Hollywoods frechstes Grinsen
Burt Lancaster zum 75. Geburtstag
Die Kamera schwenkt von links nach rechts. Der Raum ist in Dunkel getaucht. Schemenhaft erkennt man einen auf einem Bett liegenden Mann. Ein breiter Lichtstreifen fällt auf seinen mit einem weißen Unterhemd bekleideten, muskulösen Oberkörper. Ein Mann betritt das Zimmer und erklärt dem Liegenden, daß zwei Männer auf dem Weg zu ihm seien, mit der Absicht ihn zu töten. Der Liegende wimmelt den Warner apathisch ab, richtet sich danach leicht auf, zum ersten Mal kann der Zuschauer sein Gesicht erkennen, die großen Augen, die ins Leere stieren. Ohne Reaktion wartet der Schwede auf seine Mörder und läßt sich widerstandslos erschießen.
So beginnt der Film „The Killers“ (1947) nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ernest Hemingway. Regie führte der Film-Noir-Spezialist Robert Siodmak, das Drehbuch stammte von John Huston (ohne daß er genannt wurde), die Hauptrolle spielte der Leinwanddebütant Burt Lancaster. Der Film gilt heute als Klassiker der „Schwarzen Serie“, die Mitwirkenden haben Filmgeschichte gemacht.
Gleich mit seinem ersten Film wurde Burt Lancaster berühmt. Der Film erzählt in Rückblenden die Geschichte des Boxers Ole Andreson, der sich wegen einer Frau in einen Raubüberfall verwickeln läßt und damit ins Verderben rennt. Lancaster symbolisiert hier schon all das, was seine Fans jahrzehntelang an ihm lieben werden: Athletik, erotische Ausstrahlung, differenzierten, nicht eindeutig festlegbaren Charakter.
Begonnen hat die Karriere des am 2. November 1913 in New York geborenen Burton Stephen Lancaster wie im Bilderbuch. Als viertes von fünf Kindern eines Postangestellten wuchs er in geordneten Verhältnissen auf. Im Alter von elf Jahren stand er im nahe gelegenen Union Settle House zum ersten Mal auf einer Theaterbühne. Das Theaterspielen machte ihm aber keine rechte Freude, er verbrachte seine Freizeit viel lieber im Kino und in der Sporthalle. Ein Gymnastiklehrer nahm sich seiner an und bildete ihn zusammen mit seinem Freund Nick Cravat zum Zirkusakrobaten aus. Nach einem kurzen Intermezzo an der New York University schloß sich Lancaster zusammen mit Cravat unter dem Namen „Lang and Cravat“ dem Zirkusunternehmen Kay-Brothers an. 1935 heiratete er die Akrobatin June Ernst und trennte sich kurze Zeit später wieder von ihr. Nach zehn Jahren Akrobatendasein ödete ihn das Zirkusleben allerdings an, und er versuchte sich kurzzeitig in verschiedenen Jobs. 1942 wurde er eingezogen und leistete drei Jahre Kriegsdienst unter anderem in Nordafrika und Italien. Im Spätsommer 1945 wurde er aus der Armee entlassen, ging zurück nach New York und wurde dort auf der Straße von einem Assistenten des Bühnenproduzenten Irving Jacobs entdeckt.
„In New York trat ein junger Schauspieler in dem Stück ‚The Sound of Hunting‘ auf. Es lief nur drei Wochen. Aber er wurde für die Hauptrolle engagiert.“ Was Robert Siodmak in so lapidaren Worten berichtet, entspricht den Tatsachen. Lancaster wurde gleich in seinem ersten, erfolglosen Theaterstück für den Film entdeckt. Im Januar 1946 traf er in Hollywood ein und unterzeichnete einen Siebenjahresvertrag bei Hal B. Wallis, der innerhalb der Paramount eine eigene Produktionsfirma hatte. Der Vertrag sah vor, daß Lancaster und Hecht, sein Agent, pro Jahr zwei Filme für Wallis zu machen hatten, eine Option im Vertrag erlaubte einen weiteren Film pro Jahr für ein anderes Studio. Lancaster legte von Anfang an großen Wert auf eine gewisse Unabhängigkeit.
Mit fast traumwandlerischer Sicherheit ging Lancaster danach seinen Weg. Ende 1946 heiratete er die Unterhaltungskünstlerin Norma Anderson, mit der er vier Kinder hat (1969 reichte sie die Scheidung ein). 1948 gründete Lancaster seine eigene Produktionsfirma, Norma Productions, später, zusammen mit Hecht, die Norma-Hecht Company, und 1958 schließlich die sehr erfolgreiche Hecht-Hill-Lancaster Productions. Lancaster war damit der erste Filmschauspieler, der Filme auch produzierte.
