Der kontrollierte Radikale
Ein Gespräch zwischen Jamal Tuschick und Wolfgang Rüger
TUSCHICK: Brinkmann und Ploog – Wann sind Dir die beiden zum ersten Mal begegnet? Das waren bestimmt sehr unterschiedliche Erlebnisse. Auch wenn man heute die beiden so dicht beieinander mühelos stehenlassen kann, zu Brinkmanns rasch endenden Lebzeiten gab es bestimmt unüberwindbare Barrieren der Distinktion nicht zuletzt. Brinkmann war der Prototyp eines freien Autors, Ploog geradezu ein Antipode dieses Typus.
RÜGER: Den Büchern von Brinkmann dürfte ich als Gymnasiast Ende der Siebziger begegnet sein. Er war für mich vor allem spannend, weil er als Außenseiter galt. Und daß ACID, das ich unbedingt lesen wollte, für mich in der hohenlohischen Provinz nicht greifbar war, erhöhte diesen Reiz sicher. 1980 habe ich den Paria Verlag gegründet und bin damit in die alternative Literaturszene gerutscht. Ich war dann mit meinen ersten zwei verlegten Büchern auf der Gegenbuchmesse in Frankfurt. 1982 habe ich mit dem Studium in Marburg begonnen und in der Zeit intensiv zu Brinkmann geforscht. Ich wollte einen Materialband zu ihm publizieren.
Ploog war damals schon ein großer Name in der Alternativszene, aber ich kann mich nicht erinnern, welches Buch von ihm ich zuerst gelesen habe. 1985 bin ich an die Uni Frankfurt gewechselt und habe für verschiedene Stadtzeitschriften geschrieben. Da hat es nicht mehr lange gedauert, bis ich Ploog persönlich kennenlernte. Ich stieg schnell zum leitenden Feuilletonredakteur in der Stadtillustrierten Auftritt auf, und Ploog schrieb regelmäßig für mich. Ich wurde einer seiner Kleinverleger.
Brinkmann habe ich als Berserker wahrgenommen, der gegen Gott und die Welt wütete. Ploog war für mich eher der Theoretiker, ein intellektueller Kopf, der mit seinem singulären Schreiben den Literaturbetrieb aufmischen wollte. Die Lebensumstände der beiden spielten für mich damals keine Rolle. Ploog war für mich nie Pilot, er war ein verehrter Autor. Beide gehörten nicht zum Establishment, das war für mich das Wichtigste. Ich war abseits des Mainstreams unterwegs.
TUSCHICK: Ralf-Rainer Rygulla hat mal gesagt, dass damals, als er und Brinkmann die Begriffe des angloamerikanischen Undergrounds in Deutschland verbreiteten, es in den Ursprungsländern schon nichts mehr gegeben habe, was ernsthaft als vor-offizielle Literatur gelabelt werden konnte. Das war bestimmt eine Zuspitzung. Gleichwohl frage ich Dich, war dieser deutsche Literaturuntergrund nicht eine in der historischen Verspätung verrottende Angelegenheit?
RÜGER: Ploog, im Dritten Reich geboren, hat sein ganzes Leben lang gegen die Nazi-Ideologie angeschrieben. Er hat große Hoffnung in die Studentenbewegung gesetzt und schon Anfang der Siebziger gesehen, daß das nichts wird mit der Implementierung der Beat-Philosophie. Wie wichtig das gewesen wäre, sehen wir heute. Die weltweite Hinwendung zu Autokraten zeigt ja nur, wie wenig sich politisch geändert hat. Und künstlerisch? Was kam denn wirklich Neues nach Brinkmann und Ploog? Nichts. Brinkmann ist literaturwissenschaftlich gut aufgearbeitet. Ploog hat man in die Schublade Burroughs-Epigone gepackt, sich mit ihm nicht beschäftigt, ihn nicht verstanden. Er ist der große literarische Kontinent, den es noch zu entdecken gilt.
Erstaunlich ist, daß die Beat-Bewegung auch die USA nicht radikal verändert hat, dort aber heute praktisch jedes Kind die Namen von Burroughs, Kerouac und Ginsberg kennt, während in Deutschland die Protagonisten des Undergrounds mehr oder weniger unbekannt sind.
TUSCHICK: Dass Brinkmann und Ploog ungleich gelabelt wurden, stimmt – Brinkmann wurde kanonisiert, Ploog eher marginalisiert. Aber zu sagen, danach sei „nichts Neues“ gekommen, greift zu kurz. Autoren wie Oswald Wiener, Hubert Fichte, Rainald Goetz und Thomas Meinecke haben ästhetische Grenzen verschoben. 1960er-Underground und Pop kamen im Mainstream an, wurden absorbiert und Establishment-tauglich. Das sind normale Vorgänge. Deine enttäuschten politischen Wirkungserwartungen mit Bezug auf die ‚Beat Generation‘, die ja auch nur Getrude Steins ‚Beaten Generation‘ folgte, überlasten nach meinen Begriffen die Literatur. Literatur ist ein Spiel mit Möglichkeiten und keine Realo-Arena.
Die Popularität von Burroughs und Ginsberg in den Vereinigten Staaten verdankt sich als Phänomen einem popkulturellen Mythos. In Deutschland erreicht solche Amplituden niemand in diesem Segment. Das hat etwas mit gewiss verblasenen Hochkulturstandards zu tun. Die Vorstellung eines „unentdeckten literarischen Kontinents“ ist reizvoll – aber sie sagt mehr über unsere Sehnsucht nach übersehenen Genies als über das tatsächliche Rezeptionsgeschehen.
Würdest du sagen, dass unser Blick auf Literatur vielleicht zu stark von der Erwartung geprägt ist, dass Radikalität stets an einzelne, exemplarisch performende Protagonisten gebunden sein muss – und dass Ploog deshalb nach wie vor entweder überhöht oder übersehen wird, weil er mit seiner Weltmann-Attitüde die Vorstellungen von einem zeitgenössischen Spitzweg-Poeten untergrub und im Weiteren als sein Werk als Burroughs-epigonaler Abklatsch denunziert wurde?
RÜGER: Ich kümmere mich ja in meiner Freizeit um das Werk von Ploog. Die Aufarbeitung dessen, was sich in seinem Nachlaß befindet, wäre eigentlich ein Fulltimejob. Im Moment bin ich der Einzige, der einen vagen Einblick in Ploogs Nachlaß hat. Und da kann ich nur sagen, je tiefer ich blicke, desto größer wird der Autor. Das ist ein unentdeckter Kontinent. Das bisher Publizierte zeigt nur einen Aspekt von Ploog, eben den Cut-up-Autor. Ploog hat Literatur mit politischer Message vehement abgelehnt. Und doch war er ein durch und durch politischer Mensch. Das wird in seinen – bisher überwiegend unpublizierten – Essays und vor allem in seinen Tagebüchern klar. Er wollte eine radikale Veränderung in allen Belangen des Lebens, die ich bei den von Dir genannten Autoren nicht erkennen kann. Vor allem müssen wir unser Bild von ihm revidieren, das für die meisten stark geprägt ist von seinen Attitüden, mit denen er in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Bisher wird er wahrgenommen als der Pilot, der nebenher schrieb. Ploog sah sich selbst aber seit der Pubertät ganz anders. Er war hundert Prozent kompromißloser Künstler, der wie die allermeisten nebenher jobben mußte, um sich seine Kunst leisten zu können. Viele verdingen sich als Taxifahrer, Lohnschreiber oder Nachtportiers. Ploog wurde zufällig Pilot. Sein Nebenjob war gut dotiert. Er darb fortan nicht mehr in materieller Not. Dieses Zubrot war aber gleichzeitig ein Stigma wie Hadayatullah Hübschs Konvertierung zum Islam.
Ich behaupte jetzt einfach mal: wäre er Taxi gefahren, würde er heute als einer der wichtigsten Avantgardisten der letzten Jahrzehnte dastehen. Das ist keine Sehnsucht nach einem übersehenen Genie. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, ich bin nur ein Amateur. Aber ich habe Texte von Ploog gelesen, da ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen ob der intellektuellen Klarheit, der visionären Kraft, der philosophischen Tiefe, der analytischen Schärfe. Bei Brinkmann verstehe ich jeden Satz, den er geschrieben hat. Bei ihm berührt mich sein Furor, seine Metaphern, seine Wut. Bei Ploog gibt es ganze Passagen, die ich nicht verstehe, weil sie intellektuell zu hoch für mich sind. Ich müßte mir auch Flusser, Virilio, Baudrillard etc. draufpacken, was zeitlich für mich nicht machbar ist, um ihm folgen zu können. In Rollercoaster No.6 unterhält er sich mit dem Hegel-Spezialisten Thomas Collmer auf Augenhöhe, und ich verstehe oft nur Bahnhof. Aber bei all dem Nichtverstehen, spüre ich doch, daß da nicht einer mit heißer Luft handelt, sondern eine große Substanz vorhanden ist.
Ich wollte in jungen Jahren den damals noch weitgehend unbekannten Kontinent Brinkmann erforschen, das haben in der Zwischenzeit andere getan. Jetzt sehe ich meine Aufgabe darin, Voraussetzungen zu schaffen, damit die Wissenschaft den gesamten Kontinent Ploog erobern kann. Er ist es meiner Meinung nach Wert, daß man sich mit seinem Werk auseinandersetzt, das zu großen Teilen noch gar nicht publiziert ist, und ihm dem ihm gebührenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte zuweist.
TUSCHICK: Gab es bei der Sichtung des Nachlasses einen Moment, in dem sich Dein Bild von Ploog und seinem Werk so radikal verschoben hat, dass man fast von einem Zusammenbruch der überkommenen Rezeption sprechen müsste? Eine kosmische Verschiebung gleichsam. Dein kopernikanischer Geistesblitz unmittelbar vor dem Kollaps des ptolemäischen Weltbildes.
RÜGER: Das ist mir jetzt zu hochgegriffen. Ich wußte immer, daß Ploog außergewöhnlich ist. Aber wie ich schon öfter erwähnt habe, kannte jeder von uns nur einen Teil von ihm. Die komplette Lektüre seiner vorliegenden Tagebücher hat ihn mir sehr nahegebracht. Ich hatte fast zehn Jahre sehr intensiv mit ihm zu tun. Ich habe zwei Bitter Lemon Hefte mit ihm gemacht, er hat seine besten journalistischen Arbeiten für mich geschrieben, wir haben in engem Austausch das Polytexte-Festival und das Frankfurter 60/90-Treffen vorbereitet. Wenn Kathy Acker in Frankfurt war, hat sie bei mir gewohnt, und wir haben uns zu dritt getroffen. Ich würde sagen, wir haben uns gegenseitig gefördert und gefordert. Als ich Mitte der Neunziger mit dem Journalismus aufhörte, hat er das als eine Art Verrat empfunden. Ich habe an Bedeutung für ihn verloren. Anderen gegenüber hat er sich eher despektierlich über mich geäußert. Ich fühlte mich ihm weiterhin freundschaftlich verbunden und habe die persönliche Begegnung gesucht, wo immer es möglich war. Einladungen meinerseits hat er nicht wahrgenommen. Ich habe das respektiert. Zumal er immer sehr zugewandt war, wenn wir uns sporadisch bei Veranstaltungen getroffen haben.
Bei der Lektüre der Tagebücher habe ich sein Verhalten vollkommen verstanden: er hat seinem Alltag jede kostbare Sekunde für sein Werk abgerungen. Mit mir abends Essen zu gehen, wären wertvolle verlorene Stunden gewesen, in denen er nicht schreiben konnte. Das Pilotendasein hat er gehaßt, weil es zu viel Zeit fraß. Als er in Pension ging, schrieb er ins Tagebuch: jetzt fängt das Leben erst richtig an, jetzt geht es nur noch um die Kunst. Aber er war natürlich immer noch Ehemann, Vater und Opa mit all den sich daraus ergebenden Verpflichtungen. Schon ein Handwerkerbesuch konnte ihm den ganzen Tag versauen.
Ploog hat siebzig Jahre lang geschrieben. Schon als Pubertierender hat er jede Woche einen neuen Roman angefangen. Für ihn war schon mit 15 klar, daß er Schriftsteller werden wollte. Und dann hat er geschrieben und geschrieben, ohne vom etablierten Literaturbetrieb wahrgenommen zu werden. Und hat darunter gelitten. Was für eine Lebensleistung, trotzdem immer weiterzuschreiben. Ich habe gerade eine CD gefunden, auf der sich 3 fertige, unpublizierte Buchmanuskripte befinden, darunter der 500seitige Grips-Roman, für den ich vor 40 Jahren ein Gutachten geschrieben habe, mit dem sein damaliger Agent Roberto de Hollanda bei großen und kleinen Verlagen erfolglos hausieren ging.
TUSCHICK: Glaubst du, dass radikale künstlerische Konsequenz zwangsläufig einen zwischenmenschlichen Preis fordert? Ploog ist ja auch seiner Familie gegenüber distanziert geblieben. Vielleicht war die Unbedingtheit, etwas, dass ihn absicherte gegen alle Verdächtigungen, sich bürgerlich den Unwägbarkeiten einer radikalen Autorenexistenz entzogen zu haben. Das ist ein weites Feld. Genauso gut könnte man sagen: Da war einer, der nicht nur radikal schrieb, sondern zugleich im mehrheitsgesellschaftlichen Sinne funktionierte – als Ernährer, als jemand, der Verpflichtungen auf hohem Niveau nachkommen konnte. Ich glaube, ohne seine weiten Spielräume wäre Ploog von Burroughs nicht nobilitiert worden. Viele Autoren, die sich als Grenzgänger und Kontributionsverweigerer gerierten, haben gar nicht erkannt, was dazugehört, um in dieser Liga auflaufen zu können.
