Anarch und Waldgänger
Ernst Jünger, der vielleicht umstrittenste deutschsprachige Autor dieses Jahrhunderts, hat gleich mit seinem ersten, im Eigenverlag erschienenen Buch, dem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ (1920), die Leserschaft in zwei extreme Lager gespalten. Die einen (unter ihnen Borges, Gide, Niekisch) waren tief beeindruckt, die anderen (unter anderen Fried, Zwerenz, Heissenbüttel) warfen ihm rückblickend profaschistische Gesinnung vor. Für diejenigen, die Jünger nicht kennen und sich unvoreingenommen ein Bild machen wollen, gibt es mit der vorliegenden, abstrichlos empfehlenswerten Bildmonographie eine geradezu ideale Gelegenheit, sich im Schweinsgalopp in das zigtausend Seiten umfassende Oeuvre, in die faszinierende Gedankenwelt von Jünger einzulesen.
Von Beginn an war der 1895 geborene Jünger auf der Suche nach dem Elementaren, hat er mit dem ungläubigen Staunen des aufmerksamen Beobachters das Geschehen um sich rum aufgenommen und niedergeschrieben. Schon früh hat er sich an Vorbildern orientiert, „denen neben einem scharfen Auge für alles Sichtbare auch ein Instinkt für das Unsichtbare gegeben ist“. Bis heute hat er sich eine ambivalente Persönlichkeit bewahrt und steht offen dazu. „Fatalismus und individueller Beharrungswille, leidenschaftsloses Registrieren und leidenschaftliches Dasein, anarchisches Freiheitsverlangen und Sinn für Disziplin“ liegen bei ihm in einem dauernden Streit, wie Heimo Schwilk in seinem exzellenten Nachwort feststellt.
Die Kriegsverherrlichung beispielsweise, die man ihm immer wieder vorwirft, gibt es in Jüngers Büchern in Wirklichkeit gar nicht. Die Kriegsgräuel, das Töten hat Jünger immer abgelehnt. Die Kriegssituation hat er allerdings für sich persönlich als extremste Form der Herausforderung des Seins begriffen und dabei mit seinen erschreckend genauen Beobachtungen erregende Erkenntnisse über die menschliche Natur gemacht. André Gide hat über „In Stahlgewittern“ geschrieben: „Das unstreitig schönste Kriegsbuch, das ich kenne; vollständig ungläubig, wahrheitsgemäß ehrlich.“

Die Nationalsozialisten haben Jüngers Bücher damals genauso ungenau und reduziert gelesen, wie das heute noch viele Zeitgenossen tun. Damals hatte das zumindest ein Gutes, es hat Jünger das Leben gerettet. Hitler persönlich hat schützend seine Hand über Jünger gehalten, obwohl dieser bereits 1939 in seinem Buch „Auf den Marmorklippen“ in unzweideutiger Weise die Welt der Konzentrationslager beschrieben und in seinem „Zweiten Pariser Tagebuch“ (1943) genauestens Bericht über die grausamen Vorgänge in den deutschen KZs abgelegt hat.
Schon sehr früh stand Jünger in engstem Kontakt zu den Generälen Stülpnagel und Speidel, die im Westen den Widerstand gegen Hitler initiierten. Ab 1942 schrieb er an seinem Aufruf „Der Friede“, mit dem die Verschwörer nach dem geglückten Attentat gegen Hitler an die Öffentlichkeit treten wollten. Die gesamte Nazidiktatur über stand Jünger in regem Austausch mit ausländischen (linken) Intellektuellen (u.a. Picasso, Breitbach, Green) und trat vehement ein für Völkerverständigung und Achtung vor der Kultur der eroberten Länder.
Jüngers kühner Geist wird hierzulande von den meisten – und zwar sowohl von rechts wie auch von links – nicht verstanden. Seine tatsächliche Bedeutung als Autor und Denker ist in anderen Ländern dagegen – allen voran Frankreich und Italien – schon vor Jahrzehnten begriffen worden, und man hat ihm dort den Platz eingeräumt, der ihm zusteht. In Deutschland überwiegt die Zahl der bornierten Schwachköpfe leider immer noch. Wer vorurteilsfrei, offen und aufmerksam liest, kann nur zu dem Ergebnis kommen, daß dieser Weltreisende, sprachliche Perfektionist, Naturforscher, Drogenexperimentator, provokante Denker, Entomologe, Botaniker und Metaphysiker zu den letzten lebenden universellen Geistern gehört, die dieses Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Einzigartigkeit ist unleugenbar. Mit der vorliegenden, opulenten Bildmonographie ist dem letzten wirklich großen, herausragenden, noch lebenden deutschen Schriftsteller dieses Jahrhunderts ein würdiges Denkmal von seinem Verleger gesetzt worden.
Heimo Schwilk (Hg.): Ernst Jünger – Leben und Werk in Bildern und Texten, Klett-Cotta, 320 Seiten, 125 Mark
Erstdruck in