In rascher Folge trat er im Folgenden in sehr unterschiedlichen Filmen als Schauspieler auf. Wenn man die Größe eines Schauspielers in den Rollen, die er verkörpert hat, erblicken kann, dann ist Lancaster einer der größten Hollywoodschauspieler. Es gibt nur wenige seines Fachs, die ein ähnlich breites Spektrum aufweisen können.
Lancaster war von Anfang an darauf bedacht, auf keine bestimmte Rolle festgelegt werden zu können. War er in einem Film noch als brutaler Gefängnishäftling zu sehen wie in „Brute Force“ (R. Jules Dassin, 1947), konnte man ihn im nächsten Film bereits in einem heiteren Musical (“Variety Girl“, R. George Marshall, 1947) bewundern.
Lancaster ist seit über 40 Jahren im Filmgeschäft und hat in weit mehr als 70 Filmen mitgewirkt, von denen ein gutes Dutzend Filmgeschichte gemacht haben. In nicht allen konnte er schauspielerisch überzeugen, aber einige waren inhaltlich wegweisend und ihrer Zeit voraus. Lancaster gilt als schwieriger Schauspieler, er hat auch aus seiner politischen Meinung nie ein Hehl gemacht. Als überzeugter Demokrat ist er zeitlebens für die Einhaltung der Menschenrechte und gegen Rassendiskriminierung eingetreten. 1969 ist er an der Seite von Martin Luther King nach Washington marschiert, und in Los Angeles hat er Thomas Bradley unterstützt, der dort zum ersten schwarzen Bürgermeister gewählt wurde. Sein politisches Engagement hat Eingang in viele seiner Filme gefunden.
Zu den schönsten Filmen, in denen er dominierte, gehören „Sorry, wrong number“ (R. Anatol Litvak, 1948), „Criss Cross“ (R. Robert Siodmak, 1949), „Scorpio“ (R. Michael Mann, 1973), „Atlantic Ciy, USA“ (R. Louis Malle, 1980). „Scorpio“ ist ein hervorragend inszenierter Agententhriller und „Atlantic City“ eine meisterliche Milieustudie. Beide zeigen einen gealterten Lancaster in Höchstform. In „Scorpio“ erzählen die Furchen, Runzeln und Fältchen die Geschichten seiner Abenteuer. Er verkörpert Cross, einen mit allen Wassern gewaschenen, ins Alter gekommenen Agenten, der von einem jüngeren Kollegen (Alain Delon) liquidiert werden soll. „Filme sind im großen und ganzen eine Sache der Bewegung und der körperlichen Ausstrahlung … Wenn man in guter körperlicher Verfassung ist, hilft das in jeder Art von Darstellung“, erklärte Lancaster einmal. In erstaunlich guter körperlicher Verfassung liefert der alte Fuchs dem jungen Delon auf einer Baustelle atemberaubende Verfolgungsjagden und Schießduelle, andererseits spiegelt sich in einer Szene, in der ihm der Jude Max von seinen Erlebnissen im KZ erzählt, in seinem Gesicht eine betroffen machende Würde, Grandesse und anrührende Demut.
Einige seiner Western zeichnen sich durch großen Unterhaltungswert aus, etwa „Vera Cruz“ (R. Robert Aldrich, 1954), „Gunfight at the O.K. Corral“ (R. John Sturges, 1957), „The Hallelujah Trail“ (R. John Sturges, 1965) und „Buffalo Bill and the Indians“ (R. Robert Altman, 1976); andere auch durch politische Brisanz wie „Apache“ (R. Robert Aldrich, 1954), „The Professionals“ (R. Richard Brooks, 1966), „The Scalphunters“ (R. Sydney Pollack, 1969), „Valdez is coming“ (R. Edwin Sherin, 1971), und „Ulzana’s Raid“ (R. Robert Aldrich, 1972).
„The Professionals“ war einer der ersten, filmisch eindeutigen Kommentare zur Vietnampolitik des Weißen Hauses. Brooks plädierte in seinem Western für einen Rückzug der USA aus Vietnam. Trotz aller bekannten Western-Ingredienzen waren die Parallelen zwischen dem, was den Protagonisten im Film widerfährt, und dem, was in Wirklichkeit geschah, unübersehbar. Männer wurden unter Vorspielung falscher Tatsachen von undurchsichtigen Auftraggebern zu Dingen gezwungen, die nicht ihren Überzeugungen entsprachen. In „Apache“ wurde dem Publikum zum ersten Mal das Schicksal eines rein indianischen Paares „zugemutet“. Die ofenkundige Botschaft des Films lautet: Wenn sich ethnische Minderheiten solidarisieren, können sie sich gegen die weiße, kapitalistisch geprägte Mehrheit behaupten. Der Film schafft keine trügerische Hoffnung auf Integration, sondern macht Mut, Zustände zu ändern. In „The Scalphunters“ schließlich geht es um die spielerische Umkehrung des Sklave-Herr-Verhältnisses. Der ungehobelte Trapper Lancaster wird von dem schwarzen Sklaven Davis kultiviert.
