Bonito und Neptun
Auch Seemänner können sich Hals über Kopf verlieben. Und dieser Zustand kann das Edelste und das Schmählichste im Menschen zum Vorschein bringen. Wenn das Begehren erfüllt wird, zeigen sich die Gefühle in ihrer schönsten Ausprägung. Wenn die Sehnsucht verschmäht wird, ist der Mensch zu den schändlichsten Taten fähig.
In seiner berühmtesten Kurzgeschichte, „Freya von den Sieben Inseln“, fächert Joseph Conrad eine Liebesgeschichte exemplarisch auf und läßt sie aus zweiter Hand berichten. Der namenlose Erzähler, ein ehemaliger Seemann, der sich mittlerweile wieder in England befindet, erhält einen Brief, der in ihm die Erinnerung an eine tragische Liebesgeschichte wachruft.
Der Däne Nielsen, den alle Welt Nelson nannte, hatte vom „Herrscher einer kleinen Inselgruppe etwas nördlich von Banka, der Sieben Inseln,“ ein Stück Land erworben, auf dem er sich mit seiner Tochter Freya niederließ. In dieses fast volljährige Mädchen, an das man sich wegen seiner Schönheit und Anmut „ein Leben lang erinnert“, verlieben sich zur selben Zeit zwei sehr ungleiche Seemänner. Der Engländer Jasper Allen ist Kapitän des Seglers Bonito, der vierzigjährige Holländer Heemskirk ist „Kommandant der Neptun, eines kleinen Kanonenbootes, das in den Gewässern des Archipels einen öden Patrouillendienst versah“.
Die beiden sind so verschieden wie ihre Schiffe. Wie sich Herrchen und Hund oft gleichen, so charakterisiert Conrad seine beiden Kontrahenten über ihre Schiffe. „Die Brigg mit ihren eleganten Linien und ihren weißen Segeln wirkte im Mondlicht zart wie ein anmutiges Mädchen. Das kurze, plumpe Kanonenboot mit seinen kümmerlichen dunklen Masten, die nackt in den leuchtenden Himmel dieser strahlenden Nacht ragten wie abgestorbene Bäume, warf einen düsteren Schatten auf den Wasserstreifen zwischen den beiden Schiffen.“
Freya erwidert natürlich die Liebe zu dem jüngeren, charmanteren Mann, der zudem noch das schönere Schiff hat. Alle können die Verliebtheit der beiden sehen, außer Freyas Vater, der auf die „Vernunft“ seiner Tochter hofft. Das Inselreich steht unter dem Protektorat der Holländer, die die Engländer in ihren Gewässern nur dulden. Der alte Nielsen fürchtet sich vor den „Behörden“, die ihm sein Anwesen wegnehmen könnten, wenn sich seine Tochter mit einem Engländer einliesse. Zumal, wenn es einen holländischen Mitbewerber gibt.
Die Tochter weiß um die Angst ihres Vaters, und um sein Nervenkostüm zu schonen, behandelt sie ihre Zuneigung zu Jasper sehr diskret. Immer wieder kommt es zu komplizierten Konstellationen auf der Veranda von Nielsens Haus, die sie zu meistern hat. „Es war die Unvernunft dreier Männer, die diese Unruhe in ihr auslöste: Jaspers Ungestüm, die Ängste ihres Vaters, Heemskirks blinde Leidenschaft. Für die ersten beiden empfand sie große Zärtlichkeit, und sie beschloß, ihre ganze weibliche Diplomatie aufzubieten. Nicht mehr lange, sagte sie sich, und der ganze Spuk ist vorbei.“
Mit Jasper hat sie abgemacht, daß sie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, am Tag ihrer Volljährigkeit, seine Frau werden und auf die Bonito kommen würde. Elf Monate gilt es bis dahin noch zu überstehen.
In der Nacht vor Jaspers letzter Abreise kommt es zum Eklat. Heemskirk sieht seine Felle davonschwimmen. In seinem Hochmut, der die Ablehnung nicht hinnehmen will, versucht er sich mit Gewalt zu nehmen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Freya wehrt sich mit Kräften und hat das Glück, daß ihr Vater sich nähert. Das treibt Heemskirk in die Raserei. „Die Demütigung der Ohrfeige, der Zorn über die Vereitelung seines Vorhabens, die Lächerlichkeit der Bloßstellung und die Unmöglichkeit jeglicher Rachenahme, alles das brachte ihn dermaßen in Rage, daß er sich nur noch mit wütendem Gebrüll zu helfen wußte.“
Wutentbrannt und rachelüstern reist auch er ab, nachdem es sich Freya nicht hat nehmen lassen, seine Eifersucht noch weiter anzustacheln. Fortan gilt sein gesamtes Bestreben der Zerstörung des romantischen Idylls zwischen Freya und Jasper. Conrad läßt den Leser teilhaben an der egoistischen Eifersucht eines Mannes, der Macht besitzt und diese heißblütig ausnützt. Mit unermesslicher Bösartigkeit reißt Heemskirk das Schicksal dieser zwei Liebenden an sich und stürzt sie skrupellos in abgrundtiefes Unglück. Hier ist nicht die Banalität des Bösen am Werk, sondern wohl durchdachter, geplanter und gezielter Vernichtungswillen. Ein durch und durch in seiner Eitelkeit gekränkter Mann setzt alle Hebel denkbarer Perfidie in Bewegung. Der Leser blickt ganz tief in die Psyche eines äußerst schwachen Charakters. Heemskirk ist die Ausgeburt des Verwerflichen.
