Auf Reisen

Als der englische Autor Bruce Chatwin 1989 knapp fünfzigjährig in Nizza an einer mysteriösen Knochenmarkerkrankung verstarb, verlor die Welt einen Erzähler, den bereits zu Lebzeiten eine Aura des Charismatischen und Genialen umgab. Schon der ganz junge Chatwin vollbrachte Aufsehenerregendes. Bei Sotheby’s stieg er binnen kurzem vom messenger boy zum jüngsten Direktor auf, den des Londoner Auktionshaus je hervorgebracht hat. Mit Anfang zwanzig leitete er die Abteilungen für Antike und Impressionismus und wurde gerühmt als jemand mit einem „außergewöhnlich unfehlbaren Auge“. Den vorgezeichneten Erfolgsweg verließ der hochbezahlte Kunstexperte nach acht Jahren. Eine kurzfristige psvchosomatische Erblindung deutete er als Zeichen. Auf Anraten eines Augenarztes kurierte er sich in einem Land, das den Blick auf „weite Horizonte“ freigab, und entdeckte dabei seine Leidenschaft für das unstete Wandern.

Lange bevor er für seine brillanten (Reise)Bücher internationalen Ruhm erntete, hatte er mit Recherchen für ein Buch über Nomaden begonnen. Zu Lebzeiten veröffentlichte Chatwin, der „ein umworbener Gast der geistigen und künstlerischen Elite in aller Welt“ (Spiegel) war, sechs sehr unterschiedliche Bücher. Mit jedem vergrößerte er die Legenden, die sich um seine Person rankten. In jedem steckt dieselbe Philosophie, die diesen „ästhetischen Puritaner“ antrieb und die er in seinem opus magnum mit Fakten belegen wollte. „Chatwin glaubte instinktiv, daß wahre Ruhe nur in der Bewegung gefunden werden könne: Er verbrachte Jahre mit der Sammlung von Daten (anthropologischen, archäologischen, philosophischen, geographischen, historischen, wissenschaftlichen, metaphysischen, mvthischen Daten) für die Konstruktion eines Gerüsts, anhand dessen er diese Auffassung erhärten und als Theorie formulieren wollte“, schreibt sein Freund Francis Wyndham im Vorwort des vorliegenden Buches.

In Chatwins Nachlaß fanden sich fünfzig Notizbücher mit Reisebeobachtungen. Eine Eintragung galt seinem Nomadenbuch, kann aber getrost als Schlüssel zu allen seinen Büchern gelesen werden: „Dieses Buch entsteht als Reaktion auf das Bedürfnis, meine eigene Ruhelosigkeit zu erklären – verbunden mit einem morbiden Interesse an Wurzeln. Ich hatte kein festes Zuhause, bis ich fünf war, und danach Kämpfe verzweifelte Versuche meinerseits, zu entkommen – wenn nicht physisch, dann durch die Erfindung mystischer Paradiese. Das Buch sollte unter diesem Aspekt gelesen werden.“

Der prachtvoll ausgestattete Bildband „Auf Reisen“ stellt jetzt den weitgehend unbekannten Fotografen Chatwin vor. „Aus seiner Zeit bei Sotheby’s hatte er sich eine anspruchsvolle Lust am Exquisiten, Minuziösen, Komplizierten und perfekt Gearbeiteten bewahrt“, erklärt Wyndham, „doch diese Wertschätzung des Raffinierten ging mit einem Sinn für das Schlichte einher — für einfache Muster und ursprüngliche Materialien, für die Zweckmäßigkeit der Nomadenkunst, für das Wellblech und die bemalte Zeltleinwand in der Wüste.“ Chatwin hat vorranging stimmungsvolle Landschaften, Impressionen dörflichen Lebens, schwarz-weiße Schattenspiele und farbenprächtige Detailansichten von Hauswänden, Zeltplanen und Gebäuden aufgenommen.“

Den Reichtum dieses Buches vergrößern die den Fotos beigefügten Reisenotizen, die einen direkten Blick auf den Menschen Chatwin erlauben. Diese ungeschönten, meist nur fragmentarisch hingeschriebenen Beobachtungen legen Zeugnis über die Unannehmlichkeiten und Freuden des Vagabundenlebens ab und offenbaren die Schwächen und Stärken dieses mit „weißer Sturheit“ ausgestatteten nomadisierenden Kosmopoliten. Die Suche nach den glückseligen Momenten ist geprägt durch viele Entbehrungen und Schwierigkeiten. Am 2. Januar 1971 schreibt Chatwin: „Wie üblich eine grauenhafte Flugreise. In einer Todesmaschine zusammengepfercht und befördert, abgesetzt auf einem afrikanischen Flughafen, den man mit dem Mond verwechseln könnte, von Taxifahre und Gepäckträger beschwindelt und in einem dieser anonymen Hotels mit weißen Kacheln, eckigen, kunstlederbezogenen Möbeln und glänzendem Chrom einquartiert.“ Chatwins genaue Menschencharakterisierung, seine faszinierenden Landschaftsskizzen und seine oft verblüffenden, pointierten Erkenntnisse sind das abgerungene Ergebnis eher strapaziösem, als abenteuerlichem Unterwegssein. Nach Kenntnisnahme dieser Reisenotizen müßte dem Leser klar sein, welcher Mühsal wir die beglückende Lektüre solch großartiger Bücher wie „In Patagonien“, „Der Vizekönig von Ouidah“, „Auf dem Schwarzen Berg“, „Traumpfade“ und „Utz“ verdanken.

