern der Neunziger treffen. Gestaltet wurde die Reihe von Walter Hartmann, der über Jahrzehnte der prägende Grafiker des deutschen Untergrounds war. Fast jedes Heft enthält ein Originalfoto des Fotografen Harald H. Schröder.

Es war nur logisch, daß die Reihe mit Jürgen Ploog starten mußte. Er war der klügste Kopf, der programmatische Vordenker des deutschen Undergrounds. „Groschennavigation“ ist ein wilder Trip durch alle Genres, mit vielen Querverweisen auf Werke der Weltliteratur und Reminiszenzen an Autoren, die Ploog schätzte (Chandler, Hammett, Conrad, Hemingway). Eine handvoll Figuren ist „unterwegs zur Rückseite dessen, was ist“. Ausgestattet mit diffusen Aufträgen jetten sie durch Raum und Zeit. Devise: „Alles sehen, alles spüren & selbst unsichtbar bleiben.“ Nichts ist wirklich greifbar. „Ich könnte ein anderer sein“, der „ohne Übergang in eine andere Zeit gerutscht“ ist.

Wie bei Ploog gewohnt, nutzt er sein episodenhaftes Erzählen, um in bewußten Tabubrüchen die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, den Freiraum der Selbstentfaltung zu vergrößern. Da gibt es dann neben drastischen Sexszenen auch rüpelhaftes Abrechnen mit dem Establishment: „… denen über 30 kannst du von der Zahnbürste bis zum Girlfriend alles anvertrauen. Die einzige Gefahr, die von denen ausgeht, ist, daß sie den Planeten zuscheißen mit ihrem Müll, mit ihren Sorgen & Ängsten.“ In all diesen Kaskaden von Einfällen geht es immer gegen das Angepaßte, das Normierte, das Alltägliche. Ploogs Protagonisten sind Außenseiter auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen. „Alles geht den Bach hinunter, rette sich wer kann.“ Eine Rettung heißt Liebe, cherchez la femme: „Nana, sie roch nach Partys.“