Bauern Blues

Zu Franz Doblers Roman „Tollwut“

Wenn man bösartig argumentieren wollte, dann könnte man sagen, daß die jungen deutschsprachigen Gegenwartsautoren samt und sonders nichts zu erzählen haben. Sie haben ihr Abitur gemacht, ein geistes-wissenschaftliches Studium abgeschlossen und nicht den Sprung in den Schuldienst geschafft. Ihr Leben ist gleichförmig verlaufen, ohne Höhen und Tiefen. Da sie nichts Nennenswertes erlebt haben, die Umwelt ihnen mehr oder weniger gleichgültig ist, zehren sie einzig und allein von dem, was sie aus zweiter Hand haben. Man muß schon dankbar sein, wenn ein junger Schreiber von heute auch ein Leser ist. Immerhin versetzt das die Intelligenteren unter ihnen in die Lage, sich in hochartifiziellem, sprachlichem Kunsthandwerk zu versuchen.

Ein Paradebeispiel dafür ist Marcel Beyers Erstling „Das Menschenfleisch“. In diesem Buch wird in Vollendung vorgeführt, in welche Sackgasse die Literatur gerät, wenn der Kopf des Autors leer ist. Über die Methode dieser Autoren schreibt der Kritiker Matthias Rüb: „Dabei werden aufgeschnappte, aber intellektuell nicht verdaute Lektürehäppchen einfach aneinandergereiht. Der so entstehende ‚Textkörper‘ darf vollkommener Unfug sein, denn er rechnet nicht mit dem Verständnis, sondern mit dem Einverständnis eines Publikums, das noch jedes raunende Gestammel für bedeutsam hält.“

Man muß diesen Hintergrund kennen, um ermessen zu können, welche Qualität das neue Buch von Franz Dobler hat. Der 1959 im oberbayrischen Schongau geborene, seit Jahren in München lebende Dobler ist nämlich das genaue Gegenteil der allermeisten Kollegen seiner Generation. Mit „ToIlwut“, seinem ersten Roman, hat er jetzt ein Buch abgeliefert, das nicht nur von bewundernswerter stilistischer Konsequenz ist, sondern auch ein eminent politisches Problem zum Thema hat. Dobler erzählt in einer originären, dem bayrischen Sprechduktus angelehnten Sprache ein exemplarisches Stück deutsche Wirklichkeit: Die systematische Vernichtung des Berufsfeldes Landwirt.

Matthias ist der Sohn eines Bauern, aufgewachsen in einem Donaumooser Weiler mit drei Häusern. Er ist ein Eigenbrötler, ein Rockabilly. Mit der Landwirtschaft seines Vaters hat er nichts am Hut. Mehr als Melken und Ackern interessieren ihn Schallplatten von Willie Nelson, Jerry Lee Lewis, Chuck Berry oder Eddie Cochran. Seine Eltern haben sich mehr als fünfzig Jahre auf ihrem Hof krummgelegt. Für nichts und wieder nichts. Den knallharten Bedinqungen der freien Marktwirtschaft konnten sie nichts entgegensetzen. Weder einen technisch hochgerüsteten Betrieb, noch einen Stammhalter, der den Kampf mit der Konkurrenz hätte aufnehmen wollen.

„Ein Bauer verkauft sein Land niemals, das war das eine Gesetz Und das andere erlaubte ihm nicht, in die Fabrik zu gehen und die Landwirtschaft als Wochenendvergnügen zu betreiben.“ Matthias beobachtet alles mit wachem Verstand. Er sieht, wie dem Vater „der Wind ins Gesicht haute“, wie dieser sich immer tiefer in die Schuld der Banken begibt, weiß im Grunde, was die Zeichen der Zeit verlangen und wie die Geschichte ausgehen wird. „Das haben sie bei der Bank gleich gesehen, daß er keine Ahnung von dem Kram hat, und dann haben sie sich gesagt, dem geben wir einfach den Kredit und dann den, kein Problem, der hat ja was, und wenn es einmal ganz schnell gehen muß, dann geben wir ihm diesen, sehr günstig, das freut ihn, allerdings nur günstig, wenn man ihn sehr schnell zurückzahlt, der wird sich wundern, und dann kriegt er noch diesen, und wenn er was merkt, gehört schon alles uns …“

