Mr. L.A. Cool
Am 9. März 1994 um 13.59 Uhr in Zimmer 380 des Peninsula-Hospitals von Los Angeles hat „Mr. L.A. Cool“ die große Reise über den Jordan angetreten. Seine letzte Ruhe fand der an Leukämie erkrankte und von einer Lungenentzündung dahingeraffte Kultautor auf dem Friedhof in der Nähe der von ihm selbst berühmt gemachten Western Avenue. In ihren Nachrufen hat dem passionierten Pferdewetter die versammelte Meute der bundesdeutschen Feuilletonpinscher die ewig gleichen Vorurteile, Halbwahrheiten und Lügen nachgekläfft. Alle, die dem eitlen Kritikerpack schon lange nicht mehr glauben, können aber jetzt ein Jahr lang sonntagnachts Bukowskis „Wort zum Montag“ lauschen und sich selbst ein Bild vom „dirty old man“ machen. Regisseur Barbet Schroeder hat viele Tage und Nächte mit Bukowski verbracht, alles mit der Kamera mitgeschnitten und daraus 52 Tapes zwischen drei und zehn Minuten Länge gemacht, in denen die Ikone des literarischen Undergrounds sich über Gott und die Welt ausläßt.
Wer Bukowski unvoreingenommen liest und zuhört, wird feststellen, daß es ihm um viel mehr als ums Bumsen und Saufen ging. Wie sehr ihm dieses angedichtete Image am Arsch vorbeiging, beweist sein selbstironisches Statement aus dem legendären Playboy-Interview mit Jörg Fauser aus dem Jahre 1977: „Von mir erwartet man, daß ich jede Nacht ein paar Liter Whisky mit Bier saufe, mit einer fetten Hure meine dreckige Matratze durchficke und dann die Puffs in North Hollywood aufmische. Dazu vertilge ich drei Tonnen Chips und anschließen stehe ich so im Saft, daß ich 15 unsterbliche Gedichte hintereinander schreibe und gleichzeitig sämtliche Rennen von Santa Ana und Santa Anita gewinne!“

Hinter diesem „Mythos vom Säufer, Schläger, Spieler, Hurenbock“ (FAZ) kommt selbst in seinen versautesten, chauvinistischsten Texten immer auch ein politischer, aber undogmatischer Bukowski zum Vorschein, der das Leben der Unterprivilegierten und Outcasts zum Thema seiner ehrlich und authentisch erzählten Gesellschaftskritik macht. „An Perversen und Kriminellen, generell gesagt: an dunklen, kaputten, verzweifelten Typen läßt sich der Wahnsinn des Lebens und sein Mechanismus besser zeigen als an Normalen.“
Mit den Erfahrungen und der Sozialisation, die Bukowski gelebt hat, konnte er nur zum Chronisten der Schattenseiten werden: „Was Menschen betrifft, reagiere ich nur mit meinem Instinkt, wie eine Kakerlake. Oder eine Ratte. Ich bin mißtrauisch geworden. Ich habe auf die harte Tour begreifen gelernt, daß es nichts Schlimmeres gibt als geistige Untreue.“ Sein bewegtes Leben und seinen abenteuerlichen Werdegang, über den Neeli Cherkovskis Biographie „Das Leben des Charles Bukowski“ übrigens detailliert Auskunft gibt, hat der ehemalige Kriegsdienstverweigerer (1941) in „Texten von einer konzentrierten, dabei im Tonfall immer gelassenen Wut“ (Jörg Fauser) verarbeitet. In über 60 Büchern hat der Vater einer Tochter und leidenschaftliche Hörer von klassischer Musik von den Freuden und Leiden der Verlierer und Ausgebeuteten berichtet, unerbittlich die Finger in die Wunden der westlichen Wohlstandsgesellschaft gelegt, den Mythos vom amerikanischen Traum demontiert und seine große Utopie immer im Auge behalten: „Die Liebe ist der letzte Rest Zauber in einer entzauberten Welt.“
Die Charles-Bukowski-Tapes, ab 10.4. jeweils sonntags um Mitternacht auf 3sat