Vom Leben und Sterben zwischen der 96. und 155. Straße

Über die Harlem-Romane von Chester Himes

Den Reiz von Krimis machen die Detectives aus. Wenn sie besonders sind. So besonders wie Grave Digger Jones und Coffin Ed Johnson, die beiden farbigen Detektive des schwarzen Schriftstellers Chester Himes, dessen Krimis jetzt endlich eine Neuauflage erfahren.

„Wenn man von dem Turm der Riverside-Cathedral nach Osten blickt, erstrecken sich, von den Gebäuden der Universität auf den hohen Ufern des Hudson Rivers eingeengt, tief unten in einem Tal Wogen grauer Dächer, die aus der Ferne wie die Oberfläche eines Sees wirken. Unter der Oberfläche, in den trüben Wassern stinkender Wohnungen, zuckt eine Stadt schwarzer Menschen in verzweifeltem Lebensdrang wie das gefräßige Schnappen Millionen hungriger kannibalischer Fische. Blinde Mäuler fressen an ihrem eigenen Gedärm. Wer eine Hand hineinstreckt, zieht nur einen Stumpf heraus. Das ist Harlem.“

Chester Himes, 1909 in Jefferson City, Missouri, als Sohn eines Lehrers geboren, hat gleich im ersten seiner neun Krimis in einem schon klassisch zu nennenden Kameraschwenk den Handlungsort seiner Bücher abgesteckt. Dieses wahrscheinlich heute noch größte Ghetto in der Ersten Welt wird nur in ganz wenigen Ausnahmesituationen verlassen. In diesem Dschungel, der nichts weiter ist, als „ein stinkender, heißer Brodem“, in dem der „Dunst von siedendem Fett, verbranntem Haar, Auspuffgasen, faulenden Abfällen, billigem Parfum, ungewaschenen Körpern, verfallenen Gebäuden, Hunde-, Ratten- und Katzenkot, Whiskey und Erbrochenem und allen anderen Gerüchen der Armut“ allgegenwärtig ist, wird der Leser  konfrontiert mit den schon klassischen Gegensätzen: Liebe und Haß, Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung, Gut und Böse.

Weil Harlem nun aber mal ein Ghetto ist, gelten hier auch andere Gesetze. Die Hoffnungen sind größer, die Verzweiflungen tiefer, das Leben ist härter, und der Tod kommt schneller. „Wir sind hier in Harlem. Hier geht’s anders zu als in der übrigen Welt. Hier muß man ganz von vorne anfangen, weil die Leute in Harlem Dinge aus Gründen tun, auf die niemand sonst in der Welt kommt.“ In Harlem kann es zum Beispiel vorkommen, daß einer mit Platzpatronen auf einen anderen schießt und dieser trotzdem tödlich getroffen zusammenbricht oder man begegnet vor einem Kaufhaus einer Barmherzigen Schwester, die in Wirklichkeit ein Mann ist und einem für einen Dollar eine Eintrittskarte in den Himmel verkauft oder einer behauptet, er könne aus einem 10 Dollar-Schein einen 100 Dollar-Schein machen, während ein anderer ein Elexier anbietet, das das Leben verlängern kann. „Die Leute in Harlem denken sich jeden Tag neue dunkle Geschäfte aus. Sie haben die Zeit und die Phantasie dazu, und alles, was sie brauchen, um Geld zu verdienen, sind dunkle Geschäfte.“

In diesem „Brutofen der Verderbtheit“, in dem Pusher, Junkies, Allerheilsbringer, Glücksspieler, „Prostituierte, Päderasten, Taschendiebe, Gauner, Trickbetrüger, Schlepper und Zuhälter“ das Straßenbild beherrschen, kann nur zurechtkommen, wer die Mentalität dieser Ghettobewohner aus eigener Erfahrung kennt und weiß, nach welchen Gesetzen hier gelebt und gestorben wird. „Grave Digger und Coffin Ed waren keine korrupten Polizeidetectives, aber sie waren scharf. Sie mußten scharf sein, um in Harlem arbeiten zu können. Farbige hatten keinen Respekt vor farbigen Polizeibeamten. Aber sie respektierten ihre großen, blinkenden Revolver und einen plötzlichen Tod. In Harlem wurde behauptet, daß Coffin Eds Revolver einen Felsen totmachen und daß Grave Diggers Revolver ihn begraben könnte.“ Grave Digger und Coffin Ed sind im Ghetto bekannt und gefürchtet, sie stehen für Ruhe und Ordnung, für Recht und Gesetz, aber auch für Gnadenlosigkeit und hemmungslose Brutalität. Ihr Bibelspruch lautet: „Man kann kein Ragout machen, ohne das Fleisch zu zerschneiden.“