RÜGER: Ich denke, wer ernsthaft schöpferisch tätig ist, wird immer ein Stück weit asozial sein. Große Kunst fordert Zeit, und die muß irgendwo herkommen. Wenn man sich auf familiäre Konstellationen eingelassen hat, wird die Familie zurückstecken müssen. Das führt natürlich zwangsläufig zu Konflikten. Nehmen wir die Ehe von Brinkmann: die war eine Katastrophe. Kurz vor seinem Unfalltod war die Witwe mit Kind bereits aus der Wohnung ausgezogen. Brinkmann hat rigoros sein Künstlerego ausgelebt. Er war lieber mit Rygulla und später mit Freyend unterwegs, als mit der Ehefrau. Maleen mußte zu Hause das behinderte Kind hüten, während er mit seinen Künstlerfreunden ins Kino oder zu Lesungen ging oder um die Häuser zog. Die Familie Brinkmann lebte in bitterer Armut, da stand der Gerichtsvollzieher alle paar Tage vor der Tür. Als Ernährer war Brinkmann ein Totalausfall. Ploog, fünf Jahre älter als Brinkmann, steckte da mehr in bürgerlichen Konventionen. Pilot ist er nur geworden, weil er auf der Suche nach einem Job war, der ein Auskommen garantierte. Ende der fünfziger Jahre lebte er auch mit kleinem Budget. Aber ein Leben in Armut wäre für ihn nicht akzeptabel gewesen. Ich sage mal so: Wenn du Geld hast, kannst du damit soziale Defizite ausgleichen. Ploogs Familie fehlte es materiell an nichts. Seine Ehefrau und seine Kinder haben ihn schon berufsbedingt nicht jeden Tag gesehen. Ploog entstammt einem gutbürgerlichen Elternhaus, seiner Kinderstube konnte er nicht entfliehen. Er war sich seiner Verantwortung als Ernährer der Familie bewußt und hat deshalb hier Kompromisse geschlossen. Zähneknirschend. Im Tagebuch klagt er immer wieder, daß sein sehnlichster Wunsch (Vier Wände, ein Tisch, ein Stuhl und unendlich Zeit) nicht in Erfüllung geht. Wenn man den Aussagen der Familienangehörigen glauben darf, war er ein fürsorglicher Ehemann, Vater und Großvater. Abstriche mußten alle außerhalb der Familie machen. Sein Umfeld hat er gnadenlos auf Abstand gehalten. Wen er nicht für nützlich hielt, wurde ignoriert. Anna, seine Frau, hat ihm in der Familie den Rücken freigehalten. Sie hat zu seinen Gunsten ihren Beruf aufgegeben. Das war damals Konvention, würde heute wahrscheinlich nicht mehr so ohne Weiteres gehen.
Im Moment ist das Ehepaar Auster/Hustvedt in aller Munde, ich habe den Film noch nicht gesehen, es würde mich aber schon interessieren, wer im Hause Auster gekocht, geputzt und den Abwasch gemacht hat. Große Kunst entsteht nicht in einem 9 to 5-Alltag und wird in der Regel von Menschen erschaffen, die dafür auch bereit sind, über Leichen zu gehen. Einfach, weil sie es machen müssen. In diesem Sinne war Ploog ein wahrhafter Schreiber. Er hat geschrieben, weil er ohne Schreiben nicht hätte leben können.
TUSCHICK: Jetzt habe ich einen Titel für das Interview: „Der kontrollierte Radikale“ – Das war Ploog. Jemand, der äußerlich funktionierte, sich aber innerlich jeder Einhegung entzog. Mich würde interessieren, ob hinter dieser Haltung nicht auch eine Form von Angst stand – weniger vor sozialem Scheitern als vor einer bürgerlich in Schach gehaltenen, vielleicht auch nur grundlos befürchteten inneren Haltlosigkeit. Ich meine, ich hätte Einschlägiges gelesen. Ploog war ja auch in seiner Anders- und Einzigartigkeit asozial im Verhältnis zu den konventionellen Interpreten der Kulturbetriebsgepflogenheiten. Es gibt da ein Wort von Flaubert über George Sand. Er fand ihre Amoralität spießig. Wahrscheinlich fand Ploog die Beat-Epigonen unserer Generation auch lächerlich angepasst an die Partynorm. Und waren sie das nicht auch mit ihrem Gesamtschulhorizont? War seine eigene Strenge auch eine Abgrenzung gegen solche Formen verkappter Bürgerlichkeit?
RÜGER: Da gehen wir jetzt tief ins Psychologische. Das kann ich eigentlich nicht beantworten. Vielleicht nur so viel: wie Burroughs hat er Gruppen generell abgelehnt. Die 60/90-Treffen zum Beispiel waren für ihn läppisch. Zeitverschwendung. Am 19.7.1989 notierte er im Tagebuch: „Daneben sind 60/90-Ansätze Störfelder. Vergangenheit ist nur lästig. Weg von ihr (übrigens waren meine frühen Jahre in D. geprägt vom: Weg vom Jetzt, weg vom Hier). Ein Zurückgehen gibt es nicht.“ Auch wenn er immer wieder klagte, keine wirklichen Freunde zu haben (was definitiv nicht stimmte, er hat sie nur nicht gesehen oder gelten lassen), war er ein Einzelkämpfer. Burroughs war umgeben von Leuten, die fast wie Kletten am ihm hingen, und doch war er mit keinem einzigen befreundet. Für ihn gab es keine Freunde, nur Komplizen. Diese Attitüde hat Ploog meiner Meinung nach auch gepflegt.
Gleichzeitig war er sich seines Status innerhalb der Szene bewußt und wollte dann doch dabei sein und sich programmatisch einbringen, weil er tatsächlich die meisten der Nachrücker für „kleinkariert“ hielt. Vermutlich hat ihm die Rolle des Vordenkers auch geschmeichelt.
Was ihm vollkommen fremd war, ist das Nostalgische. Er war total zukunftsorientiert. Über ein Treffen mit Hadayatullah Hübsch notierte er am 6.8.1990 im Tagebuch: „4 Stunden diskutieren wir in der Hitze des Bahnhofcafés Vitesse. Er enthüllt sein Motiv für ein Schriftstellertreffen als Herzenssache. Ein schlimmeres Motiv kann ich mir nicht vorstellen. Es ist, als wäre alles plötzlich stehengeblieben.“ In seinem „Statement zum Frankfurter Treffen 60/90“ hat er auf 3 Seiten seine Poetologie komprimiert zusammengefasst. Dort kann man lesen: „Das Set des realen Raums, die sogenannte Realität, in der uns die Realpolitiker, die Funktionäre, Technokraten wie in einem linearen Getto von Ursache & Wirkung festhalten wollen, ist abgegrast. Mein Ziel als Schriftsteller ist es, über diesen Raum hinauszudenken & mir ist jedes Mittel recht, um dieses Ziel zu erreichen….“ (der komplette Text findet sich in „Ploog West End“)
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine kleine Notiz, die ich im Nachlaß gefunden habe. Dort rechtfertigt er seine Teilnahme an den 60/90-Treffen folgendermaßen: „Wenn es einen Nenner für Treffen wie diese gibt, dann ist er im Verhältnis zur Öffentlichkeit zu suchen. Ohne Öffentlichkeit führt ein Autor eine sehr beschränkte Existenz, was wiederum eine verdammt ambivalente Aussage ist.“ Er charakterisiert sich in diesem Text als einen „Vertreter einer unsichtbaren Generation“, die hier die Chance hat, sich zu artikulieren. „Das Prinzip der Verweigerung hat viel für sich, aber es kann kein Programm sein. Es gibt einen Beitrag zur kulturellen Misere dieser Gegenwart, es kommt darauf an, ihn zu artikulieren. Jetzt oder nie…“
TUSCHICK: Lass uns mal kurz Abstand nehmen von den sehr interessanten psychologischen Ploog-Deutungen und uns der editorisch-kulturgeschichtlichen Verortung Deines gewissermaßen uferlosen Nachlasssichtungsprojekts zuwenden.
Was macht dieser Nachlass mit der Literaturgeschichte?
Das ist doch ein Abenteuer. Du kanonisierst einen Autor mit Potential. Es ist ja fast alles erst noch zu entdecken. Da wird einer nicht mit allen Ehren und für alle Zeiten beerdigt. Vielmehr läuft das, was Du da treibst, auf eine editorische Wiederauferstehung hinaus. Jeder einschlägige Vergleich kommt nicht aus mit einem Hinweis auf Max Brods Rettungen im Zusammenhang mit Kafkas Werk. So ein Liebesdienst macht vieles überhaupt erst sichtbar. Brod hat aus Kafkas Nachlass einen Kosmos geschaffen. Was versprichst du Dir von Deinen Bemühungen?
RÜGER: Die, die den Namen Ploog kennen, verbinden mit ihm Cut-up. Für David, Jürgens Sohn und Rechteinhaber des Nachlasses, ist sein Vater eher ein Philosoph. Wir haben einen gemeinsamen Schlachtplan entworfen. Erst einmal weg vom Cut-up-Image. Mit unserer ersten Publikation, „Ploog West End“, wollten wir ein Lesebuch vorlegen, das neugierig auf einen vielseitigen Autor macht. „Schreibheft 106“ ist durch eine glückliche Fügung entstanden. Ich wollte Ploog in einer etablierten, renommierten Zeitschrift unterbringen, habe Norbert Wehr kontaktiert und erfahren, daß er gerade an einem Heft mit Brinkmann arbeitet. Brinkmann und Ploog zusammen in einer Publikation, das war für mich wie ein Sechser im Lotto. Die beiden für mich wichtigsten Avantgardisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gleichberechtigt nebeneinander, besser hätte es nicht laufen können. Ich wollte Ploog auf jeden Fall mit Texten vorstellen, die niemand mit ihm in Verbindung gebracht hätte. Statements über Thomas Mann, Hans Sahl, Nabokov, Stefan Zweig, Adorno, Borges, Goethe, Kästner, Kafka, Pessoa, Sebald, Twain, Christa Wolf. Das Schreibheft ist eine Institution und wird in den etablierten Literaturkreisen wahrgenommen. Ich konnte also ein Publikum erreichen, das den Schriftsteller Ploog vermutlich bisher nicht gekannt hat. Die Reaktionen nach Erscheinen des Heftes waren durch die Bank euphorisch. Michael Krüger schrieb z.B.: „Das Tagebuch von Ploog ist eine fulminante Entdeckung. Mit dieser Veröffentlichung zeigt sich ein überragender Denker und Leser.“
Obwohl ich selbst, wie bereits erwähnt, bisher nur einen vagen Einblick in den Umfang des Nachlasses habe, ist mir in den letzten zwei Jahren der Gedanke gekommen, daß es sich mit Ploog ähnlich wie mit Fauser verhalten könnte. Fauser war ein herausragender Journalist, als Romanschreiber halte ich ihn für überbewertet. Ploog hat die Cut-up-Schiene konsequent verfolgt, und da auch Außergewöhnliches, zumal in deutscher Sprache, geleistet. Trotzdem ist sein Meisterwerk „Straßen des Zufalls“, das Buch über Burroughs. Ich denke, überragend ist er in seinen theoretischen Schriften. Er war der Vordenker des Undergrounds. Brinkmann und Ploog waren Seelenverwandte, Brüder im Geiste, die Ähnlichkeit ihres literarischen Wegs, den sie unabhängig voneinander gegangen sind, ist frappierend. Mit einem gravierenden Unterschied: Ploog ist Brinkmann intellektuell haushoch überlegen.
Zur Buchmesse 2026 wollen wir einen Materialband über Ploog herausbringen, der endlich Futter für die Literaturwissenschaft zur Verfügung stellen soll. Für nächstes Jahr ist ein Band „Ausgewählte Essays“ geplant. Ploog wird also weiterhin präsent sein. Wenn man in naher Zukunft von dem Autor Jürgen Ploog spricht, ohne den Zusatz Cut-up, dann hätten wir erreicht, was wir uns vorgenommen haben.
TUSCHICK: Das ist beinah schon ein editorisches Manifest. Deine Edition soll den Autor vom Cut-up-Label befreien und ihn als historische Figur neu erzeugen. Du deklarierst den Nachlass als aktives Werkfeld, in dem Ploogs philosophische und theoretische Dimensionen erschlossen werden. Ploog wird in Auswahl, Kontext und Vergleich neu konfiguriert. Wo liegt die Grenze zwischen editorischer Erschließung und nachträglicher Konstruktion? Beobachte ich gerade – als vorgeschobener Posten des Betriebs – die Entstehung eines zweiten Autors: den Ploog der Edition?
RÜGER: Ich sage immer: Mein Vorteil ist, daß ich einen toten Autor habe, der mir nicht mehr dazwischen pfuschen kann. Jetzt geht es nur noch ums Werk. Klar können wir durch den Editionsplan die Rezeption etwas lenken. Aber letztlich sind es immer noch die Ploogschen Texte, die wir auf den Markt werfen. Ob sie Bestand haben, ob sie etwas taugen, müssen dann andere entscheiden. In der jüngeren Literaturwissenschaft, die sich mit der deutschen Alternativliteratur, sagen wir mit der Zeit von 1965-1995, beschäftigt hat, taucht der Name Ploog auf, erhält auch den richtigen Stellenwert und spielt doch nur eine untergeordnete Rolle, weil es bisher praktisch keine Sekundärliteratur zu ihm gibt. Das wollen wir als nächstes ändern. Es müssen sich ja immer ein paar aus dem Fenster lehnen, damit andere nachziehen. Es braucht Reibungsmaterial.
Natürlich stellt sich mir auch die Frage, warum Ploog gerade das publiziert hat, was bis jetzt publiziert ist. Da liegt der Fokus ganz klar auf der Cut-up-Prosa, die er immer weiter entwickelt hat. Am letzten Teil der Flieger-Trilogie, „Spätvorstellung“, hat er laut Tagebuch fast 20 Jahre lang gefeilt. Er war seinen eigenen Büchern gegenüber sehr kritisch. Das ein und andere hat er sofort nach Drucklegung verworfen, nach der Lektüre bemängelt, daß die Komposition, die er im Kopf hatte, doch nicht funktioniert. Was ihm zeitlebens gefehlt hat, war ein guter Lektor seines Vertrauens. Er war nicht beratungsresistent, aber hatte hohe Ansprüche, denen keiner aus seinem Umfeld genügen konnte. Wenn er einen starken Lektor gehabt hätte, wäre die Editionspolitik schon zu Lebzeiten wahrscheinlich eine andere gewesen.
Mir geht es nicht um Legendenbildung, die mir Wondratschek in seinen Mails latent unterstellt („Jürgen als Ikone, als sich mehr und mehr verklärende Legende, ein Monolith.“). Ich will einen Autor erst einmal wieder ins Gespräch bringen, der es meiner Meinung nach verdient hat, lebendig zu bleiben. Ploog ist doch ein unglaublich moderner Autor. David meint, mit seinen Cut-ups der ideale Autor für die Tiktok-Generation. Das war auch der Grund, warum ich mich vor einem Jahr mit meinen dilettantischen Videos auf diese Plattform eingelassen habe. Um einen Autor lebendig zu halten, braucht es vor allem junge Leser. Wir werkeln also an verschiedenen Fronten und versuchen, auf der Höhe der Zeit zu sein.
