Spaß an der Sache
Jeder wirkliche Krimifan hat einen absoluten Lieblingshelden. Sei’s nun Sherlock Holmes, Nick Carter, Sam Spade, Philip Marlowe oder Mike Hammer. Zweifellos stehen die Privatdetektive in der Gunst des Lesers am höchsten. Im Wesentlichen hat sich diese Figur in den letzten gut hundert Jahren, seit ihrer Erfindung, kaum verändert. Der Detektiv ist in der Regel ein Sucher nach Wahrheit, ein Kämpfer für Gerechtigkeit, der geborene Mann für das Abenteuer. Er ist unbestechlich, ehrlich, moralisch, unverheiratet, arm und einsam, kurz, um es mit Chandler zu sagen, es muß „ein Mann von Ehre sein – aus Instinkt, aus innerster Notwendigkeit, ohne Gedanken daran, und gewiß ohne Worte darüber. Er muß der beste Mensch auf der Welt sein und ein Mensch, der gut genug ist für jede Welt“.
Die Kunst der jüngeren Krimiautoren besteht darin, wenn sie nicht total im Plagiat und Epigonentum stecken bleiben wollen, dem Private Eye in Nuancen ein zeitgemäßes Image zu verpassen. Eine der originellsten Kreationen aus jüngerer Zeit ist gewiß Dan Kavanaghs Privatschnüffler Nick Duffy.
Duffy, kaum jemand kennt seinen Vornamen, ist untersetzt und wirkt recht kräftig. Sein Haar sieht aus, „als hätte es früher mal einen Bürstenschnitt erhalten und dann für sich selber sorgen müssen“. Er spielt bei den Western Sunday Reliables im Tor, hortet Küchenutensilien und leidet an einem Reinlichkeitswahn. Er haßt Airports, Flugzeuge und Hunde. Links trägt er einen Ohrstecker, augenfälligstes Indiz dafür, daß er „vom annern Ufer“ ist. „Duffy war natürlich alles andere als ein normaler Hetero; er hatte das, was Damian kokett als süße Wonnen zu bezeichnen beliebt hatte, auf beiden Straßenseiten genossen.“ Duffys homosexuelle Neigung hat ihn nicht nur vor Jahren durch einen „infamen Trick“ seinen Job bei der Polizei gekostet, seit diesem Rausschmiß ist er auch, das ist die größte Tragik seines Lebens, bei seiner Freundin Carol impotent. Außerdem leidet er seit einiger Zeit an einer Aids-Phobie.
In „Vor die Hunde gehen“, dem mittlerweile vierten in deutscher Übersetzung vorliegenden Duffy-Krimi, führt ihn sein Fall in das Grenzgebiet Buckinghamshire/Bedfordshire, eine Gegend, in der sich der überzeugte Großstädter eine Zigarette anstecken muß, damit es halbwegs anständig riecht. „Die Landluft war ein Gemisch von allem möglichen unbekannten Zeugs: Blumen und Bäume und Gras und so Sachen.” Man hatte eine Leiche durch das Fenster von Vic Crowthers Videothek geworfen, und die Alarmanlage war nicht ausgelöst worden. Der Hausherr ist sichtlich erbost über den Installateur: „Da schmeißt irgendeiner den armen Ricky durch die Verandatür, und die Alarmglocke geht nicht los. Dieser Duffy kriegt jetzt aber echt eine reingesemmelt.”
Der Roman beginnt, wie ein guter Krimi beginnen sollte. Die Leiche gibt es gleich im ersten Satz. Im ersten Kapitel werden in bester Suspense-Tradition alle Personen und ihre zwielichtige Vergangenheit skizziert, damit mehrere Verdächtige eingeführt und durch zweideutige Anspielungen und mehrere Verdachtsmomente, die in den Nebensätzen erwähnt werden, die Spannung angekurbelt. Kavanaghs ausgesprochen skurriler Humor erfährt schon auf den ersten paar Seiten einen ersten Höhepunkt, wenn man nämlich erfährt, daß es sich bei der Leiche gar nicht um eine menschliche handelt. Das tut dem Fortgang der Handlung allerdings überhaupt keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, so wird das versnobte Verhalten dieser illustren Gruppe, die sich in Crowthers Landhaus aufhält, nur umso entlarvender und dekadenter gezeichnet.
Duffy stellt schnell fest, daß die „Leiche“ nur ein Wink mit dem Zaunpfahl war, ein Hinweis auf eine Erpressung. Er quartiert sich im Auftrag des Hausherrn ebenfalls im Landhaus ein und soll unauffällig ein wachsames Auge auf das vermeintliche Opfer werfen. „Aufpasser für eine feine Zicke, dachte Duffy. Na gut, wenn sie ihn dafür bezahlen wollten. … Nach Duffys Ansicht brauchte es in Braunscombe Hall keinen Duffy. Hier brauchte es die Bullen und eine Psychiatrieschwester.” Die Gesellschaft aus obskuren Neureichen und Schmarotzern, die mit reichlich seltsamen und schlüpfrigen Aktivitäten ihre Zeit totschlagen („Außerdem hat es auf die Art viel mehr Spaß gemacht.”), mißfällt Duffy von Anfang an und er bewegt sich zwischen diesen Pinkeln und vornehm gebenden Müßiggängern absichtlich wie ein Bauer, kommt aber nach seinem altbewährten Rezept – einen Plan zu machen, der „Präzision, Intelligenz, Scharfsinn und eine ganz enorme Portion Glück erforderte“ – der Aufklärung des Falles Schritt für Schritt näher.
Dan Kavanagh, das ist übrigens, wer’s noch nicht weiß, ein Pseudonym des arrivierten britischen Schriftstellers Julian Barnes, der hierzulande vor allem mit „Flauberts Papagei“ bekannt wurde, liefert in seinen Krimis keine spektakulären Verbrechen, ihm geht es mehr um das Drumherum. Duffy ist kein Brutalo-Macho, eher ein listiger Softie. Gewalt gibt es bei Kavanagh nur in subtiler Dosis, dafür jede Menge britischen Humor und treffende, realistische Milieuschilderungen. Das alles in einer Sprache, die zu lesen ganz einfach Spaß macht. Gehörigen Anteil daran hat die gewohnt gute Übersetzung von Willi Winkler, der Kavanaghs etwas saloppen, aber niveauvollen Stil kongenial übertragen hat.
Was Chandler im allgemeinen gemeint hat, gilt für Kavanagh im Besonderen: “Zeige mir einen Menschen, Mann oder Frau, der Kriminalromane nicht ausstehen kann, und ich zeige Dir einen Narren: einen klugen Narren vielleicht – aber einen Narren gleichwohl. “
Dan Kavanagh: „Vor die Hunde gehen”. Ein Duffy-Krimi. Aus dem Englischen von Willi Winkler. Haffmans Verlag, Zürich 1989. (Haffmans Taschenbuch 36). 272 S., 10 DM.
Erstdruck in Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.8.1989