Dillinger in Dahlem (Moloko Print 2019)

Das Bändchen versammelt 3 Fundstücke früher Cut-ups, alle Anfang der siebziger Jahre entstanden. Man könnte sie auch Fingerübungen nennen. Ploog probiert hier seine Schreibmethode aus. Ganz im Sinne von William S. Burroughs, der die Funktion des Autors als Kartographen sieht, „eines Erforschers neuer Bewußtseinslagen“. Eine neue Literatur ist seiner Meinung nach nur durch „Raum&Zeit-Verschiebungen“ erreichbar, die „herkömmlichen Auffassungen von Zeit und Wirklichkeit“ müssen über Bord geworfen werden.

Was auf den ersten Blick als sehr willkürlich anmutet, ist natürlich alles andere als das. Der Cut-up-Autor setzt seine Worte total bewußt ein, weil er weiß, daß der Schnitt ein Ergebnis produziert, mit dem keiner gerechnet hat. Es werden Bewußtseinsschichten freigelegt, die in der Regel weder Autor, noch Leser vorher gekannt haben. Um diese Horizonterweiterungen geht es in vorrangiger Linie.

Nehmen wir zum Beispiel folgende Sequenz: „In der südchinesischen See Anzeichen eines nuklearen Traumas, das als Endzeitvision über die Ticker geht. Das dritte Jahrtausend kündigt sich als Showdown zwischen der westlichen & östlichen Grossmacht an. Jeden Tag kann das Empire zuschlagen & den Planeten in ein Independence Day-Inferno stürzen. Mit letzter Kraft rafft sich das Ich auf, ein Armageddon der Öffentlichkeit zu verhindern.“ Diese Sätze werden ziemlich sicher bei jedem Leser vollkommen andere Assoziationen auslösen. Aber jeder wird vermutlich unbekannte Räume betreten. „Break on through to the other side“, wie es bei Jim Morrison heißt.

Wie wenig zufällig Ploogs Texte sind, zeigen gerade diese frühen Cut-ups. Hier tauchen schon all die Reizwörter auf, die sich durch sein gesamtes Schaffen ziehen. Ausgangspunkte sind oft Namen und Szenen aus den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren. Da taucht dann Gottfried Benn neben Marlene Dietrich auf, Boris Karloff neben Al Capone, Billie Holiday neben Dutch Schultz, Konrad Adenauer neben J. Edgar Hoover, Rudolf Hess neben D’Annunzio, Dillinger neben Kit Carson.

Sie alle stehen für eine krisenbeladene Welt, in der es keine Unschuld gibt und in der jeder zusehen muß, wie er damit klarkommt. „Das Grundschema ist sehr einfach: möglichst viele unlösbare Konflikte schaffen und bestehende ausweiten“, lautet die düstere Diagnose, die uns Ploog mit auf den Weg gibt. Wer sich auf seine Texte einläßt, wird keine blümeranten Träume mehr haben.