Chatwins Reisen um den Globus bedeuteten für ihn ein Leben mit wechselnden Extremen. Am 12. August 1969 notiert er: „Nach Badakhshan waren wir hingerissen vom Glanz und Glitzern von Kundus und dem Tempo dort. Tischdecken und Stühle aus Plastik. Ein Luxus nach den flohverseuchten Kelims auf dem Fußboden in Faizabad.“ Der ständige Kampf gegen Ungeziefer und Parasiten, die Sorge um die eigene Gesundheit, der finanziell bedingte Zwang zur Kargheit werden für Chatwin aufgewogen durch Belohnungen wie diese: „Unglaublich die Glückseligkeit, die man beim Schlafen im Zelt empfindet. Eine Nacht im Zelt wiegt drei Nächte in der Stadt auf. Der vom Zelt gerahmte Horizont ist ein großartiger Anblick. Das Firmament, die Wölbung des Himmels, das flache, sich vor dem Zelt erstreckende Land.“

Aufschlußreich sind die vielen intimen Bekenntnisse der eigenen Befindlichkeit. Der Leser erfährt, daß Chatwin „tropische Vegetation, Schweiß und eklig süße Früchte“ haßt; „ausgeglühte Landschaften“ mag; ihn „der Anblick verfallener kolonialen Pracht“ deprimiert; seinem „nüchternen Gemüt“ „die reine Askese der Wüste“ weit mehr zusagt, als „Europas glitzernder Reichtum“; ihn seine „für teures Geld in London gekauften Basketballschuhe“ drücken; er seinen Durchfall nicht halten konnte und „im Schlafsack in meine Unterhose geschissen“ hat; er sich nach geglückter Ankunft an einem zivilisierten Ort mit einer Flasche Champagner zu belohnen pflegte.

Welch einzigartige Begabung dieser „souveräne Einzelgänger“ war, mag vielleicht seine exquisite Liebeserklärung an das Kamel verdeutlichen: „Das Kamel hat das eleganteste Arschloch aller mir bekannten Tiere, nicht zu vergleichen mit dem fleischroten Rektrum eines Pferdes. Und es produziert den erlesensten Kot – ein ordentlicher elliptischer Haufen, der in der Sonne schnell hart wird. Ähnelt in Form und Struktur einer Pekannuß.“ Selbst alltäglichste Beobachtungen faßte er in gewagte Bilder: „Eine Balustrade aus Beton und schwarze Frauen, die mit Halbmondkalebassen die ockerfarbene Landschaft heraufkommen, hellblaue Tücher um den unteren Teil ihrer Brüste gewickelt, die wie plattgedrückte Kuverts herabhängen.“

Vorzug und Manko von „Auf Reisen“ sind, daß Chatwin sich bei seinen Aufzeichnungen rigoros an folgendes Verdikt gehalten hat: „Die besten Reisenden sind Analphabeten; sie langweilen uns nicht mit Erinnerungen.“ Seine Reisenotizen sind lückenhaft und geben bewußt nichts von seiner ungeheueren Bildung wieder. Man kann sie nur lesen als das, was sie sind: Schnell hingeworfene Momentaufnahmen, die gegen späteres Vergessen gerettet werden mußten, weil sie weitergedacht und bearbeitet vielleicht als Satz oder Kapitel in einem Artikel oder Roman verwendet werden konnten. Da der Bildband vor allem den Fotografen vorstellen will, gewähren die Notizen nur einen kleinen Einblick in Chatwins immense Materialsammlung. Gedankliche Rohdiamanten findet der Leser trotzdem in Hülle und Fülle. „Jemand, der stark südlich riecht, hat den Bus betreten. Bis jetzt war er geruchlos. Als ich den Mauren aus Néma sah, hatte ich das Gefühl: Reisen holen das Beste aus dem Menschen heraus – diese Reise holte das Schlimmste aus mir heraus.“

Bruce Chatwin:  Auf Reisen,  Photographien  und  Notizen, Aus dem Englischen von Anna Kemp, Hanser Verlag 1993, 160 Seiten, 58 Mark

November 1993