Knallchargen, Dünnbrettbohrer und Blindfische
Eine Polemik zur deutschsprachigen Filmkritik.
Filmkritik heißt für mich: Wissen gepaart mit Leidenschaft. Dozenten, Seminaristen, akademische Langweiler sind mir ein Greuel. Von einer Filmkritik erwarte ich, daß sie mich gleichermaßen unterhält, informiert und mir im besten Fall neue Horizonte eröffnet. Mit ganz wenigen Ausnahmen kann die deutschsprachige Filmkritik diese Erwartungen nicht erfüllen. In überwiegendem Maße dilettieren die Herren und Damen Filmkritiker durch den Blätterwald und brabbeln ungeniert gequirlten Schwachsinn vor Rundfunkmikrofonen und Fernsehkameras, daß es einem die Schamesröte bis in die Kniekehlen treibt.
Für die Deutschen ist Film immer noch keine Kunst und die Filmkritik das Stiefkind des Feuilletons, zwar vorhanden und geduldet, aber am schlechtesten bezahlt und wenigsten angesehen. „Bloß“ Filmkritiker zu sein, ist immer noch eher eine Schmach als eine Auszeichnung, weswegen es auch so wenige Nur-Filmkritiker gibt. Hierzulande gilt die Parole: Filmkritiker kann jeder werden, der nicht auf beiden Augen blind und im Besitz eines Fernsehgerätes ist. Entsprechend groß ist der Haufen derer, die meinen, zum Filmkritiker geboren zu sein, nur weil sie ein paar Mal im Kino waren und in der Lage sind, einen Videorekorder zu bedienen.
Die deutsche Filmindustrie und die deutschsprachige Filmkritik verdienen einander: regiert auf der Leinwand überwiegend der gehobene Blödsinn, peinlichster Klamauk, Supernase & Co. und lahmarschige Action, so wird die Kritik dazu bestimmt von Plaudertaschen, Knallchargen, Dünnbrettbohrern, Dummschwätzern und Intelligenzbolzen.
Hoffnung auf Besserung gibt es keine, weil es bereits mit einem versauten Nachwuchs anfängt. Viele spätere Filmkritiker starten ihre Laufbahn bei den kostenlosen Anzeigenblättchen, deren „Filmteil“ von pubertierenden Pennälern bestritten wird, die – natürlich von keinem instruiert und ohne jeglichen Berufsethos zu den Pressevorführungen scharenweise ihre Freunde/innen, bei denen sie sich wichtig machen wollen, mitbringen und statt aufmerksam ihre Augen nach vorne auf die Leinwand zu richten, lieber rumknutschen oder saudumm im Kino rumkrakeelen.
Man fragt sich allerdings, woher der Nachwuchs die Vorbilder nehmen soll, solange es Maulhelden wie Michael Kötz gibt, dessen Hauptbeschäftigung darin zu liegen scheint, auf die plumpeste Art Kolleginnen anzubaggern und bei diversen Empfängen und Presseterminen das Büffet abzuräumen und anschließend im Kino rülpsend und schmatzend zu randalieren und Kollegen zu stören (da soll sich noch mal einer über deren Gedankenakrobatik anderntags in der Zeitung wundern).
Warum sollte der Nachwuchs motiviert sein, sich in der Filmgeschichte kundig zu machen, wenn doch erwiesen ist, daß selbst in der renommierten Frankfurter Rundschau Leute regelmäßig Filmkritiken schreiben dürfen, die eingestandenermaßen weder Filme von Erich von Stroheim noch von John Ford kennen und denen man noch nicht mal einen eigenen Geschmack bescheinigen kann? Oder wenn der verantwortliche Filmredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Partysteher und Cocktailschlürfer wie Uwe Schmitt in einen Aussteigerfilm schickt, dessen Quintessenz diese Beamtenseele von TV-Kritiker gar nicht begreifen kann, weil es für ihn ganz selbstverständlich ist, automatisch alle paar Jahre eine Gehaltserhöhung zu bekommen.
