Heilige & Hure
Seit „The Big Easy“ und „Sea of Love“ gilt Ellen Barkin als das heißeste Versprechen an den Kinokassen. Jetzt endlich kommt ihr Erstling „Diner“ in die Kinos. Wolfgang Rüger ist von der Femme Fatale der Neunziger begeistert.
Ellen Barkin ist keine Katalog-Beauty, nichts an ihr entspricht dem Weibchenklischee: Sie ist definitiv zu klein, ihr Gang ist nicht feminin genug, ihr Mund (Oh, Gott, ihr Mund!) ist eindeutig zu groß, und ihr (Film)Verhältnis zu Männern ist ziemlich konfliktbeladen. In „Diner“ (1982) ist sie mit Daniel Stern verheiratet und wird nur herumgeschubst; in „Harry & Son“ (1984) läßt sie sich von einem fremden Kerl ein Kind anhängen, nur um Robby Benson, den sie liebt, eins auszuwischen; in „Down by Law“ (1986) fetzt sie sich mit Tom Waits; in „The Big Easy“ (1986) verliebt sie sich in Dennis Quaid und liegt mit ihm im Dauerclinch; in „Siesta“ (1987) ist sie in eine mörderische Liaison mit Gabriel Byrne verstrickt; in „Sea of Love“ (1989) hat sie ein heftiges Techtelmechtel mit Al Pacino; in „Johnny Handsome“ (1989) ist sie mit Lance Henriksen liiert und soll Mickey Rourke ausschalten.
In „Down by Law“ hatte sie ihren bisher kürzesten Filmauftritt, der sie aber exakt auf den Punkt bringt. Sie ist Laurette und mit dem DJ-Hipster Zack (Tom Waits) liiert. Laurette träumt von einem ruhigen Leben: geregeltes Einkommen, trautes Heim, Glück allein. Zack dagegen ist ein Drifter, er jobbt mal hier, mal dort, die Unstetigkeit ist sein Lebenselexier. Laurette fühlt sich vernachlässigt und sieht keine gemeinsame Zukunftsperspektive. Die Gleichgültigkeit Zacks macht sie rasend, sie rastet aus. Wutentbrannt schmeißt sie seine Schallplatten aus dem Fenster, zerfleddert Bücher und schreit ihn an: „Denn du kümmerst dich nicht um mich, willst mich nicht, willst dich nicht verpflichten. Es ist aus zwischen uns. Such dir ein anderes Püppchen.“
Ihn beeindruckt das gar nicht. Sie kniet sich vor ihn hin und bettelt mit besänftigender Stimme: „Geh doch zu einem dieser Sender zurück und frag um ne Chance. Fragen kostet nichts. Du mußt die Leute nur ein wenig einseifen.“ Er sagt, daß er das nicht kann. Sie heult Rotz und Wasser, überlegt eine Sekunde und wird dann zur überdrehten Rabaukin. Unkontrolliert schlägt sie auf ihn ein, zerreißt ihm sein Hemd, tritt ihn in die Eier. „Ich bin ja blöd, bei dir zu bleiben, ich verlier nur meine Zeit mit dir. Du hast keine Zukunft, jedenfalls nicht mit mir.“ Ein furioser 218-Sekunden-Auftritt in Schwarzweiß, den man nicht so leicht vergißt.
In ihrem Kinodebüt „Diner“ ist sie Beth, die pummelige Landpomeranze, die mit Shrevie verheiratet ist. Schon nach den ersten Szenen fragt sich der Zuschauer: Wie sind die beiden bloß aneinandergeraten. Sie haben nicht die gleiche Art Humor, teilen nicht die Leidenschaften des anderen, kommunizieren kaum noch miteinander. Während Shrevie seine Freunde hat, ist Beth in ihrer Ehe vereinsamt, sie leidet am Verlust ihres Selbstwertgefühls und ist deshalb anfällig für Schmeicheleien. Schürzenjäger Boog (Mickey Rourke), der früher mal etwas mit ihr hatte, merkt das und nützt es schamlos aus. Er macht ihr Komplimente und kriegt sie rum. Für ihn ist Beth nur eine Fügung des Schicksals, um eine Wette zu gewinnen. Für Beth ist Boog eine Möglichkeit, um Shrevie eins auszuwischen, ihrem Alltag zu entfliehen, sich selbst etwas Gutes zu tun. Daß Boog sein infames Spiel mit ihr nicht bis zum bitteren Ende treibt, liegt an ihrer Integrität. Wer nur ein bißchen Anstand im Leib hat, kann eine solche Frau nicht total anschwärzen. Boog zu Beth: „Du wirst immer einsame Spitze sein.“
Barkins Figuren durchschreiten viele Jammertäler auf ihrem Weg zum Glück. Sie wissen genau, was sie wollen, finden es selten, riskieren deswegen aber trotzdem immer alles.
