Die Fick-Maschine (Udo Breger 1970)

Würde heute jemand solch einen Text publizieren, wäre er erledigt. Oder würde sich, angesichts der selbst für Jugendliche frei zugänglichen Pornografie im Internet, lächerlich machen. Aber Ende der 1960er Jahre war „Die Fick-Maschine“ von Jürgen Ploog formal und inhaltlich künstlerische Avantgarde. Bei der Lektüre muß man sich immer das gesellschaftliche Klima der damaligen Zeit vergegenwärtigen. Deutschland war ein miefiges, prüdes und politisch noch stark NS-geprägtes Land. Nicht umsonst hieß eine der bekanntesten Parolen der Studentenbewegung: „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Der progressive Teil der Jugend wollte sich endlich von den Eltern emanzipieren, suchte nach neuen Lebensentwürfen und fand sie unter anderen in der amerikanischen Beat-, Hippie- und Flower-Power-Bewegung. Eines der zentralen Themen war die sexuelle Befreiung.

Vor diesem Hintergrund ist Ploogs vulgäre Science-Fiction-Geschichte ein Zeugnis der Auflehnung gegen die bestehenden Verhältnisse. Der Autor spielt hier mit allen Reizwörtern, die damals für Skandale sorgten: Ficken, Schwanz, Möse, Arschbacken, Analverkehr, Kitzler, Vulva etc. Er benutzt das gesamte Vokabular der Pornoindustrie. Es geht um das Ausloten von Grenzen in einer Zeit der großen Experimente und Tabuverletzungen.

Das Personal in dieser soften Cut-up-Erzählung besteht aus Abdel Meik, Kiki, Mike Schweinsberg, Max K. und von Meier. Dieser zusammengewürfelte Haufen agiert vorwiegend im Magreb, zeitweise in Tanger, in einer Art Dauererregung, erlebt diverse sexuelle Abenteuer und bastelt an einer revolutionären Idee: der Fickmaschine. Die Ausgangssituation ist simpel. Alle Menschen suchen nach der vollkommenen sexuellen Erfüllung. Die meisten Menschen können dieser Erwartung nicht gerecht werden, also soll eine Maschine Abhilfe schaffen. „Die Klitoris-Maschine mit dem Lernelement“ ist eine erste Variante. Aber angestrebt wird ein „Mensch-Maschine-System das die unbegrenzte bewußte Informationsverarbeitung des zentralen Nervensystems einschließt … wir haben die Kenntnisse über die menschlichen Sinnesorgane & das neuro-muskulare System um den optimalen Orgasmus zu erzeugen … ein Knopfdruck & die westliche Zivilisation fliegt in die Luft“.

„Die Fick-Maschine“ ist eine visionäre Prophezeiung dessen, was heute längst Realität ist. „Man kann sich längst eine Maschine vorstellen die alle Information über Erotik sammelt & daraus als Funktion der menschlichen Durchschnittspsychologie bestimmt welche Maßnahmen zur maximalen Lustbefriedigung geeignet sind. Unser Verhalten ist vorprogrammiert durch den Gefühlsballast vergangener Jahrhunderte. Sehen Sie sich den moralischen Komposthaufen der alten Welt an … eine Wüstenlandschaft absterbender menschlicher Beziehungen & semantologischer Mißverständnisse … Individualität besteht nur noch in der Speicherung früherer Programme & Gedächtnisinhalte & in der Fortsetzung ihrer Entwicklung in bereits eingeschlagene Richtungen. Ich sage Ihnen die Zeit der Mensch-Maschinen ist gekommen …“

Was Ende der 1960er Jahre noch wie ein durchgedrehter Drogenrausch daherkam und von der etablierten Literaturkritik auch so abgekanzelt wurde, liest sich heute wie eine aktuelle Momentaufnahme. Innerhalb von 55 Jahren sind Ploogs kühne Phantasien dank 3D-Druckern und KI Alltag geworden. Faszinierend und erschreckend zugleich, wie weitsichtig Ploog in seinen Texten immer wieder war. Er hat frühzeitig gesehen und zu Papier gebracht, zu was der Mensch fähig ist und daß die Menschheit in ihrem Handeln keine Grenzen kennt.

Interessant für Sammler ist, daß es von dieser LP-großen Ausgabe zwei verschiedene Titelmotive gibt. Wobei das mit dem Foto wohl auf einen Wunsch des Autors zurückgeht und nur in kleiner Stückzahl gedruckt wurde.