Anna, Jürgens Frau, war anfangs gegen unsere Social-Media-Aktivitäten. „Jürgen hätte das nicht gewollt.“ David hat einen jungen Mann eingestellt, der sich nur um Social Media kümmert. Auf Instagram (ploog_literatur) postet Ludwig regelmäßig neue, qualitätsvolle Filmchen. Mittlerweile ist auch Anna begeistert. Das ist eine Schiene. Nicht meine, dafür bin ich zu oldfashioned. Ich kümmere mich um das alte Medium Buch und den etablierten Literaturbetrieb, der wirklich eine harte Nuß ist. Es gibt ja heute weit und breit kein Feuilleton mehr, das spannend wäre.
Tuschick: Ich subsumiere das jetzt unter produktiver Provokation. Deine letzte Antwort zeigt klar, wie Editionsarbeit heute als Mix aus Kanonpolitik, Medienstrategie und Literaturvermittlung funktioniert.
„Mein Vorteil ist, dass ich einen toten Autor habe, der mir nicht mehr dazwischen pfuschen kann.“
Das ist eine klare Setzung. Du hast die Kontrolle über die Präsentation und natürlich auch die Verantwortung dafür. An Dir ist es, einen literaturgeschichtsmächtigen Werkbegriffs zu etablieren.
„Es müssen sich ein paar aus dem Fenster lehnen, damit andere nachziehen. Es braucht Reibungsmaterial.“
„Mir geht es nicht um Legendenbildung“
Aber gleichzeitig passiert genau das strukturell stets. Die Leitgestirnbegriffe Ikone und Monolith drängen sich förmlich auf. Während Du entmythologisiert, entsteht ein Mythos für die nächste Generation.
Du erwähnst die fehlende Sekundärliteratur. Sind wir nicht dabei, diese Lücke zu schließen?
Wenn Rezeption heute nicht mehr nur im Literaturbetrieb, sondern parallel dazu auch in sozialen Medien und neuen Öffentlichkeiten entsteht – verändert das nicht auch die Rolle des Editors? Ist er noch primär Bewahrer eines Werkes oder bereits Architekt unterschiedlicher Sichtbarkeitsregime eines Autors?
RÜGER: Unser Leben hat sich in den letzten 25 Jahren grundlegend verändert. In den frühen neunziger Jahren, als ich Bitter Lemon gemacht habe, war für alle Kleinverlage das größte Problem der Vertrieb. Als die Wenigsten wußten, was das ist, hat Ploog schon voll auf das Internet gesetzt. Ich war ungläubig, Ploog vollkommen überzeugt. Heute ist tatsächlich alles nur noch einen Mausklick entfernt. Geblieben ist das Problem, wie erfährt der potentielle Interessent von meinem Produkt. Die Lösung heißt jetzt: Follower. Ohne Social Media und/oder eigene Webseite geht heute gar nichts mehr. Und zwar für einfach alle. Außer mir hat heute praktisch jeder ein Handy. Selbst Autoren, die in Großverlagen publizieren, brauchen einen Internetauftritt. Ich habe mir sagen lassen, daß ich als Newcomer die größten Chancen habe, verlegt zu werden, wenn ich mit der Manuskripteinreichung die Anzahl meiner Follower angebe.
Früher hat sich der Underground-Interessierte im Ulcus Molle oder im Newsletter von Pociao’s Bookshop informiert. Heute werde ich Follower, um auf dem Laufenden zu bleiben. Früher hat es Monate gedauert, bis ein neues Heft oder ein neuer Newsletter kam, heute werde ich in Echtzeit informiert. Ich könnte, wie das z.B. Julia Mantel oder auch Du machen, meine neuesten Texte auf meiner Webseite hochladen und meine Fans so topaktuell an meiner Produktion teilhaben lassen.
Wir sehen das Internet hauptsächlich als Werbeplattform und setzen nach wie vor (noch) auf das gedruckte Buch. Es hängt vom Projekt ab. Der größte Schatz im Nachlaß von Ploog sind seine Tagebücher. Es ist vollkommen unrealistisch, daß wir einen Verlag finden, der die komplett in gedruckter Form veröffentlicht. Hier müssen wir also auch nach anderen Publikationsformen suchen. Die Internetseite einer renommierten Universität könnte eine Möglichkeit sein.
Also ja, wie jeder Autor muß ich auch als Herausgeber mein eigener Werbemanager sein und alle Wege nutzen, die mir zur Verfügung stehen.
TUSCHICK: Ploog scheint eine eigentümlich stille Zuneigung entgegenzuschlagen, als wüssten genug Akteure, dass in seinem Fall etwas auf dem Spiel steht, das sich vorschnellen Kategorisierungen entzieht. Auch das ist ein Aspekt seiner klandestinen Gegenwärtigkeit: dass die Standardvorwürfe ausbleiben. Dabei wäre es ein Leichtes, Ploog zu denunzieren. Stattdessen beobachtet man unerwartete Eingemeindungsbestrebungen. Wer sich zur Avantgarde zählt und sich für radikal hält, bezieht sich gern auf den prophetischen Dandy Ploog. Auch deine Nachlasssichtungen entsprechen kulturellen Interventionen. Man muss Ploog dankbar sein, dass sein Werk sich jeder eindeutigen Vereinnahmung entzieht und stattdessen Räume öffnet, in denen die üblichen moralischen Raster ihre Gültigkeit verlieren. Staunst du nicht auch über die noch nur seismisch knisternde, aber doch für uns spürbare Bereitschaft, Ploogs Werk in der Gegenwart zur Welt kommen zu lassen?
RÜGER: Das scheint ein allgemeingültiges Phänomen zu sein. Ein toter Autor kann sich nicht mehr wehren. Junge Autoren brauchen Vorbilder, und dann wählt man einen aus, mit dessen Werk oder Habitus man sich identifizieren kann. Manchmal kommen dann total absurde Konstellationen zustande, wie z.B. Stuckrad-Barre und Fauser. Der Hype um Fauser hat ja auch erst postum eingesetzt, und in diesem Fall gab es mit der Witwe und Carl Weissner zwei Menschen, die ordentlich getrommelt und die richtigen Strippen gezogen haben. Fauser hätte sich zu Lebzeiten niemals zu träumen gewagt, daß er mal ganzseitig in der FAZ besprochen wird.
Unser großes Plus ist der immense Nachlaß, den es bei den allermeisten anderen Autoren nicht gibt. Wenn wir pro Jahr eine neue Publikation auf den Markt bringen, können wir locker die nächsten zehn Jahre liefern. Und Du hast vollkommen Recht, da es zu Ploog bisher keine Sekundärliteratur gibt, kann seine Verortung in der Literaturgeschichte noch in jede denkbare Richtung gehen. Zu Brinkmann gibt es mittlerweile meterweise Sekundärliteratur. Was mir Hoffnung macht, sind die ungefähr eine handvoll Universitäten, die die literarische Alternativszene regelmäßig im Lehrplan haben. Inzwischen gibt es doch eine Reihe von Professoren und Dozenten, die früher selbst zur Szene gehörten und die den Stab jetzt weiterreichen.
In den zurückliegenden Monaten habe ich zwei Doktoranden mit Ploog-Material versorgt, das sie für Ihre Dissertation dringend brauchten. Eine weitere meiner Aufgaben sehe ich genau darin, Bezugsquelle zu sein. Vor einem Jahr habe ich eine Webseite installiert (www.wolfgangrueger.de), die nach und nach u.a. den deutschen Underground aufarbeiten soll und deren Protagonisten mit verschiedenen journalistischen Texten vorstellt.
Die engagiertesten Doktoranden versuche ich, in meine Ploog-Projekte einzubinden. Von Anfang an war mein Bestreben, die Bubble zu verlassen. In „Ploog West End“ sollten z.B. nicht die allseits bekannten Ploog-Experten zu Wort kommen, sondern ich wollte neuen Stimmen Platz einräumen.
Und ich hätte gerne mehr kritische, kontroverse Statements gehabt. Ploog mußte sich z.B. zeitlebens mit dem Vorwurf, latent frauenfeindlich zu sein, auseinandersetzen. Ich hatte eine Reihe von Frauen zur Mitarbeit eingeladen, aber keine wollte sich zu dieser Problematik äußern. Das ist auch ein Punkt, an dem ich noch arbeite.
TUSCHICK: Ja, Du sitzt auf einem Schatz und kannst ihn so heben, wie es Dir passt. Der tote Autor als Projektionsfläche bleibt interessant, wenn nicht sogar interessanter als es ein lebender Autor zu sein vermag. Es geht nicht nur darum, dass er sich nicht mehr wehren kann. Es geht um die Chancen diversifizierender Identifikation und weiterer Zufallskonstellationen. Siehe Stuckrad-Barre/Fauser. Ich erinnere, wie Franz Dobler einmal sagte: „Niemand würde über Fauser reden, wäre er noch am Leben.“ Die Kanonbildung verläuft jedenfalls nicht logisch, sondern affektiv. Und trotzdem werden auf der Basis irrer Verschränkungen in diesem Kontext bald akademische Hausaufgaben angefertigt. Das Epizentrum ist der Nachlass. Die schriftliche Hinterlassenschaft wird zur Arena, in der sich entscheidet, ob und wie Ploog in eine größere literarische Konstellation eintritt. Vergleichsachsen, institutionelle Platzierungen, gezielte Publikationsformen – all das sind Mittel, mit denen ein Autor nachträglich positioniert wird. In diesem Sinne ist Deine Edition eine Form der Metaautorschaft. Wie legitimiert sich diese Form von Macht?
RÜGER: Ich versuche in enger Absprache mit David Ploog und unter Mithilfe vieler Komplizen nach bestem Wissen und Gewissen das Optimum herauszuholen. Jemand anderes könnte es vielleicht besser machen. Aber im Moment ist kein anderer da, der diese Arbeit und diese Kosten auf sich nehmen wollte. Vielleicht muß man auch eine kleine Portion Größenwahnsinn mitbringen, zu glauben, einen toten Autor am Leben erhalten zu können. Als Antiquar habe ich seit 30 Jahren überwiegend mit toten Autoren zu tun. Wenn ein Autor erst mal gestorben ist, geht es meist rasend schnell, bis er total vergessen ist. Am Leben bleiben nur die Klassiker und solche, um die sich irgendjemand kümmert. Auf meine alten Tage ist mir die Verantwortung für einen toten Freund in den Schoß gefallen. Alfred 23 Harth hat mir mal geschrieben: Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf. In diesem Sinne verstehe ich meine Bemühungen als Freundschaftsdienst. Und das Tolle daran ist, die Arbeit macht mir Spaß.
TUSCHICK: Wenn Kanonbildung sich heute als Rückkopplung zwischen editorischer Vorstrukturierung und publizistischer Resonanz vollzieht – wo liegt dann der eigentliche Umschlagplatz: in der Edition, die Sichtbarkeit überhaupt erst formatiert, oder in den Komplizen- und Publikumsenergien, die diese Setzungen nachträglich stabilisieren oder verwerfen?
RÜGER: Wenn ich das wüßte. Erst einmal habe ich eine Reihe von Komplizen infiziert, die aber hauptsächlich aus der Bubble kommen. Das war nicht so schwer. Ich habe in den zurückliegenden Monaten 6 Veranstaltungen zu Ploog in Frankfurt organisiert. Die waren inhaltlich alle phantastisch und bis auf eine auch gut besucht. In Frankfurter Literaturkreisen ist Ploog nun ein Gesprächsthema. Was mich bisher enttäuscht, ist das fehlende Engagement der Frankfurter Buchhändler. Ich habe z.B. die 10 wichtigsten Frankfurter Buchhandlungen angeschrieben und angefragt, ob ich vorbeikommen darf, um „Ploog West End“ vorzustellen. Nur 2 haben reagiert. Empfangen wollte mich keiner. Da vermisse ich einfach den lokalen Patriotismus, wie ich ihn in meinem Antiquariat praktiziere. Von einer Buchhandlung erwarte ich, daß sie die in der Stadt heimischen Autoren und Verlage besonders hegt und pflegt. Als ich 1985 in Frankfurt ankam, hatte ich in einer der renommiertesten Buchhandlungen der Stadt ein tief prägendes Erlebnis. Ich fragte die Buchhändlerin nach Büchern von Franz Mon. Ich konnte an ihrem Gesichtsausdruck sofort erkennen, daß sie diesen Namen noch nie in ihrem Leben gehört hatte. Da wurde mir schlagartig klar, daß mir das niemals passieren darf. Erst als Journalist, später als Antiquar hatte ich immer den Ehrgeiz, die einheimischen Autoren wenigstens dem Namen nach zu kennen. Die eigene Stadt sollte immer die Keimzelle sein, von der aus man den Rest erobert. Ploog hat zeitlebens in Frankfurt nichts gegolten. Er hatte hier so gut wie keine Auftritte, er wurde regelrecht totgeschwiegen. Das ist jetzt schon mal in einigen Bereichen anders.
TUSCHICK: Ich liebe deinen Lokalpatriotismus. Ich habe mich auch stets als Autorenkomplize gesehen, auch in den Jahrzehnten meiner Kulturberichterstattung für die Frankfurter Rundschau und andere regionale Periodika. Als ich damit angefangen habe, Lesungen zu besprechen, nannte man solche Veranstaltungen abfällig Bibelgebetskreise. Das galt als extrem langweilig. Ich saß auch oft allein mit dem Veranstalter und dem Autor im Raum und habe dann so darüber geschrieben, dass alle glauben mussten, sie hätten was verpasst. Das war lange bevor Autoren wie Nick Hornby und Sven Regener auch in Frankfurt Hallen füllten und wir tausend Besucher bei einer Lesung melden konnten. Schade, dass Du die Buchhändler nicht affizieren kannst. Wo siehst Du aktuell den konkreten Anschluss, an dem Deine bisher erzeugte Aufmerksamkeit für Ploog – jenseits der Komplizenblase – von anderen Akteuren tatsächlich aufgegriffen und weitergetragen wird?