„Ich glaube an Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube an animalische Anziehungskraft“, sagt die Barkin als Helen in „Sea of Love“ zu Frank (Al Pacino). Auch das ist typisch. Die Barkin verkörpert Frauen, die alles andere als promiskuitiv, aber in ihren Beziehungen/Verhältnissen auch kein bißchen prüde sind. Brave Schale, wilder Kern. „Helen besitzt ein gesundes Maß an Sexualität, sie genießt Sex und fürchtet sich nicht davor“, sagt Ellen über Helen. „Auch wenn sie sich früher schon einmal heftig geirrt hat, hat sie sich doch trotzdem ihre Hoffnungen bewahrt. Und genau das ist es, was mir an ihr so gefällt.“
Die Barkin ist der Fleisch gewordene Traum der emanzipierten Männer: die Heilige, die für ihren Lover zur Hure werden kann. In ihren besten Filmen verkörpert sie Frauen, die eigentlich nichts anderes wollen, als ein grundsolides, ja fast schon hausbackenes Familienleben. Ihre Frauen möchten seßhaft werden, einen Vater für ihr Kind haben, mit einem Mann verheiratet sein, der es ehrlich mit ihnen meint. Barkins Frauen sind mackenlos, haben keine Speens, gehen keinen abartigen Leidenschaften nach, sind für Recht und Gesetz, für Ruhe und Ordnung – nur ganz tief in ihrem Inneren brennt eine Glut, die sie unberechenbar macht und letztlich ihren unwiderstehlichen Reiz ausmacht. Sie sind ein innerlich brodelnder erotischer Vulkan. Sex ist ihr Geheimnis, das dafür verantwortlich ist, daß sie immer an Typen geraten, die das genaue Gegenteil von ihnen sind und die für gehörige Aufregung in ihrem Leben sorgen.
Wie Lauren Bacall damals in „To Have and Have Not“ Humphrey Bogart um den Finger gewickelt hat, ohne an seinem Lack zu kratzen, ist die Barkin in ihren Beziehungen ein gleichberechtigter und eigenständiger Gegenpol zu ihren Partnern. Sie ist kein Hemmschuh, kein neurotisch plärrendes Weibchen. Sie ist treu, verläßlich, emanzipiert, initiativ, phantasievoll und intelligent. Die Barkin ist die zeitgemäße Reinkarnation der Hawk’schen Frau: ein zuverlässiger Kamerad und ein As im Bett.
„Sogar mit dem Kopf in der Kloschüssel denkst du immer noch an die Arbeit“, urteilt Remy (Dennis Quaid) in „The Big Easy“ über die von ihr verkörperte Staatsanwältin Anne Osborne. Was im Film gilt, trifft auch auf das wirkliche Leben der Ellen Barkin zu. Sie wurde 1954 in der Bronx/New York geboren und steht seit ihrem 15. Lebensjahr auf den Brettern, die für sie das Leben bedeuten. Sie studierte Geschichte (Spezialgebiet: Ägyptologie) und Drama, jobbte als Serviererin und wurde schließlich 1982 von Barry Levinson („Diner“) für die Leinwand entdeckt. In 14 Kinofilmen hat sie bis heute mitgewirkt, in diversen Fernsehserien mitgespielt und zahlreiche Theaterauftritte absolviert. Auch heute noch besucht sie in ihrer drehfreien Zeit Schauspiel-Klassen, um „in Übung zu bleiben und nicht zu rosten“, wie sie sagt. „Viele Leute setzen es als selbstverständlich voraus, daß ein Schauspieler jederzeit bereit ist zu spielen. Aber diese Kunst ist ein Instrument, ein emotionales wie ein physisches, das man in Form halten muß.“
Ihr unübersehbares Erkennungszeichen ist ihr „schiefes Lächeln“. Wenn sie lacht, dann hängt der rechte Mundwinkel oben und der linke unten. Zusammen mit den markanten Lachfalten ergibt das das hinreißendste ungleichschenklige Dreieck, das die Filmgeschichte kennt. Mickey Spillane hätte sie zweifelsfrei nicht als Vorbild für seine makellosen Schönheiten genommen, aber er hätte mit Sicherheit für ihre atemberaubenden Körperproportionen eine Studie in Symmetrie entworfen und dafür die richtigen Worte gefunden.
Vor kurzem ist sie zum ersten Mal Mutter geworden und in ihrem neusten Film spielt sie unter der Regie von Blake Edwards einen Mann, der von seiner Freundin umgebracht und im Körper einer Frau wiedergeboren wird. Das ändert hoffentlich nichts daran, daß sie die Gewißheit verkörpert, daß es Dinge, die man im richtigen Leben immer vergebens sucht, tatsächlich nur im Kino gibt. So gesehen war sie nämlich bisher ein Versprechen und die gleichzeitige Rücknahme dieses Versprechens: ein Traum für große Jungs. Und träumen wir man wohl noch dürfen?
Erstdruck in Auftritt Heft 9/1990