„Ich konnte nie auf zwei Fingern pfeifen“
Gibt es ein größeres Glück, als aus heiterem Himmel einer großen Autorin zu begegnen? Als Antiquar habe ich jeden Tag zig Bücher in der Hand, mit denen ich mich im Normalfall nur Augenblicke beschäftigen kann. Für die Titelaufnahme ist das Impressum wichtig, und für die Zustandsbeschreibung reicht ein Lidschlag. Manchmal macht mich der Titel neugierig, dann lese ich in den Klappentext hinein und bedauere, keine Zeit zu haben, mich mit dem Buch intensiver auseinandersetzen zu können. Am Schluß steht der illusionäre Trost: Später, wenn ich kürzertreten werde.
Ganz selten habe ich etwas Leerlauf während des Tages, dann nehme ich das nächstbeste Buch zur Hand und schmökere. Ganz oben auf dem Stapel lag jetzt „Älter werden“ von Silvia Bovenschen. Ein Buch, das ich mehrfach im Angebot habe und das leider so gut wie keinen Verkaufswert mehr hat. Das Buch war ein Bestseller im Buchhandel, hatte mehrere Auflagen, und ist deshalb jetzt im Antiquariat eigentlich Altpapier. Silvia Bovenschen gehört zu den Autorinnen, die ich trotzdem nicht in die Tonne kloppen kann. Ich erinnere mich nicht, während meiner seltenen Besuche an der Frankfurter Goethe-Universität ein Seminar von ihr besucht zu haben, obwohl ich dort als Student der Germanistik eingeschrieben war. Sie genoß als Literaturwissenschaftlerin schon damals einen vorzüglichen Ruf.
„Älter werden“ enthält viele kurze Notate und ist deshalb ideal zum Reinschnuppern. Man schlägt das Buch irgendwo auf und fängt zu lesen an. So habe ich es an einem verregneten und besuchsschwachen Septembertag im Antiquariat auch gemacht. Und war sofort elektrisiert. Sätze von prägnanter Klarheit, Reflektionen von eminenter Klugheit, Memoiren von stilistischer Kühnheit.
Mit großem Vergnügen folgt der Leser dieser intelligenten Frau auf ihren Streifzügen durch das eigene Leben. Belohnt wird er z.B. mit dem Erfolgsgeheimnis einer verehrten Pädagogin: „Unter der Voraussetzung, daß man die jungen Menschen mag – sie ist unabdingbar -, gilt es, sie ein wenig zu überfordern und gleichzeitig stark zu ermutigen.“
Ganz beiläufig streut Bovenschen ihr Wissen, ihre Weisheit und ihren Humor in ihre Aufzeichnungen. Den Großteil ihres Lebens war die MS-Erkrankte gehbehindert, zum Schluß auf ein Elektromobil angewiesen. „Es ist richtig teuer und sieht aus wie eine Mischung aus einem viermotorigen Motorroller für Zwerge und einem Jahrmarktscooter. … Das Ding ist ekelerregend niedlich. Die Kinder beneiden mich. Wenn ich vor einem Straßencafé parke, sitzt binnen kurzem eine begeisterte Kinderhorde auf dem Gefährt.“
Revuemäßig reflektiert sie die Veränderungen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Am Beispiel ihres Erlebens erkennt der Leser wie rasend schnell sich die Welt verändert. Ein Jahr nach Kriegsende geboren, nimmt sie noch die Kriegsversehrten wahr, ein paar Jahre später verschwinden diese mit dem steigenden Wohlstand unaufhaltsam aus dem Straßenbild.