So kommt es. Die Eltern sind pleite. Die Münchner Immobilienfirma Resser und Co. kauft den Hof. Die „flotten Enddreißiger“ planen, auf dem Gelände einen Freizeitpark für die Städter zu bauen. Die Eltern müssen nach „Kazettstadt“ ziehen, wo sie in einer Schuhschachtel weiterleben dürfen, „ohne Garten, ohne Hühner, dafür ein schöneres Bad“. Matthias hockt am Tag des Auszugs mit seinen Eltern im Schatten des Bauernhauses. Er schaut auf seinen gebrochenen Vater, und da kommt in ihm nicht nur die kalte Wut, sondern auch eine Erkenntnis hoch: „Er war kein Bauer mehr, und ich war nichtmal mehr ein halber. Aber genau genommen, vielleicht stimmte es, daß man immer einer blieb, wenn man einer gewesen war, und weit draußen wohnten wir immer noch …“ Die Einsicht und die Schuldgefühle treiben ihn in die Natur: „Dann saß ich wieder stundenlang am See und stierte hinein, konnte den Gedanken nicht mehr loswerden, daß ich eine Mitschuld hatte und daß die groß war. Denn ich wäre schon lange alt genug gewesen, alles zu übernehmen und die Karre aus dem Dreck zu ziehen, aber ich hatte mich rausgehalten; so war es, und so war es nicht. Jetzt war es zu spät.“

Das erste Mal in seinem Leben sieht Matthias seine Verantwortung. Mit dem vom Großvater geerbten Gewehr geht er auf den Immobilienhai los, als dieser den Auszug der Eltern beschleunigen will. Es kommt nicht zum Blutvergießen, aber von nun an ist Matthias ein Fall für die Justiz: unerlaubter Waffenbesitz, Nötigung mit einer Waffe und Landfriedensbruch. Obwohl es der zuständige Polizist anfangs mit ihm gut meint, gerät Matthias immer tiefer in den Schlamassel, weil er die ihm zur Last gelegten Delikte als moralisch gerechtfertigt betrachtet. Er zieht sich in die Wälder zurück und beginnt, unterstützt von Freunden, seinen privaten Rachefeldzug gegen die Invasoren aus der Großstadt.

Matthias wird ein Seelenverwandter von Michael Kohlhaas, Robin Hood, den einsamen good bad guys aus Westernfilmen und von den bayrischen Lokalgrößen Mathias Kneißl und Theo Berger alias dem “Capone vom Donaumoos“. Der Westernliebhaber Dobler hat sich von den alten Legenden und Mythen inspirieren lassen (sein Jesse-James-Buch ist nach gerade eine Hommage an diese Mystizismen), die Dramaturgie seines Romanes bringt nichts Überraschendes oder Neues, und trotzdem ist „Tollwut“ ein Buch mit Sogwirkung. Die Charaktere sind lebendig und liebevoll gezeichnet, das NatureIl dieser Hinterwäldler und Großstädter ist exakt getroffen, die Story ist spannend gestrickt, die politische Message ist unaufdringlich, aber wirkungsvoll. Ich kenne kein anderes Buch, das das Bauernsterben in unserem Land so authentisch und gleichzeitig auf vollkommen unpathetische Art schildert.

Anders als die Münchner Nullnummer Andreas Neumeister zeichnet Dobler nicht nur ein realistisches Bild der Zustände auf dem Land, sondern trifft auch das Lebensgefühl der Münchner Schickeria und Dropouts sehr genau. Matthias versteckt sich zuerst bei dem alten Greitner, auch einer, der immer seinen eigenen Kopf hatte und dafür schwer bezahlt hat. „Ein Suffkopf war er gewesen. In einer Wirtschaft hatte er zu viel erwischt und herumkrakeelt, daß der tolle Adolf auch bloß einer ist, der nach dem Scheißen ein dreckiges Arschloch hat. Damit kam er ihnen gerade recht. Großmaul Suffkopf Habenichts, ein Sandler aus dem Moos draußen. Die konnten froh sein, daß sie nicht gleich alle abgeholt wurden, ein jeder Dreck am Stecken, ein jeder ein Lump, politisch unzuverläßig.“ Dobler legt schonungslos den Finger in die deutsche Wunde und zieht entlarvend die Trennungslinie zwischen denen, die es per Propaganda gelernt haben, und denjenigen, denen man es im Arbeitslager per Gewehrkolben eingebleut hat: „Es gibt eine n Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam Fleiß Ehrlichkeit Ordnung Sauberkeit Nüchternheit Wahrhaftigkeit Opfersinn und Liebe zum Vaterland.“ Zwischen denen, die auf irgendeine Art Widerstand gegen das Unrecht geleistet haben, und denen, die sich gottergeben geduckt und Karriere gemacht haben. Ohne daß Dobler die Parallelen als solche benennen würde, versteht der Leser, daß sich in manchen Dingen zwischen damals und heute nicht viel geändert hat.

