Protokoll einer Begegnung: Burroughs in Frankfurt

20./21. März 1990. William Seward Burroughs war in Frankfurt am Main. Er war zusammen mit seinem Sekretär James Grauerholz am Dienstagmorgen aus Chicago kommend, in einer von Jürgen Ploog geflogenen Lufthansamaschine, in Frankfurt eingetroffen. Anlaß war eine Ausstellung seiner Bilder in der Frankfurter Galerie Waschsalon. Geplant war, daß die beiden Galeristen, Alfred „23“ Harth und seine Frau Karin Jedermann-Harth, Jürgen Ploog, James Grauerholz und ich zusammen mit Burroughs in dem italienischen Nobelrestaurant „Florian“ zu Abend essen sollten. Nachmittags rief mich Udo Breger aus Basel an und fragte mich, ob er bei mir für eine Nacht unterkommen könnte. Er wollte Dienstagabend um 19.16 Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof eintreffen. Das Abendessen war für 19.30 Uhr geplant. Ich fuhr also zum Hauptbahnhof, wollte Udo dort abholen und mit ihm direkt ins „Florian“ fahren. Udo kam jedoch mit dem angekündigten Zug nicht an. Ich ging alleine zu „Florian“ und traf dort auf Ploog, Grauerholz und die beiden Harths. Burroughs hatte es vorgezogen, im Hotel Frankfurter Hof zu bleiben und sich für den nächsten Tag auszuruhen.

Das Abendessen verlief recht aufregend, weil der Service dermaßen miserabel war, daß Avantgardemusiker Alfred 23 Harth zu randalieren anfing. Die Kellner nahmen das südländisch-gelassen zur Kenntnis und setzten Harth den verursachten Schaden, eine versaute Tischdecke, mit auf die Rechnung, die sich auf ca. 450 Mark belief.

Grauerholz, der 37jährige Sekretär von Burroughs, entpuppte sich als sympathischer und gebildeter Typ, der alles, was Burroughs betrifft, im Griff hat. Zusammen mit Karin Jedermann-Harth machte er während des Essens einen minutiösen Plan für die am anderen Tag anstehenden Interviews. Immer zwei Interviewern sollte zusammen eine halbe Stunde gewährt werden. Die Interviews sollten in der Zeit zwischen 12 und 13.30 Uhr stattfinden. Danach sollte Burroughs wieder ins Hotel gefahren werden, damit er sich für den Empfang um 18 Uhr ausruhen konnte.

Nach dem Essen fuhren wir ins Hotel, um dort Udo Breger zu treffen. Udo war in der Zwischenzeit angekommen und hatte es geschafft, die Hotelleitung dazu zu bringen, ein weiteres Bett in das Zimmer von James Grauerholz zu stellen, auf dem er übernachten konnte. So war ich von meiner Gastgeberrolle befreit und Udo mehr oder weniger rund um die Uhr in der Nähe von Burroughs.

Am Mittwochnachmittag fuhr ich in die Galerie Waschsalon, wo ich mich mit Ploog um 12 Uhr verabredet hatte und wo die Interviews stattfinden sollten. Als ich eintraf, war Ploog noch nicht da. Er hatte kurz vorher in der Galerie angerufen und mitgeteilt, daß er erst eine Stunde später kommen würde. Da Ploog nicht da war und Udo Breger anderweitig beschäftigt schien, stand ich etwas verloren im Wohnzimmer herum. Burroughs saß in drei Meter Entfernung auf einem Sofa und wartete auf seinen ersten Intervieweinsatz. Keiner stellte mich ihm vor, also setzte ich mich auf einen Stuhl und beobachtete die Szenerie aus einiger Entfernung. Keiner kümmerte sich um mich, und keiner kümmerte sich um Burroughs, dem es mit der Zeit langweilig zu werden schien. Er stand auf und marschierte ein bißchen im Zimmer herum. Dann kam er zielgerade auf mich zu. Ich hatte einen trockenen Mund, aber ich streckte ihm die Hand entgegen, begrüßte ihn mit „Mister Burroughs“ und nannte meinen Namen. Burroughs lächelte mich an, setzte sich auf einen anderen Stuhl und blätterte in einigen Sachen, die auf dem Tisch lagen.

