Der amerikanische Freund

Dennis Hopper in Frankfurt. Nach Jahren der Mißerfolge und Drogenexzesse ist das einstige Enfant terrible Hollywoods heute ein gefragter und gefeierter Star. Ohne Allüren, aber mit großen Ambitionen, wie das Exklusiv-Interview zeigt, zu dem er sich im Frankfurter Hof stellte.

RÜGER: Die Atmosphäre von “The Hot Spot” ist eng verknüpft mit den Locations. Die Hitze des Südens evoziert doch geradezu Sex. Glauben Sie, daß diese Geschichte auch in einem anderen Teil der Vereinigten Staaten funktionieren würde?

HOPPER: Ich weiß nicht, es ist schwer, sich das vorzustellen, Ich meine, es könnte auch in einer anderen Stadt im Mittleren Westen im Sommer stattfinden. Es ist gut so, wo es jetzt stattfindet. Das ist halt genau der richtige Ort dafür. Es könnte wahrscheinlich auch in Kansas, wo ich geboren bin, passieren. Oder in Nebraska.

Aber doch nicht in Alaska.

HOPPER: Nein, in Alaska auf keinen Fall.

So weit ich gehört habe, gab es in den Staaten Ärger wegen der vielen Nacktszenen. Könnte man die obsessiven Nacktszenen als eine Form der Auflehnung gegen das Hollywood-Establishment interpretieren?

HOPPER: Ja, wenn Sie wollen. (Er lacht.) Ich habe das so noch gar nicht betrachtet. Ich habe mich vor allem an die Romanvorlage von Charles Williams gehalten, die er 1961 zu einem Drehbuch verarbeitet hat, das damals für Robert Mitchum geschrieben wurde, aber dann nicht realisiert wurde. Ich habe natürlich jetzt ein paar Nacktszenen hinzugefügt, zum Beispiel die Schwimmszene im Wald und noch andere Dinge. Ich vermute, daß Hollywood jedesmal, wenn es mit Sexszenen konfrontiert wird, nicht weiß, wie es damit umgehen soll.

Sind Sie ein Hinternfetischist?

HOPPER: Ja, natürlich, das steht außer Frage.

In Hollywoodfilmen wird sehr prüde mit Sex umgegangen. Worauf führen Sie das zurück, und sollten Filme nicht freizügiger mit Sex umgehen können?

HOPPER: Ja, klar. Ich denke dabei nicht an pornografische Geschichten, aber gewiß ist doch Sex ein so großer Teil unseres Lebens, und wenn das in Filmen ausgespart wird, verleugnet man damit einen Bestandteil des Lebens und unserer Rechte. Ich glaube, man kann Sex geschmackvoll darstellen. Ich möchte davon eine ganze Menge zeigen.

Sie inszenieren Liebesszenen immer sehr erotisch, gehen mit den Bettszenen aber sehr keusch um. Sex ist in ihren Filmen sehr suggestiv, spielt sich nur im Kopf des Zuschauers ab. Machen Sie das, weil es spannender ist oder weil es die Zensur verlangt?

HOPPER: Zunächst tue ich es, hoffe ich, aus all diesen Gründen. Ich denke, es ist einfach so viel aufregender. Natürlich verlangt es auch die Zensur. Weiter verlangen es die Studios, die die Filme vertreiben. Und gleichzeitig würden auch die Schauspieler, mit denen ich arbeite, ohnehin nicht weitergehen. Es sei denn ich würde sie auswechseln, das heißt keine Stars einsetzen, und vertriebsmäßig andere Wege gehen. Man würde mir wahrscheinlich nicht erlauben, darüber hinauszugehen. Im übrigen bin ich mir doch nicht sicher, daß es aufregender ist, wenn man weniger zeigt. Wenn ich dürfte, würde ich ganz bestimmt mehr zeigen. Ich kann nicht sagen, daß ich an einem bestimmten Punkt aufhöre, es zu zeigen, nur damit es aufregender ist.

Ein anderer Film, den man nicht gerade als große sexuelle Anmache bezeichnen kann, der aber trotzdem wirklich ein ausdrucksstarker Film ist, ist “Im Reich der Sinne” von dem Japaner Nagisa Oshima. Das ist ein großartiger, sexueller Film.