Herrlich die Erinnerungen an die Kinderzeit in den fünfziger Jahren als es noch Strumpfgürtel gab und Lesen „das Andere, die Gegenwelt zu Schule und Artigsein“ war. Als es noch kein Fernsehen gab, waren Bücher das Versprechen auf Abenteuer. „Lesen war Amüsement, Lesen war das Eintauchen in parallele Welten, Lesen war Nicht-Alltag, war Sucht und Flucht vor Mühe und Langeweile.“ Bovenschen bekennt: „Die fanatische Abgeschiedenheit meines Leseverhaltens … machte mich zur Literaturwissenschaftlerin.“ Nur ein passionierter Leser kann Bovenschens rückblickende Nostalgie nachvollziehen. „Geblieben ist die Sehnsucht nach dem Buch, das mir noch einmal die Entgrenzung, Versunkenheit und Selbstvergessenheit meiner Kinderlektüre schenkt, das die Türen öffnet zu anderen Räumen und das Verschwinden begünstigt.“
Erschreckend die Benachteiligung von Behinderten im Staatsapparat. Bovenschen erhielt zwar eine Anstellung an der Uni, war aber wegen ihrer chronischen Erkrankung vom Aufstieg auf der Karriereleiter ausgeschlossen und wurde deswegen auch nicht verbeamtet. Mit einer vorbildlichen Grandessa hat sie die Konsequenzen ihres „inferioren Status“ hingenommen. „Ich konnte mich aus der allgegenwärtigen Aufstiegsstrampelei heraushalten. Ich konnte Beobachterin sein.“
Und das war sie in allen Lebenslagen. Entlarvend die Sicht der Gehandikapten auf die Gesunden: „Ich fing an, systematisch und nicht ohne Bosheit zu beobachten, wie die Leute durch die Räume und über die Plätze kommen: das ist ein erstaunliches Geschlurfe, Gehadsche und Getrample – ganz ohne Not, in den meisten Fällen. Die neidische Behinderte kann es kaum fassen, mit welcher Unachtsamkeit sich die Leute vorwärtsbewegen: Es gibt die latschenden, die schrittgehemmten, die unkoordinierten, die hampeligen, die zu weit ausgreifenden, die zu enggeführten, die trippelnden, die schaukelnden, die stapfenden und stampfenden, die breitbeinigen, aber es gibt auch die leichtfüßigen, die unbekümmerten und die zierlichen Geher …“
Wunderbar ihre kleinen Seitenhiebe. Im Gegensatz zu den verhärmten Feminismusideologinnen lebte Bovenschen ihre Überzeugungen mit Genuß und Geschmack. „Den Feminismus bin ich mir schuldig.“ Mit ihren lackierten Fingernägeln, ihren High Heels und Ihrem Fremdwortgebrauch hat sie wahrscheinlich mehr für die Emanzipation der Frau getan, als so manche „Fundamentalfeministin“, die sich über Bovenschens modisches Outfit aufgeregt hat. „Kampfparka und Latzhose waren meine Sache nicht.“
Aus der Warte der älter gewordenen Pensionärin seziert Bovenschen „Canettis These vom Triumph der Überlebenden“, räsoniert über die „ungesunde Macht“ der Älteren über die Jüngeren, bilanziert schonungslos die Tragweite des „inneren Helden“ im jungen und alten Menschen und kommt am Beispiel der Kinogängerin Ilse Aichinger auf eine einfache Formel für das Leben: „Ein bißchen dosierte Erinnerung (Madelaine); ein bißchen Betäubung (Narkose), das ist fast schon ein Glück.“ Es geht um die kurzen Fristen des Erhabenen, die man dem Leben abgewinnen muß, um „dem außerordentlich beunruhigenden Satz“ von Adorno zu entgehen: „Wer aber verzweifelt stirbt, dessen ganzes Leben war umsonst.“
„Älter werden“ sind 150 Seiten geballte Lebensklugheit und ein bißchen Wehmut über verlorene Lebensqualität durch die Maläsen des Alters. „Wann habe ich angefangen, die Menschen auf der Straße einzuteilen in diese, die leben wollen, und in jene, die leben müssen.“ Dummheit ist ein Privileg der Jugend. Wer alle Tassen im Schrank hat, wird diese aber mit fortschreitendem Alter überwinden und sein Leben um Erkenntnisse bereichern, die dann auch in Sätzen wie diesem enden können: „Jetzt, da ich alt bin, denke ich, daß alle Wunder, die unsere Erde berühren, sich mehr und mehr in Schrecknisse verwandeln.“ Bovenschens Buch ist voll von Sätzen, die man fett unterstreichen oder seitenlang zitieren möchte. Kein größeres Geschenk, als den wohlformulierten Gedanken eines intelligenten Menschen folgen zu dürfen.
Silvia Bovenschen: Älter werden, 155 Seiten, S. Fischer Verlag 2006
Oktober 2025