Der doppelte Horizont (Engstler 2018)

Wieder ein schmales Bändchen. Was bei Ploog aber gar nichts heißt, weil er auch auf wenigen Seiten eine Menge zu bieten hat. Das vordergründige Setting sind dieses Mal Filme. Ein wilder Mix aus Film noir, Science Fiction, Western und Softpornos. Manchmal kommt man sich vor, als wäre man in ein Szenario aus Carpenters „Die Klapperschlange“ geraten, um einen Satz später in Ridley Scotts „Blade Runner“ zu landen. Der namenlose Erzähler ist mit Coco Solo unterwegs, „die mich einen Agenten der Wahrnehmung nannte“, sie „hatte die Strapse an den Nagel gehängt & führte mich durch ein kompliziertes System unterirdischer Röhren & Wendeltreppen, in dem Drogen, Stammzellen & Generika aus Labors der Untergrundmedizin gelagert wurden“.

Wie der Buchtitel schon suggeriert, geht es um die Sichtweise. „Niemand weiß, welche Bilder er wahrnimmt & welche nicht. Das heisst, wer oder was die Auswahl trifft, was gesehen wird.“ Wir glauben, das, was wir sehen, sei real. Wenn man Ploogs These folgt, daß man sich vom tradierten Zeitbegriff verabschieden muß, dann ist man hier mitten in der Realität. „Im Film oder in der Literatur lässt sich der realistische Effekt nicht ohne Zeitverschiebungen erreichen.“ Ploog exerziert das meisterhaft durch. Von den Machenschaften in einem Sanatorium switcht er übergangslos zu fehlerhaften GPS-Daten, um dann über den Begriff Identität zu philosophieren. Den konventionellen Leser mögen gewagte Sprünge von künstlicher Intelligenz zu natürlichem Empfinden vielleicht überfordern, aber selbst er wird sich an einzelnen Sätzen berauschen können, die Ploog fast wie Perlen vor die Säue wirft und die es wert sind, stundenlang darüber nachzudenken. „Identität ist nichts anderes als die Summe der vom Nervensystem gesteuerten bedingten Reflexe.“

Ploog-Fans bekommen hier eine Menge geboten. „Es geht um die Frage, ob Film (oder die Bilder, aus denen ein Film besteht) mit dem Leben spielt oder ob Leben nicht vielmehr wie ein Film abläuft.“ Dieser Frage geht Ploog bis in seine dem Text beigefügten Collagen nach. Sie sind alle, bis auf die letzte, doppeltbelichtet. Entziehen sich also einer klaren Interpretation. Leben ist nicht linear und mehr als Schwarz und Weiß.

Nach der Lektüre dieser 40 Seiten hat man das Gefühl, mehrere Filme gleichzeitig gesehen zu haben. Der Kopf ist voller Bilder, die nachwirken und einen noch lange beschäftigen.