Brinkmann-Notizen
Historie, bisher Unveröffentlichtes, Gestrichenes oder Verhindertes im Zusammenhang meiner (geplanten) Brinkmann-Publikationen.
Der Literatur von Rolf Dieter Brinkmann bin ich Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal begegnet. In meinen letzten beiden Schuljahren hatte ich einen noch sehr jungen Deutschlehrer, der durchaus offen war und der jungen deutschsprachigen Literatur aufgeschlossen gegenüberstand. Wir haben in irgendeinem Zusammenhang auch ein Gedicht von Brinkmann besprochen: „Einen jener klassischen Tangos“.
Es war, soweit ich das noch weiß, weniger das Gedicht, als vielmehr die Informationen über Brinkmann und seine Zeit, die wir im Zusammenhang mit der Gedichtinterpretation erhielten, die mich aufhorchen ließen. Reizworte wie Enfant terrible, Wegbereiter, Außenseiter, Avantgardist hatten auf mich damals eine enorme Wirkung. Brinkmann interessierte mich. Ich besorgte mir den Gedichtband „Westwärts 1 & 2“ und seinen Roman „Keiner weiß mehr“. Wenn mich meine Erinnerungen nicht trügen, machten die Bücher, mit Ausnahme einiger weniger Gedichte, keinen großen Eindruck auf mich, aber irgendwie bin ich doch an Brinkmann hängengeblieben.
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Die Attraktivität von Brinkmann nahm zu, als eines Tages jemand bei mir den Sammelband „Standphotos“ liegen sah, darin herumblätterte und von mir danach eine Rechtfertigung verlangte für die schweinischen Sachen, die ich da las. Von da ab wußte ich, daß ich auf dem richtigen Weg war. Brinkmann war mein Dichter. Die Auseinandersetzung mit seinem Werk und Leben dauert jetzt immerhin schon über zehn Jahre.

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An der Rezeption des Werkes von Brinkmann lassen sich eine ganze Reihe von Zeitphänomenen beobachten. Zum einen ist die Editionspolitik des Rowohlt Verlages und der Nachlaßverwalterin, Maleen Brinkmann, verantwortungslos, zum anderen ist das Verhalten eines Teils des (links-liberalen) Feuilletons anmaßend und zensorisch. Auswirkungen haben beide Punkte in die gleiche Richtung: der Reputation eines wichtigen und bedeutenden Schriftstellers wird geschadet.
An deutschen Universitäten wird augenblicklich als Stoff nur behandelt, was entweder mindestens 50 Jahre zurückliegt oder wozu es wenigstens zwei Meter Sekundärliteratur gibt. Dem Studenten wird heute nicht mehr zugemutet bzw. zugetraut, seinen eigenen Kopf zu benutzen. Ergebnisse, die auf dem eigenen Mist gewachsen sind, haben keine Bedeutung und sind nicht gefragt. Das gekonnte Nachbeten der Weisheiten ausgewiesener Kapazitäten ist angesagt.
Rolf Dieter Brinkmann wird, obwohl jeder Professor seine Bedeutung zugeben wird, an deutschen Universitäten nur in Ausnahmefällen behandelt, weil es zu ihm so gut wie keine Sekundärliteratur gibt. Vor allem keine von namhaften Autoren. Sekundärliteratur wird es aber so lange nicht genügend geben, solange die Witwe sich gegen alle Forschungsarbeit vehement wehrt und solange das deutsche Feuilleton auf diese Mißstände nicht reagiert. Ein Autor ist in unserem Land nur dann präsent, wenn über ihn permanent geschrieben wird.
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Lese in der Zeitung von Ulf Miehes Tod. Miehe spielte zwar keine herausragende Rolle in Brinkmanns Leben, aber er war einer von denen, die ich zu Brinkmann befragen wollte. Ich hatte mehrmals mit ihm telefoniert, aber er wollte sich zu Brinkmann nur äußern, wenn ich die Einverständniserklärung von Maleen Brinkmann vorweisen kann. An die Witwe war für mich nicht heranzukommen.
