Notes on the dirty old man

Man hat ihn als Kampftrinker, Hurenbock und Drecksack abqualifiziert. Obwohl ihn nur wenige Kritiker für einen großartigen Schriftsteller halten, haben sich seine Bücher millionenfach verkauft. Am 16. August wird Charles Bukowski 70 Jahre alt.

Gleich vorne weg: für mich ist Charles Bukowski ein wichtiger, intelligenter und sehr guter Schriftsteller. Wieso? Weil seine Gedichte, Erzählungen und Romane, auch wenn das viele meinen, nicht hingerotzte Autobiographie sind, sondern wohldurchdachte Literatur. Bukowski weiß nämlich ganz genau, was er macht. „Vergessen wir mal die Scheiße und fangen mit der sogenannten Kunst an. Stil. Stil ist auf alles eine Antwort. Er zeigt uns einen neuen Weg, eine stumpfsinnige Sache anzugehen oder eine gefährliche Sache. Eine stumpfsinnige Sache mit Stil ist einer gefährlichen Sache ohne Stil auf jeden Fall vorzuziehen.  Eine gefährliche Sache mit Stil anzugehen, ist das, was ich Kunst nenne. Stierkampf zum Beispiel kann eine Kunst sein. Boxen kann eine Kunst sein. Aber auch Liebe kann Kunst sein. … Es haben nicht viele Stil, noch weniger können ihn bewahren.“

Bukowski hat Stil, in seiner Schreibe wie in seinen Ansichten. Die herausragende Qualität seiner Bücher ist, daß er in seinen Texten den Lebensaspekt des Fabrikarbeiters, die grundlegende Realität der Jedermannexistenz vermittelt. „… ich wußte, daß es eine ganze Zivilisation von Aussteigern und Gestrandeten gab, die in und von Kneipen lebten. Tag und Nacht, bis zu ihrem Tod. Davon hatte ich noch nirgends was gelesen, deshalb beschloß ich, darüber zu schreiben, wie ich es in Erinnerung hatte“, heißt es in „Hollywood“, seinem zuletzt hier erschienenen Roman. „Schreiben war für mich keine Arbeit und war es nie gewesen, so weit ich zurückdenken konnte: Das Radio auf den Sender mit der klassischen Musik einstellen, eine Zigarre oder Zigarette anzünden, eine Flasche aufmachen, und den Rest besorgte die Schreibmaschine da, half mir drüber weg, rettete meinen Arsch. Und dafür schrieb ich eigentlich – um meinen Arsch zu retten. Vor dem Irrenhaus, vor den Straßen, vor mir selber.“

Bukowskis Kritiker habe ihm vorgeworfen, er wäre obszön, frauenfeindlich, pornografisch, ekelhaft. Zu solchen Urteilen kann nur kommen, wer die Welt aus den Fenstern des Elfenbeinturms betrachtet. Bukowskis Protagonisten, allen voran sein alter ego Henry „Hank“ Chinaski, kommen von unten, von der Gosse, leben jenseits der Grenzen des guten Geschmacks. Ich respektiere das berechtigte Bedürfnis des Lesers nach Ablenkung und Illusion, aber wer mit offenen Augen durch die Straßen läuft, wird zugeben müssen, daß nicht Bukowski, sondern das, was er beschreibt obszön, frauenfeindlich, pornografisch und ekelhaft ist. Bukowski hält in der einfachen Sprache des Mannes von der Straße dem Leser einen Spiegel der Realität vor. Oder ganz lapidar gesagt: „Ich fotografiere das Leben.“

1960 ist sein erster Gedichtband erschienen, 30 hektografierte Seiten in einer zweihunderter Auflage. Mittlerweile liegen mehr als 40 Bücher von ihm vor (das vielleicht schönste wird rechtzeitig zu seinem Siebzigsten bei Maro erscheinen: „Einmal New Orleans und zurück“ enthält mehrere siebenfarbige Original-Flachdruckgraphiken von Rotraut Susanne Berner), er hat weit über 1000 Gedichte publiziert, weltweit wird er millionenfach gelesen. Sartre und Genet hielten ihn für den „besten Dichter Amerikas“. Ich stelle ihn gleichberechtigt in die Reihe der anderen großen Schluckspechte: Eugene O’Neill, Faulkner, Hemingway, Jack London. Was er über sie geschrieben hat, gilt für ihn gleichermaßen: „Der Alkohol hatte ihnen die Tasten gelockert, neuen Glanz gegeben, den Mut zum Risiko hervorgekitzelt.“

Nicht aus Pietätlosigkeit, sondern als Prosit auf seine Gesundheit, möchte ich zum Schluß einen meiner liebsten Bukowskidialoge zum Besten geben, der nicht nur seinen Humor, sondern auch seine Schlagfertigkeit beweist.

„Was sehen Sie, wenn Sie dem Tod in den Arsch linsen?“

„Dasselbe wie Sie.“

Erstdruck in Auftritt, Heft 8/1990