RÜGER: Über meine thematischen Schaufenster zum Underground bahnen sich immer wieder interessante Gespräche an. Da lassen sich junge Kerle, die gerade Kerouac und Ginsberg entdecken, zu Ploog führen. Und dann kommen Rentnerinnen in den Laden, die meine Doppelkopf-Sendung im HR gehört haben, und wollen wissen, was es von diesem Ploog alles gibt. Die sehen wie ganz normale Rentnerinnen aus und sind doch Alt-68er und wollen jetzt wissen, was sie damals verpaßt haben. Am meisten freuen mich jüngere Autoren wie Traian Suttles, der auch ein leidenschaftlicher Schachspieler ist. Er hat gerade nicht nur für KARL (das ist DIE Schachzeitung in Deutschland) ein wunderbares Porträt über Ploog geschrieben, sondern auch seinen Chefredakteur für Ploog begeistert. Als nächstes schreibt er über Arno Schmidt und Jürgen Ploog, und im geplanten Materialband wird er Ploog unter post-darwinistischen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Allein das Engagement dieses einen Autors führt Ploog also in Gefilde, in denen er niemals sonst wahrgenommen worden wäre.
Es gibt also auch heute noch junge Autoren, die wie Du damals sich für irgendetwas begeistern und sich dann richtig reinhängen und ihre Euphorie weitertragen wollen. Solch eine Hingabe ist nicht hoch genug einzuschätzen, weil sie ansteckend sein kann. Wenn man dem Gegenüber seine Leidenschaft ehrlich vermittelt, kann man viel erreichen. Meine dilettantischen Tiktok-Videos sind mir eher peinlich, aber die meisten loben ihre Authentizität. Und das scheint das eigentliche Kapital zu sein.
Was ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, ist, daß man sich Zeit geben muß. Ich bin mit keinem Mainstream-Autor unterwegs, wir werden nie lukrative Verkaufszahlen erreichen. Wir brauchen offene, entdeckungswillige Leser. Menschen, die bereit sind, den eigenen Kopf zu benutzen. Enzensberger hat die für anspruchsvolle Gedichtbände in Frage kommende Menge, glaube ich, auf ca 2000 Leute geschätzt. Wir haben einen Schneeball in Bewegung gesetzt, mal sehen, wohin er rollt und welche Größe er erreicht.
TUSCHICK: Allein das Engagement eines einzigen Autors (Traian Suttles) führt Ploog in Gefilde, in denen er sonst niemals wahrgenommen worden wäre. Da entsteht schon fast eine Gegenfigur zu überkommenen Rezeptionsbegriffen. Die Begeisterung eines einzelnen dynamisiert editorische Prozesse. Ein Leser verschiebt den Kontext. Das ist in jedem Fall auch dezentrale Kanonproduktion. Es entstehen neue Umschlagplätze. Vorher hattest du nur Edition, sprich Lese- und Deutungsangebote vs. Publikum, jetzt kreuzt wenigstens eine externe Vermittlerinstanz mit hoher Intensität auf. Der zufällige Multiplikator setzt seine Unbefangenheit aka Authentizität als Kapital ein. Das ist extrem zeitdiagnostisch. Nicht Professionalität zählt, sondern glaubwürdige Begeisterung. Dazu passt die Schneeball-Metapher -„Wir haben einen Schneeball in Bewegung gesetzt“. Das ist fast ein Gegenmodell zur klassischen Kanonlogik. Plötzlich erscheint das Nachlassgeschehen nicht mehr als zentral gesteuerter Prozess. Emergenz ist das Zauberwort.
Ein Kanon entsteht nicht nur durch Setzung oder Legitimation, sondern durch zirkulierende Begeisterung, die sich an einzelnen Akteuren entzündet und unvorhersehbare Anschlussbewegungen erzeugt.
Wenn einzelne begeisterte Leser oder Autoren einen Autor in völlig neue Kontexte tragen können – relativiert das nicht die Bedeutung der editorischen Setzung? Entsteht der Kanon am Ende vielleicht aus solchen affektiven Kettenreaktionen? Allein unser Gespräch wirkt doch schon diskursiv.
RÜGER: Natürlich reicht eine einzige Person. Oder anders: wenigstens einer muß aktiv werden, sonst kann nichts beginnen. Das hier geführte Gespräch wäre ohne Dich doch auch gar nicht zustande gekommen. Ich mußte aber, seit wir uns hier austauschen, immer wieder an den wunderbaren Günter Ohnemus denken. Dieser großartige Autor, Kritiker und Übersetzer war von der amerikanischen Hippie-Ikone Richard Brautigan so begeistert, daß er ihn im Alleingang kongenial übersetzt und anfangs sogar im extra dafür gegründeten Verlag publiziert hat. Eine Glanzleistung, die man nur in höchsten Tönen rühmen kann. Und wo hat diese Einmann-Heldentat hingeführt: Eichborn hat eine Werkausgabe gemacht und Rowohlt diese im Taschenbuch nachgedruckt. Ohne Ohnemus wäre Brautigan in Deutschland vermutlich über zwei Bücher bei Hanser Anfang der Siebziger nicht hinausgekommen. Danach gab es über die Jahre bei diversen Verlagen Wiederauflagen einzelner vergriffener Titel. Heute gehört Brautigan ganz selbstverständlich auch in Deutschland zum Beatnik-Kanon. Der kleine Ohnemus-Schneeball ist – zumindest was die Brautigan-Reputation und -Rezeption in Deutschland angeht – zur großen Lawine geworden.
Das Internet ist ein offener Raum, da kann jeder absondern, was er will. Bringt in der Regel aber nicht sehr viel, weil Du in diesem gigantisch Müllhaufen nicht sichtbar wirst. Wenn Du mit etwas hausieren gehst, was nicht massenkompatibel ist, wird’s eben schwer. Selbst die Feuilletons der großen Printmedien oder die Kultursendungen im Öffentlich-Rechtlichen TV beschäftigen sich heute lieber mit Klatschgeschichten, als daß sie bereit wären, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Die Avantgarde kam schon immer von unten. Es braucht einen langen Atem. Und eine Portion Glück wäre auch nicht verkehrt.
*
„Language is a virus from outer space.” WSB
Ploogs literarische Praxis lässt sich kaum in konventionellen Vorstellungen von Autorschaft fassen. Während nach den Spielregeln des klassischen Kanons der Autor als klar identifizierbares Subjekt auftritt, das ein Werk intentional formt, bewegte sich Ploog in einem Feld, das diese Zuschreibung systematisch unterlief. Seine frühen Weggefährten und Idole – Carl Weissner, William S. Burroughs und Brion Gysin – teilten ein grundlegendes Misstrauen gegenüber linearer Erzählweise und individueller Urheberschaft. Als Burroughs in den 1960er Jahren behauptete, Sprache sei ein Virus, war das keine rhetorische Übertreibung, sondern ein metaphysischer Angriff auf das westliche Konzept von Subjekt und Kommunikation. Sprache, so seine These, ist keine natürliche Erweiterung des Menschen, sondern ein implantiertes Kontrollsystem – ein symbiotischer Parasit, der sich über Jahrtausende in die neuronale Architektur der Menschheit eingenistet hat.
Was, wenn Sprache ein Virus wäre? Dann müssten wir Kommunikation neu denken – nicht als souveräne Mitteilung, sondern als biosemiotischen Ausnahmezustand. Jeder Satz wäre eine potenzielle Mutation, jedes Gespräch eine Durchseuchung. Bildung wäre Immuntraining, Poesie Impfung, Werbung gezielte Infektion. Propaganda wäre Biowaffeneinsatz. Und der Dichter – ein Gentechniker der Memetik.
In Burroughs’ dystopischer Utopie gibt es kein „Ich” im überkommenen Sinn. Der sprechende Mensch ist nur der Wirt, das Medium. Die Kontrolle liegt bei der Sprache selbst. Cut-up war eine Antivirus-Technik, die als Ästhetik missverstanden wurde. Was zunächst wie ein radikaler Bruch mit traditionellen Schreibweisen erschien, erwies sich zugleich als Einladung zur Kollaboration. Eine Praxis etablierte sich, in der Schreiben als offener, kollektiver und medial durchlässiger Prozess verstanden wurde. Betrachtet man das als eine Aufforderung zum Tanz, muss man doch sagen, dass Ploog am liebsten allein tanzte. Oder übersehe ich da was?
RÜGER: Ich möchte da noch weiter zurückgehen, praktisch an den Anfang der Autorwerdung. Wenn man anfängt zu schreiben, ist man auch auf der Suche nach Austausch. In der Regel sucht man sich Gleichgesinnte oder zumindest Leute, die sich auf einem ähnlichen intellektuellen Niveau bewegen. Ploog hat sich in den fünfziger Jahren in GI-Kreisen rumgetrieben, dort hat er junge Menschen gefunden, mit denen er sich über Jazz, über Hemingway und Joyce unterhalten konnte. Außer seinem jüngeren Bruder Arno gab es unter den jungen Deutschen nicht viele, die sich da als kompetente Gesprächspartner anboten. Was ich am Werdegang von Ploog äußerst faszinierend finde, ist, mit wie vielen Leuten er anfangs intensiv zu tun hatte, die später alle im etablierten Betrieb Karriere gemacht haben. Einer von nur vier Gefährten, die er gelten ließ, war Ende der Fünfziger Walter Hinderer, der später eine große Nummer in Princeton wurde. Hinderers Vorlaß liegt in Marbach und darin befindet sich offensichtlich auch Material von Ploog (Briefe, Prosa). Vermutlich frühe Romanversuche, die ich bisher in Ploogs Nachlaß vergeblich gesucht habe. Einen Nachlaß betreuen ist also auch eine Art Trüffelsuche.
Ein anderer enger Weggefährte in den frühen Sechzigern war Jürgen Manthey, anfangs Redakteur bei Konkret, dann beim HR und schließlich Lektor bei Rowohlt, wo er u.a. Brinkmann betreute. Es war die Zeit, wo sich die Frankfurter Avantgarde im Club Voltaire traf. Ploog und Manthey haben dort Lesungen von u.a. Peter Weiss, Christa Wolf und Anna Seghers erlebt. Anschließend haben sie darüber intensiv diskutiert. Ploog war da noch nicht der lonesome wolf. Er selbst war noch auf der Suche, hat gierig aufgesogen, was andere machten, und wollte sich mit den gleichaltrigen Kreativen austauschen.
1963 kam dann Naked Lunch, und mit der Lektüre dieses Buches fand Ploog den endgültigen Weg für sein eigenes Schreiben. Ab Mitte der Sechziger wurde dann Gestalt, was Du in Deiner Frage skizziert hast. Im Herbst 1967 las Ploog wohl die ersten Male Cut-up-Texte vor Publikum und wurde lauthals beschimpft und als „faschistisch“ abgekanzelt. Manthey, auf den Ploog große Hoffnungen gesetzt hatte, daß er ihn irgendwo unterbringen könnte, nutzte diese Gelegenheit, um Ploog dessen Manuskripte zurückzugeben. Das Ende einer Freundschaft und der Anfang des Frankfurter Undergrounds mit UFO, Gasolin 23, Cola-Hinterland, Aqualunge, Tophane und was sonst noch alles kam.
Bemerkenswert auch Ploogs Kontakt zu Peter Roehr, dem früh vollendeten Avantgardisten der seriellen Kunst. Roehr war eigentlich fest eingeplant in die diversen kommenden Zeitschriftenprojekte, verstarb dann allerdings 1968 23jährig an Krebs.
Zwei sehr frühe, ausdrucksstarke Fotoporträts von Ploog stammen von Abisag Tüllmann und Inge Werth, die heute zu den herausragenden deutschen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gehören. Wenn man das alles retrospektiv wahrnimmt, dann muß Frankfurt damals ein unglaublicher Schmelztiegel gewesen sein. Und Ploog scheinbar mittendrin. Also noch ganz weit weg vom Alleintänzer.
Hier gäbe es noch eine Menge aufzuarbeiten. Ein riesiger, unbestellter Acker für die Literaturwissenschaft mit der alles überragenden Frage: Warum führte Ploogs Weg immer weiter ins Abseits und der der anderen Richtung Anerkennung? Kann es mit der Poetologie zusammenhängen, die Du in Deiner Frage umrissen hast?
TUSCHICK: Im letzten Jahrtausend habe ich die Geschichte des Club Voltaire für die Frankfurter Rundschau recherchiert. Das war eine Staubfresserei. Jede Veranstaltung und ihre Begleitumstände waren in einem Archiv dokumentiert. Deshalb weiß ich, dass Christa Wolf im Hotel Schwips untergebracht war und dass das Ehepaar Wolf auf getrennte Zimmer bestanden hat. Zu deiner Frage – Ich stelle mir Ploog gerade als Zuhörer mit hochgespannten Avantgardeerwartungen vor. War er nicht von Anfang an fehl am Platz? Nicht im Sinne sozialer Unbeholfenheit oder freiwilliger Isolation oder in der Konsequenz einer idiosynkratischen Abwehr, sondern als jemand, der den Spielregeln des literarischen Auftritts nicht vertraut und ihnen wohl auch nichts zutraut. Während andere sich in einem Gewebe aus Anschlussfähigkeitskomponenten bewegen, wirkt Ploog wie jemand, der vor seinem Debüt bereits auf Distanz zum Kulturbetrieb geht.
Im Gegensatz zu jenen Autoren, die sich über Vermittlung stabilisieren – über Verlage, Redaktionen, diskursive Einbindung –, scheint Ploog früh in eine Form der Selbst-Ex-Territorialisierung zu geraten. Die Nähe zu den intellektuellen Milieus seiner Keimzeit ist noch da, aber sie kippt bereits in eine Praxis, die sich nicht mehr auf Integration hin organisiert, sondern auf Störung.
Die Spuren anderer Akteure lassen sich zu Karrieren, Werkbiografien oder Institutionen verdichten, bei Ploog erschöpft sich das in den Vorzeichnungen.
Die Frage, warum Weggefährten von Ploog im literarischen Establishment ankamen, während er selbst mit einer Zirkel-Prominenz vorliebnehmen musste, führt wahrscheinlich nicht nur ins Zentrum einer genretypischen Spannung: zwischen Integration und Radikalität, Vermittlung und Verweigerung. Ich glaube, Ploog wollte von der literarischen Welt als Prinz begrüßt werden.
