Against all methods
Er paßt in keine Schublade. Wenn man sich bei ihm gerade an eine Sache gewöhnt hat, macht er schon wieder etwas anderes. Gerhard Richter ist einer der interessantesten zeitgenössischen Maler. Jetzt ist eine seiner gewagtesten Arbeiten, der Zyklus „ 18. Oktober 1977″, im Portikus zu sehen. Wolfgang Rüger stellt den Künstler vor.
Zwölf Jahre sind keine Zeit. Wenn es allerdings um die versäumte Aufklärung undurchsichtiger Machenschaften geht, dann ist das ein unverantwortlich langer Zeitraum.
Man könnte den 18. Oktober 1977 zum Schicksalstag der Nation machen. Es war der Tag nach der Geiselbefreiung von Mogadischu, der Tag der GSG 9, der Tag der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der Tag, an dem die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Stammheimer Zellen tot aufgefunden wurden. Bis heute ist die Todesursache dieser drei Menschen nicht eindeutig geklärt.
In Sachen Linksextremismus reagiert man in den Chefetagen der Bundesregierung immer recht hysterisch. Die derzeit verlautbarten Reaktionen zu den aktuellen Ereignissen zeigen das wieder überdeutlich. Von Souveränität, von politischer Einsicht, von Intelligenz und von taktischem Einfühlungsvermögen kann keine Rede sein. Man ist zwar immer angestrengt bemüht, das demokratische Fähnelchen hochzuhalten, die weiße Weste nach außen zu kehren, aber der Gestank von Ungereimtheiten weht doch über vielem. Das ehemalige RAF-Mitglied Klaus Jünschke fragte vor kurzem im “Spiegel”: “Wahr ist allerdings, daß der Bundesnachrichtendienst in Amtshilfe für den Verfassungsschutz von Baden-Württemberg eine Abhöranlage in jenem siebten Stock der Justizvollzugsanstalt in Stammheim installierte. Warum, so möchte ich hier fragen, wurden die Abhörbänder bis heute nicht veröffentlicht?” Doch nicht etwa, weil es etwas zu vertuschen gibt?
Der Maler Gerhard Richter hat einen Zyklus aus 15 Bildern geschaffen, der den Namen “18. Oktober 1977” trägt und versucht, dieses wichtige Datum wieder in unser Gedächtnis zurückzuholen. Entstanden sind die Ölbilder nach Vorlagen von Fotos, die der Verfassungsschutz und die Kriminalpolizei gemacht haben. Das, was man sieht, ist undeutlich. Die einzelnen Bilder heißen zum Beispiel “Gegenüberstellung”, “Tote”, “Erschossener”, “Erhängte”, “Zelle”, “Plattenspieler”, “Beerdigung” oder “Festnahme”. Beim Betrachten der Bilder und Lesen der Titel werden die Bilder im Kopf des Betrachters klarer. Man sieht das Porträt einer jungen Frau, sieht den Kopf einer Toten, die auf dem Boden liegt. Man erkennt ein Bücherregal, das in einer Zelle steht, einen Plattenspieler in einer Zellenecke. Auf einem Bild sieht uns ein “Jugendbildnis” von Ulrike Meinhof an. Die “Beerdigung” ist ein Panoramablick über den Friedhof und eine Menschenmasse. Die “Festnahme” kommt einem vor wie ein schnell erhaschter Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges. Man hat etwas gesehen, aber man kann es nicht genau benennen.
Beabsichtigt ist, wie man hört, daß der Zyklus en bloc der Stadt Frankfurt übergeben werden soll, wenn sich hier geeignete Räume finden lassen. Unabhängig davon, wo der Zyklus einst landen wird, hat Richter betont, daß die Bilder unverkäuflich sind, nur en bloc ausgestellt werden dürfen. Aus Gründen des Persönlichkeitsrechts erlaubt Richter auch nicht, daß Bilder, die die Toten zeigen, in den Medien reproduziert werden.