Mit Hilfe einer kleinen List ist es mir allerdings doch gelungen, wenigstens ein paar Informationen über die Verbindung Brinkmann-Miehe zu erhalten. Als ich für die Rhein-Main-Illustrierte „Auftritt“ ein Porträt über Ulf Miehe schrieb, bin ich nach München gefahren und habe mich mit ihm getroffen. Beim Abendessen unterhielten wir uns natürlich auch über Brinkmann. Miehe erzählte mir, wie er ihn kennengelernt hatte, wie das damals, in den frühen Sechzigern, war. Miehe faßte während dieses Treffens schnell Vertrauen zu mir und wollte sich nochmals persönlich wegen meines Anliegens mit Maleen Brinkmann in Verbindung setzen. Dazu ist es dann leider wegen seines plötzlichen Todes nicht mehr gekommen.
Betroffen und gleichzeitig stinkwütend nahm ich die Todesmeldung zur Kenntnis. Wieder einer mehr, dachte ich, der seine Erinnerungen mit ins Grab genommen hat. Wenn das so weitergeht, dann ist bald keiner mehr übrig, den man noch befragen kann. Vielleicht, ging es mir durch den Kopf, spekuliert die Witwe darauf?
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Uli Becker hat mir den Kontakt zu einem Bremer Antiquar hergestellt, Udo Seinsoth. In einem seiner Antiquariatskataloge finde ich eine DDR-Ausgabe von Brinkmann. „Rolltreppen im August“, Gedichte, Volk und Welt, Berlin 1986. Ein schöner Band mit ausgewählten Gedichten und einem ganz brauchbaren Nachwort von Chris Hirte. Würde mich interessieren, an was für Leser dieser Band in der DDR gelangt ist und ob sich die Besitzer darüber im Klaren sind, was für einen Schatz sie da in Händen halten?
Erinnerungen werden wach an meine ersten verzweifelten Versuche, in Schwäbisch Hall Ende der siebziger Jahre, die „Acid“-Anthologie aufzutreiben. Dann später, Mitte der achtziger Jahre, meine ersten Begegnungen mit Erstausgaben von Brinkmanns frühen Gedichtbänden und der Originalausgabe von „Acid“ aus dem März Verlag in einem Frankfurter Antiquariat. Ehrfürchtig und ungläubig, daß diese Bücher tatsächlich noch vorhanden sind, hielt ich die Kostbarkeiten, die ich mir finanziell nicht leisten konnte, in den Händen. Tagelang rang ich mit mir, ob ich mich nicht gegen alle Vernunft verschulden sollte, um in den Besitz dieser Bücher zu gelangen. Ich habe mich dann damit begnügt, sie wenigstens einmal im Original gesehen zu haben. Den Entschluß, sie nicht gekauft zu haben, habe ich seither schon zigmal bereut. Als ich ein paar Monate später erneut Erstausgaben von Brinkmann in Händen hielt, war ihr Verkaufspreis bereits um das Doppelte gestiegen. Heute ist es so, daß man kaum noch eine Chance bekommt, eine Erstausgabe von Brinkmann kaufen zu können.

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„Wenig gute Leute hier, wenig gute Leute hier, wenig gute Leute hier …“ Wie wahr dieser Satz Brinkmanns heute immer noch ist. Von den Autoren, die das Feuilleton damals wahrgenommen hat, ist doch eigentlich keiner wirklich übriggeblieben. Ich meine, heute wirklich noch interessant. Und von den heute jungen Autoren sind nicht mehr als eine Handvoll wirklich aufregend. Wenn überhaupt.