Zunächst bewegte er sich in denselben intellektuellen Räumen wie andere, die später Karriere machten. Er diskutierte, las, hörte zu, sog auf. Carl Weissner, Rolf Dieter Brinkmann und Jörg Fauser teilten ähnliche Interessen: amerikanische Literatur, Popkultur, neue Formen des Schreibens. Die Ausgangsbedingungen waren vergleichbar. Doch nur Ploog entwickelte eine Praxis, die sich einer Übersetzung in Marktmuster entzog.
Auch andere experimentierten, auch sie waren beeinflusst von William S. Burroughs und Brion Gysin. Doch viele behandelten diese Einflüsse als Material, das sich in eine eigene, vermittelbare Form überführen ließ. Ploog hingegen nahm die Implikationen viel ernster. Konnte eine Literatur, die sich selbst als Virus begreift, überhaupt noch im System der literarischen Anerkennung ankommen – oder musste sie zwangsläufig da bleiben, wo sie nicht begrüßt wird?
RÜGER: Ich gebe Dir Recht: Ploog war immer radikaler und konsequenter als die anderen. Auf der anderen Seite hat er darunter gelitten, aus dem Inner Circle nicht herauszukommen. Er wäre halt doch gerne mehr gewesen als der Godfather of Underground. Schon in meinen persönlichen Gesprächen mit ihm habe ich seinen Frust herausgehört. Im Tagebuch ist mir diese Enttäuschung dann gehäuft begegnet. Nach Erscheinen jedes seiner Bücher der gleiche Eintrag: keinerlei Resonanz in den Medien, absolut mickrige Verkaufszahlen. Ploog war ein manischer Schreiber, er mußte schreiben, deshalb haben wir jetzt ja diesen gigantischen Nachlaß. Aber er hatte immer auch die Erwartung, daß seine Texte wahrgenommen werden, daß sie im besten Fall Wirkung zeigen. Bei seinen Überlegungen, was mit seiner Hinterlassenschaft passieren soll, schwankt er im Tagebuch, je nach Gemütszustand, zwischen „Alles vernichten.“ und „Hoffentlich landet mein Nachlaß in guten Händen.“ Zu Lebzeiten hatte er schon Kontakt mit dem Literaturarchiv in Marbach aufgenommen. Er wollte, daß sein Nachlaß der Wissenschaft zugänglich gemacht wird, daß das bisher Unpublizierte das Licht der Öffentlichkeit erblickt.
Für mich stellt sich jetzt die Frage: bleiben wir im Inner Circle oder werden wir museal. Wondratschek tendiert wie Du zum Verbleiben außerhalb der Marktmuster. David und ich wollen eine Kanonisierung versuchen. Ploog ist so wichtig, daß er mehr als eine Fußnote in der deutschen Literaturgeschichte sein sollte. Ich habe gerade ein paar Briefe gefunden, die er an Wolf Pehlke geschrieben hat. In einem schreibt er über seinen Verleger Pit Engstler: „Ehrlich gesagt, ich ziehe agile Schlawiner als Verleger einem aufrechten Mann wie Pit vor. Der glaubt zu sehr an das, was er macht & sieht deshalb keinen Grund, viel zu unternehmen, um die Sachen an den Mann zu bringen. Natürlich weiss ich, dass er nichts oder wenig machen kann. Trotzdem muss er’s versuchen.“
TUSCHICK: Wenn Sprache tatsächlich ein Kontrollsystem ist – kann Literatur überhaupt noch Befreiung leisten, oder reproduziert sie nur subtilere Formen der Kontrolle? Ist Cut-up ein Akt der Emanzipation – oder nur eine andere Spielart desselben Systems, das es zu unterlaufen versucht?
War Ploogs zunehmende Isolation die konsequente Folge seiner radikalen Poetologie – oder ihr Scheitern?
Hat Ploog die Logik des „Sprachvirus“ ernster genommen als seine Zeitgenossen – und sich damit selbst aus dem literarischen Betrieb herausgeschrieben?
Warum wurden Weggefährten Teil des literarischen Establishments, während Ploog im Underground blieb?
Welche Rolle spielen Institutionen, Netzwerke und Vermittler dafür, ob Avantgarde sichtbar wird oder verschwindet?
Braucht radikale Literatur notwendig ein Publikum – oder ist ihr eigentlicher Ort das Abseits?
Ist der Premiumsolist Ploog am Ende freier gewesen als die Erfolgreichen?
Was kostet es, die Sprache wirklich ernst zu nehmen?
Wer so schreibt wie Ploog, stellt sich nicht nur gegen traditionelle Erzählformen, sondern auch gegen die Erwartungen eines Marktes, der auf Wiedererkennbarkeit, Signatur und diskursive Einordnung angewiesen ist. Ploogs Texte sind schwer zu domestizieren. Sie entziehen sich der linearen Lektüre, unterlaufen Sinnstiftung und verweigern oft jene Kohärenz, die nötig wäre, um sie in Rezensionen, Programme oder Lehrpläne zu integrieren.
Andere fanden Strategien der Balance. Rolf Dieter Brinkmann verband radikale Wahrnehmung mit einer subjektiven Dringlichkeit, die anschlussfähig blieb. Jörg Fauser integrierte Einflüsse der Underground-Literatur in erzählerische Formen, die ein großes Publikum nicht überforderten. Carl Weissner agierte als Vermittler. Er baute Brücken, übersetzte nicht nur amerikanische Literatur, sondern auch kulturelle Kontexte.
Ploog brach Brücken ab. Das hatte nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Folgen. Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum; sie ist eingebettet in Netzwerke, Institutionen, Förderstrukturen. Wer sich diesen entzieht oder sie nicht bedient, verliert Sichtbarkeit. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Differenz zu seinen Weggefährten. Sie bewegten sich zwischen den Systemen, nutzten das Spiel mit der Form, ohne die Spielregeln vollständig aufzukündigen. Ploog hingegen stellte das Spiel selbst infrage. Wer aber die Regeln nicht nur bricht, sondern negiert, kann schwerlich erwarten, im selben Feld als Spieler anerkannt zu werden.
Mich beschäftigt gerade die eigentümliche Schwebe seines Nachlasses zwischen Vernichtungsphantasie und Archivierungswunsch. „Alles vernichten“ oder „in gute Hände geben“ – das ist mehr als eine Caprice. Es ist die Frage, ob ein Schreiben, das sich der Gegenwart entzieht, auf eine Zukunft hoffen darf. Ist Ploog am literarischen Betrieb gescheitert – oder daran, dass er von ihm etwas erwartete, was seine eigene Poetologie unmöglich machte?
RÜGER: Alles an Ploog widersprach dem Literaturbetrieb: sein Alltag, seine Mentalität, seine Überzeugungen. Da er finanziell abgesichert war, konnte er sich eine radikale Kompromißlosigkeit leisten. Er hat keine Zugeständnisse gemacht und gefiel sich selbstverständlich in dieser Rolle. Schon die Auswahl seiner Komplizen war elitär. Von daher gehe ich mit Dir konform, daß es ein Stück weit auch naiv von ihm war zu glauben, mit dieser Haltung irgendeinen Blumentopf gewinnen zu können.
Sechs Jahre nach seinem Tod sind wir allerdings in einer vollkommen anderen Ausgangsposition. Die Literaturwissenschaft könnte sich jetzt unvoreingenommen mit seinen Texten und Theorien auseinandersetzen und eine Verortung seines Werks vornehmen.
Ploog war in vielem seiner Zeit weit voraus. Fast prophetisch hat er vorhergesehen, was die Welt heute umtreibt. Wie Du sagst: Sprache als Unterdrückungsinstrument, KI als Informationsquelle, Autokraten als Heilsbringer und und und.
Ich war gerade wieder in seinem Arbeitszimmer und habe mir mal die Stapel mit seinen Belegexemplaren angesehen. Seit den frühen Sechzigern ist er praktisch in allen relevanten Alternativmagazinen vertreten. Auf seiner von Walter Hartmann betreuten Webseite www.ploog.com steht die umfangreichste Bibliographie von ihm. Die werden wir nach meiner aktuellen Ausbeute um ca 30 Publikationen erweitern müssen.
Ploog hat sich über seine Webseite immer gefreut, auch die Klickzahlen im Blick behalten, aber selbst wenig dazu beigetragen, sie auf Vollständigkeit zu trimmen. Leute, die im Betrieb reüssieren, würden darauf penibel achten; mit allem angeben, was sie vorzuweisen haben. Ploog ging das vollkommen ab. Im Selbstvermarkten war er ganz schwach. Auch das sicher ein Grund für sein Nichtbeachtetwerden.
TUSCHICK: Du sagst das eher nebenbei, aber ich glaube, darin steckt der entscheidende Punkt: Ploog konnte sich seine Kompromisslosigkeit leisten. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wirkt das wie eine biografische Randbemerkung – vielmehr wie ein Schlüssel zu seinem Projekt. Es geht nicht allein darum, was er wollte oder wie radikal seine Poetologie war. Sondern darum, unter welchen Bedingungen diese Radikalität möglich wurde. Die Figur des kompromisslosen Avantgardisten lebt davon, dass sie notwendig erscheint. Die Notwendigkeit maskiert Exklusivität. Einerseits. Andererseits sagst Du selbst, dass Ploog unter der ausbleibenden Resonanz gelitten hat. Dass jede Veröffentlichung von Enttäuschung flankiert wurde. Und da sind wir endlich beim Geld angekommen. Wenn man nicht gezwungen ist, vom Schreiben zu leben, kann man es sich leisten, diese Spannung nicht aufzulösen. Man muss keine Brücken bauen, keine Anschlussfähigkeit herstellen, keine Kompromisse eingehen. Man kann Radikalität absolut setzen. Aber ist diese Absolutheit dann noch eine ästhetische Kategorie?
Mich interessiert, ob man Ploogs Außenseiterposition auch so lesen kann: als eine Form von Luxus, die es erlaubt hat, die eigenen Prämissen bis zum Ende durchzuspielen – einschließlich der Konsequenz, sich aus dem System herauszuschreiben. Vielleicht liegt genau darin die Doppelbewegung, die du beschreibst: totale Ablehnung des Betriebs bei gleichzeitiger Erwartung, von ihm wahrgenommen zu werden. Das wirkt auf mich weniger wie Naivität als wie eine strukturelle Unmöglichkeit.
Würdest du sagen, dass Ploog diesen Widerspruch selbst erkannt hat?
RÜGER: Natürlich war er sich seiner privilegierten Stellung bewußt. Im kreativen Bereich war er nur umgeben von Leuten, die sich am Existenzminimum entlang hangelten. Es ist ja bis heute so, daß man in den allerwenigsten Fällen mit einem Honorar rechnen kann. Von der Kunst gut zu leben, das ist nur ein paar happy few vergönnt. Im beruflichen Alltag war er von Piloten umgeben, für die Geld keine Rolle spielte. Diesen Zwiespalt mußte er aushalten.
Worüber er sich lebenslang ärgerte, war, daß man ihn in der Szene als Piloten behandelte. Wenn es irgendwo etwas zu verteilen gab, war selbstverständlich, daß er nichts abbekommen würde. „Der ist doch Pilot, der braucht das Geld sowieso nicht.“ Für ihn war das aber gleichbedeutend mit der Abqualifizierung seiner kreativen Leistung. Schreiben war für ihn Arbeit, und Arbeit sollte wie auch immer bezahlt werden. In unserem letzten persönlichen Gespräch hat er mir stolz erzählt, daß Diogenes ihm für ein Nachwort in einem Fauser-Band ein anständiges Honorar gezahlt hat. Für ihn war es erwähnenswert, weil es so außergewöhnlich war in seinem Leben, gleichzeitig war es die ersehnte Anerkennung seiner Arbeit. Wer bezahlt wird, der wird auch ernst genommen. Unbezahlte Arbeit ist wie ein Hobby, Freizeitbeschäftigung für Amateure. Ploog verstand sich aber als Profi und wollte auch so behandelt werden. Natürlich war er nicht auf läppische 10 Euro angewiesen, aber wenn die anderen 10 Euro bekamen, wollte er auch 10 Euro.
Von dem, was er geschrieben hat, hätte er nie leben können, geschweige denn eine Familie ernähren. Da machte er sich keinerlei Illusionen. Avantgarde bringt kein Geld. Daß er mit seinem Schreiben mehr Unverständnis als Anerkennung ernten würde, hat er permanent erlebt. Wie realistisch sein Blick dafür war und wie er damit umgegangen ist, mag eine Stelle aus einem Brief vom November 2008 an Thomas Collmer verdeutlichen: „Schreiben als Widerstandsakt & zwar ohne jede soziologische Romantik, sondern als dekonditionelle Selbstbehauptung, die sich vor allem sprachlich-ästhetisch vollzieht & sich damit auch dem Zwang zur Verwertung entzieht. Dadurch erhält Ablehnung (früher Verweigerung) massstäbliche Qualität. Das ist der Preis, der hingenommen werden muss. (Der damit verbundenen ‚Dialektik‘ bin ich mir bewusst, denn letztendlich geht es auch immer darum, die erfahrene Ablehnung zu überwinden.)“
„Worte infiltrieren. Sie geben sich als Gedächtnis aus. Sie erzeugen, was erinnert wird. Sie sind der Kode.“ Jürgen Ploog
TUSCHICK: Deine Schilderung verschiebt den Blick noch einmal entscheidend. Was zunächst wie ein Privileg aussah, die materielle Unabhängigkeit, erweist sich zugleich als Mechanismus der Entwertung. Ploog konnte sich seine Radikalität leisten, ja. Aber genau diese Unabhängigkeit führte dazu, dass man ihn nicht als jemanden behandelte, der für seine Arbeit bezahlt werden muss. Du beschreibst einen Zwiespalt, der die Sache auf eine interessante Weise noch komplizierter macht. Einerseits eine finanzielle Freiheit, die Standpunktfestigkeit bis zur Exzentrik gestattete, und die sich kaum jemand leisten konnte, der im Kulturbetrieb präsent war. Gleichzeitig resultierte daraus eine Abwertung seiner literarischen Produktion. Man schmälerte ihn als Pilot mit Ambitionen. Ich erinnere noch gut, wie ein namhafter Kulturakteur einigermaßen erbittert feststellte, Ploog könne den ganzen deutschen Underground aus seiner Portokasse bezahlen. Das lief auf eine Verwechslung hinaus, in der Ploog als Mäzen versagte, weil er die Hungerschreiber nicht alimentierte. So hat er sich natürlich nie gesehen. Ich vermute, er fahndete nach dem deutschen Burroughs auf der Suche nach sich selbst und er war indigniert, dass Reich-Ranicki und Schirrmacher ihm das Interesse versagten. Die finanziellen Spielräume haben ihn nicht einfach frei, sondern eher unsichtbar gemacht. Was mich daran interessiert, ist eine Verschiebung: Ploog wollte als Schriftsteller auch im ökonomischen Sinn anerkannt werden, weil er wusste, dass das der Maßstab für alles ist. Bezahlung ist der Elchtest der Realität. Wer bezahlt wird, zählt. Gleichzeitig formulierte Ploog in dem zuletzt in Rede stehenden Brief, dass sein Schreiben sich dem „Zwang zur Verwertung“ entziehen soll. Ist das Dialektik? Ploog wusste, dass seine Poetologie ihn aus den Verwertungszusammenhängen herausdrängte, und hielt doch an dem Wunsch fest, an dieser Stelle (der Kasse) ernst genommen zu werden. Das lässt mich daran denken, dass der HR eine eigene Auszahlungsstelle hatte. Für Autoren ohne Konto. Das gab es noch in den 1980er Jahren. Peter Kurzeck war ein Kandidat für diese beinah amtliche Fürsorglichkeit. Wie weit weg war das von dem Big Spender Ploog.