Was sollte den Nachwuchs verlocken, sich ein breites Repertoirewissen und ein unbeugsames Rückgrat zuzulegen, wenn doch offensichtlich ist, daß man auch als opportunistischer Klugscheißer verantwortlicher Ressortleiter bei auflagenstarken Blättern werden kann? Immerhin ist seit seinem peinlichen Rundumschlag gegen den deutschen Film in TEMPO 2/90 auch einigen seiner Fans aufgegangen, daß Claudius Seidl (30) ein ängstlicher Duckmäuser ist, der zwar zu einer pauschalen, wenn auch ziemlich bißlosen Beschimpfung der Vatergeneration fähig, aber doch zu feige ist, um nur einen einzigen Namen zu nennen. Was natürlich Sinn macht, wenn man weiß, daß Redakteure äußerst mimosenhaft auf Kritik reagieren und „Nestbeschmutzern“ sofort die Mitarbeit kündigen. Und Seidl wollte selbstverständlich seine Jobs bei der Süddeutschen, Die Zeit u.a. nicht aufs Spiel setzen.
Der ewige Uniseminarist und oberlehrerhaft altkluge („Denn die Schönheit ist der Weg des Fühlenden zum Geiste. Und wer das nicht glaubt, der soll zur Hölle fahren!“) Andreas Kilb (29) wiederum, der von dem bißchen zehrt, was er an der Frankfurter Uni bei Leuten gelernt hat, die selbst keine Ahnung vom Kino haben, was ihn wiederum nicht gehindert hat, Filmchef bei DIE ZEIT zu werden, würde auf solch einen rebellischen Gedanken nicht mal kommen. Seine hartnäckige Suche nach der längst ausgestorbenen Spezies Autorenfilmer und sein immerhin ehrenrühriges Bemühen, sich mit seiner geschniegelten Sprache irgendwie an Schriftsteller wie Botho Strauß oder Peter Handke anzunähern, lassen ihm einfach keine Zeit, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
Natürlich gibt es auch in Deutschland ein paar Filmkritiker, die echt was auf dem Kasten haben: wirkliche Kinofreaks, kompetente Enthusiasten und wahre Sprachkünstler. Die unbestritten beste, weil intelligenteste Filmkritikerin der letzten dreißig Jahre ist Frieda Grafe, die leider seit einiger Zeit fast gar nichts mehr schreibt. Sie erfüllte in Reinkultur meine Forderungen an Kritik: Kompetenz, Wissen, Entertainment, Liebe zum Gegenstand. Seit sie schweigt, gibt es nur noch einen, der das in gleichem Maße erfüllt: Norbert Grob. Grafe und Grob sind die einzigen, von denen ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe. Die Lektüre ihrer Kritiken und Bücher hat Horizonte geöffnet und Spaß gemacht.
Der ungekrönte Popstar unter den Massenblattschreibern ist die Münchnerin Ponkie. Auch außerhalb der Bayernmetropole kennt sie jeder, der hin und wieder einen Blick auf Annoncen von Verleihern wirft. Ihrer Könnerschaft, ihr unbestechliches Urteil in wenigen Sätzen auf den berühmten Punkt zu bringen, verdankt sie es, zur meistzitierten Filmkritikerin Deutschlands geworden zu sein. Mit Leichtigkeit schafft sie, was Kritikerkoryphäen wie Wolfram Schütte oder Wolf Donner bis zum Sanktnimmerleinstag nicht erreichen werden: Sie wird von den Produzenten gefürchtet (Bavaria-Chef Günther Rohrbach nannte sie während der diesjährigen Preisverleihung des Bayrischen Filmpreises sichtlich gereizt eine „aufgeregte Kritiker-Eule“), weil sie von den unterschiedlichsten Kinogängern gelesen wird und damit den Ramboglotzer gleichermaßen wie den Rohmerseher beeinflußt. Während sich von der Laufkundschaft bis zum Cineasten keiner Ponkies pointenreichen Geistesblitzen entziehen kann, sind Spiegel-Chauvi Hellmuth Karasek und der trinkfeste Spaßguerillero Harry Rowohlt (Die Zeit), beide sprachliche Filigrankomiker deutschen Hintersinns und Meister der kurzen Form, aufgrund ihrer intellektuell ausgerichteten Foren in ihrer Breitenwirksamkeit stark gehandicapt.
