Ich schieße nicht zum Sport
Nicht nur, daß immer mehr Leser auch hierzulande begreifen, daß der gut geschriebene Kriminalroman die politische Literatur des 20. Jahrhunderts ist, es gibt jetzt auch mindestens einen deutschen Thrillerautor, der diesen Anspruch in die Tat umzusetzen versucht.
Altmeister Samuel Fuller hat, nach seinem Erfolgsrezept befragt, geantwortet: „Zuerst denke ich mir ein gutes Ende aus, und dann setze ich das an den Anfang. Der Rest ergibt sich von selbst.“ Der neue Thriller von Detlef Blettenberg fängt folgendermaßen an: „Am dritten Urlaubstag traf der Tourist seinen Mörder. Er war nicht das erste Opfer. Aber das wußte der junge Europäer mit dem rostbraunen Haar und den grünen Augen nicht. Er starrte in die Mündung einer Repetierflinte. Die Waffe kam ihm seltsam verkrüppelt vor. Kurz und gedrungen. Er hatte keine Ahnung von Gewehren, Flinten und Maschinenpistolen, konnte das eine nicht vom anderen unterscheiden. Dieses Gerät sah bösartig aus. Der Killer war Asiate. Das war sicher. Der Europäer konnte einen Japaner nicht von einem Chinesen unterscheiden.“
Detlef Blettenberg, Jahrgang 1949, ist der derzeit konkurrenzlos beste deutschsprachige Thrillerautor. Im Gegensatz zu dem europäischen Grünschnabel, dem da gerade das Lebenslicht ausgeblasen wurde, weiß Blettenberg eine Menge über Waffen (hat er wohl während seines Wehrdienstes gelernt) und noch mehr über Land und Leute seiner Schauplätze, in diesem Fall Bangkok und Pattaya. Seit 14 Jahren ist Blettenberg in verschiedenen Funktionen in der Entwicklungshilfe tätig. Außer einer packenden Story, einer Menge Action und Sex, gibt es in seinen Büchern immer auch eine Menge authentischer soziologischer und politischer Hintergrundinformationen. „Ich liebe es, durch Unterhaltung zu erziehen.“ (Samuel Fuller)
“’Schwanzlutscher!‘ sagte die Dame und rammte Farang ein Knie in die Eier.“ Blettenberg führt den Titelhelden seines neuen Buches nicht gerade heldenhaft ein, aber man sollte sich nicht vom ersten Schein trügen lassen. Schon gar nicht, wenn man am Tresen der ‚Darling Bar‘ in der Patpong Road, Bangkok, steht. Die Dame ist nämlich gar keine richtige Dame, wie sich schnell herausstellt, und Farang alles andere als ein Schwächling. Halb Deutscher (väterlicherseits) und halb Asiate (mütterlicherseits) hat sich Surasak „Farang“ Meier aus der Gosse nach oben geboxt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als „Beschützer, Wachmann, Schnüffler und gehobener Schläger in Sonderfällen“. Am Golf von Siam ist er in seinem Gewerbe die Nummer 1. „A life is like a battle; somebody gets a bloody nose.“ (Samuel Fuller)
Außer den üblichen, „kleineren“ Zwischenfällen verläuft alles normal. Farang ist mit sich und der Welt zufrieden. Er hat eine feste Freundin, die ihn nach allen Regeln der Kunst verwöhnt (ihre linke Pobacke ziert ein tätowierter Schmetterling, ihr Mundwerk führt ziemlich lose Sprüche: „Wenn du es richtig machst, bewegt er die Flügel.“), seine festen (Trink)Gewohnheiten (das Kloster schenkt er sich immer selbst ein) und ein mehr als sorgenfreies Auskommen. Eines Tages versetzt eine Reihe von mysteriösen Touristenmorden die Stadt in Aufruhr. Die Zusammenhänge sind undurchsichtig, aber Farang, Tony Rojana, der schärfste und gefährlichste Reporter Bangkoks (er schafft es immer, zehn Minuten vor der Polizei am Tatort zu sein), und die Kanalratte Quinn, ein in Thailand hängengebliebener amerikanischer GI, ehemaliger Angehöriger einer Spezialeinheit im Vietnamkrieg, bringen nach und nach Licht in das dunkle Geflecht aus Wirtschaftskriminalität, Waffenschmuggel, Korruption und perversen Sexualneigungen.
Ich war noch nie im Goldenen Dreieck, aber Blettenbergs Detailwissen ist so meisterhaft in die Story eingebaut, daß ich nach der Lektüre seiner Bücher immer das Gefühl habe, als wäre ich schon zigmal da unten gewesen. Die Mentalität der Asiaten ist einem total vertraut, das Rotlicht der Sexschuppen flimmert einem vor den Augen, wenn man auf die Straße tritt, läuft einem der Schweiß den Rücken hinunter, blendet einen die Sonne und dröhnt einem der Autolärm in den Ohren. Die „urbane Apokalypse“ des „Molochs Bangkok“ erfährt man hautnah. Gott sei Dank fährt Farang einen voll klimatisierten Benz, man müßte sonst bei dem einen oder anderen Stau, in den auch unser Sonnyboy immer wieder mal gerät, um die Gesundheit des einen oder anderen Lesers fürchten.
Wäre nicht hin und wieder ein holpriger Dialog, ab und zu ein Detail zu viel zu beklagen, würde ich Blettenberg bedenkenlos neben die großen amerikanischen Krimiklassiker stellen. Ungeachtet dessen sind alle seine Bücher empfehlenswert und ist gerechtfertigt, daß Blettenberg für „Farang“ den Deutschen Krimipreis 1989 erhalten hat.
Farang, Ullstein, 236 Seiten, 29.80 Mark
Siamesische Hunde, Ullstein, 336 Seiten, 29.80 Mark
Agaven sterben einsam, Ullstein, 156 Seiten, 8.80 Mark
Weint nicht um mich in Quito, Ullstein, 160 Seiten, 8.80 Mark
Barbachs Bilder, Ullstein, 128 Seiten, 5.80 Mark
April 1989