RÜGER: Ich kann nur berichten, was ich selbst erlebt habe, oder aus seinen Schriften zitieren. Alles andere ist Interpretation. Nach all dem, was ich gelesen habe, mußte Ploog schreiben. Das hatte Vorrang. Er schrieb nicht, weil er damit Geld verdienen oder Renommee gewinnen wollte, er suchte Erkenntnisgewinn. Ich kann es nur platt formulieren: Sprache war für ihn Mittel, um im Unterbewußtsein Schlummerndes ins Bewußtsein zu holen. Ich könnte seitenlang aus dem Briefwechsel mit Thomas Collmer zitieren, aus Platzgründen ist das hier nicht möglich, nur so viel, es geht um Ploogs Buch „Simulatives Schreiben“: „Gleich am Anfang nimmst Du an, dass ich philosophisch ernst genommen werden will, & ich übersetze Philosophie mit ‚Weltanschauung‘. Ich habe allerdings nicht vor, eine zu liefern, auch wenn mein Blick einiges meiner Sicht auf ‚die‘ Welt enthüllt. Ich mache das, um eine Perspektive für meine schriftstellerische Arbeitsweise zu geben, denn im Gegensatz zu manchen Literaturproduzenten, versuche ich zu sondieren, was Schreiben heute kann & was nicht. Ich stelle die hergebrachte Erzählhaltung in Frage. … Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir (Du & ich) uns auf einer Ebene von near misses bewegen, dass meine Arbeits- & auch Denkweise anarchisch bestimmt ist. ‚Anarchisch‘ auch im Sinn: auf die Tat gerichtet. Nicht die Tat der Gewalt oder des Bombenlegens, sondern die der tätlichen Bewältigung, die auf Bewusstsein zielt & physisch auf den Körper bezogen, der auch denkt & wahrnimmt & reagiert. Denn es gibt auch eine Kunst der Tat.“ (29.9.2008)
Ich bin nicht so vermessen, Ploog und Kafka auf eine Stufe zu stellen. Aber auch Kafka war Angestellter und hat „nebenher“ geschrieben oder Gottfried Benn, den Ploog ein Leben lang studierte. Um was es für alle ernstzunehmenden Künstler vorrangig geht, ist der kreative Output. „Leben & Kunst lassen sich nicht trennen, keine Frage. Aber um die materiellen Verhältnisse hat sich wohl Kafka kaum gekümmert. Wer sie zum Gegenstand nimmt, wird leicht von ihnen beherrscht.“
Vielleicht ist es eine leicht narzisstische Anwandlung, wenn man als Künstler dann noch auf Wahrnehmung durch die Kritik oder Entlohnung bei Abdruck hofft. Ploog hat sich nach einem rezeptiven Korrektiv gesehnt („Externe Reaktionen sind immer hilfreich, um sich nicht zu sehr in der eigenen Vorstellung einzurichten.“), ob das nun Reich-Ranicki oder Schirrmacher gewesen wäre, ist eigentlich unerheblich. Voraussetzung hätte sein müssen, daß das Gegenüber verstanden hätte, um was es Ploog ging. Und genau das scheint mir das eigentliche Problem zu sein. Brinkmann hat sich aus dem Literaturbetrieb herauskatapultiert, weil er die seiner Meinung nach inkompetente Literaturkritik buchstäblich ins Visier nahm mit seinem legendären Spruch: Wenn das hier ein Gewehr wäre, würde ich sie damit umlegen.
TUSCHIK: Ich folge deiner Darstellung. Für Ploog ging es weniger um fehlende Öffentlichkeit und ausbleibende Anerkennung; vielmehr diskutieren wir gerade ein retrospektives Resonanzdefizit. Sehr richtig weist du darauf hin, dass die Abwesenheit eines potenten Gegenübers Ploogs verspätetem Existenzialismus eine tragische Note gab. Ich bin als Zeitzeuge an Bord. Wie oft habe ich Ploog in seinem Kinomantel à la film noir mit weltmännischem Gestus auf einem Schauplatz der Frankfurter Kultur beobachtet, ohne dass mir seine visionäre Reichweite klargewesen wäre. Alle anderen passten als Schriftsteller in den akademischen Rezeptionsrahmen, bei Ploog dachte man an eine antike Avantgarde. Cut-up schien nicht anschlussfähig. Eine andere ungerechte Zuschreibung war Burroughs-Epigone. Ploog fehlte eine antwortfähige Umgebung. Du beschreibst, wie intensiv Ploog in seinen frühen Jahren in Austauschzusammenhänge eingebunden war – Diskussionen, kollektive Lektüren, intellektuelle Nähe zu Leuten, die später ihre kleinen Karrieren von der Feuilletonrelevanz bis zum Vergessen-sein nach Schema F absolvierten.
Wenn Schreiben für Ploog eine Form von Erkenntnisarbeit war – ein Sondieren dessen, „was Schreiben heute kann und was nicht“ –, dann wäre er auf ein Gegenüber angewiesen gewesen, das diesen Prozess auf Augenhöhe begleitet. Nicht zwangsläufig im Geist der Zustimmung. Auch als eine Art Widerlager. Hatte Ploog wenigstens am Anfang jemanden, der mit im Zug seiner ästhetischen Radikalisierung saß?
Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist es eigentlich unglaublich, wie viele gute Leute ein Leben lang vom Literaturbetrieb ignoriert werden. Vom Tod Collmers hat zum Beispiel niemand etwas mitgekriegt. Wikipedia weigerte sich über ein Jahr lang, seinen Tod zu vermelden, weil es keine offizielle Todesnachricht gab. Ni Gudix mußte erst auf Textor online einen Nachruf schreiben, damit Wikipedia bereit war, sein Sterbedatum öffentlich zu machen.
TUSCHICK: Jene Zirkelprominenz, die Ploog zu Lebzeiten einhegte, limitierte auch das Werk. Es kam nicht zur Welt, solange sein Urheber nicht mehr herauszuschlagen vermochte. Andere haben in der relevanten Spanne in namhaften Verlagen veröffentlicht, ohne sich in die Epoche einzuschreiben. Sie sind vergessen, während Ploog gerade als Legende an den Start geht.
Da Ploogs Prosa in einem so kleinen Resonanzraum entstanden ist – welches Schicksal widerfährt ihr, sobald du sie edierst und sichtbar machst? Verändern sich die Wasserzeichen und klandestinen Signaturen? Verändert sich die Struktur in deinem Fokus? Verlieren die Texte etwas von ihrer konspirativen Energie; oder entsteht jetzt erst eine Verbindung, die sie aufatmen lässt und ihren heimlichen Goldgehalt offenbart?
RÜGER: Seit gut zwei Jahren beschäftige ich mich jetzt intensiv mit Ploog, und seit zwei Jahren frage ich mich, warum habe ich das nicht schon früher gemacht. Von 1995 bis zu seinem Tod war ich mit anderem beschäftigt, mein vorhergehendes Leben war für mich ein abgeschlossenes Kapitel. In meinen Anfängen als Antiquar war die Subkultur noch eines meiner Spezialthemen. Nach dem Mauerfall gab es eine große Nachfrage aus dem Osten nach Undergroundliteratur. Das verlor sich aber auch mit der Zeit. Viele Jahre spielte die alternative Szene keine Rolle mehr in meinem Alltag. Jürgen war als Freund in meinem Kopf, aber ich habe seine Publikationen nicht mehr im Blick gehabt. Fünfundzwanzig Jahre seines Schaffens sind also mehr oder weniger spurlos an mir vorbeigegangen. Wir haben uns hin und wieder gesehen und gesprochen, aber nicht über seine Bücher. Das kreide ich mir heute als großen Fehler an. Ich hätte seine Bücher lesen müssen, ich hätte zu Lebzeiten mit ihm darüber diskutieren müssen. Jetzt, wo ich alle seine Bücher gelesen habe, wo alles offen vor mir liegt, wo ich fast jeden Tag neue Entdeckungen mache, wird er für mich immer größer und singulärer.
Obwohl ich, wie bereits erwähnt, nur einen kleinen Teil seines Nachlasses überblicken kann, bin ich ihm ganz nah. Je mehr ich von ihm lese, umso verblüffter bin ich, daß er über diese doch überschaubare Alternativszene nicht hinausgekommen ist. Es gab schließlich eine Reihe von experimentellen Autoren seiner Generation, sei es nun Franz Mon oder Ror Wolf oder Eugen Gomringer oder H.C. Artmann, die ein anderes Level der Wahrnehmung erreicht und heute ihren selbstverständlichen Platz in der Literaturgeschichte haben. Im Moment bin ich der Einzige, der eine Art Gesamtüberblick über das Ploogsche Werk hat. Das mag mein Urteil erleichtern und meinen Glauben bestärken, daß, wenn die Breite seines Oeuvres der Öffentlichkeit erst einmal bekannt und zugänglich ist, diese zum gleichen Ergebnis kommen muß wie ich. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß sich Qualität und Originalität auf Dauer nicht durchsetzen.
Diese tragische Verzögerung – dass ein so großer Teil von Ploogs Werks selbst für jemanden wie dich lange Zeit nicht präsent war – bestätigt die Richtung, der unser Gespräch seit einer Weile folgt – wie leicht dieses Schreiben aus dem gesellschaftlichen Blick geraten konnte, selbst in unmittelbarer Nähe. Du sprichst von Größe, von Singularität, von der Überzeugung, dass sich Qualität und Originalität am Ende durchsetzen werden, sobald das Werk in seiner ganzen Breite sichtbar ist.
TUSCHICK: Ich frage mich und Dich, ob sich an dieser Stelle noch einmal ein Spannungsfeld vermessen lässt. Denn das würde ja bedeuten, dass man den ursprünglich sehr engen Resonanzraum gewissermaßen nachträglich erweitern kann – dass aus einer fast abgeschlossenen Zirkulation irgendwann doch eine breitere Öffentlichkeit wird, die Dir in Deinem Urteil folgt.
Aber ist das tatsächlich so übertragbar?
Setzt diese Hoffnung nicht voraus, dass das Problem bei Ploog vor allem ein Mangel an Sichtbarkeit war – während wir zuvor darüber gesprochen haben, dass es vielleicht auch ein Mangel an Anschlussfähigkeit gewesen ist? Glaubst du, dass sich dieser spezifische Resonanzraum, in dem Ploogs Texte ursprünglich funktioniert haben, tatsächlich so weit aufreißen lässt, dass die Marktmechanismen greifen? Oder ist das, was du jetzt leistest, vielmehr eine Verschiebung als eine Erweiterung?
RÜGER: Mehr als machen und probieren kann ich nicht. Als „Ploog West End“ erschienen ist, habe ich mir überlegt, wem ich ein Besprechungsexemplar schicken kann. Von einem etablierten Lyriker und Literaturwissenschaftler, seinen Namen will ich an dieser Stelle nicht nennen, hatte ich gerade einen sehr kompetenten Essay über Brinkmann gelesen. Er schien mir ein geeigneter Rezensent zu sein. Also schrieb ich ihn an und fragte, ob ich ihm ein Buch schicken dürfe. Er antwortete postwendend: „… vielen Dank auf den Hinweis, ich muss gestehen, dass ich mit Jürgen Ploog wenig anfangen kann. Ich habe ihn mal live Ende der Neunziger in Erfurt erlebt und fand ihn eher befremdend, mir scheint er aus dem Burroughs-Epigonentum (auch in der Selbststilisierung) nie herausgekommen zu sein“.
Das ist nach wie vor die vorherrschende Meinung über Ploog. Er war einfach ein miserabler Selbstvermarkter. („Ich bin absolut unfähig, mein eigenes Zeug zu vermarkten. Schon die Frage: Was schreibst du gerade, bringt mich aus der Fassung.“ Tagebucheintrag vom 11.7.2002) Und die Attitüden, die er teilweise an den Tag gelegt hat, haben es nicht besser gemacht. An der Beseitigung dieses Vorurteils arbeite ich hauptsächlich. Deswegen, ich muß mich leider wiederholen: jetzt geht es nur noch ums Werk. Was ich schaffen muß, ist, Kritiker und Literaturwissenschaftler dazu zu bringen, sich unvoreingenommen mit seinen Texten auseinanderzusetzen. Hier im Laden führe ich fast täglich mit Kunden Gespräche über Ploog und verkaufe dann auch das ein und andere Buch von ihm. Durch meine diversen Aktivitäten und meine Schaufenster mache ich Leute neugierig. In Frankfurt ist Ploog als Thema jetzt präsent. Aber er ist ja kein lokales Phänomen, das muß über die Stadtgrenzen hinausgehen.
David und ich wollen Erweiterung, keine Verschiebung. Es gilt, neue Leser zu gewinnen. David setzt auf die Jugend. Wenn man Ploog nur oberflächlich liest, könnte da Potential liegen. Für geschulte Leser bietet er aber viel mehr.