Richter ist 1932 in Dresden geboren und 1961 (noch vor dem Mauerbau) nach Westdeutschland gekommen. Seit den frühen sechziger Jahren gehört er zu den auffälligsten unter den etablierten Künstlern in Deutschland. Schon früh hat er mit Übermalungen von Fotos experimentiert, „Fotos mit den Mitteln der Malerei“ gemacht. Er hat sich jedoch nie eindeutig auf einen Stil, auf eine Methode festlegen lassen. Sein Leitmotiv lautet: „Grundsätzlich die Methode wechseln, so oft es geht.“ Nach Fluxus und Pop-Art hat er Ende der sechziger Jahre realistische Landschaftsaufnahmen in der Tradition eines William Turner oder Caspar David Friedrich gemalt, danach entstanden Wolken- und Seelandschaften von großer sinnlicher Ausstrahlung, daneben experimentierte er mit abstrakten Farbmustertafeln, machte Vermalungen, spielte mit schwingenden Farbströmungen. In den siebziger Jahren entstanden bizarre, psychedelisch anmutende, farbenfrohe Wandbilder. Obwohl seine Bilder immer eine Herausforderung waren, die Sammler und Kunstkenner verunsicherte, indem er prinzipiell mit abrupt vollzogenen Stilwechseln gegen „eingefrorene Erwartungshaltungen“ anging, hat er nie seine Sammlerklientel verloren. Allein das ist Indiz genug für seine Einzigartigkeit, seine unbestrittene Größe, seine exzellente Qualität. Peter M. Brode schrieb in „art“ über ihn: „Ein Meister (fast) aller Stile: Gerhard Richter, der merkwürdigste und irritierendste lebende deutsche Maler.“

Im Leben wie in der Malerei interessiert den viermaligen Documenta-Teilnehmer und Professor der Düsseldorfer Kunstakademie Richter nur, was er „nicht begreifen kann“. „Malen ist eine andere Form des Denkens“, umschreibt er seine Arbeit. Mit dem Zyklus „18. Oktober 1977″ ist er zu den unscharfen, verwackelten Amateurfotos zurückgekehrt. Der Theaterregisseur Hansgünther Heyme hat ihm deswegen in einer Kritik vorgeworfen, Richter sei mit seiner Arbeit dem brisanten Thema nicht gerecht geworden, bliebe „allzu vage“, verharre in einem „rückwärts-besänftigenden Trauerblick“. Heyme in der „art“: „Noch ist jenes Feindbild des Terrorismus und der sie umgebenden staatsgefährlichen Sympathisanten in uns festgefressen, Aufklärung täte also not, nicht Trauer, nicht Zumalen von Unerklärtem, sondern Aufreißen von Wunden. Nicht Milde täte not.” Dem ist entgegenzuhalten, daß man nicht scharf machen kann, was eindeutig unklar ist. Die Unschärfe der Richter’schen Bilder ist also den Tatsachen angepaßt.
Zur Unschärfe seiner Bilder hat Richter vor Jahren schon angemerkt: „Allerdings, was die anderen an Unschärfe in meinen Bildern bemerkten, ist nicht unscharf. Wie kann Farbe auf der Leinwand unscharf sein? Was man bei mir sieht, ist nur Ungenauigkeit, ein Anderssein im Verhältnis zum dargestellten Gegenstand. Man kann und soll diese Bilder auch gar nicht mit der Realität vergleichen. Das Abgebildete ist nicht identisch mit dem gemeinten Objekt, es hat seine eigene Wahrheit.“ Was man über die Vorgänge in den Stammheimer Zellen weiß, kann man auf den zugänglichen Polizeifotos nachsehen. Richter hat in seiner „Experimentierlust aus Aufsässigkeit“, in seinem Drang, Unterschiede zusammenbringen zu wollen, auf seiner Suche nach der Komposition der Müllkippe die Wahrheit der Polizeifotos mit seiner Wahrheit konfrontiert. Nun liegt es an dem Betrachter der Richter’schen Bilder, eine dritte Wahrheit zu finden. Das könnte der Wiederanfang einer Diskussion sein, die viel zu früh beendet wurde.
„Kunst ist die höchste Form von Hoffnung“, sagt Richter und hofft, daß er mit seinen Bildern das Unerklärliche ein bißchen erklärlicher, in jedem Fall umgänglicher machen kann. Er will die „Hoffnung als Antwort auf das Entsetzen” verstanden wissen. Wenn Kunst das leisten kann (und wenn sie es nicht leisten kann, dann ist das nicht Richters Fehler), dann gilt für den RAF-Zyklus in gleichem Maße, was Richter über das Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander gesagt hat: Es ist notwendig, “daß wir etwas abbauen müssen von dieser absurden Feindschaft, von dieser Unversöhnlichkeit. Die ist das eigentlich Schlimme, und das ist etwas, was wir uns nicht leisten können, weil sie ist unsinnig, die Feindschaft; die Kunst hat ja nicht viele Möglichkeiten, aber wenn sie etwas dazutun könnte, das wäre schön“.
So betrachtet, ist „18. Oktober 1977″ ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit, ein bedeutender Anstoß zur Diskussion, ein mutiges Bekenntnis in einer eher lethargischen Zeit. Richters Zyklus kommt nicht nur brandaktuell zur Debatte über Begnadigung und Haftzusammenlegung von RAF-Mitgliedern, sondern ist auch ein Appell an reaktionär eingestellte Bürger und Politiker, ihre sture scheuklappenmäßige Position zu überdenken.
Ausstellung: Portikus, vom 29.4.-4.6.89
Video: Gerhard Richter – Meine Bilder sind klüger als ich, DuMont Buchverlag, 60 Minuten, 78 Mark
Katalog: Gerhard Richter – 18. Oktober 1977, Verlag der Buchhandlung Walther König, 60 Seiten, an der Kasse 20 Mark, im Buchhandel 38 Mark
Erstdruck in Auftritt, Heft 5, 1989