Das Leben und Laster im Revier pulsieren. Keine Minute vergeht, in der nicht eine kriminelle Handlung vollzogen wird. Grave Digger und Coffin Ed greifen nur bei den harten Sachen ein. Die Ermittlungen der Polizei gestalten sich prinzipiell immer deshalb als sehr schwierig, weil in Harlem fast jeder mit jedem verwandt ist, und sollte das mal nicht der Fall sein, dann verbindet die Harlemer etwas mindestens genauso Starkes – ihre Hautfarbe. Passiert ein Verbrechen, gibt es in Windeseile Hunderte von Schaulustigen, ertönen die ersten Polizeisirenen, machen sich alle in Sekundenschnelle aus dem Staub. Jede(r) hat nichts gesehen. Auch nach stundenlangen Verhören im „Pfeifernest“, „einem schalldichten, fensterlosen Raum“ im ersten Stock des Harlemer Polizeireviers, wird kein Zeuge, kein Tatverdächtiger auch nur einen Mukser von sich gegeben haben, der die Polizei nur ein Stückchen weiterbringen könnte. („In Harlem war es ein ungeschriebenes Gesetz, daß ein schwarzer Bruder jedem anderen half, weiße Polizisten anzulügen.“) Das Stöhnen der weißen Polizisten ist in Himes-Krimis alle paar Seiten zu hören: „Zwei Stunden und siebzehn Minuten. Und alles, was ich inzwischen erfahren habe, ist, daß die Leute hier in Harlem so ehrenwert sind, daß nicht einmal ihre Finger stinken.“

Unsere beiden „Niggerpolypen“ kommen da schon eher zu Ergebnissen. Einmal, weil sie über ein perfekt funktionierendes Spitzelnetz verfügen („In Harlem heißt es doch, daß keiner pinkeln gehen kann, ohne daß eure Pfeifer es euch mit allen Einzelheiten verraten.“) und zum anderen, weil sie in ihren Arbeitsmethoden alles andere als zimperlich sind. Ihre unkonventionellen, nicht immer schmerzfreien Praktiken sind zwar nicht legal, aber in Halem legitim. „Über seine Stirn zog sich eine blutige Schramme; sein linkes Auge war geschlossen und blutunterlaufen, und seine Oberlippe hatten den Durchmesser eines Fahrradschlauchs angenommen. Coffin Ed hockte auf ihm, das Knie in den Solarplexus des Liegenden gerammt, und würgte ihn.“ Hier heiligt der Zweck die Mittel.

Coffin Ed erklärt das einem Uneinsichtigen so: „Brody ist von der Mordkommission, und Morde aufklären ist sein Beruf. Er macht das nach der gesetzlich vorgeschriebenen Methode, und wenn noch ein paar Leute umgebracht werden, während er dabei ist, dann ist das für die Opfer sehr bedauerlich. Aber Grave Digger und ich, wir sind nur zwei Dorfbullen aus Harlem, die nicht gerne sehen, daß hier einer umgebracht wird. Es könnte ja zufällig ein Freund von uns sein. Darum wollen wir einem weiteren Mord zuvorkommen.“ Unangefochten sind sie die „Männer“ in Harlem und verkörpern in Reinkultur Norman Meilers Definition, die er in seinem bedeutenden Essay „The White Negro“ formuliert hat: „Ein Mann zu sein, bedeutet unaufhörlichen Lebenskampf, und es verliert einer einen Teil der Männlichkeit bei jedem schalen Kompromiß mit jeglicher Macht, an die er nicht glaubt.“ Das ist die Formel, aus der Mythen und Männerlegenden gebaut werden.

