Ein Meister der Reduktion

Seit ich Abbildungen von Brancusis Skulpturen gesehen habe, weiß ich, was das Wort Schönheit bedeuten kann. Wie erhaben muß da erst der Anblick der Originale sein?

Constantin Brancusi (1876-1957) hat die Kunst der Skulptur und Bildhauerei im 20. Jahrhundert erneuert und revolutioniert wie kaum ein zweiter. Arp, Moore, Calder, Giacometti, die gesamte amerikanische Plastik scheinen ohne seine Einflüsse kaum denkbar. In Rumänien aufgewachsen, ist Brancusi 1904 nach Paris umgesiedelt und dort bis zu seinem Lebensende geblieben. Immer ein Einzelgänger und Außenseiter, von östlichem Denken und afrikanischer Primitivkunst inspiriert, hat er, abgeschieden von Cliquen und Szenen, zu einer faszinierenden Schlichtheit und äußersten, formellen Reduktion gefunden. Seine schnörkellosen, abstrakten Kunstwerke überzeugen durch ein Höchstmaß an Ästhetik und Aussagekraft. Die Form beschränkt sich auf das Wesentliche. Die Aussage kommt aus der Intuition und ungeheueren Konzentrationskraft des in bäuerlicher Tradition wurzelnden Künstlers

Hatte Cézanne der Malerei die Kraft der Komposition zurückgegeben, so gab Brancusi der Bildhauerei die fundamentalen Formen, die Kraft der Universalität und klaren Ausdrucksfähigkeit zurück. Pontus HuIten, der ehemalige Direktor des Nationalmuseums für Moderne Kunst im Centre Pompidou, schreibt: „Brancusi wollte, daß sein Werk nach Form und Inhalt universal sei. Es sollte für immer und überall sein und für jedermann verständlich. Seine Themen betrafen jedes menschliche Sein: Mann, Frau, Leben, Tod, Liebe, Ewigkeit. Er schuf den “Fisch”, den “Vogel”, die “Neugeborenen”, und diese Abbilder sollten uns ebenso stark berühren wie die Betrachtung der Sterne des Nachthimmels oder die Unendlichkeit des Ozeans.”

In dreierlei Hinsicht hat Brancusi die Bildhauerkunst vollkommen erneuert. Er hat die „groupes mobiles” eingeführt, die Idee vom Raum als Kunstwerk, d.h. mehrere Skulpturen, die zusammen gesehen werden müssen. Er hat die „minimale“ Plastik etabliert, die Minimalisierung der plastischen Formen, die auf die ursprünglichen geometrischen Formen (Kreuz, Kreis, Zylinder, Oval, Halbkugel, Bogen, Rhombus, Würfel) reduzierte Plastik. Und schließlich war er der erste, der auf den Gedanken der seriellen Plastik kam und ihn in der endlosen Plastik, die aus einer Anhäufung gleichartiger Formen besteht, entwickelte.

Zugegeben, der Preis für diese definitive Werkmonographie Brancusis dürfte für den durchschnittlichen AUFTRITT-Leser etwas hoch sein, da es sich aber um ein Buch der Superlative handelt (angefangen bei der Leistung der Autoren bis hin zu der aufwendigen und kostspieligen Aufmachung und Ausstattung), ist der Preis ohne Frage gerechtfertigt. Ein ideales Geschenk für Menschen, die man besonders liebt und die Außergewöhnliches zu schätzen wissen.

HuIten, Dumitresco, Istrati: Constantin Brancusi, Klett-Cotta, 336 Seiten, ca. 560 Abb. , 198 Mark

Erstdruck in Auftritt, Heft 3/1987