An dieser Stelle muß ich nochmals auf die subversive Intention hinweisen, die Ploog verfolgte. Auf den ersten Blick liest sich seine Fiction wie Abenteuergeschichten. Was seine eigentliche Absicht war, hat er in seinen theoretischen Texten immer wieder erklärt. In Straßen des Zufalls heißt es beispielsweise: „Im Nachkriegsamerika waren die Beats in Bewusstseinsräume aufgebrochen, die für mich & andere meiner geistigen Generation weisse Flecken auf der inneren Landkarte gewesen waren. Die bundesrepublikanischen Schreiber schlugen sich mit Kahlschlag & einem Nachholbedarf an Weltliteratur herum & suchten Anschluss zu finden an eine Literatur, deren Verdienste weitgehend abgedeckt waren. Das war Restauration, & wenn sie gegen eine fatale Kontinuität gerichtet war, konnte sie nur ein jämmerlicher Versuch bleiben.“ Ploog ging es um einen Aufbruch zu neuen Ufern, das Ziel dieser Reise war dabei ganz klar: „Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.“ So hat er es in Black Maria formuliert.
Auch das Personal seiner Geschichten ist nicht willkürlich ausgewählt. Jede einzelne Figur steht für etwas sinnbildlich. Seine Protagonisten sind nicht von ungefähr in Personalunion Piloten und Agenten. Leider kann ich die Stelle nicht mehr finden, wo er das sehr detailliert aufschlüsselt. Seine Piloten symbolisieren die individuelle Freiheit, sie sind keinem verpflichtet, bewegen sich unkontrolliert in Raum und Zeit und folgen nur ihrem eigenen Wertesystem.
TUSCHICK: Was du beschreibst, verweist auf eine konstante Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefenstruktur. Auf der Oberfläche erscheinen die bekannten Marker: Burroughs-Epigone, verspäteter Beat-Adept, deutscher Spießer-Underground, Selbststilisierung mit Anleihen an die B-Picture-Ästhetik US-amerikanischer Krimis der 1940/50er Jahre. Offenbar reicht das bis heute oft aus, um Ploog als Nachahmer und Nachzügler zu denunzieren.
In dieser Perspektive erscheint er hochmütig und kleinkariert.
Du dokumentierst und beförderst eine andere Sicht. Du beschreibst Ploog als Urheber eines Werks, dessen untergründigen Bewegungen erst sichtbar werden, wenn man sich von den marginalisierenden Zuschreibungen distanziert. Es geht hier nicht nur um ein eklatantes Sichtbarkeitsdefizit, sondern auch um unzulängliche Lesarten. Der uninformierte Leser reagiert auf die Signale der Abwertung. Er hört auf zu lesen, bevor er den Punkt erreicht, an dem Ploogs Projekt beginnt.
Wenn du sagst, es gehe nicht um eine Verschiebung der Rezeptionsregister, sondern um eine grundsätzliche Erweiterung, setzt das ja voraus, dass sich unvoreingenommenere Leser finden lassen. Dass sie hinter der Oberfläche der Abenteuer- und Agentenprosa jene „subversive Intention“ erkennen, von der Ploog selbst spricht.
Und da wird für mich der Satz zentral: „Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.“ Denn darin steckt ja letztlich eine Zumutung für Leser. Ploog will nicht bloß Geschichten erzählen oder literarische Verfahren variieren, sondern die Wahrnehmung seines Publikums verändern. Seine Texte verlangen also etwas, das über Ästhetik und andere artistische Kategorien hinausweist. Sie zielen auf eine Veränderung der inneren Landkarte.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Resonanz so begrenzt blieb. Nicht, weil die Texte hermetisch wären, sondern weil sie eine Form der Lektüre verlangen, die sich nicht mit dem Kanon begnügt. Wer nur die Beat-Ikonographie anpeilt, verfehlt das Spielfeld. Wer tiefer einsteigt, gerät möglicherweise in jene Bewegung hinein, die Ploog interessiert hat: „Anders sehen“.
Und vielleicht liegt darin auch die eigentliche Schwierigkeit deiner Editionsarbeit. Du musst nicht nur Texte zugänglich machen, sondern Bedingungen herstellen, unter denen sie adäquat gelesen werden können. Du editierst nicht nur ein Werk, du musst auch einen Resonanzraum schaffen, in dem diese Texte erstmals ihre eigene Frequenz entfalten können.
Hast du manchmal das Gefühl, gegen bereits verfestigte Lesarten vergeblich anzuarbeiten?
RÜGER: Von Anfang an war das tatsächlich meine größte Hürde und ist es immer noch. Ich hatte mir zum Beispiel für „Ploog West End“ eine ausgefeilte Pressetaktik ausgedacht: die bekannten Ploog-Experten, die gute Kontakte ins etablierte Feuilleton haben, aus dem Buch rauslassen und sie dafür als Rezensenten in Stellung bringen. Ich habe, glaube ich, doch eine Menge geschafft in den letzten eineinhalb Jahren, aber diese Taktik ging vollkommen in die Hose. Bei all meinen Aktivitäten war das die größte Niederlage. Auch Rainer Weiss, mein wunderbarer Verleger, hat sich unglaublich ins Zeug gelegt, all seine persönlichen Kontakte spielen lassen: Die namhaften Feuilletons haben das Buch trotzdem total ignoriert. Ich bin also trotz einer Reihe prominenter Fürsprecher auf eine Mauer aus Desinteresse gestoßen.
Man kann mit schierem Einsatz eine Menge erreichen, aber Vorurteile abbauen braucht einen langen Atem. Das habe ich inzwischen begriffen und hat mich gelassener werden lassen. Mit meiner kleinen Mannschaft aus Komplizen, bestehend aus alten Kämpen wie Dir und neu gewonnenen Fans, werde ich das Feld stetig beackern. Ich werde, wo man mich läßt, kleine Raketen zünden, die den Ploog-Kontinent blitzlichtartig beleuchten.
Bemerkenswert ist übrigens, daß Menschen aus dem universitären Bereich viel aufgeschlossener auf meine Anliegen reagieren als Zeitungsleute. Ich werde deshalb zukünftig verstärkt auf diesem Weg unterwegs sein.
TUSCHICK: Du beschreibst eine Aufspaltung der Resonanzräume. Auf der einen Seite das Feuilleton, das Ploog mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit die Anerkennung verweigert – trotz diverser Apologeten und hochkarätiger Apologien, auf die man zurückgreifen könnte. Auf der anderen Seite der akademische Sektor, in dem die Akteure offener reagieren, vielleicht auch geduldiger und begieriger lesen. Auf dem Sockel einer soliden Ploog-Exegese ließe sich jederzeit eine universitäre Karriere exekutieren.
Wir wissen beide, wie verschleißend journalistische Literaturberichterstattung sein kann. Mitunter wird fast alles der Statusgenerierung des Rezensenten geopfert. Das Feuilleton schreit nach Verdichtung, Einordnung und plakativem Urteil. Es braucht Texte, die sich unterkomplex positionieren lassen. Rastert man Ploogs Werk nach diesem Schema, unterschreitet man den Nullpunkt des Begreifens. Man wird in einer Rezeptionsdepression fündig. Die Evokation eines Scherenmannes, der einen Pornoroman zerschneidet. Man regrediert auf der Schwundstufe – genital statt genial.
Der Forschungszugriff funktioniert anders. Der Philologe hat mehr Zeit, mehr Geduld, mehr informiertes Interesse an Poetologie, und folglich an den Wahrnehmungsverschiebungen, die Ploog affiziert.
Wenn Ploog nun eher im akademischen Kontext gelesen wird – läuft man dann nicht Gefahr, ihn auf eine germanistische Weise festzuschreiben und so seine ursprüngliche, Kanon-aversive Unruhe zu glätten?
RÜGER: Alles, was ich unternehme, birgt ein Risiko. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, daß Ploog im Gespräch bleibt, daß man sich mit ihm auseinandersetzt. Die Rezeption wird sich dann so oder so verselbständigen.
Im Tagebuch ist er, wie erwähnt, hin- und hergerissen zwischen Vernichten und Bewahren, was seinen Nachlaß angeht. Da er David auf dem Sterbebett gebeten hat, sich um seinen Nachlaß zu kümmern, nehmen wir das als Auftrag, ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für mich sind deshalb seine konservierenden Überlegungen ausschlaggebend. „Nach einem Artikel von Jed Birmingham wieder die Frage mit dem Nachlass oder Archiv. Auch die Nationalbibliothek in Marbach kommt wohl nicht in Frage. Am besten wäre eine Universität. Wichtig ist, dass es zugänglich bleibt. Marbach ist eine Morgue.“ (CT 18.5.2016)
Ploog hat manisch geschrieben und dabei Essentielles zu Papier gebracht. „Gern würde ich mir Schweigen auferlegen, aber ohne Worte wäre es, als würde ich Selbstmord begehen.“ (FL 3.7.2016) Diese Stimme muß man doch für die Nachwelt erhalten. Für mich ist das auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wenn ich den ganzen Dünnpfiff sehe, mit dem ich täglich in den Medien und im Antiquariat konfrontiert werde, dann bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als für jemanden zu kämpfen, von dem auch die kommenden Generationen noch etwas lernen können.
Im Gegensatz zu Paulus Böhmer, der wenigstens ein paar Jahre vor seinem Tod noch die Anerkennung erlebt hat, ist Ploog hoffnungslos gestorben. Es macht mich einfach traurig und wütend, Sätze wie diese lesen zu müssen: „Am Ende des Lebens mit leeren Händen dastehen. Einerseits ein befreiendes Gefühl, andererseits das erschreckende Bild von Nichtigkeit, nichts bewirkt zu haben. Spurlos abzutreten & wenig falsch & nichts richtig gemacht zu haben. Sich mit dem Nichts abzufinden & mit einem kleinen Schritt im Nirwana zu landen.“ (FL 23.6.2017)
TUSCHICK: Plötzlich geht nicht mehr nur um Vermittlung oder um Strategien der Sichtbarmachung, sondern eine Form von Wiedergutmachung. Um die Überzeugung, dass hier etwas bewahrt werden muss, das von den Marktmechanismen regelrecht bedroht wird.
In den Zitaten, die Du ausgewählt hast, dröhnt die Glocke der Vergeblichkeit. Die Erfahrung von Nichtigkeit, von Wirkungslosigkeit, von einem Schreiben, das ins Leere läuft. Das ist schwer auszuhalten, gerade wenn man – wie Du – heute das ganze Werk vor sich sieht und seine Größe erkennt.
Ploog schwankte zwischen Vernichten und Bewahren, Rückzug und Archivierung. Er fand Einwände gegen die Schauplätze höherer Weihen. Marbach als Morgue, das ist natürlich auch wieder Benn.
Mir stellt sich gerade die Frage, ob das, was Du machst, nicht mehr ist als Editionsarbeit. Ob es nicht tatsächlich darum geht, einen anderen Ausgang der Geschichte im Nachgang zu ermöglichen. Und da komme ich noch einmal auf Deinen Punkt zurück, dass sich diese Rezeption irgendwann verselbständigen wird. Das setzt voraus, dass die Texte in Räume gelangen, in denen sie weiteratmen können. Ist Nachlassarbeit immer auch eine Form von Umschreiben eines Lebens?
RÜGER: Ich vermute mal, daß die allermeisten, die einen Nachlaß verwalten (müssen), das gleiche Problem haben: wie bekomme ich das bisher Unbekannte unters Volk? In der Regel wartet ja keiner drauf. Man muß damit hausieren gehen. Ich bin täglich 1-2 Stunden damit beschäftigt, mir Strategien zu überlegen, Adressen zu recherchieren, Redaktionen und Verlage anzuschreiben. Wenn dann tatsächlich einer der Angesprochenen Interesse signalisiert, dann muß man überlegen, wie man zusammenkommt. Ich bestimme da nichts diktatorisch, mir ist immer ein gemeinsames Miteinander wichtig.
Nehmen wir zum Beispiel das „Schreibheft 106“. Die Ausgangsidee war, Norbert Wehr Auszüge aus dem Tagebuch anzubieten. Als er Interesse signalisierte, war klar, daß ich thematisch eine nachvollziehbare Auswahl treffen muß, die auch für Leser spannend ist, die den Namen Ploog noch nie im Leben gehört haben. Das Schreibheft bot die Chance, Ploog aus dem subkulturellen Umfeld herauszuholen. Ich brauchte also eine Auswahl, die sowohl für den normalen Leser wie auch für die Ploog-Kenner aufschlußreich ist. Schnell war mir klar, daß die Statements über andere Autoren am interessantesten für alle sind. Die erste Auswahl umfaßte 150 Manuskriptseiten. Damit wollte ich Norbert Wehr erst mal beeindrucken, ihm aber auch die Chance geben, bei der Auswahl beteiligt zu sein. Ursprünglich sollte das Ploog-Dossier maximal 50 Seiten umfassen. Da das Material so gut war, fiel uns beiden das Kürzen schwer. Norbert Wehr erhöhte dann von sich aus auf 75 Druckseiten. Beim Streichen fängt, wenn ich Deiner Argumentation folge, das aktive Dirigieren der Edition an. Durch meine Prioritäten setze ich subjektive Akzente. Natürlich macht es riesige Unterschiede, ob ich Statements über Adorno oder über Daniel Dubbe auswähle. Selbstverständlich schachere ich ganz bewußt mit dem Herausragendsten und Publikumswirksamsten.
Wenn ich für Ploog eine neue Leserschicht gewinnen, ihn von einer bisher unbekannten Seite zeigen will, kann ich keine Rücksicht auf Nebenfiguren und Altbekanntes nehmen. Trotzdem liegt mir nichts ferner, als sein Leben umzuschreiben. Bei aller subjektiven Gewichtung bleibt es doch der reine Ploog. Und wenn es uns tatsächlich gelingen sollte, seinen Nachlaß bei einer prominenten und renommierten Institution unterzubringen, dann steht alles vorbehaltlos der Wissenschaft offen, und jeder, der sich mit ihm beschäftigen möchte, kann sich rauspicken, was immer er will.
Im Moment serviere ich die Appetithäppchen.
TUSCHICK: Das ist jetzt ein besonders schöner Punkt, weil Du selbst den Mechanismus offenlegst, den du die ganze Zeit umkreist: Edition als aktive Herstellung von Resonanz. Nicht bloß Bewahren, sondern Auswahl, Gewichtung, Dramaturgie, Verführung. So wird die Editionsarbeit zu einer Form von Autorenschaft und Unternehmertum. Autorenschaft hatten wir schon. Der Editor als Entrepreneur: das hatten wir noch nicht.