In seinen auch sprachlich überzeugendsten Momenten treibt Himes die Schilderung der Gewalttätigkeiten ins Makaber-Groteske. In jedem seiner Krimis gibt es blutige Massaker und wild-rasante Verfolgungsjagden. Ob die beiden Detektive nun einen Leichenwagen verfolgen, der mit mörderischem Tempo über den menschenüberfüllten Harlemer Markt rast oder auf eisglatter Fahrbahn hinter einem Motorradfahrer her sind, die Schilderungen haben neben aller Dramatik immer auch etwas sehr Sarkastisch-Zynisches. In „Harlem dreht durch“ ist am Ende der Jagd der Motorradfahrer enthauptet, rollt ein außer Kontrolle geratener Blechtransporter in die breiten Steinstufen einer vornehmen Negerkirche, deren Predigtthema für den kommenden Sonntag lautet: „Sei auf der Hut! Der Tod ist näher als du denkst“, und das Motorrad rast mit dem kopflosen Rumpf des Fahrers in die vergitterte Tür eines Juwelierladens, an der ein Schild die Auskunft gibt: „Wir geben selbst Toten Kredit!“

Die über fünf Seiten geschilderte Verfolgungsjagd dürfte mit ihren humoristischen Komponenten und in ihrer filmisch akribisch genauen Darstellung des Ablaufs wahrscheinlich in der Literatur ihresgleichen suchen (und wirft nebenbei auch die Frage auf, warum Actionspezialisten wie Peckinpah, Hill oder Friedkin nie auf die Idee gekommen sind, Himes-Bücher zu verfilmen), aber das Lachen bleibt einem doch überwiegend im Halse stecken, weil die Aneinanderreihung dieser sinnlosen Gewalttätigkeiten immer eine Verkettung gesellschaftlicher Ursachen als Ausgangspunkt hat. Himes geht es nicht um den billigen „Nervenkitzel für abgestumpfte Konsumenten für Grausamkeiten“, sondern er reflektiert in diesen drastischen Bildern die „brutale gesellschaftliche Situation, die kollektive Grausamkeit, der die Bewohner Harlems unterworfen sind und, die sie gegeneinander gebrauchen, um zu überleben“ (Jörg Fauser).

Himes ist im eigentlichen Sinn ein politischer und vor allem moralischer Schriftsteller, ohne daß diese Tatsache beim Lesen störend auffallen würde. Seine Sympathien gehören den Unterprivilegierten, dem kleinen Mann von der Straße, selbst seine beiden Detektive sind proletarischer Herkunft. „Sie sahen aus wie zwei Bauern, die gerade zu Besuch in die Stadt gekommen waren.“ Trotzdem haben diese Bullen das Herz am richtigen Fleck. Einmal nehmen sie einem Gangster fünfzigtausend Dollar ab und spenden sie – anonym versteht sich – dem Ferienfonds der New York Herald Tribune, „durch den Jungen aller Rassen und Glaubensbekenntnisse im Sommer zur Erholung aufs Land geschickt werden“, ein anderes Mal räsoniert Coffin Ed: „Die Leute wollen einfach nicht glauben, daß wir doch nur versuchen, in der Stadt Ruhe zu schaffen, damit die Menschen in Frieden leben können. Das besorgen wir nach bestem Wissen und Gewissen. Die Leute glauben, uns macht es Spaß, brutal mit den Menschen umzuspringen, sie zu erschießen oder ihnen über den Kopf zu schlagen.“

Im Gegensatz zu seinem viel berühmteren Kollegen James Baldwin, der in seinen autobiographischen Notizen bekennt: „Das bedeutete nicht, daß ich schwarze Menschen liebte; im Gegenteil, ich verachtete sie, vielleicht, weil sie keinen Rembrandt hervorbringen konnten“, liebt Himes seine „Nigger“ und ihre Kultur. Er steht in jeder Zeile seiner Krimis auf ihrer Seite, er liebt sie wegen ihrer Musik (Jazz, Blues, Soul, Gospel), wegen ihres vorbehaltlosen Bekennens zu ihrem afrikanischen Erbe. In all seinen Krimis räumt Himes dem Aberglauben und dem ganzen übrigen religiösen Spektrum großen Platz ein. Nicht nur am Sonntagmorgen ist fast ganz Harlem unterwegs „zu großen Kirchen und kleinen Kirchen, zu Kirchen aus Stein und Kirchen mit Ladenfassaden, zu selbstgebauten Kirchen und Kirchen, die ihnen überlassen worden waren. Zu Kirchen der Baptisten und Kirchen der African Episcopal Zionists, zu Kirchen der Holy Rollers und zu Kirchen von Father Divine und Daddy Grace und vom Brennenden Dornbusch, zu Kirchen Gottes und Christi“. Wer in dieser Welt kein Licht sieht, richtet seine Projektionen auf eine andere. Kein Wunder, daß in Harlem das Traumdeuten und Wahrsagen, die Verheißung auf bessere Zeiten, ein florierender Geschäftszweig für clevere Halsabschneider sind. Mit den richtigen Argumenten kann man in Harlem alles zu Geld machen. „Sie glaubten an Black Power. Sie wollten es jedenfalls mal auf einen Versuch ankommen lassen – alles andere war schiefgegangen. Sie füllten die Sammelkörbe mit Münzen und Banknoten. Das Geld ging sowieso für irgendetwas drauf. Miete, Religion, Essen oder Whiskey – warum nicht für Black Power? Was hatten sie zu verlieren? Und vielleicht würden sie gewinnen. Wer konnte das wissen?“

