Cola-Hinterland (Melzer 1969)

Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts entdeckte Deutschland die amerikanische Undergroundliteratur. Die wegweisenden Anthologien hießen „Fuck you“, „ACID“ und „Silverscreen“. Im Frankfurter Westend entwickelte sich um Jürgen Ploog, Carl Weissner, Jörg Fauser und Paul Gerhard Hübsch eine kleine Künstlerkolonie, die sich am Lebensgefühl der amerikanischen Beat-Generation orientierte. Drei Bücher markierten im Wesentlichen den Wendepunkt in der Literatur dieser Zeit: Jack Kerouacs „On the road“, Allen Ginsbergs „Howl“ und William S. Burroughs „Naked lunch“. Jedes dieser drei Bücher fand in seiner Gattung einen neuen revolutionären Weg. Am spektakulärsten war die von Burroughs und Brion Gysin 1959 erfundene Cut-up-Methode. Sie zerschnitten Texte und setzten sie willkürlich wieder zusammen. Es ging nicht mehr um eine linear erzählte Geschichte, sondern um wilde Sprünge und semantische Bruchstellen.

Jürgen Ploog (1935-2020) verdiente seinen Lebensunterhalt als Langstreckenpilot bei der Lufthansa. Seinem Selbstverständnis nach war er Schriftsteller. Er hat bis zu seinem Tod in jeder freien Minute geschrieben und einen über zehntausendseitigen Nachlaß hinterlassen. Für seine zerrissene Lebensweise – heute Karachi, morgen New York, übermorgen Mexico City – suchte er nach der angemessenen Schreibtechnik und fand sie im Cut-up. „Meine dem ständigen Wechsel von Kontinenten unterworfene dissoziative Lebensweise, die damit verbundenen Erschütterungen von Metabolik & Biorhythmus, machten das gegebene Gefüge des homogenen Sprachkörpers für mich unbrauchbar. Dies war keine Stilfrage, dies war eine von einer anderen Lebensweise geprägte & sich in einem fortlaufenden Prozess entwickelnde Sichtweise. Ich musste das Wie meiner Lebens- & Sehweise […] zu einer Schreibform machen.“

Die deutsche Jugend der sechziger begehrte auf gegen die Elterngeneration, die im Muff steckengeblieben war, und eine Gesellschaft, die in großen Teilen von Altnazis bestimmt wurde. Auf dem Höhepunkt kulminierte das 1968 in Straßenschlachten und der Ermordung von Benno Ohnesorg. In der Literatur rechnete eine kleine Clique mit bewußten Verstößen gegen die Konventionen mit dem Establishment ab. Ploogs Erstling „Cola-Hinterland“, 1969 im heute legendären Melzer Verlag erschienen, war eines der ersten literarischen Zeugnisse dieses Aufstands und Protests. In einer wüsten „Entregelung der Sinne“ (Rimbaud) reihte Ploog alles aneinander, womit man das brave Bürgertum schockieren konnte. Er vermischte Versatzstücke aus Herrschaftskritik, Pornographie, Science Fiction, Comics, Krimis, Dirty-Speech, Illustrierten, Sachbüchern zu einem Strom assoziativer Sequenzen.

Je vulgärer und obszöner, umso besser. Die etablierte Germanistik urteilte unerbittlich: „Polit-Porno-Masche“, geschrieben in „einer Art Sprach-Samen- oder Suff-Kotze-Stil“ (Jost Hermand). Was nicht verstanden wurde, war Ploogs Suche nach einer neuen Sprache. „Mit anderen Worten, es geht um einen Topikwechsel der Sprache, um eine radikale Neuordnung ihrer Handhabung, um eine Entkolonisierung von Syntax und Semantik … um einen Angriff auf alles, was sie zur Heiligen Kuh der traditionellen Kultur macht. Es geht um ihre Synthetisierung.“

Die silberfarbene Erstausgabe von „Cola-Hinterland“ ist heute ein gesuchtes Sammlerstück, ein monolithisches Zeugnis einer rebellischen Zeit.