Eine Lanze brechen muß man auch für ein paar Filmkritiker aus den Stadtmagazinen. Hier schreiben noch am ehesten die Filmmaniacs, denen das Tageslicht in den Augen wehtut, die sich auch lange vor den großbürgerlichen Feuilletonisten für Avantgarde- und Experimentalfilmer stark machen oder schon frühzeitig diejenigen Filmemacher von der Spreu trennen, die das Zeug zum Kultfilmer haben. Stellvertretend seien an dieser Stelle nur Szene-Autor Dietrich Kuhlbrodt, der mutig und risikofreudig ohne Rücksicht auf Sitte und Konvention auf sein Urteil vertraut, und der Metaphernhasadeur Andreas Dosch (Auftritt, Frankfurt) genannt, den ich am liebsten seitenweise zitieren würde: „Ab und zu wird lieblos eine falsche Fährte ausgelegt, der Zuschauer zum Mitgrübeln animiert, doch im Strudel der Leidenschaft spielt das Spannungsmoment die Rolle eines benutzten Kondoms: Es liegt neben dem Bett und erinnert an das, was war.“
Filmkritik im Fernsehen ist mindestens genauso pervers wie Videowerbung im Kino. Die saharafeuchten Kalauer von Kino-Hitparaden-Tussi Sabine Sauer („Auf der ganzen Welt gibt es nur einen Wald, der keine Probleme hat: Walt Disney.)“, die blutlose Moderation von Michael Strauven, die stammelnden Smalltalks von Mickey-Mouse-Face Jürgen Kritz („Wir sind ja schließlich im Kino.”), das inkompetente Gelalle der gesamten „Aspekte „-Crew, die Hofberichterstattungen von Helmut Dimko lassen erst gar keine Lust am Mythos des Kinos aufkommen. Seit Manuela Reichart der Mattscheibe als Filmkritikerin den Rücken gekehrt hat, darf sich nur noch glücklich schätzen, wer S3 empfangen kann. Dort macht an jedem dritten Freitag im Monat Kritikerdiva Peter Kreglinger seinen „Kinokalender“, eine dreiviertelstündige Kinosendung, von der alle anderen am besten alles abkupfern sollten.
Alles in allem: es ist zum Heulen. Am besten, man hält sich an die paar wenigen, auf die man sich verlassen kann und ignoriert den Rest der Blindfische, die Samuel Fuller folgendermaßen treffend charakterisiert hat: „Unglücklicherweise meinen Kritiker immer, was sie auf der Leinwand sehen, sei das, was der Autor aus Überzeugung sage. Wenn ich zum Beispiel einen Film mache über einen Mann, der gerne Tische ißt, heißt das doch noch lange nicht, daß ich selbst gerne Tische esse.”
Zitate:
„Mindestens einmal im Monat starre ich stumpfsinnig meine Schreibmaschine an und bitte sie, mir doch endlich zu verraten, was das ist, eine Filmkritik, was es soll, solche Artikel zu schreiben, und wen dieses Geschreibsel überhaupt interessiert.“ Claudius Seidl
„Hätte die Berlinale nicht diesen fabelhaften Chuck Berry um Mitternacht auf die Festspielkrüppel losgelassen, wäre unsereiner nach vier Berlinale-Tagen schon schrottreif. Aber so ein Rock’n’Roll-Hammer bringt auch halbtote Filmkritiker wieder auf Trab.“ Ponkie
„‚Der Stil ist die Story‘ lautet hier angeblich die Botschaft. Ich hatte zum erstenmal meinen nagelneuen offiziellen Leuchtkugelschreiber dabei, und der faszinierte mich mindestens so sehr wie der Film. Für mich war die Botschaft: ‚Le stylo, c’est l’histoire.’“ Harry Rowohlt
“George Lazenby war der einzige Bond, der heiraten durfte: die “Schirm, Charme und Melone‘-Heroine Diana Rigg. Sonst verstrahlte er in etwa den Charme eines Fußballspielers von Hajduk Split, und zwar den eines Verteidigers.“ Hellmuth Karasek
„Aber nach der Pressevorführung des neuen Bond gingen zwei Frauen Richtung Toilette (Warum gehen Frauen immer zu zweit aufs Klo? – auch so ein Welträtsel), und die eine sagte zur anderen: ‚Das war mein erster Bond.‘ Und die andere sagte: ‚Meiner auch. Findest du den auch so menschenverachtend?‘ Da wußte ich endgültig, warum mir der Film so gefallen hat.” Hellmuth Karasek
Erstdruck in Auftritt, Heft 12/1988