In Himes‘ Krimis erfährt man alles über Rassendiskriminierung und die Kunst, wie „es Neger fertigbringen, hier in den Höllen Nordamerikas zu überleben“ (Eldridge Cleaver). Immer wieder ist der Ausgangspunkt für ein Verbrechen die Konfrontation Schwarz/Weiß. Ein Weißer kommt nach Harlem, um hier seine (perversen) sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Er bringt Geld mit, demonstriert damit Macht und provoziert Haß und Neid bei den Farbigen. Das ist die moderne Form der Sklaverei. Wenn es das Schicksal so will, wird irgendein Schwarzer aufstehen, ein Messer zücken und auf den Weißen losgehen, weil ihm „all das Böse“ eingefallen ist, das auf die Kappe der Weißen geht. „Wahrscheinlich hat ihm vor 20 Jahren im Süden ein Weißer mal was angetan, und dafür wollte er sich jetzt hier an diesem Weißen rächen.“ So einfach kann ein Motiv sein.

In einem Satz wie dem folgenden liegt alle Brisanz und Tragik von Harlem: „Wenn ihr Weißen unbedingt nach Harlem kommen müßt, wo ihr Farbige zwingt, in von Lastern und Verbrechen beherrschten Slums zu leben, dann ist es mein Beruf, dafür zu sorgen, daß ihr hier sicher seid.“ In diesem Statement Grave Diggers drückt sich weiter nicht nur die Schizophrenie der farbigen Gesetzeshüter aus – sie sitzen nämlich zwischen allen Stühlen -, in diesem Statement liegt auch schon das Verständnis für die Genugtuung der Schwarzen, wenn sie ausnahmsweise mal nicht das Opfer rekrutieren: „Jeden Tag sehen die Farbigen in Harlem zwei- oder dreimal, wie ein Farbiger von einem anderen Farbigen mit einem Messer oder einer Axt oder einem Knüppel gehetzt wird. Oder sonst von einem weißen Polizisten mit einer Pistole, oder von einem Weißen mit den Fäusten. Aber nur einmal alle Jubeljahre bekommen sie zu sehen, wie ein Weißer von einem ihrer eigenen Farbe gejagt wird. Und dann auch noch ein großer Weißer. Das ist ein Ereignis. Die Chance zu sehen, daß zur Abwechslung einmal weißes Blut vergossen wird, auch noch weißes Blut durch einen Schwarzen. Das war ein größeres Ereignis als die Emanzipationsfeiern. Wie die Leute in Harlem sagen: das ist das Höchste.“

Himes hat keine raffiniert ausgedachten Verbrechen zu bieten. Keine grandios gelösten Aufklärungen, ihn interessiert weniger das Kriminologische, das Wie, als vielmehr das Soziologische, des Warum. Wenn ein junger, durchgeknallter Fanatiker der „Real Cool Moslems“ einfach einen Passanten abknallt, weil er sehen will, „wie meine neue Pistole schießt“, dann kann das zu einem Fall werden, für dessen Aufklärung einfach eine Portion Glück, Väterchen Zufall, die Mithilfe vieler, genaue Milieukenntnis und Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt eines „Niggers“ Voraussetzung sind. Was anfangs vielleicht wie die Tat eines Psychopathen aussieht, kann am Schluß doch auf Ursachen zurückzuführen sein, die benennbar sind. Man muß den Drahtzieher der Unruhen ja nicht immer so weit in der Vergangenheit suchen, wie das Grave Digger in „Blind, mit einer Pistole“ getan hat. Nach dem Namen des Anstifters der Krawalle gefragt, antwortet er: „Lincoln.“ Und fügt zur Erklärung hinzu: „Er hätte uns nicht freimachen dürfen, ohne uns dann auch satt zu machen.“ Himes‘ Detektive haben nichts vom Mythos des ultracool-kombinierenden, allwissenden Superhirns. Sie sind einfach nur ein Teil von Harlem und handeln nach einem ungewöhnlichen, aber erfolgreichen Kodex. Wenn einer wagt, einen perfiden, hinterhältigen Säureangriff auf Coffin Ed zu tätigen (der danach durch das „säurezerfressene, furchteinflößende Gesicht mit seinem Flickwerk von verpflanzter Haut“ für immer entstellt sein wird), dann braucht er sich nicht zu wundern, wenn Grave Digger aufrüstet und als lebende Tötungsmaschine durch Harlem marschiert und gnadenlos aufräumt.

