Ferne Routen (Moloko Print 2016)

Grips, das alter ego des Autors, ist Pilot. Berufsbedingt ist er heute hier und morgen da. Er treibt scheinbar ziellos durch die Welt, hängt allein in Hotels ab und trifft dort vorwiegend Frauen, die ihm dubiose Aufträge erteilen wollen. Er folgt Verabredungen an exotische Orte, die dann nicht eingehalten werden und halluziniert über erotische Abenteuer, die weit in der Vergangenheit liegen. Er läßt sich leiten von der „Sehnsucht nach einem anderen erotischen Repertoire“.
„Der Mythologie des Fliegens erliegen. Worin bestand dieses Abheben, dieses Weg-von-hier?“ Ploog spielt in diesem Buch alle Varianten des Reisens, alle Lokalitäten des Fliegens durch. Wie bei ihm nicht anders gewohnt, reiht er viele Mikrogeschichten hintereinander, atmosphärisch wähnt man sich als Leser in einem Roman von Joseph Conrad oder von B. Traven. Aber man darf keine linear erzählte Geschichte erwarten.
Was Ploog in „Strassen des Zufalls“ als poetologisches Programm umrissen hat, wird in „Ferne Routen“ durchexerziert. Es werden „Worte in einen Zusammenhang gebracht & damit eine unkontrollierte Reaktion ausgelöst“. „Worte setzen sich in alle Richtungen in Bewegung.“ Als Leser muß man sich fallen lassen in diese kurzen Filmsets mit ihren lakonischen Dialogen. Die Imagination geht auf Reisen. Orte, Handlungen und Personal wechseln in schnellen Schnitten. Es gibt eine handvoll Protagonisten, die immer wieder auftauchen, aber die Zeit- und Handlungsebenen können weit auseinander liegen. „Wenn die Zeit Sprünge macht, musste sich der Leser festhalten. Wie auf einer Fahrt mit einer Achterbahn, die durch Täler & über geodätisch gekrümmte Berge sauste. Die Farben nahmen dabei eine psychedelische Tönung an. Am Horizont erschien ein graublauer Streifen, der das grobe Muster einer Regenwand hatte.“
Trotz exotischer Kulissen und angedeuteter Plots passiert fast nichts. Grips‘ Suche nach der mysteriösen Lorita, von der „es heisst, sie erledigt Aufträge, dies & das. Nichts Bestimmtes“, besteht fast nur aus Warten. Beiläufig beobachtet er Geschäftsreisende, Backpacker, Pauschaltouristen, hockt einsam auf Hotelzimmern, erlebt flüchtige Begegnungen in Hotelbars, räsoniert über Flughäfen als Transitorte, berichtet über Gespräche am Flugschalter, Turbulenzen während des Flugs, die Miseren von verpaßten Flügen – Episoden, die jeder (Flug)Reisende schon erlebt hat.
Aber Ploogs rhizomhafte Aufzeichnungen langweilen nicht, weil sie getränkt sind von Wissen und Lebenserfahrung und in ihnen immer eine leicht philosophische Note mitschwingt. „Niemand nirgends nie war ein verdammt schlechter Ansatz, wenn es darum ging, sich in eine körperliche Episode zu stürzen. Erfahrungen? Nun, die waren ohne den Preis von Zerstörung kaum noch zu haben.“
Ploog beweist mit „Ferne Routen“ einmal mehr, wie modern sein Erzählen ist. Man kann sein Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und mit dem Lesen anfangen, vor- und zurückspringen, dem Genuß der Lektüre tut das absolut keinen Abbruch.