Und doch gibt es zwei Autoren, die bereits in den Sechzigern publiziert haben, damals genauso wenig beachtet wie heute, die wirklich herausragend sind: Jürgen Ploog und Paulus Böhmer. Daß ihre Namen kaum einer kennt, spricht nicht gegen sie, allenfalls gegen das Feuilleton. Ploog hat in der Prosa und Böhmer in der Lyrik das fortgeführt, was Brinkmann nicht unbedingt angefangen, aber doch ins Gespräch gebracht hat. Ploog war der erste deutschsprachige Autor, der mit Cut-ups experimentiert hat. „Cola Hinterland“, bei Melzer 1969 in der Silberreihe erschienen, war die erste deutschsprachige Cut-up-Publikation. In diesem Buch ist schon umgesetzt, was Brinkmann erst theoretisch im Kopf hatte. Paulus Böhmer ist heute mit seinen wort- und bildgewaltigen Langgedichten nicht nur die bedeutendste deutschsprachige lyrische Stimme, sondern auch der einzig legitime Nachfolger Brinkmanns. „Enzensberger mit Unterleib“ hat ihn kürzlich jemand genannt.
Übriggeblieben sind Ploog und Böhmer auch, weil sie sich wie Brinkmann bereits am Anfang der studentenbewegten Zeiten einer politischen Vereinnahmung der/ihrer Literatur widersetzt haben. Sie haben abseits und angefeindet ihr Ding durchgezogen, sie haben früh begriffen, daß die Forderungen der Studenten eine Sackgasse sind, zumindest für die Kunst und Literatur. Brinkmann wollte Sinnlichkeit, Bewegung, verkrustete Strukturen aufreißen und nicht durch neue ersetzen. Der wirkliche Schriftsteller muß in der Dauerrevolte sein, er darf sich keinem Parteiprogramm verschreiben. Brinkmann hat das sofort erkannt und ist vehement dagegen angegangen – dafür hat man ihn zum Buhmann gemacht.
In seinem Tagebuch „Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin“ hat Brinkmann an einer Stelle all das konzentriert auf den Punkt gebracht: „Der Betrug: Jetzt geht’s los, dachte ich, als die ersten wilden Aufstände anfingen/Kölner KVB Streik/angehaltene Straßenbahnen/Wasserwerfer später/sich duckende Gestalten/jetzt geht’s los, überall, auf allen Gebieten eine Bewegung neue Filme, neue Bücher, neue Malerei, neue Musik würde entstehen, die Redaktionen durchlässig für Bewegung, die alten Fetzen aus der Nachkriegszeit würden verschwinden, der ganze muffige Angstüberbau/alle diese vorsichtigen Muschlertypen und sterilen Phrasendreher in den Schaltstellen des Geistes (Redaktionen)/jetzt bricht endlich barbarisch die verschüttete Vitalität hervor/aber die zärtlicheren wilden Gefühle, die die Gegenwart übernehmen sollten, gingen in entsetzlichem politischen Geschwätz unter/mit der Abrichtung auf Politische Fragen, sind sie alle kaputt gegangen/keine Schönheit mehr/zerredete Träume/einkasernierte Gedanken/verwaltetes Bewußtsein durch Begriffe/ein Krümel!/“
Wie aktuell sich das auch heute noch liest. Es hat sich nichts geändert, es ist eher noch schlimmer geworden.