Die sich anschließenden Interviews (Radio X, Hadayatullah Hübsch, Kozmik Blues) zeichneten sich alle durch peinliche Fragen und nicht ganz ausgenützte Interviewzeit aus. Ich schämte mich bodenlos für meine Kollegen. Burroughs nahm’s routiniert hin, schien sich aber seinen Teil zu denken. Zwei eingeplante Interviewer tauchten erst gar nicht auf. Die daraus resultierende Leerzeit nützte ich, um mir zwei meiner mitgebrachten Bücher signieren zu lassen. Udo Breger schrieb meinen Namen auf ein Stück Papier, damit ihn Burroughs abschreiben konnte. Als er meinen Namen las, fragte er mich, ob ich etwas mit dem berühmten Waffenschmied Rüger zu tun hätte. Ich dachte zuerst, er verwechsle da etwas und versuchte zu korrigieren: „Sie meinen wohl Luger?“ Er sah mich etwas beleidigt an, schüttelte den Kopf und sagte dann bestimmt: Nein, er sei sich da ganz sicher. Es gäbe in Deutschland einen bekannten Waffenschmied, der Rüger hieße und Smith & Wesson Revolver herstelle.

Gegen 15 Uhr fuhren wir – Burroughs, Grauerholz, Breger, Harth, Ploog und ich – Richtung Innenstadt. Harth wollte Burroughs ein Waffengeschäft in der Kaiserstraße zeigen, anschließend sollte sich Burroughs im Hotel ausruhen können. Ich fuhr mit Ploog, der extra für diesen Anlaß seinen großen dunkelblauen Mercedes aus der Garage geholt hatte und jetzt ein bißchen beleidigt und eifersüchtig war, daß Burroughs dauernd im Auto von Harth mitfuhr. Ploog und ich stießen wieder auf die anderen, als sie gerade im Begriff waren, das Waffengeschäft zu verlassen. Alle zusammen spazierten wir das kurze Stück zum Hotel zu Fuß. Harth hielt diesen kurzen Marsch auf Video fest.

Im Hotel stieß dann Carl Weissner zu uns, der dort an der Bar auf uns gewartet hatte. Während Burroughs ein Nickerchen machte, tranken wir Kaffee und Tee. Gegen 17 Uhr kam Burroughs zu uns in die Bar und lud uns auf sein Zimmer ein. Dort saßen wir dann eine Stunde gemütlich beisammen. Burroughs aß zwei Clubsandwiches und trank drei Wodkas. Gegen 17.30 Uhr kam Walter Hartmann an und brachte einen bereits gedrehten Riesenjoint mit, der dann die Runde machte, nachdem sich Burroughs hatte versichern lassen, daß er nur aus Hasch und Zigarettentabak bestand. Die Runde bestand aus Burroughs, Weissner, Ploog, Breger, Hartmann und mir.

Kurz nach 18 Uhr holte uns Alfred Harth ab und mit drei Autos fuhren wir zur Galerie. Ploog, Walter Hartmann und ich machten einen kurzen Abstecher zu Ploogs Wohnung, wo sich Ploog seinen Burroughs-Schlips umlegte. Als wir in der Galerie eintrafen, waren nur ein paar vereinzelte Besucher zu sehen, unter ihnen auch Ralf-Rainer Rygulla, der Burroughs vor 22 Jahren schon mal getroffen hatte, damals in London. Burroughs schien sich noch irgendwo in der Wohnung der Galeristen versteckt zu halten.