Später findet unser junger Rebell Unterschlupf in der Stadt und trifft dort auf solche, die ihre Landflucht als das Nonplusultra anpreisen, aber nie begreifen werden, daß ihre scheinbare Freiheit nur eine noch subtilere Abhängigkeit ist, und sie in gewisser Weise die Nazi-Parolen idealtypisch verkörpern. „Alles sauber und ordentlich, ein Meer von rosa Fliesen, Berge von Handbüchern, ein Spiegel breiter als ich groß, eine Armee von Wässerchen und Tuben und Bürsten auf der Ablage. Ein paar verglaste Photographien, Silhouetten von Hochhäusern, rauchende Frau mit Handschuh und Hut, junger Mann an einen Straßenkreuzer gelehnt. In einer Ecke ein Tischchen mit einer strotzenden Pflanze. Das war kein Klo mit Wanne, das rümpfte die Nase, wenn der Geruch von Scheiße durchzog …“

Doblers Sympathien liegen klar bei den Unterprivilegierten und Unangepaßten, bei denjenigen, die man nicht mit Surrogaten abspeisen kann, die sich nicht kaufen lassen, die ihr Ding durchziehen, weil es getan werden muß, die von einem grausamen Schicksal benachteiligt wurden. Doblers Helden stinken nach Arbeitsschweiß, stottern oder hinken, wurden von den Nazis ins KZ gesteckt und werden von Kapitalisten um den Lohn ihrer Handarbeit gebracht. Keine seiner Figuren ist das Schnitzwerk eines Elfenbeinturmbewohners. Wer mit offenen Augen und wachem Verstand über die Dörfer fährt oder sich in den schicken Szenekneipen der Hauptstädte umtut, wird ihnen im wirklichen Leben begegnen.

Man kann nur hoffen, daß Doblers „ToIlwut“ die ihr gebührende Aufmerksamkeit gezollt wird. Nicht jeder junge Gegenwartsautor muß sich unbedingt in die Tradition solch ehrwürdiger Literaturanarchisten wie Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Karl Valentin oder Herbert Achternbusch einreihen, aber Doblers klaren Blick, sein Gespür für brisante Themen, seine Kenntnis elementarster Bauernregeln, seine Beobachtungsgabe, seine Liebe zu den lebenden Wesen und seine Kunst, ohne viel Brimborium die Dinge auf den Punkt zu bringen, wäre jedem zu wünschen. „Die Nächte waren schon kühl geworden, und seit ein paar Tagen flogen die Schwalben sehr tief, ein Zeichen, daß der Sommer vorbei war und es in der Nacht oder am nächsten Tag einen kalten Regen geben würde. Aber sie machten es schon seit Tagen so und trotzdem war jeder nächste Tag wieder schön gewesen. Nichts stimmte mehr. Sogar die Schwalben hatten keine Ahnung mehr. Nichts stimmte mehr, und nichts konnte einem helfen, außer das Trinken, das sollte mir helfen, endlich einen langen Schlaf zu erwischen, so einen, wo du dann aufstehst und dich fragst, ob es jemals irgendwas gegeben hat, weswegen du die Hände zum Himmel gehoben hast?“

Franz Dobler: Tollwut, Edition Nautilus, 178 Seiten, 32 Mark

Franz Dobler: Jesse James und andere Westerngedichte, bommas verlag, 64 Seiten, 10 Mark

September 1991