Fast wirkt es, als hätte Ploogs Schreiben erst posthum ein neues Kraftfeld entwickelt, dessen Gravitation Du Dich immer weniger entziehen kannst. Die Arbeit am Nachlass wirkt sich auf Dich transformierend aus. Sie ist zu einer Mission geworden. Womöglich zu einer der größten Aufgaben Deines Lebens. Und möglicherweise liegt darin noch eine andere Wahrheit über Nachlässe. Dass sie nicht einfach passiv verwaltet werden können. Dass bestimmte Werke anfangen, die Bedingungen ihrer eigenen Überlieferung aktiv mitzubestimmen – indem sie jene Menschen verändern, die sich auf sie einlassen.
Was du beschreibst, erscheint mir im Ganzen als eine poetische Praxis. Nicht im Sinn der Verfälschung, sondern weil du permanent Entscheidungen treffen musst: Was zeige ich? Welche Stimmen und Stimmungen lasse ich hervortreten, welche verschwinden vorerst im Hintergrund?
Der Begriff „Appetithäppchen“ ist in dem Zusammenhang interessant, weil er etwas Strategisches gleichermaßen anspricht und verhehlt. Du versuchst nicht einfach, Material verfügbar zu machen, sondern einen Resonanzraum herzustellen, in dem Ploogs Werk überhaupt erst zünden kann. Je stärker Du auswählst, gewichtest und kuratierst, desto deutlicher verschiebt sich der Blick auf das Werk. Nicht, weil Du Ploog umschreiben willst, sondern weil jede Edition eine Dramaturgie erzeugt. Du sagst selbst: Es macht einen Unterschied, ob Adorno auftaucht oder Daniel Dubbe. Mit solchen Entscheidungen steuerst du Aufmerksamkeit, Lesbarkeit, Anschlussfähigkeit. Du baust Brücken in einen Resonanzraum hinein, der vorher nicht existierte.
Du musst Ploog zugänglich machen, ohne ihn zu glätten. Du musst Anschlussfähigkeit organisieren, ohne die Widerständigkeit seines Schreibens preiszugeben. Mich interessiert gerade, ob Du manchmal das Gefühl hast, dass Ploogs Werk nicht nur von Dir bearbeitet wird, sondern umgekehrt auch an Dir arbeitet. Hat diese Beschäftigung Deinen Blick auf Literatur verändert? Auf Erfolg, Öffentlichkeit, vielleicht sogar auf die Frage, was von einem Leben bleibt?
RÜGER: Du bringst es exakt auf den Punkt. Natürlich macht die Arbeit am Nachlaß auch etwas mit mir. Sie fordert mich ständig. Ich muß auch Dinge tun, die ich nicht so gerne mache, z.B. hausieren gehen. Im Vordergrund steht aber die intellektuelle Herausforderung. Die Frage, ob ich dem gewachsen bin, hängt immer im Raum. Es ist keine Koketterie, wenn ich mich als Amateur bezeichne. Nachlaß betreuen ist für mich learning by doing. Sichtbar für die Öffentlichkeit wird ja nur, was halbwegs gelingt. Viele Anstrengungen laufen auch total ins Leere, führen zu gar nichts.
Auf meiner Homepage habe ich die allermeisten Ploog-Bücher rezensiert. Manche finden das sehr gelungen. Die Texte sollten auch für Ploog-Novizen Aussagekraft haben. Wenn ich dann aber Essays von Ploog oder seine Selbsteinschätzungen im Tagebuch lese, muß ich feststellen, daß ich dem Buch gar nicht gerecht geworden bin. Es fällt mir auch nicht leicht, seine Poetologie verständlich zu erklären. Mir fehlt einfach das gesamte Hintergrundwissen, das er ganz selbstverständlich benutzt.
Ich lerne jeden Tag dazu. Die Arbeit bereichert mich persönlich, sie verändert meinen ziemlich routinierten, eingefahrenen Antiquarsalltag, gibt tatsächlich meinem Leben einen neuen Sinn und eröffnet auf meine alten Tage eine neue Perspektive. Der Beruf des Antiquars ist auch körperlich sehr anstrengend, ich schleppe jeden Tag Tonnen von Papier, das kann man nicht ewig machen. Sich um einen Nachlaß zu kümmern, sich schreibend zu betätigen ist da bedeutend müheloser.
Da ich nicht der Rechteinhaber bin, hängt vieles auch von den Entscheidungen von David ab. Ich kann also nicht vorhersagen, was in zehn Jahren sein wird. Im Moment bereichert mich die Arbeit am Nachlaß ideell, sie hat mich back to the roots katapultiert. Ich schreibe und publiziere wieder, lebe ein Stück weit wieder das Leben, das ich als Dreißigjähriger geführt habe. Manchmal kann ich es selbst nicht glauben. Ich hatte in meinem bisherigen Leben schon ein paar Mal radikale Wandel, und jetzt hat sich mein Leben als Rentner nochmals praktisch über Nacht verändert. Vollkommen ungeplant, total überraschend.
Im Gegensatz zu Ploog habe ich kein Werk, das man der Welt hinterlassen müßte. Nach Eigeneinschätzung ist mein größtes Talent das Organisieren. Diese Fähigkeit habe ich immer versucht, im Dienst einer Sache oder einer einzelnen Person einzusetzen. Es braucht immer Leute, die Steigbügelhalter für andere sind. Nimm zum Beispiel Ralf-Rainer Rygulla. Brinkmanns Werdegang wäre sicher anders verlaufen, wenn ihm Rygulla das Material aus London nicht zugespielt hätte.
Im besten Fall nutzt man sein Leben, um etwas zu machen, das Sinn ergibt, die Welt bereichert. Ploogs Schaffen war darauf ausgerichtet. Wenn wir uns nicht um den Nachlaß kümmern, ist er in ganz kurzer Zeit vergessen. Das erlebe ich im Antiquariat tagtäglich. Ich bin umgeben von Büchern, deren Autoren zu Lebzeiten berühmt und bedeutend waren, und nach denen heute kein Hahn mehr kräht. Ploog hat aber das Potential zum Evergreen. Um diesen Status zu erreichen, muß noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Das ist offensichtlich meine derzeitige Aufgabe, die ich mit großer Freude und tiefer Befriedigung erfülle. Für mich hätte es nicht besser laufen können.
Meinen Blick auf die Literatur und die Einschätzung des Literaturbetriebs haben die letzten zwei Jahre nicht verändert. Im Antiquariat kulminiert ja alles. Ich erlebe hautnah, wie schnell zum Beispiel Ruhm verblassen kann. Die Bücher von Böll und Grass, zwei deutsche Literaturnobelpreisträger, sind im Antiquariat heute Altpapier. Einige Titel von Ploog dagegen werden nach wie vor hoch gehandelt und sind sehr gesucht, auf diesem Sektor hat er übrigens Brinkmann schon den Rang abgelaufen. Diese kleine Fangemeinde ist schon mal keine schlechte Ausgangsbasis für den angestrebten Status.
TUSCHICK: Offenbar greifen an dieser editorischen Schnittstelle zwei Biografien ineinander. Auf der einen Seite Ploogs posthumes Weiterleben im Nachlass und in dieser ständigen Samisdat-Atmosphäre, die Du mir als die Umgebung der Ploog-Edition suggerierst. Auf der anderen Seite Dein eigenes Leben, das in der Beschäftigung mit diesem Werk noch einmal Fahrt aufnimmt, durchaus mit verführerischen Konnotationen, die bei mir ankommen. Die Vorstellung, als Experten noch einmal bei einem Revival gefragt zu sein und die Wertschätzung echter Aufmerksamkeit zu erfahren. Nicht nur so etwas Aufgesetztes und spitzmäulig Literaturwissenschaftliches. Der Nachlass erzeugt nicht nur einen neuen Resonanzraum für Ploog, sondern auch eine zweite Biografie für den Editor und die Korona. Das ist doch Manna für uns. Ich teile mit Dir die Erfahrung, dass so viele zu unserer Prime prominente Autoren kein akutes Nachleben erfahren. Sie sind so weg vom Fenster, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Marginalisiert werden sie von Akteuren, die uns Verbliebene selbstverständlich übersehen.
Was Du mir erzählst, klingt mitunter nach einer souveränen editorischen Meistererzählung – und außerdem nach einer Permanenz produktiver Unsicherheit. Du sprichst von Learning by Doing, vom Scheitern vieler Versuche, vom Gefühl, den Texten nicht gerecht zu werden, von einer Poetologie, deren Voraussetzungen Dir teilweise selbst fremd bleiben.
Bemerkenswert finde ich auch, dass du Deine eigene Rolle immer wieder herunterspielst — „Steigbügelhalter“, Organisator, Vermittler. Du bist der wichtigste Spieler auf dem Ploog-Platz. Wie entscheidend Deine Rolle literaturgeschichtlich sein kann, hast Du selbst skizziert. Ohne Leute wie Ralf-Rainer Rygulla wären bestimmte Bewegungen nie in Gang gekommen oder jedenfalls schneller im Sande verlaufen.
Vielleicht unterschätzt der Betrieb systematisch die Bedeutung solcher Konstellationen. Er interessiert sich für Autoren, Werke, Geniestorys. Dass jemand wie Ploog, der sich Zeit seines Lebens gegen die Mechanismen des Betriebs stellte, heute ausgerechnet von jemanden popularisiert wird, dessen größte Begabung nach eigener Aussage im Organisieren liegt, finde ich bei alldem eher naheliegend. Sag doch noch etwas zu Deinem Editorenglück.
RÜGER: Ich war 25 Jahre raus aus der Subkultur, hatte mit diesem Kapitel meines Lebens abgeschlossen. Jetzt so zurückzukommen pinselt das Ego, selbstverständlich. Ich hatte fast alles aus meinem früheren Leben in die hintersten Kämmerchen des Hirns geschoben. Eine Episode war mir aber immer lebhaft in Erinnerung. Ich glaube, es war nach einer Veranstaltung zum einjährigen Todestag von Hadayatullah Hübsch in der Klosterpresse. Ploog war angekündigt. Ich ging auch deswegen hin, weil ich ihn wieder mal treffen wollte. Anschließend marschierte eine kleine Gruppe von damaligen Szenegrößen, alle offensichtliche Ploog-Fans, in eine nahegelegene Kneipe. Mich kannte keiner, also stellte mich Jürgen den anderen vor: „Das ist Wolfgang Rüger, ein Antiquar.“ Das war wie ein Schlag ins Genick. Ich war nicht sein alter Freund oder einer seiner Verleger, nein, ich war EIN Antiquar, also praktisch nichts. Das hat mich damals sehr verletzt, muß ich zugeben. Dieser Abend war für mich ein Aha-Erlebnis. Ich hatte zehn Jahre lang in der Szene einiges veranstaltet, bildete ich mir ein. Aber fünfzehn Jahre später konnte mit meinem Namen kein einziger unter den Jüngeren etwas anfangen. Das heißt, nichts von dem, was ich gemacht hatte, war von erinnernswerter Bedeutung gewesen. Korrespondierend dazu meine spätere Entdeckung, daß in der jüngeren Literaturwissenschaft genau die zehn Jahre, in denen ich aktiv war, nicht vorkommen. Relativ gut erforscht sind die Jahre bis zum Ende von Gasolin 23 und dann wieder ab Social Beat. Die Zeit dazwischen, also die 60/90-Bewegung und Bitter Lemon, wenn man so will, scheinen keine Relevanz zu haben. Dabei finde ich, retrospektiv betrachtet, gerade Bitter Lemon erstaunlich. Meine Edition war Vorreiter für einige Heftchen-Reihen und in ihr haben mit Dir und Thomas Hettche immerhin zwei spätere Suhrkamp-Autoren publiziert. Und auch Rudolf Proske wird gerade als Wiederentdeckung gefeiert.
Für die Arbeit an „Ploog West End“ mußte ich alte Kontakte reaktivieren. Ich hatte auf einmal wieder mit Menschen zu tun, die ich zum großen Teil dreißig Jahre lang weder gesprochen, noch gesehen hatte. Es gab sie alle noch, und sie freuten sich, von mir zu hören und wollten sich am Ploog-Projekt beteiligen. Das alte Netzwerk funktionierte selbst nach dieser langen Pause immer noch reibungslos. Das war für mich das größte Glück. Man braucht immer eine schlagkräftige Truppe. Schon in meiner Zeit als Feuilletonchef war meine Maxime: die besten Schreiber zu mir. Letztlich ist das wie im Fußball: der Kapitän muß nicht der beste Spieler sein, aber er muß aus Solisten eine Mannschaft formen können. Womit wir wieder beim Organisieren wären.
Du und ich haben den wirklichen Underground nicht mitgemacht, aber wir hatten, im Gegensatz zu den meisten, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, das Glück, während der Zeit, als der Underground seinem Ende zuging, mittendrin zu sein. Wir kannten die Protagonisten nicht nur aus Interviews, sondern haben sie in diversen Zusammenhängen persönlich erlebt, waren mit ihnen, ich will nicht sagen befreundet, aber irgendwie komplizenhaft verbandelt.
Von denen, die dabei waren, gehören wir zu den Jüngsten. Es ist also an uns, die Fackel weiterzutragen. Wir sind Augenzeugen. Trotz der Arbeit macht es natürlich auch Spaß, wenn mir eine Doktorandin ein Foto schickt und mich fragt, wer darauf zu sehen ist. Sie braucht einen, der für die Fakten bürgt. Als Randfigur hin und wieder gefragt zu sein, wertet das Ego schon auf.
Ich muß heute niemanden mehr etwas beweisen, ich kenne meinen Eigenwert und engagiere mich nur noch für das, was mir wichtig ist oder was ich für relevant halte. Außerhalb der Ploog-Edition sehe ich mich als Dokumentaristen. Meine Porträts und Interviews mit den noch lebenden Underground-Legenden mache ich, damit die nachrückenden Generationen authentisches Material zur Verfügung haben. Meine Homepage soll bisher unbekanntes Material bieten für Leute, die sich zukünftig mit der deutschen literarischen Subkultur beschäftigen möchten.
Was ich seit einem Jahr aus dem Boden stampfe, wäre ohne Davids Anfrage, ob ich ihm beim Nachlaß seines Vaters behilflich sein könnte, niemals entstanden. Seine Bitte hat bei mir viel Verschüttetes freigelegt. Vor ein paar Jahren konnte ich mir gar nicht vorstellen, jemals wieder schreibend tätig zu sein. Und jetzt geht mir alles ganz leicht von der Hand. Der tote alte Freund hat mich zurück in die Spur gebracht. Im Moment ist das für mich ein großes Glück.