Der Raumagent (Galrev 1992)

Ploog wurde oft gefragt, warum er nicht konventionell schreibe. Daß er problemlos einen linear erzählten Roman hätte schreiben können, beweisen die Erzählungen aus „Der Raumagent“ eindrucksvoll. Da gibt es atmosphärisch dichte Landschaftsbeschreibungen, geschliffene Dialoge, actionreiche Handlungen, pralle Sexszenen, psychologisch plausible Charakterzeichnungen, unverbrauchte Metaphern („… in einer Gegend, wo schon das Scheppern einer Bierdose eine Neuigkeit ist“). Aber das Konventionelle interessierte Ploog nicht. Bei ihm gibt es keine Antworten. Er stellt die Fragen, die weiterbringen. Von seinem adretten Auftreten in der Öffentlichkeit hätte man nie rückschließen können, mit was er sich jahrzehntelang beschäftigt hat. Dabei war sein bürgerliches Dasein die Voraussetzung für das Abseitige, das ihn angetrieben hat. Sein Thema waren die Abgründe, die Traumlogik, das Surreale. „Entscheidende Dinge regeln sich im Schlaf, er ist das Medium, in dem die unmöglichen Begegnungen stattfinden.“

Seine Figuren bewegen sich ständig, sind permanent unterwegs und wollen doch nicht ankommen. Sie agieren unter- und miteinander, aber suchen nicht nach einer dauerhaften Beziehung. Zu groß sind die Unterschiede zwischen dem, was Männer und Frauen jeweils vom anderen wollen, zu tief die Verletzungen, die man sich gegenseitig zufügt. „… versuche die Zerstörungen zu vergessen, die Sex in mir zurückgelassen hat. Ohne Sex läuft nichts, das ist es, was alle sagen. Es scheint, daß die Tage nichts als Flucht vor den Zerstörungen sind, die er dauernd anrichtet.“

In „Abschied von L.“ spielt Ploog dieses Machtspiel zwischen den Geschlechtern meisterhaft durch. In den Kulissen von Venedig erlebt ein Paar, was es heißt, wenn Routine und Verlangen aufeinanderprallen. In „Verlierer haben nichts zu verlieren“ geht eine Frau aufs Ganze, riskiert viel, verliert und bezahlt mit einer Vergewaltigung. In „Sternbilder unterwegs“ lotet er „eine Begegnung der Verzweiflung“ aus.

Wie immer bei Ploog sind die Männer Getriebene auf der Suche nach dem Ultimativen. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Frau nicht eine Schimäre ist, eine traumhafte Erscheinung, die das Unbewußte projiziert, um sich zu holen, was ihr der Wachzustand verwehrt.“ Auch wenn es letztlich immer um das Körperliche geht, sind Frauen doch diejenigen, die das Heft in der Hand halten. „Nicht ich bin bei ihr, sie ist in mir.“

All die erotischen Verstrickungen sind eingebettet in Abhandlungen über Raum und Zeit. Auch in diesem Buch geht es Ploog um das Ungesehene. „Bilder, die im Augenblick des Vergessens gerade noch wahrzunehmen sind, ich bin versessen auf sie.“ Nur der Schnitt schafft, wie beim Film, den Raum hinter den Bildern. „Mein Ziel ist es, jenseits der Sprache im schnellen Flicker der Bilder zu sehen.“

Was Ploog mit seinen Texten brillant gelingt, schaffen die beigegebenen Rauminstallationen von Dead Chickens leider nicht. Auf den briefmarkengroßen Abbildungen ist praktisch nichts zu erkennen.