Wie sich schnell herausstellte, ging die Rechnung der Galerie nicht auf. Die Harths hatten 100 persönliche Einladungen verschickt und im Vorfeld keine große Reklame gemacht. Burroughs sollte vor dem großen, zu erwartenden Ansturm geschützt, nur einem kleinen ausgewählten Publikum präsentiert werden. Zu dem Empfang am Mittwochabend kamen dann aber tatsächlich nur ca. 30 Personen, von denen aber allein schon 10-15 dem engeren Bekanntenkreis von Burroughs zuzurechnen waren. Insgesamt also lief Burroughs’ Besuch in Frankfurt unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab oder anders gesagt, Frankfurt war es wieder mal scheißegal, daß ein wirklich berühmter Künstler in der Stadt war. Blamabel!

Im Nachhinein hat es mich geärgert, daß ich mich von den Vorgaben der Galerie hatte so einschüchtern lassen. Wenn ich gewußt hätte, daß es so abläuft, wie es abgelaufen ist, dann hätte ich für Harald Schröder einen Fototermin verlangt und alle meine Bekannten, von denen ich sicher gewesen wäre, daß sie sich für Burroughs interessieren, mit zu dem Empfang genommen. Meine Unaufdringlichkeit und Zurückhaltung war also fehl am Platz und hat mich und einige andere schöne Erinnerungen gekostet. Der eher intime Rahmen hatte für die Beteiligten allerdings den Vorteil, daß Burroughs sozusagen richtig zum Anfassen war. Er hat, mittlerweile in recht angetrunkenem Zustand, in aller Ruhe und mit unvorstellbarer Geduld alle Autogrammwünsche befriedigt. Ich glaube, es gab an diesem Abend keinen einzigen Anwesenden, der sich nicht irgendetwas von ihm hat signieren lassen: Bücher, Ausstellungskataloge, Zeitschriften, Zettel, Papierservietten. Einer war sogar da, der sich extra für diesen Anlaß einen Kübel Farbe gekauft hatte und sich diesen signieren lassen wollte, was die Galeristin dann allerdings zu seinem Leidwesen zu verhindern wußte.

Viele, mir war das dann doch zu blöd und zu aufdringlich, haben sich mit Burroughs zusammen fotografieren lassen. Besitzergreifend und schamlos haben sie sich an seinen Hals gehängt, ihn eng umschlungen, ihn zu den unmöglichsten Posen gezwungen. So „leutselig” wie an diesem Abend, sagte Ploog, habe er Burroughs schon lange nicht mehr erlebt.

Der Abend sollte mit einem weiteren gemeinsamen Essen, dieses Mal bei einem Chinesen in der Kaiserstraße, ausklingen. Burroughs wurde gegen 22 Uhr ins Hotel gebracht, am Chinesentisch fanden sich dann aber tatsächlich nur vier Personen ein: Alfred Harth, Jürgen Ploog, Karl-Heinz Thiel und ich. Der Rest hatte sich stillschweigend verkrümelt, obwohl mindestens noch sechs weitere Personen, unter ihnen Walter E. Baumann und Walter Hartmann, versprochen hatten, an diesem Essen teilzunehmen. Ploog brachte die Enttäuschung über dieses Verhalten auf den Punkt: „Kaum ist der Star nicht mehr da, ist das Interesse verflogen.“

Nach dem Essen, das dieses Mal zu aller Zufriedenheit ausfiel (die „Ente von Hongkong” ist als Restaurant für alle Fälle vorgemerkt), zogen wir vier noch um die Häuser. Harth wollte uns das Frankfurter Nachtleben zeigen, was natürlich nur in die Hose gehen konnte, schließlich war er mit gestandenen Nighthawks unterwegs. Gegen 2 Uhr bin ich dann nach Hause marschiert. Auf meinem Schreibtisch haben mich die signierten ersten vier Bände der 2001-Werkausgabe und der signierte Ausstellungskatalog aus Basel begrüßt. In eines der Bücher hatte Burroughs geschrieben: ”For Wolfgang Rüger all the best from the wild boys William S. Burroughs 3/21/90.“

Fotos: Alfred 23 Harth

März 1990