Die Seeräuberklamotte „The Crimson Pirate“ (1952) ist wahrscheinlich Lancasters schönster und bekanntester Film. Wie in keinem anderen Film konnte er hier sein akrobatisches Können, seine Muskelkraft, seinen Charme als Verführer, seine Waghalsigkeit in den Stunts ausspielen. In keinem anderen Film dürfte sein offensichtlichstes Markenzeichen besser zur Geltung gekommen sein als hier: „Er hat eben dieses falsche Grinsen von Ohr zu Ohr, und er liebt es über alles, seine Beißerchen zu zeigen, und wenn man ihm nicht die Chance dazu gibt, nimmt er sie sich einfach.“ (Drehbuchautor Borden Chase). Regisseur Siodmak erzählt freilich in seinen Memoiren: „Zum ersten Mal hatte ich Schwierigkeiten mit Burt Lancaster. Da er der Co-Produzent war und eigene Regie-Ambitionen hatte, wollte er mich nach etwa drei Monaten Drehzeit hinausekeln und den Film selbst zu Ende drehen. Jedes Mittel war ihm recht. … Er war ein Sadist erster Güte.“ Schon früh fing Lancaster an, seinen eigenen Kopf durchzusetzen und damit seinen Regisseuren Schwierigkeiten zu machen. Da er bei vielen seiner Filme auch (Co-)Produzent war, hatte er alle Machtmittel in der Hand, um ins Drehbuch und die Arbeit der Regisseure „korrigierend“ einzugreifen. Fast alle, die mit ihm gearbeitet haben, waren von teilweise gravierenden Eingriffen betroffen. Etwas gebessert hat sich das Verhalten Lancasters erst nach „The Kentuckian“ (1955), seinem katastrophal ausgefallenen Regiedebüt. Robert Aldrich, einer der am härtesten Betroffenen, hat das mit unmißverständlichen Worten kommentiert: „Ich glaube, seit Burt ‚The Kentuckian‘ gedreht hat, ist er ein besserer Schauspieler geworden.“
Mit Ausnahme von „From here to eternity“ (R. Fred Zinnemann, 1952) waren alle Filme, die Lancaster besonders am Herzen lagen, kommerziell wenig erfolgreich. Auf einen publikumswirksamen Film hat er fast immer aus Prinzip einen weniger gängigen folgen lassen. Wenn er von einer Rolle überzeugt war, ließ er sich auch schon mal „unter seinem üblichen Preis“ engagieren. In „Come back little Sheba“ (R. Daniel Mann, 1952) spielte er einen Alkoholiker; in „The Rose Tattoo“ (R. Daniel Mann, 1955) einen possenreißenden Lastwagenfahrer; in „Judgement at Nuremberg“ (R. Stanley Kramer, 1961) einen Nazi-Richter, der sich für seine Verbrechen verantworten muß; in „Birdman of Alcatraz“ (R. John Frankenheimer, 1962) einen zu lebenslanger Haft Verurteilten, der sich im Gefängnis zu einem berühmten Ornithologen ausbildet; in „A child is waiting“ (R. John Cassavetes, 1963) verkörperte er einen virilen und Therapie kühl kalkulierenden Arzt einer kinderpsychiatrischen Klinik; in „Gruppo di Famiglia in un Interno“ (R. Luchino Visconti, 1975) einen alternden Professor.
Mit souveräner Bravour verkörperte Lancaster im fortgeschrittenen Alter in Viscontis „Il Gattopardo“ (1963), Bertoluccis „Novecento“ (1976) und Bernhard Sinkels „Väter und Söhne“ (1986) Patriarchen großer Herrscherhäuser. Mit Schnurr- und Backenbart und ergrautem Haupthaar spielte er diese gerissenen Politiker und amourösen Abenteuern nicht abgeneigten Lüstlinge, wie in „Il Gattopardo“ mit erhabener Grazie und weltmännischer Noblesse.
Edward G. Robinson meinte 1948, daß Lancaster nur „durch tierische Vitalität und einen innerlich unterdrückten Vulkan zum Star wurde“. Hollywood verlieh im nur einmal eines Oscar, 1960 für „Elmar Gantry“ (R. Richard Brooks). Trotzdem gehört Burt Lancaster zu den beliebtesten Leinwandstars der Kinogeschichte. Er war nicht nur immer einer der unbequemsten, sondern auch einer der intelligentesten Filmheroen. Wie jung er selbst im hohen Alter immer noch ist, mag folgendes Statement verdeutlichen: „Ich glaube, daß man alt wird, wenn die Wißbegierde nachläßt. Solange man neugierig ist, kann einem das Altwerden nichts anhaben.“
Erstdruck in Frankfurter Rundschau, Nr. 253, 29.10.1988