Europäischen Lesern mögen Himes‘ drastische, oft schockierende Schilderungen unrealistisch und übertrieben vorkommen, aber wenn man um die „großen weißen Lügen“ weiß, „aus denen sich der monolithische Mythos Weißes Supremat/Schwarze Inferiorität zusammensetzt“ (E. Cleaver), dann wird man verstehen, daß es legitim ist, die Verhältnisse so brutal und blutrünstig darzustellen, wie das Himes in seinen Krimis tut. Wie hat selbst der große Theologe Thomas Merton einmal über Harlem geurteilt: „In diesem großen Kessel werden unübersehbare natürliche Begabungen, werden Weisheit, Liebe, Musik, Wissenschaft, Poesie vernichtet und dem Abschaum einer elementar korrumpierten Natur zum Sieden überlassen. Tausende über Tausende von Seelen werden durch Laster, Elend und Erniedrigung zerstört, ausgelöscht, vernichtet, aus dem Register der Lebenden getilgt, ja entmenschlicht. Harlem, was ist nicht in deinem dunklen Schmelzofen verzehrt worden durch Marihuana, durch Gin, durch Wahnsinn, Hysterie, Syphilis?“ Wer das heute für eine Mär aus vergangener Zeit hält, den verweise ich zum Beispiel auf die „Bleichkur“ eines Michael Jackson oder die brillanten Songs der Grandmaster Flash, die rücksichtslose Zeitaufnahmen aus den schwarzen Elendsquartieren geben.

Chester Himes kennt all das, über das er schreibt, sehr genau. Obwohl er aus einem gebildeten Elternhaus stammte und selbst die Highschool und die Staatsuniversität besuchte (für damalige Verhältnisse absolut ungewöhnlich), geriet er auf die schiefe Bahn und wurde für einen verübten Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Staatsgefängnis von Ohio las er in der „Black Mask“ Stories von Hammett und Chandler und sagte sich: „Das kannst du auch. Es war ganz einfach: man mußte es nur so erzählen, wie es ist.“

Noch während seiner Haftzeit wurden die ersten Stories von ihm veröffentlicht. Nach seiner Entlassung wendete er sich allerdings dem sozialkritisch engagierten Roman in der Tradition eines Ralph Ellison oder Richard Wright zu. 1945 brachte ihm sein Buch „If He Hollers Let Him Go“ (er erzählt darin seine Erlebnisse, die er auf einer Schiffswerft in Oakland gemacht hat) den literarischen Durchbruch und die Anerkennung der (überwiegend weißen) Kritik. Der Erfolg hielt jedoch nicht lange an. Das lag weniger an seinen nachlassenden schriftstellerischen Qualitäten, als vielmehr an seiner ungebrochenen Kompromißlosigkeit und Kampfbereitschaft. Das Establishment läßt sich nicht gerne fortgesetzt ans Bein pinkeln, schon gar nicht von einem Schwarzen.

Enttäuscht flüchtete Himes 1953 nach Paris, ins freiwillige Exil, und hatte Glück, daß ihm dort Marcel Duhamel, der Leiter der legendären Krimi-Reihe „Serie Noire“ im Verlag Gallimard, wieder auf die Beine half. Seinem Rat, er solle sich doch wieder dem Krimigenre zuwenden, haben wir neun Krimis („Harlem domestic detective stories“ wie sie Himes selbst nannte) und zwei Detektive zu verdanken, die mit zum Originärsten gehören, was es auf diesem Sektor gibt.

Nach Himes eigenem Plan sollten es zehn Krimis werden. Im letzten Buch „sollten Grave Digger und Coffin Ed bei dem Versuch, eine schwarze Revolution in den Vereinigten Staaten zu verhindern, ums Leben kommen. Ich versuchte, mir vorzustellen, was dabei alles passieren könnte, und wollte es ganz dokumentarisch beschreiben. Aber ich mußte aufhören. Die Gewalttätigkeit schockierte sogar mich selbst.“ Liest man die Krimis in chronologischer Reihenfolge, was zu empfehlen ist, bemerkt man Himes‘ fortschreitende Desillusionierung. Sein letzter Krimi, „Blind, mit einer Pistole“, ist im eigentlichen Sinn kaum noch dem klassischen Genre zuzurechnen.