Martin Beheim-Schwarzbach meinte, „das Komplott der Götter gegen zwei Liebende und die totale Hilflosigkeit wie auch Schuldlosigkeit der Opfer sind herzzerreisend“. Kann man so lesen. Mich hat aber noch ein anderer Gedanke sehr mitgenommen, nämlich das Verhalten von Jasper und Freya nach dem Verlust der Bonito. Wie tief kann die Liebe der beiden zueinander gewesen sein, wenn sie sich von diesem Schicksalsschlag so niederschmettern ließen?
Conrad zeigt uns in seiner „Geschichte von seichten Gewässern“, so der Untertitel der Erzählung, nur schwache, dem Materiellen verhaftete Menschen. Freyas Vater verweigert sich praktisch bis zum bitteren Ende der Wahrheit, will nicht wahrhaben, was seine Tochter wirklich in den Tod getrieben hat. Es ist diese Lebenslüge, die Borniertheit dieses alten Mannes, die den Leser sprachlos zurückläßt. In keiner Minute seines Lebens war dieser weitgereiste, aber zeitlebens ängstliche Mann in der Lage, die Gefühle seiner Tochter zu durchschauen, geschweige denn ihr zu helfen.
Und Jasper und Freya? Sie hatten ihre gemeinsame Zukunft an die Bonito geknüpft. Mit dem Verlust der Brigg glauben sie sich jeder Lebensgrundlage entzogen und ihre Liebe erlischt. Der einst tatendurstige und draufgängerische Jasper ist am Boden zerstört. Seine Liebe zu seinem Schiff war mindestens genauso groß wie die zu Freya. Beim Kauf der Brigg war diese „noch schwarz und düster und völlig verdreckt; eine glanzlose Perle der See, oder richtiger noch, ein heruntergekommenes Meisterwerk“. Er sah sofort, was in ihr steckte. Es war Liebe auf den ersten Blick wie bei Freya. „Er hüllte sie in zahlreiche Schichten edelster weißer Farbe …, daß sie makelloser aussah und sich glatter anfühlte als die kostbarste Emaille“. Schließlich segelte sie „wie eine Hexe und lag auf dem Ruder wie eine kleine Jolle, und wie einige schöne und verwegene Frauen, die wir aus der Geschichte kennen, schien sie eingeweiht in das Geheimnis der ewigen Jugend, und so war es nicht weiter verwunderlich, daß Jasper Allen sie wie eine Geliebte behandelte“.
Heemskirk ist sich auch dieser Zuneigung bewußt. Seine Zerstörungswut ist eine totale. Da ihm die Vergewaltigung von Freya mißlang, bleibt ihm nur, sich an der Bonito zu vergehen. Der in seiner Ehre zutiefst verletzte Leutnant greift zum verwerflichsten Mittel, einem Akt, der gegen jeden Kodex in der Seefahrt verstößt. Conrad verarbeitet hier etwas, das er als Kapitän selbst erlebt hat.
Jasper wird von Heemskirk auf See abgefangen, Kraft seines Amtes wegen angeblichen Waffenschmuggels festgesetzt und die Bonito ins Schlepptau genommen. Als sie in den Hafen von Makassar einlaufen, vollzieht sich das Schicksal. Triumph und Niederlage bekommen ein Gesicht. Heemskirk „kam in den Genuß, eine übernatürliche, eine unvorstellbare Vollkommenheit der Rache zu kosten; dem Herzen des ihm verhaßten Menschen den tödlichen Stoß zu versetzen und dann zuzusehen, wie er mit dem Dolch in der Brust herumlief“. Und Jasper verliert seine ganze menschliche Größe. „Zwei Jahre lang hatte er in völlig berauschter Zuversicht auf einen Tag gewartet, der nun niemals mehr kommen würde für einen Mann, der mit dem Verlust der Brigg für den Rest seines Lebens entwaffnet, dem, so kam es ihm vor, die Fähigkeit zur Liebe auf ewig genommen war, da er ihr keine Zuflucht mehr bieten konnte.“ Er läßt sich gehen, der Schlag des Rivalen wirft ihn vollkommen aus der Bahn, letzten Endes wird er selbst zum Wrack.
Lange hatte Freya nichts von ihrem Geliebten gehört. Dann bringt ein Postschiff erste unsichere Nachrichten über den Verlust der Bonito. Als sich alles konkretisiert, macht sie sich bittere Vorwürfe, fühlt sich mitverantwortlich für die Geschehnisse, hadert mit ihrer „Feigheit“, aus Rücksicht auf ihren Vater nicht schon früher mit Jasper mitgegangen zu sein; auch daß sie mit ihrem provozierenden Verhalten Heemskirk zur Weißglut getrieben hat. Gleichzeitig verachtet sie Jaspers Schwäche. Der Erzähler bedauert „das arme Mädchen, das in seinem Kampf mit den Idiotien dreier Männer unterlegen war und schließlich sogar an sich selbst zweifelte“. Aber mir stellt sich die Frage: Warum hat sie sich nicht auf den Weg gemacht zu ihrem Geliebten, um ihm beizustehen?
Conrad ist natürlich ein viel zu guter Erzähler, um dem Leser ein billiges Ende zu bieten. Er hat auf See viel erlebt, ihm sind keine menschlichen Abgründe fremd, und alles Erlebte hat er in seine Geschichten gepackt. Oder wie es Andre Gide formuliert hat: „Niemand lebte sein Leben mit wilderer Entschlossenheit, und niemand hat seither das Leben mit solcher Ausdauer, ebenso bewußt wie weise, in Kunst umgesetzt.“
Man sollte diese gut 100 Seiten unbedingt in der eleganten Übersetzung von Nikolaus Hansen lesen. Die Lektüre dauert zwei bis drei Stunden, aber diese universelle Geschichte läßt einen nachdenklichen Leser noch tagelang nicht in Ruhe.
Juli 2025