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Auf Interviewanfragen haben reagiert: Dieter Wellershoff, Renate Matthaei, Ralf-Rainer Rygulla, Peter Chotjewitz, Hermann Peter Piwitt, Jürgen Theobaldy, Martin Grzimek, Günter Herburger, Uve Schmidt, Jörg Schröder, Domenico Riccardi, Helmut Pieper, Linda Pfeiffer, Henning John von Freyend, Yaak Karsunke


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Brief von Yaak Karsunke vom 4.12.1985
Sehr geehrter Herr Rüger, vielen Dank für Ihr Schreiben vom 30. November – ich glaube aber, daß ich kein ergiebiger Interviewpartner für Sie wäre. Ich habe seinerzeit (Ende der 60er/Anfang der 70er?) einen Gedichtband von Brinkmann & eine von ihm herausgegebene Anthologie verrissen, & das war alles, was ich zu dem Thema beizusteuern hatte, für seine späteren Arbeiten habe ich kein Interesse mehr aufbringen können, ihn persönlich habe ich nicht gekannt. Da ich auch einen Materialband über Brinkmann nicht vermisse, sehe ich keinen Anlaß, mich an ihrem Vorhaben zu beteiligen & bin mit freundlichen Grüßen Ihr Yaak Karsunke
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Postkarte von Peter Chotjewitz vom 17.12.1985
Lieber Herr Rüger, ich bin Brinkmann lediglich einige Male begegnet, etwa zwischen 1966 und 1973. Unser Verhältnis war anfangs kollegial, herzlich und wir duzten uns auch. Mit seinen Arbeiten aus den 60er Jahren konnte ich wenig anfangen. Interessant fand ich ihn als Herausgeben (ACID, Silver Screen). Als ich ihn im Winter 1972/73 wiedertraf, war er sehr verändert. Ich hatte den Eindruck, er habe unter Drogeneinfluß eine Bewußtseinsveränderung durchgemacht. Sein Verhalten war stark gestört, seine Rede wirr. Ein unreflektierter Haß auf die Menschen, den er fast ständig ausspielte, machte die Kommunikation mit ihm fast unmöglich. Er schrieb und veröffentlichte dann einige lesenswerte Gedichte, aber auch viel Schrott. Sein nachgelassenes Werk, Rom Blicke, hätte er selbst in der vorliegenden Form vermutlich nicht publiziert. Ich halte ihn, trotz mancher Bedenken, für einen recht zeittypischen Autor, dem ein Platz im Fußnotenapparat künftiger Literaturgeschichtsschreibung sicher sein dürfte. Wegen eines Termins können Sie mich anrufen. Herzlich, Ihr Peter Chotjewitz
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Der von mir geplante Materialband sollte folgendermaßen aussehen, die genannten Autoren hatten ihre Mitarbeit zugesagt:
Uli Becker: Zur Lyrik – Über die Einfachheit in den Gedichten
Regina Carstensen: Über die verbalen und fotografischen Bilder
Herbert Heckmann: Thema noch offen
Eva Moldenhauer: Zu den Übersetzungen
Jürgen Ploog: Über die Einflüsse durch William S. Burroughs
Wolfgang Rüger: Über wichtige Aspekte aus Brinkmanns Biografie
Sibylle Späth: Über die Entmythologisierung des Alltags
Jamal Tuschick: Über die Einflüsse von Dieter Wellershoffs Prosa
Sebastian Weber: Einordnung und Genielinie Brinkmanns
Das Exposé für das Buch ging als erstes an Rowohlt und wurde von dort abgelehnt, weil es nicht in den Editionsplan der Brinkmann-Herausgeber (Maleen Brinkmann, Delf Schmidt) gepaßt hat. Danach habe ich es weiteren Verlagen angeboten, aber keiner wollte es publizieren. Beispielhaft die Begründung von Renate Matthaei vom 9.8.1989: „Sehr geehrter Herr Rüger, so interessant das Exposé Ihrer geplanten Anthologie über Rolf Dieter Brinkmann ist: wir sind leider nicht der richtige Verlag dafür. Die Rechte an Brinkmanns Werk liegen bei Rowohlt, und nur da scheint mir Ihre Anthologie sinnvoll untergebracht.“
Im Zuge meiner Brinkmann-Arbeit habe ich Maleen Brinkmann dreimal angeschrieben (21.11.1985/ 29.4.1986/ 21.5.1987). Auf alle drei Briefe hat sie nicht geantwortet.

Die Aufzeichnungen stammen aus den Jahren 1985-1993