In einer Folge von grotesken, skurrilen und grausamen Szenen breitet Himes nochmals das ganze Spektrum Harlem’schen Alltags aus: Blinde setzen beim Würfelspiel; ein fast Hundertjähriger hat elf Frauen und fünfzig Kinder, alle unter zehn; Marcus Mackenzie will die Welt retten und vorher noch „die Negerfrage lösen“; Weiße amüsieren sich in Harlem und riskieren, „sich eine Geschlechtskrankheit zu holen“; die Leute setzen auf Black Power; im „Cozy Flats“ treffen sich alle Laster Harlems: „Sodomiten, Lesbierinnen, Päderasten, Haschischraucher, LSD-Schlucker, Huren …, Sadisten und Organisatoren der modernen Freizeitgestaltung für Damen und Herren der gehobenen Stände“ und über all dem flackert der allgegenwärtige Todeshauch der unorganisierten Gewalt. Harlem ist eine andere Welt. Hier ist das Leben und Sterben ganz anders, und doch ganz einfach. Lieutenant Anderson, ihr Chef, bringt das auf den Nenner: „Jede Welt ist eine andere Welt. Ihr wart bloß zu lange in Harlem … Die Kriminalität hier ist doch unkompliziert. Praktisch alles Gewaltverbrechen. Wenn ihr in nem Revier in der Innenstadt wärt, hättet ihr es mit einem Dutzend verschiedener Welten des Verbrechens zu tun.“

Was sich in seinem ersten Krimi, „Die Geldmacher von Harlem“, noch sehr optimistisch und ambitioniert anhört: „Das bekannte Harlemer Detectivepaar, Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones, hatte den Auftrag, für Ordnung zu sorgen. Beide waren große, gelenkige, nachlässig gekleidete, alltäglich aussehende, dunkelbraune Farbige. Aber an ihren Dienstwaffen war nichts Alltägliches. Sie trugen speziell angefertigte, langläufige, vernickelte Revolver Kaliber achtunddreißig, und im Augenblick hielten sie die Revolver in den Händen“, schlägt von Buch zu Buch zusehends ins Gegenteil um. Im letzten Band reflektieren die „zwei rassisch minderwertigen Bullen“ (mittlerweile haben sie auch schon Fett über der Gürtellinie angesetzt) über ausgebliebene Beförderungen, gestiegene Lebenshaltungskosten, stagnierende Gehaltserhöhungen, die Hypotheken auf ihren Häusern und folgern: unsere „Laufbahn als Polizeibeamte war Harakiri mit Anlauf gewesen“. Am Schluß des Buches erschießen Kollegen einen Blinden, der in der U-Bahn aus Versehen (!) den Falschen erschossen hat, während unsere beiden Helden ihre Schießkünste an einer Meute von Ratten erproben, die aus einer Reihe eingestürzter Slumhäuser an der Ecke Lenox Avenue/125. Straße rennen.

Wie groß Chester Himes‘ Resignation war, als er 1984 in Spanien starb, weiß ich nicht. Ich hoffe, er hatte noch nicht ganz aufgegeben. Der Neuauflage von seinen lange vergriffenen Erfolgsthrillern wünsche ich jedenfalls viele Leser, verbunden mit der Hoffnung, daß ihnen bald eine zeitgemäße Übersetzung zuteil wird. Die vorliegenden, teilweise lausig schlechten Übertragungen stammen noch aus den sechziger Jahren, und der Ärger darüber lenkt die Aufmerksamkeit einfach zu sehr ab von dem, was aus Situationen wie folgender entstehen kann: „Als er wieder zu sich kam, starrte er zurück, von Leidenschaft gepackt, sein ganzes schwarzes Wesen von Hochspannung erfüllt. Er war bereit! Völlig bereit, Kehlen durchzuschneiden, Schädel einzuschlagen, der Polizei zu entwischen, Leichenwagen zu stehlen, schmutziges Wasser zu trinken, in einem hohlen Baum zu leben und jedes verfluchte Risiko einzugehen, um wieder einmal in den Armen seines hellgelben Herzchens zu liegen.“

Erstdruck in Die Horen, Band 165, I/1992