Der Soundtrack von “The Hot Spot” ist genial. Mir scheint, Musik ist in Ihren Filmen sehr wichtig, sie transportiert oft mehr als der Dialog. Woher kommt diese Priorität für die Musik?

HOPPER: Ich denke, Musik ist wie eine weitere Person oder Stimme, hier zum Beispiel haben wir nicht einmal Songtexte, sondern nur das Murmeln und Gitarrespielen von John Lee Hooker und die Trompete von Miles Davis, und Taj Mahal und Roy Rodgers Slidegitarre. Das alles zusammen wird zur Stimme des Hauptdarstellers Don Johnson. Jazz und Blues sind die typischen Ausdrucksmittel der Südstaaten.

Wenn man alle Ihre Filme auf einen Punkt bringen wollte, könnte man sagen: Sie mißtrauen der Idylle. Die Welt in Ihren Filmen ist vornehmlich gewalttätig, der Umgang der Menschen untereinander ist geprägt von Aggression. Entspricht das Ihrer Sicht auf die Welt?

HOPPER: Das hat mich gestern schon mal jemand gefragt, und ich habe die Antwort vermieden. Ich habe darüber nachgedacht. Wissen Sie, es mag sein, daß die Filme, in denen ich mitgespielt habe … ich sage damit nicht, daß Amerika kein gewalttätiger Ort ist, aber die Filme, mit denen ich angefangen habe, zum Beispiel “… denn sie wissen nicht, was sie tun” und “Key witness”, und da war ich ja noch ganz jung, das waren natürlich alles typische Hollywoodfilme, in denen Gewalt einen großen Platz einnahm, weil es ein wichtiger Bestandteil der Dramaturgie war. Mag sein, daß es darauf zurückzuführen ist. Das wiederum war eine Reflexion der Gesellschaft, in der es Gewalt gab und in die ich hineinwuchs. Es war eben das Jahrzehnt genau dieser Filme.

Ein zentraler Satz in »The Hot Spot<< lautet: “Was man haben will, muß man sich einfach nehmen.” Drehbuchautor Williams hat ihn in den fünfziger Jahren geschrieben, aber er scheint mir das Kredo der Neunziger zu sein. Eigentlich ist “The Hot Spot” ein sehr aktueller Film. War das beabsichtigt?

HOPPER: Zunächst einmal, ich mag dieses Drehbuch ungeheuer. Jeder hat gesagt, ich solle daraus einen Fünfzigerjahrefilm machen. Dann habe ich gedacht, nein, ich kann alles genauso lassen, außer den Autos. Im Film sieht man jetzt Autos unserer Zeit. Weil ich denke, eine Kleinstadt in Südtexas hat sich im großen und ganzen nicht verändert, die Leute sind heute immer noch wie damals, sie denken noch gleich und betrachten die Dinge wie sie es schon in den Fünfzigern getan haben. Die Menschen im Film entsprechen daher einem Stereotyp, den sie aus Filmen der Fünfziger kennen. Sie sind verhaftet in ihren eigenen Vorstellungen, in etwas, das sie im Film gesehen haben und nach dem sie sich verhalten. Dolly Harshaw zum Beispiel verhält sich so, als habe sie zu viele Filme mit Marylin Monroe und Lana Turner gesehen. Und Harry Madox ist immer noch in einer bestimmten Vorstellung von sich selbst stehengeblieben. Aber natürlich paßt das auch für die heutige Zeit. Die Fünfziger und die Neunziger haben so etwas … gut, ich würde sagen, man könnte sie vergleichen.

Für viele sind Sie immer noch der Rebell der Sechziger. Sind Sie damit einverstanden, wenn man Sie als Symbol dieser Generation charakterisiert?

HOPPER: Nein, ich habe eigentlich nichts dagegen. Es ist nur schon lange her, und ich denke nicht mehr an die Sechziger. Es war schon eine erstaunliche Zeit, und ich bin froh, daß ich dabei war. Ich mag “Easy Rider”, ich mag ihn immer noch. Ich bin glücklich, daß ich diesen Film machen konnte, weil niemand in den Sechzigern einen Film über die Sechziger gemacht hat. “Eays Rider” war ein Meilenstein in einer Zeit, in der Filme wie “Bettgeflüster” mit Doris Day und Rock Hudson in waren. Also Filme, die nichts mit der Zeit zu tun hatten. Deshalb war es gut, einen Film in der Zeit über diese Zeit zu machen. Aber generell denke ich nicht viel über die Sechziger nach, denn ich möchte da nicht stehenbleiben.

