Never mind where we’re going, but let’s go!
| In den Neunzigern wird sich meiner Meinung nach eine Menge tun (müssen). Nach den langweiligen Achtzigern, in denen wir mit nichtssagenden Plaudereien, angepaßtem Geschwätz und wehleidigen Innenansichten gequält wurden, werden kurz vor der Jahrtausendwende wieder Autoren gefragt sein, die sich der nach dem Zweck- und Nutzenschema organisierten Gesellschaft, in der die Lebensformen von mediokren Rang- und Aufstiegskategorien bestimmt werden, verweigern. Literatur, die überdauern wird, werden Autoren schreiben, die wie Rolf Dieter Brinkmann mit unerbittlichem und entlarvendem Sezierblick diesem ‚”Scheißhaus Wirklichkeit“ zu Leibe rücken, die den überhand nehmenden „Wortkloaken“, dem „leibhaftigen Wahnsinn”, den „latenten Todesdrohungen und Verstümmelungsbildern“ den Kampf ansagen. Autoren, die dem Verdikt von Jürgen Ploog gerecht werden können: „Der Autor muß Seismograph seiner Zeit sein, das heißt, die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Besonderheiten in einer ihnen zeitgemäßen Form festhalten. “ In Zeiten von Immunschwächen und der Hinwendung zum alles nivellierenden Konservativismus müssen wieder verstärkt Tabuthemen auf das Papier. „Die wilden Ratten reagieren in der radikalen Ausweglosigkeit radikal”, wie es an einer Stelle bei Brinkmann heißt. Gute Literatur hat immer Gegenrealitäten geschaffen, alternative Szenarien entworfen. Was nützen uns Bekenntnisse zu Simmel und dem perfekten Handwerk, wenn die Utopien in den Texten fehlen. Ich prognostiziere mal, daß Inhalte und Lebensphilosophie der Hipster und Beats in den Neunzigern eine Renaissance feiern werden. Deren wichtigstes Kriterium, das sich in einer durchgehenden Highway-Metaphorik manifestiert, war das zielfreie, zielentlastete Handeln, das, wie es der Psychologe Robert J. Lifton formuliert, eine „Dialektik von innerer und äußerer Mobilität“ voraussetzt. Nur wer eine zeitgemäße Form für seine Inhalte findet, kann das aktuelle Bewußtsein überdauernd zu Papier bringen. Wer heute, in einer Zeit der globalen Verkabelung, unüberschaubarer und nicht mehr zu bewältigender Informationsfülle, des sekundenschnellen Transfers und der Reizüberflutung noch Wirklichkeit ihn einer konventionell erzählten Geschichte mit Spannungsbogen, linearer Handlung und sich psychologisch entwickelnden Figuren einfangen will, hinkt mit seinem Bewußtsein weit hinter der Zeit her. Es gilt – auch hier muß man wieder Brinkmann zitieren -, das “vorprogrammierte Reizreaktionsschema” und die damit „vorausberechenbaren Verhaltensweisen“ auszuschalten und das „herkömmliche Schema des Panoramadenkens“ zu überwinden. Brinkmann war, ähnlich wie Jürgen Ploog (der meines Wissens nach einzige deutschsprachige Autor, der seiner Zeit tatsächlich voraus ist) in seinen Ideen stark von den Theorien William S. Burrroughs inspiriert: „Losgelöst von vorgegebenen Sinnmustern wendet sich die Imagination dem Nächstliegenden, Greifbaren zu und entschlüpft durch ein Loch in der Zeit: Break on through to the other side … Für die Literatur heißt das: tradiertes Verständnis von Formen mittels Erweiterung dieser vorhandenen Formen aufzulösen und damit die bisher üblichen Additionen von Wörtern hinter sich zu lassen, statt dessen Vorstellungen zu projezieren…“ Die neue Schreibart wird auch die konventionelle Rezeptionshaltung grundlegend verändern. Mit herkömmlichen Maßstäben wird man der Avantgardeliteratur der Neunziger, die Wirklichkeit in kleinen, blitzartigen Episoden einfangen wird, nicht mehr gerecht werden können, weil sie weder konsumierbar sein, noch Bedürfnisse befriedigen wird. Sie wird aber in jedem Fall Kunst im Sinne von Godards Kulturkritik sein: „Die Kultur antwortet auf ein Bedürfnis, die Kunst antwortet auf eine Sehnsucht.“ Erstdruck in Konzepte, Heft 7/8, 1990 |