Gasolin 23, Heft 8 (Expanded Media Editions 1982)

Die vielleicht beste und wichtigste deutsche Underground-Zeitschrift war Gasolin 23. Sie erschien von 1973-1986 in acht Heften. Eine Nr. 1 ist nie erschienen. In einer frühen Selbstdarstellung hieß es: „Der Aufbruch im Kulturellen übers rein Rhetorische hinaus, zeigte sich uns in der Entwicklung von Beat-Literatur & weiterführenden experimentellen Techniken wie Cut-up, wo sich zeitgenössisches Bewusstsein am direktesten & unverfälschsten niederschlug.“ Herausgegeben wurde sie von Jürgen Ploog, Walter Hartmann, Carl Weissner und Jörg Fauser.
In Heft 8 ist das Thema: Reisen. Die Autorenliste versammelt die üblichen Verdächtigen der damaligen Szene. Jack Kerouac nimmt uns mit auf die Reise einer jungen Frau von New Mexico nach Costa Rica. Pociao erzählt einen fiebrigen Drogentraum aus dem Chelsea Hotel in bester Cut-up-Manier. Auch Udo Breger verwendet diese Erzählweise: ein wildes Hin und Her von Assoziationen. Konventioneller schreiben Luzi Rageth, die eine Schweizerin über das Zugfahren meditieren läßt; Daniel Dubbe, der eine klassische Reisereportage über ein Delirium in El Paso abliefert; Gregor Potts Protagonist phantasiert auf einer Fahrt im Intercity nach Hamburg von verbotenen Filmarbeiten im Tal der Könige; Jürgen Schnitzler läßt uns teilhaben an der Reise eines Junkies von Hamburg nach Mailand und Istanbul; in Irene Todtenhöfers Erzählung macht eine junge Frau einen Alleintrip nach Marrakesch; Thomas Palzers Protagonist erlebt eine erotische Phantasie im Kino; Oliver Haddo präsentiert eine klassische Short Story, in der ein Typ nachts in einer Bar die Kellnerin aufreißt und dann in einem geklauten Auto sein blaues Wunder erlebt; und in Brion Gysins Auszug aus seinem Roman „The Process“ geht es um die Abenteuer eines schwarzen Amerikaners, der die Sahara durchqueren will und mit allerlei Rassismen, Schikanen und Hindernissen kämpfen muß.
Am besten gefallen hat mir der Text von Regina van Tom, die über das Reisen allgemein nachdenkt. Wo führt es uns hin? Was macht es mit uns? Was bringt es? Sie erzählt vom Aufbruch einer jungen Frau, die raus will aus dem status quo, weil sie spürt, „daß es da doch noch was andres geben muß“. Sie bricht auf, weil „nichts, das ich hier zu versäumen hätte, nichts war aufzugeben, alles schien austauschbar, grenzenlos unwichtig“. Sie findet auf ihren Reisen die Ferne und die Drogen und schließlich die ernüchternde Erkenntnis: „du gehörst niemals und nirgends dazu“.
Wenn man die hier versammelten Reisestories heute liest, entwickeln sie automatisch eine Art Retrocharme. Wie lange ist das her, daß Menschen mit Landkarten im Gepäck unterwegs waren? Geschichten fast aus einem anderen Leben.