In “Flashback” verkörpern sie Huey Walker, einen Hippierebellen in Reinkultur. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

HOPPER: Gut, es ist eine Komödie, es ist ein Film der Sechziger und Neunziger. Es hat mir Spaß gemacht, diesen Film zusammen mit Kiefer Sutherland zu machen. Es ist kein großer Film, aber er ist sehr lustig. Jeder, der den Film gesehen hat, mag ihn. Vor allem die jungen Leute.

“Flashback” ist eine Reminiszenz an Flower Power und “Easy Rider”. Was ist Ihrer Meinung nach von den Idealen des Summer of Love übriggeblieben?

HOPPER: Ich weiß nicht, das ist schwer zu beantworten. Unglücklicherweise sind viele von den Leuten aus den Sechzigern Drogensüchtige geworden. Die Sechziger waren eine wunderbare Erfahrung, die Siebziger waren ein Alptraum, und in den Achtzigern war fast jeder tot (er lacht). Ich bin froh, daß ich am Leben bin. Es ist gut, daß ich da durchgekommen bin. Ich denke, es war alles ziemlich unschuldig, wir haben alles ausprobiert, zum Beispiel Drogen, um die Auswirkungen kennenzulernen. Und die Musik aus den Sechzigern ist wunderbar und wird überdauern. Das ist wichtig.

In vielem Ihrer künstlerischen Arbeit kommen Sie mir sehr unamerikanisch vor: Ihre Stoffe sind oft sehr anspruchsvoll, die Message ist meist unbequem. Kann man sagen, daß Sie auch stark von Europa inspiriert sind?

HOPPER: Ja, als ich aufgewachsen bin, habe ich in amerikanischen Filmen mitgewirkt. Die ersten Filme, die mich wirklich beeindruckt haben, waren die europäischen, die gleich nach dem Krieg herauskamen, die der Neorealisten aus Italien, Rosselini, De Sica, das waren die ersten, die ich gesehen habe. Bergman aus Schweden. Später dann Truffaut, Resnais, Godard aus Frankreich. Das waren die Filme, die mich stark beeindruckt haben.

Sie sind ein sehr visueller Mensch. Seit Ihrem 18. Lebensjahr fotografieren Sie. Alle Ihre Regiefilme haben einen sehr realistischen Touch. Wim Wenders hat Ihnen in “Der amerikanische Freund” einen schönen Satz in den Mund gelegt: “Augen kann man nicht kaufen.” Glauben Sie, daß man mit Bildern die Welt verändern kann?

HOPPER: Ich weiß nicht, ob wir die Welt mit Bildern verändern können, Aber wir können sicherlich Wirkungen beeinflußen. Aber lassen Sie uns zuerst einmal über Wim Wenders reden. Ich denke, “Himmel über Berlin” ist einer der besten Filme, die je gedreht worden sind. Ihm ist es gelungen, und das habe ich hier zum ersten Mal gesehen, Literatur und Film ganz eng zu verknüpfen. Der Film ist ein Meisterwerk. Wim ist einer der ganz ganz großen Regisseure. Es war für mich eine große Erfahrung, mit ihm in “Der amerikanische Freund” zusammenzuarbeiten. Es ist zwar schon 15 Jahre her, aber es ist für mich die wichtigste Erfahrung, die ich je gemacht habe.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

HOPPER: Bis jetzt habe ich in sechs Filmen Regie geführt, ich habe das Gefühl, daß ich bisher nur den äußeren Rahmen gestaltet habe, ich hoffe, daß ich nach zwanzig Regiefilmen zum inneren Kern vorstoße, denn ich fühle, daß ich meine wirklich wichtige Arbeit noch nicht vollbracht habe. Ich lerne immer noch. Ich warte noch auf die Gelegenheit, diesen einen Film zu machen.

Erstdruck in Journal Frankfurt, Heft 3/1991